1. Band. Jeder Band ist vollständig abgeschlossen.
Preis 10 Pf. (15 Heller.)
Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff.
Der Beherrscher der Lüfte.
[Illustration: Bestürzt sahen die Insassen der Gondel, wie aus den
Wolken ein riesiges Luftfahrzeug hervortauchte.]
Druck- und Verlags-Gesellschaft
Berlin
Der Beherrscher des Luftmeers.
1. Kapitel.
Ein geheimnisvolles Fahrzeug.
Hoch oben in den Lüften über den reichgesegneten Landschaften des
südlichen Frankreichs schwebte eine gewaltige dunkle Kugel.
Ein Luftballon war es, der, in der Nacht aufgefahren, eine lange
Dauerfahrt antreten wollte.
Der Ballon besaß eine gewaltige Größe, er trug einen Korb, groß und
geräumig und offenbar für einen längeren Aufenthalt hergerichtet. Die
zwei Männer, welche sich darin befanden, schienen erfahrene Luftschiffer
zu sein, das sah man schon daraus, wie ruhig sie trotz der ungeheuren
Höhe atmeten.
Dicht neben ihnen hingen seltsamgeformte Kapseln mit langen Schläuchen,
die Sauerstoffbehälter, welche die Atmung unterstützen sollten, falls
sich die dünne Luft gar zu unliebsam bemerkbar machte.
An der riesengroßen Seidenkugel, welche die Gondel trug, war eine
eigentümliche Vorrichtung befestigt, nämlich eine Art Segel, die
mittelst Bambusstäben regiert werden konnten. Diese Segel dienten dazu,
bei ungünstigem Winde die gewünschte Richtung inne zu halten.
Der eine der beiden Männer war schon bei Jahren, der zweite bedeutend
jünger, zeigte durch sein militärisches Benehmen, daß er wohl dem
Soldatenstande angehörte. Seine durchdringend scharfen Augen ruhten eben
auf den Instrumenten.
»Wir fahren mit größter Schnelligkeit,« sprach er zu seinem Gefährten.
»Wenn es so weiter geht, und der Wind die Richtung beibehält, so
schlagen wir unsere Konkurrenten binnen Kürze. Ich wette, wir haben die
zwölf Ballons, die heute Nacht gleichzeitig mit uns Paris verließen,
alle weit hinter uns gelassen. Vor allen Dingen kommt es uns zu statten,
daß wir uns gleich in diese ungeheure Höhe begaben, hier weht der Wind
mit größter Regelmäßigkeit, hier geraten wir nicht in die verschiedenen
Luftströmungen, die unsere Freunde in den tieferen Regionen finden.«
Es war noch sehr früh am Morgen, den Sonnenball sah man selbst aus
dieser ungeheuren Höhe noch am Horizont, in Gegenden, welche direkt
unter dem Ballon lagen, mußte noch Dämmerung herrschen.
Plötzlich begann sich die Szenerie zu verändern.
Die Luft war bis vor kurzem noch durchsichtig klar gewesen, nun schien
sie sich mit leichten Nebeln zu erfüllen, das waren die leichten weißen
Wolken, die selbst in diesen Höhen schweben und die ganz urplötzlich und
zauberhaft erscheinen.
Dennoch blieb die Windrichtung dieselbe und nur die Fernsicht wurde
durch die Wolken beschränkt. Der mächtige Ballon trieb noch mit großer
Schnelligkeit dahin, obwohl es aussah, als ob er völlig still stände.
Man brauchte aber nur einen Blick auf die Instrumente zu werfen, um zu
sehen, daß sich die riesige Seidenkugel mit größter Geschwindigkeit
fortbewegte.
»Das wird eine prächtige Fahrt,« rief der jüngere der Herren begeistert.
»Wenn es so weiter geht, passieren wir in fabelhaft kurzer Zeit die
deutsche Grenze, wir müssen tief im Innern Rußlands landen, wir müssen
diesmal eine Fahrt unternehmen, wie sie noch nicht dagewesen ist, eine
Dauerfahrt, die uns den Weltrekord sichert.«
Weiter schwebte der gewaltige Ballon, manchmal boten die Wolken eine
größere Fernsicht, dann aber schlossen sie sich wieder zusammen, so daß
es den Luftschiffern zu Mute war, als ob der Ballon mitten durch einen
milchweißen See dahinschwebte.
Plötzlich wendete sich der ältere der Herren, der eben die Barometer
beobachtet, jählings um und starrte in die jetzt wieder dichter
werdenden, weißen, wallenden Nebelmassen.
»Sehen Sie, dort, dort,« rief er seinem militärischen Gefährten zu.
»Jetzt ist es wieder verschwunden -- aber da kommt es wieder! Sehen Sie
dort zwischen den Wolken nicht den dunklen Körper?«
»Das ist einer der anderen Ballons, welche die Dauerfahrt unternahmen,«
antwortete der jüngere Herr überrascht. »Wahrhaftig, ich hätte nicht
geglaubt, daß wir bei unserer fabelhaft schnellen Fahrt überholt werden
könnten.«
»Aber sehen Sie doch nur hin,« begann der ältere von neuem. »Das ist
kein Ballon, es ist etwas anderes, die Wolken lassen es ja verzerrt
erscheinen, aber ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß es kein Fahrzeug
ist, wie das unsere, da -- jetzt kommt es näher, da sehen Sie nur! --«
Der Sprecher brach rasch ab, aber jetzt war auch sein jüngerer Gefährte
aufgesprungen, und beide bohrten ihre Blicke in die Dunstmassen, als
welche die Wolken in dieser Höhe erschienen.
Ja, da kam es heran, etwas Seltsames, offenbar Langgestrecktes. Es ließ
sich noch nicht deutlich erkennen, aber es war zweifellos, daß es sich
auf den Ballon zubewegte.
»Die fahren direkt gegen den Wind,« schrie jetzt der jüngere der Herren.
»Das geht ja nicht mit rechten Dingen zu! Das hat etwas besonderes zu
bedeuten!«
»Ein lenkbares Luftschiff,« antwortete der ältere der Luftschiffer, »ein
Fahrzeug, ich sehe es ganz deutlich. Jetzt kommt es eben zwischen den
Wolken hervor, es hält noch immer die Richtung auf uns ein. Wahrhaftig,
das ist zum mindesten sonderbar.«
Die beiden Männer starrten sich an, dann warfen sie einen Blick auf die
Instrumente, welche die Höhe anzeigten.
»Fünftausend Meter,« sprach der ältere Herr. »Ein lenkbares Luftfahrzeug
in dieser Höhe, das ist unmöglich! Die beiden Fahrzeuge, welche sich in
Paris befinden, können gewiß nicht in solche Höhe hinauf und das hätte
ja auch gar keinen Zweck. Es ist auch nicht das lenkbare Luftschiff von
Santos-Dumont, auch nicht das zweite, welches der geniale Erfinder
hergestellt hat, nein, die kenne ich ganz genau, die sind auch bedeutend
kleiner.«
»Es muß doch eins von ihnen sein,« rief der jüngere der Herren mit
stockender Stimme. »Es sind die Nebel- und Wolkenmassen, welche das
merkwürdige Fahrzeug so vergrößern.«
Der andere aber schüttelte den Kopf, sein ernstes Gesicht war förmlich
erstarrt. Kein Zweifel, dieser Mann wußte sich vor Staunen nicht zu
fassen.
»Es ist viel, viel größer, Herr Leutnant,« begann er nach kurzem
Schweigen. »Verlassen Sie sich darauf. Und es kann auch keins der
Lenkbaren sein, die in Paris untergebracht sind, denn sie werden jetzt
gerade ausgebessert, sie sind unmöglich aufgestiegen.«
»Sollte es vielleicht ein deutsches Fahrzeug sein?« fragte der
französische Offizier, in dessen Augen sich jetzt ein Gefühl des Aergers
und der Feindseligkeit bemerkbar machte. »Die Deutschen sollen ja auch
Luftfahrzeuge besitzen. Es wäre nicht ausgeschlossen, daß sie eine Reise
mit ihnen nach Frankreich unternehmen.«
»Nein, nein, auch das ist nicht der Fall,« rief der andere. »Das
einzige, was hier in Betracht käme, und welches so groß ist, wie das
sonderbare Fahrzeug, das auf uns zufährt, das hat, wie ich bestimmt
weiß, den deutschen Boden nicht verlassen. Und die anderen Lenkbaren
sind viel kleiner, nein, Herr Leutnant, wir haben ein fremdes Fahrzeug
vor uns, welches, wie ich es offen zugestehen muß, mir völlig unbekannt
ist. Wahrhaftig, wenn Sie nicht bei mir wären, wenn Sie nicht mit mir
sprächen, so würde ich glauben, daß ich träume oder daß ich mich in
einem Fieberanfall befinde. Da, da ist es! Jetzt kommt es wieder aus den
Wolken hervor. Aber sehen Sie doch nur, das ist ja geradezu unheimlich!«
Ein riesiger Körper kam aus den weißen, wallenden Massen
hervorgeschossen. Er fuhr direkt gegen den Wind, man hörte ein
eigentümliches Knattern, jedenfalls waren es die Maschinen, welche
arbeiteten.
Die beiden Männer in der Gondel des Ballons hatten schon manchen
Aufstieg mitgemacht. Sie waren oft bei Stürmen in den Lüften gewesen,
sie hatten mit ihrem Ballon schwarze Wolkenmassen durchfahren, wo sie
Blitze umzuckten und der Donner schrecklich krachte.
Aber nie hatten sie ein solches Grauen empfunden, wie jetzt bei der
Annäherung des seltsamen Fahrzeuges, welches sich mit so unglaublicher
Sicherheit vorwärts bewegte. Die Kraft, welche es durch den Luftozean
trieb, mußte außerordentlich sein. Die beiden Herren sahen sich an, als
wollten sie ihren Sinnen nicht trauen.
»Nein, das ist keins der uns bekannten Fahrzeuge,« stammelte plötzlich
der ältere Herr. »Sehen Sie doch, Herr Leutnant, das Luftschiff besteht
ja aus Metall, es ist kein Zweifel, das ist ein eigenartiges Metall,
welches mit einem unglaublich leichten Gas gefüllt sein muß. Und sehen
Sie nur am Vorderteil diese gewaltige Spitze.«
»Genau wie der Rammsporn eines Kriegsschiffes,« antwortete der Offizier,
der sich an den Kopf faßte und sich die Augen rieb. Er meinte
vielleicht, die seltsame Erscheinung würde plötzlich wieder
verschwinden.
Aber es war keine Phantasie, das rätselhafte, riesige Luftschiff kam
heran, man hörte das Knattern der Maschinen, das Arbeiten der
Flügelräder, aber sonderbar, man sah keinen Menschen.
Das Luftschiff hatte die Richtung auf den Ballon genommen, und so konnte
man es nur von vorn betrachten, unten, an der grauen Metallfläche aber
befanden sich Anhängsel von eigenartiger Form, es waren keine Körbe und
keine Gondeln, es waren geschlossene Räume, in denen sich sicherlich
eine ganze Anzahl Menschen aufhalten konnte.
Mit einem Mal verminderte das Fahrzeug seine Schnelligkeit, aber es kam
immer noch schnell genug heran, man sah die gewaltig große, offenbar aus
Metall hergestellte Spitze, wie sie bereits in großer Nähe drohte.
»Er rennt uns an,« rief der Offizier, »er will unseren Ballon
durchbohren!«
Der ältere Herr antwortete nicht, er biß die Zähne zusammen, unablässig
blickte er nach dem sonderbaren Luftschiff hinüber.
Deutlich sah man unter ihm einen Anhängsel oder richtiger gesagt einen
Anbau, man gewahrte auch Fensteröffnungen, aber die schienen durch Läden
gesichert und verschlossen zu sein.
Jetzt war das rätselhafte Schiff bis auf fünfhundert Meter
herangekommen. Da machte es plötzlich eine Schwenkung, aber nun fuhr es
zum größten Staunen der Luftschiffer in einem gewaltigen Kreise um den
Ballon herum.
Da sah man es von der Seite und die Umrisse des seltsamen Fahrzeuges
waren trotz der wogenden Wolkenmassen zu erkennen.
In der Mitte des Fahrzeuges lief eine Gallerie um das ganze Luftschiff
herum, unten sah man die drei geschlossenen Anbauten, in deren
mittelsten die Maschinen arbeiteten.
Sechs große, eigenartig geformte Flügelräder, die an den Seitenwänden
des sicherlich metallenen Luftfahrzeuges angebracht waren, arbeiteten.
Man hörte deutlich ihre sausenden Töne, oben auf dem Fahrzeug befand
sich etwas, das einem Ausguck glich und die staunenden Männer sahen, wie
dünne, eiserne Treppen oder vielmehr Leitern nach der Gallerie und nach
diesem Ausguck führten.
Eine hohe Fahnenstange ragte senkrecht am Ende des sonderbaren
Fahrzeuges empor und unter dem letzten Ausbau gewahrte man deutlich das
mächtige Steuer.
Eine Fahne aber führte der Flaggenstock nicht und als das rätselhafte
Luftschiff näher kam, überlief die beiden einsamen Männer in der Gondel
ein Grausen, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht gefühlt hatten.
Zweimal umkreiste das Fahrzeug den Ballon, dessen Insassen sich
ordentlich ohnmächtig vorkamen.
Sie fühlten, daß sie von den Leuten, die sich da in den geschlossenen
Anbauten befinden mußten, abhängig waren. Ein Stoß der eisernen Spitze
mußte ja die Seidenhülle des Ballons in Fetzen reißen und die beiden
Männer als formlose Massen in die Tiefe schleudern.
Jetzt war das seltsame Fahrzeug zum zweiten Male um den Ballon
herumgeflogen, da aber kam es plötzlich hinter ihm hervorgeschossen und
schwebte jetzt an seiner Seite.
Es war kaum noch fünfzig Meter entfernt und diese Entfernung verringerte
sich mit jeder Sekunde.
»Wir stoßen zusammen,« rief der Offizier, indem er unwillkürlich nach
einem Revolver griff, als ob er sich mit der Waffe gegen die Insassen
des feindlichen Fahrzeuges schützen könnte.
Der Zusammenstoß geschah aber nicht, das Fahrzeug schien wunderbar
gelenkt zu werden. Es rückte immer näher heran, aber ein Zusammenstoß
wurde offenbar vermieden.
»Da -- da ein Mann,« rief der ältere der Luftschiffer, »sehen Sie doch,
da im vordersten Anbau! Wahrhaftig, jetzt wird die Sache geradezu
unheimlich!«
Er hatte recht, dort war eine Art Tür aufgeschoben, und plötzlich stand
eine Männergestalt auf der schmalen Gallerie, welche die Anbauten
miteinander verband.
Es war eine hohe, stolze Erscheinung in der einfachen, dunkelblauen
Uniform eines Kapitäns, auf dem dunkelbraunen Haar saß die Mütze mit dem
goldenen Streifen. Er stand mit untergeschlagenen Armen auf der
Gallerie, die er blitzschnell betreten haben mußte. Aber
merkwürdigerweise hatte er sein Gesicht bedeckt, eine Halbmaske von
schwarzem Sammet ließ nur den energischen Mund und das bärtige Kinn
sehen.
Aus der Maske hervor aber blitzten zwei Augen, so unheimlich, so
glühend, daß die beiden Herren in der Gondel betroffen zurückprallten.
Schweigend betrachtete der Mann in der blauen Uniform die Gondel des
Ballons, von welcher er sich höchstens zwanzig Meter entfernt befand.
»Woher kommt Ihr?« rief er plötzlich mit tönender Stimme.
»Von Paris,« rief der ältere Luftschiffer förmlich mechanisch.
»So, von Paris,« klang es schneidend herüber. »Nun gut, dann nehmt einen
Auftrag von mir mit. Dort in der Hauptstadt ist man ja geschäftig genug,
das Luftmeer zu besiegen, Fahrzeuge zu bauen, mit denen man den
Luftozean beherrschen möchte. Aber, sagt diesen Männern, daß ich der
Herr der Lüfte geworden bin und daß ich es auch bleiben werde. Sagt
ihnen, daß sie es nicht wagen sollten, mit mir in Wettbewerb zu treten.
Das möchte ihnen zum Verhängnis ausschlagen. Ich bin der Beherrscher der
Lüfte, ich will es bleiben, von der Erde hat man mich verjagt, man hat
mich gewissermaßen für vogelfrei erklärt, mich wie ein Stück Wild fast
zu Tode gehetzt, aber hier oben dulde ich niemand neben mir, sagt es
denen, die das vollbringen wollen, was mir längst gelungen ist. Und wehe
ihnen, wenn sie es wagen, mir hier oben feindselig in den Weg zu treten!
Wehe ihnen, sie sollen den Kapitän Mors kennen lernen.«
2. Kapitel.
Der Beherrscher der Lüfte.
Die letzten Worte klangen wie Donnerton, aber im selben Augenblick
verschwand auch der rätselhafte Mann wieder in den Anbau, man hörte
einen Laut, als ob eine Falltür ins Schloß schlug.
Gleich darauf veränderte das riesige Luftschiff wieder seine Richtung
und im selben Moment griffen die beiden Luftschiffer nach ihren Köpfen,
sie preßten unwillkürlich die Hände auf die Ohren, bestürzt über den
furchtbaren Laut, der dort ertönte.
Neben der eisernen Spitze hervor klang es, das mußte wohl eine
sogenannte Sirene sein, eins jener gewaltigen Nebelhörner, mit welchem
die Schiffe bei Nebelwetter auf der See Signale geben. Aber dieser Ton
war ganz verschieden, und zwar so furchtbar, so durchdringend, daß die
beiden Männer meinten, das Trommelfell müßte ihnen platzen.
Das klang wie eine geheimnisvolle Warnung, als wollte der unheimliche
Maskierte sagen »Hütet Euch, mir nahe zu kommen! Mir, dem Besitzer
dieses seltsamen Luftfahrzeuges!«
Zum zweiten, zum dritten Male schallte der furchtbare Laut, da griffen
die beiden Luftschiffer mit zitternden Händen nach den Ventilleinen.
Hinab wollten sie, schnell hinab, nur fort aus dieser unheimlichen Nähe.
Zischend entwich das Gas durch die geöffneten Ventilklappen und der
stolze Ballon, der eben noch in der ungeheuren Höhe majestätisch
dahingesegelt, sank schnell durch die Wolkenmassen.
Das rätselhafte Luftschiff aber blieb allein, es schwebte hoch oben über
den Wolken, einen Augenblick schien es regungslos zu verharren, dann
begann die Maschine von neuem knatternd zu arbeiten, mit fabelhafter
Geschwindigkeit drehten sich die Flügel umeinander und nun schoß das
merkwürdige Fahrzeug pfeilschnell von dannen.
Es hatte die Richtung nach Nordwest eingeschlagen, als ob es sich direkt
in der Richtung auf Paris zu bewegte. Auf die Hauptstadt, in welcher
kühne, geniale Männer zuerst lenkbare Luftschiffe erbauten.
Der Ballon aber sank mit großer Schnelligkeit aus den Höhen herab und
landete schon nach kürzester Zeit auf den Gefilden Frankreichs.
Dort staunte man nicht wenig, als man den gewaltigen Luftballon
erblickte, denn er gehörte ja zu den Dauerfahrern, welche ungeheure
Strecken Landes überfliegen sollten. Niemand konnte sich bei dem schönen
Wetter diese vorzeitige Landung des Ballons erklären.
Man fragte, ob irgend ein Unglück geschehen sei, ob der Ballon
beschädigt wäre, aber die beiden Luftschiffer gaben ausweichende
Antwort.
Sie hatten nur einen Gedanken, sie wollten so schnell als möglich nach
Paris zurück und dort die unheimliche Begegnung melden, sie wollten
genau berichten, was sie da oben über den Wolken gesehen hatten.
Die beiden Herren ließen sich kaum Zeit, für die Verpackung des Ballons
zu sorgen. Nachdem sie Order gegeben, den zusammengepackten Ballon nach
Paris zu befördern, fuhren sie so schnell wie möglich zur nächsten
Bahnstation und erreichten bald Paris, wo ihr plötzliches Erscheinen das
größte Staunen erregte.
In dieses Staunen mischte sich Aerger, denn viele hatten gerade auf
diesen Ballon gewettet, sie waren überzeugt gewesen, daß dieses mächtige
Luftschiff mit einer Segelvorrichtung alle anderen Konkurrenten besiegen
würde.
Man sparte nicht einmal mit Vorwürfen, alle wollten den Grund wissen,
warum der Ballon die Weiterfahrt aufgegeben hatte, aber die Neugier
wurde nicht gestillt, dagegen eilten die beiden Luftschiffer nach dem
Ballondepot, in welchem sich auch die militärischen Ballons und einige
sogenannte lenkbare Luftschiffe befanden.
Auch hier erregte das Erscheinen der beiden Männer das höchste Erstaunen
und bedenkliches Kopfschütteln, das sich aber noch steigerte, als die
beiden so schnell Zurückgekehrten dem Komitee, zu dem auch einige
Offiziere gehörten, ihr sonderbares Erlebnis mitteilten.
Schweigend hörte man sie an, dann wechselte man verständnisvolle Blicke
und nachher malte sich Unglauben in aller Mienen.
»Meine Herren,« sprach endlich ein alter Offizier mit silberweißem
Haupthaar, dem man den altgedienten Militär auf hundert Schritte ansah
und dessen Knopfloch die bunten Bänder verschiedener Orden zierten.
»Meine Herren, Sie haben uns soeben eine Wundergeschichte erzählt,
höchst wahrscheinlich, um das vollständig unbegreiflich frühe
Unterbrechen Ihrer Reise zu erklären. Aber ich meine, da hätte sich doch
eine andere glaubhaftere Ausrede finden lassen. Sie sind ja beide
erfahrene Luftschiffer, aber nehmen Sie es mir nicht übel, diese
Erzählung halte ich für ein Märchen!«
Der junge Offizier wollte eine heftige Antwort geben, aber sein älterer
Gefährte hielt ihn zurück.
»Ich bin seit mehr als fünfzehn Jahren Luftschiffer,« erwiderte er nicht
ohne Stolz. »Ich habe selbst meine Auffahrten nicht mehr gezählt, mich
hat noch niemand in meinem ganzen Leben einer Lüge für fähig gehalten,
noch weniger ist es mir möglich, mir als ernstem Forscher
Wundergeschichten auszudenken. Daß man in unseren Bericht Zweifel setzen
würde, wußte ich von vornherein; aber, er ist dennoch die Wahrheit. Ich
habe schon gefährliche Fahrten durchgemacht, aber nie in meinem Leben
habe ich ein solches Grauen empfunden wie heute morgen, als wir
unvermutet dem unheimlichen Fahrzeug begegneten. Halten Sie unsere
Erzählung immerhin für ein Märchen, wir können es nicht ändern. Wir
haben weder geträumt, noch phantasiert, das seltsame Fahrzeug ist uns
wirklich begegnet, den Maskierten haben wir mit eigenen Augen gesehen.
Jetzt mag man uns Lügner schelten, die Zukunft wird unsere Angaben
bestätigen müssen!«
Er verneigte sich flüchtig vor der stillschweigenden Versammlung und zog
dann den heißblütigen Offizier mit sich, der dem besonnenen Freunde nur
widerwillig folgte.
Die Herren des Komitees blieben zurück und begannen sofort eine erregte
Auseinandersetzung. Die Meinungen waren geteilt.
Einige Herren nahmen entschieden die Partei der beiden Luftschiffer und
behaupteten, diese ernsten, nur ihren Erfindungen und Erfahrungen
lebenden Männer wären absolut nicht imstande, eine Unwahrheit
vorzubringen.
Die übrigen Herren des Komitees aber zuckten die Achseln; es ergab sich
ein erregtes Durcheinander, bis endlich der alte ehemalige Oberst, der
Vorsitzende des Komitees, Ruhe gebot.
»Meine Herren,« sprach er mit Stentorstimme. »Ich bin vielleicht vorhin,
als mir die seltsame Geschichte erzählt wurde, mit der Entgegnung etwas
unvorsichtig gewesen. Ja, ich glaube sogar, ich habe unsere beiden
geschätzten Mitglieder beleidigt, das mag man mir altem Soldaten, der
schon anno 1870 in mancher Schlacht gekämpft, zu gute halten. Ich bin
eben ein bißchen rauh, aber das ist nicht so gemeint. Ich denke, es ist
das beste, wir schweigen über die ganze Sache. Es gibt eine sonderbare
Krankheit, die man zuweilen mit dem Namen Höhenrausch bezeichnet und ich
glaube auch jetzt noch, daß unsere beiden Freunde, denn so nenne ich
sie, in der furchtbaren Höhe in erhitzten Sinnen Dinge gesehen haben,
die gar nicht existieren. Halluzinationen, wie sie häufig selbst den
heldenkühnsten Menschen widerfahren. Das glaube ich. Sollte es aber
dennoch so sein und ein Fahrzeug existieren, welches alles übertrifft,
was sich der menschliche Geist vorstellt, nun wohl, so werden wir ja
noch weiteres darüber hören. Also einstweilen erbitte ich
Stillschweigen, ja, ich verpflichte die Herren sogar dazu. Sie kennen
das schnelle Urteil der oberflächlichen Menge und ich möchte unsere
beiden Freunde nicht lächerlich machen.«
Diesen Worten stimmten alle zu und bald trennten sich die Herren, indem
sie sich gegenseitig das Versprechen gaben, über das seltsame Ereignis
Stillschweigen zu bewahren.
Aber schon am nächsten Tage kam eine Nachricht, welche die Mitwissenden
aufs höchste befremdete. Da war nämlich ein zweiter Ballon der
Dauerfahrer wegen mangelhafter Ventile hart an der Grenze des
französischen Gebiets niedergegangen. Die Insassen des Ballons kamen am
nächsten Tage nach Paris zurück, aber auch sie hatten von einer
merkwürdigen Erscheinung zu erzählen.
Sie meldeten nämlich, daß sie in der ersten Morgendämmerung einen
langen, grauen Körper bemerkt hätten, der in großer Höhe dahinsauste und
offenbar direkt gegen den Wind fuhr.
Die Herren hatten diese sonderbare Erscheinung nur undeutlich sehen
können und da dieser merkwürdige Gegenstand sich sehr schnell bewegte,
so meinten sie, es wäre ein Meteor, welches die Atmosphäre der Erde
kreuzte.
Freilich erschien diese Erklärung wenig plausibel, denn da hätte ja ein
solcher fremder Weltkörper glühen müssen. Allerdings wollte auch einer
der beiden Insassen in der Gondel einen hellen Schein gesehen haben, der
aber bald wieder verschwand.
»Er war nicht rotglühend,« berichtete er, »sondern schneeweiß, er sah
fast aus wie der Lichtkegel eines Scheinwerfers, aber er dauerte nur
einen flüchtigen Augenblick, dann war schon alles wieder verschwunden.«
Die Herren des Komitees aber sahen sich befremdet an, denn jetzt wurde
die Sache immer rätselhafter. Sie glaubten nicht mehr an ein Märchen und
an Halluzinationen, sie waren ganz betroffen bei dem Gedanken, daß ein
lenkbares Luftschiff von solchen Dimensionen existierte.
Aber zu welchem Staate konnte das gehören? Wer hatte dies Schiff erbaut?
Aus Deutschland kam es nicht, das hätten ja die Zeitungen gewiß
berichtet, auch nicht aus England, da man trotz aller Geheimniskrämerei
über eine solche wichtige Erfindung unmöglich Stillschweigen bewahren
konnte.
Andere Länder aber besaßen keine lenkbaren Luftschiffe. Hier kam nur
noch Amerika, die Vereinigten Staaten, in Betracht. Sollte dort
vielleicht in aller Stille ein solch merkwürdiges Fahrzeug erbaut worden
sein? --
Aber wozu hatte sich dann jener Mann in der blauen Kapitänsuniform
maskiert? Weshalb hatte er sich den grauenvollen Namen Kapitän Mors
beigelegt? Diesen Namen des Todes, weshalb hatte er die geheimnisvolle
Warnung den Luftschiffern zugerufen. Das waren ja Rätsel über Rätsel.
Wenige Stunden später gingen vertrauliche Anfragen von diplomatischer
Seite ab, hauptsächlich nach den Vereinigten Staaten, Depeschen wurden
gewechselt, aber die Antworten brachten keine Aufklärung. In den
Vereinigten Staaten war nichts über ein lenkbares Luftschiff bekannt,
und die Versuche, die man dort anstellte, befanden sich noch in den
Anfängen.
Nun wartete man noch auf die Nachrichten von den anderen Dauerfahrern.
Man mußte sich in Geduld fassen, da die Luftschiffe bei dem günstigen
Winde meist über Deutschland hinweg nach den russischen Städten
getrieben waren.
Einzelne landeten in Ungarn, aber deren Insassen hatten nichts
Absonderliches gesehen. Nun harrte man voller Ungeduld auf die
Nachrichten der übrigen Dauerfahrer, welche bei den mangelhaften
Verkehrsmitteln im südlichen Rußland erst nach Ablauf einer Woche
erwartet werden konnten.
Das Komitee befand sich in fieberhafter Spannung, nicht minder die
beiden Luftschiffer, welche die seltsame Begegnung gehabt hatten.
Die letzteren hatte man durch gütliches Zureden wieder versöhnt und sie
bewogen, die rätselhafte Begegnung in den Lüften geheim zu halten.
Das wurde auch gern zugestanden, da man den Spott und Hohn der großen
Menge fürchtete, diese hätte ja nie und nimmer eine solche Geschichte
geglaubt, das hätte man für eitel Fabel, ja für hellen Wahnsinn
gehalten.
Endlich kamen die langersehnten Nachrichten, Depeschen trafen ein, in
denen die Dauerfahrer ihre Erlebnisse meldeten.
Die meisten waren alle tief im Innern Rußlands gelandet, ein Ballon war
sogar um ein Haar ins Schwarze Meer geraten. Nur ein Luftschiff fehlte
noch. Dieses schien am weitesten geflogen zu sein.
Und wieder kam ein Tag, da klapperten die telegraphischen Apparate. Eine
Depesche kam aus dem fernsten Rußland, vom Uralgebirge, an Asiens
Grenzen.
Es waren die noch Vermißten, und das Komitee, dem die Ankunft der
Depeschen gemeldet war, begab sich in größter Eile nach der Station, wo
man die Depeschen aufnahm.
Die Leitung mochte nicht recht in Ordnung sein, denn die Depesche langte
zwar an, aber in verschiedenen Pausen, die teilweise halbe Stunden
dauerten.
Zunächst meldeten die Luftschiffer im Triumph, daß sie jedenfalls den
Weltrekord geschlagen hätten. Sie berichteten, daß sie sich bereits auf
der Heimreise befänden.
Schon wollte das Komitee die Depesche als beendet erklären, da begann
der Apparat plötzlich von neuem zu ticken.
»Ja, das verstehe ich nicht,« sprach der Telegraphenbeamte, als er
auf die Typen sah, welche durch den Apparat direkt auf die
Papierstreifen gedruckt wurden. »Das sind ja ganz sinnlose Worte, die
Telegraphenleitung in Rußland muß völlig in Unordnung geraten sein. Oder
der Telegraphist ist betrunken.«
»Nein, nein,« sprach der alte Herr, indem er sich eiligst hinzudrängte,
»das ist die Chiffreschrift unserer Gesellschaft. Geben Sie her, das ist
noch eine besondere Meldung.«
Der Apparat tickte noch immer, die scheinbar sinnlosen Worte reihten
sich eins an das andere. Dann kam plötzlich jenes Signal, welches das
Ende der Depesche verkündete. Kopfschüttelnd überreichte der Beamte dem
Greise die beschriebenen Papierstreifen.
Der alte Herr verließ die Station mit auffallender Hast, ihm folgten die
übrigen Herren, die sich draußen im Flur um den Vorsitzenden drängten.
»Was bedeutet dies?« fragten verschiedene Stimmen hastig. »Sie haben die
Chiffreschrift gelesen? Was enthält der geheimnisvolle Schluß dieser
langen Depesche?«
Der Greis machte ein sehr ernstes Gesicht.
»Meine Herren,« sprach er leise. »Wir haben unseren beiden Mitgliedern,
welche die Begegnung meldeten, Unrecht getan. Hier ist schon die dritte
Bestätigung, daß ein solch merkwürdiges Fahrzeug existiert. Einen
Augenblick, ich werde es Ihnen vorlesen.«
Und mit ganz leiser, vor Erregung zitternder Stimme las der alte Herr
die bedeutungsvollen Worte:
»Sechs Stunden vor unserer Landung haben wir ein seltsames Luftfahrzeug
gesehen, welches anscheinend in großer Höhe dahinsauste. Es verfolgte
die Richtung nach Südosten, es flog den südlichen Steppen Rußlands zu,
anscheinend, um den Kaukasus zu erreichen. Das Luftschiff schien sehr
groß zu sein, sein Aussehen war fremdartig; weiteres werden wir mündlich
mitteilen.«
Der alte Herr faltete die Depesche zusammen.
»Hier waltet ein Geheimnis ob,« sprach er. »Hier befindet sich ein Mann
im Besitze eines Fahrzeuges, wie es sich nicht einmal die kühnste
Phantasie vorstellen kann. Meine Herren, wir wollen nur hoffen, daß
dieser geheimnisvolle Maskierte seine offenbar geniale Erfindung nicht
zu dämonischen Zwecken benutzt. Wäre dies der Fall, so müßte es geradezu
entsetzlich sein, dann kann ich mir die Folgen noch gar nicht einmal
ausmalen. Seien wir offen, meine Herren, der Besitz eines solchen
Fahrzeuges macht diesen Mann zum Herrn der halben Welt, es ist kein
Zweifel, dieser seltsame Maskierte, der sich Kapitän Mors nennt, ist der
Beherrscher der Lüfte!«
3. Kapitel.
An der Stätte einstigen Glückes.
Die Gondelinsassen des Ballons, der tausend und abertausende von
Kilometern zurückgelegt hatte, ehe er an Asiens Grenzen landete, hatten
das wunderbare Luftfahrzeug gleichfalls gesehen.
Und sie irrten sich auch nicht, als sie behaupteten, dasselbe wäre in
der Richtung des Kaukasus von dannen gefahren. Das Luftschiff hatte jene
Richtung eingeschlagen, nach Georgien, nach den Landschaften, die
zwischen dem Kaspischen und dem Schwarzen Meere lagen.
Es war ein herrlicher Morgen, die Sonne beleuchtete eine wunderbare
Landschaft, man konnte glauben, daß sie den deutschen Alpen angehörte.
Nadelwaldungen bedeckten die Berghänge, hier und da sah man grüne
Wiesen, tiefer unten in den Tälern schäumten kristallklare Flüsse. Hoch
oben zeigten sich die Berge, von denen die höchsten in Schnee und Eis
glänzten, sonst aber war in dieser herrlichen Gegend kein Mensch zu
sehen.
Dieses prächtige Tal schien gemieden zu sein, man sah nur einige Vögel,
welche über den Tannenwäldern kreisten, Raubvögel, die offenbar nach
Beute suchten.
Plötzlich hielten die Raubvögel in ihren regelmäßigen Kreiszügen inne.
Sie kreischten, schlugen mit den Flügeln und schwangen sich dann schnell
hinweg, um pfeilschnell in den Tiefen der Abgründe zu verschwinden.
Was war das für eine Störung, welche die Segler der Lüfte von dannen
trieb? Das war sicherlich jener graue, seltsame Gegenstand, der
plötzlich zwischen den Kuppen zweier himmelhoher Berge hindurchschoß.
Pfeilschnell bewegte sich diese fremdartige Erscheinung durch die Lüfte,
aber jetzt begann sie sich zu senken, die merkwürdige Erscheinung schien
noch immer in der Luft etwas über den Abhängen der Berge entlang zu
sausen. Sie fuhr über die Tannen und Fichten dahin und jetzt näherte sie
sich den grünen Wiesen.
Ja, das war jenes seltsame Luftschiff, welches die Franzosen gesehen
hatten, dieses sonderbare Fahrzeug, welches so plötzlich auftauchte, daß
man ein Phantom zu sehen glaubte.
Hart über einem Felsplateau, über einer Lichtung, blieb es plötzlich
stehen. Die Flügel wirbelten nicht mehr, doch schien eine geheimnisvolle
Gewalt es zu regieren. Es stand fast unbeweglich, ungefähr zwanzig Meter
über dem Boden. Dann hörte man wieder jenes seltsame Klappen, und im
selben Augenblick fiel eine lange, aus Seide geflochtene Strickleiter
herab.
Kaum berührte diese den Boden, da kletterte auch schon ein Mann aus dem
Luftschiff, der Mann in der blauen Uniform, der auch jetzt die Maske
trug.
Hinter ihm aber kletterte eine zweite Gestalt hinab, die gleichfalls ein
ungewöhnliches Aussehen darbot. Nein, das war kein Sohn der weißen
Rasse, die buntfarbigen Gewänder, welche die geschmeidige, aber sehnige
Gestalt umhüllten, deckten braune Glieder, dieser noch junge Mann war
sicherlich unter glühender Sonne aufgewachsen.
Er folgte dem Vorankletternden mit größter Gewandtheit. Beide erreichten
schnell hintereinander den Boden.
Der zweite Mann war nicht maskiert, sein junges, braunes Gesicht besaß
einen eigentümlich träumerischen Ausdruck, fast sanft, ja weiblich, nur
wenn die Augen aufglühten, gewahrte man, daß auch dieser Mann
unbezähmbare Energie besitzen mußte.
Er war der Angehörige eines edlen Volkes, die feingebogene Nase, die
ebenmäßigen Gesichtszüge verrieten den Inder. Dieser junge Mann, der in
bescheidener Haltung neben dem Maskierten in der blauen Kapitänsuniform
stand, war sicherlich ein Hindu, ein Sohn des Landes, welches die
Engländer beherrschen.
Jetzt sah er unverwandt auf seinen stolzen Begleiter, dessen breite
Brust krampfhaft arbeitete. Die Teile des Gesichts, welche die Maske
nicht bedeckte, waren jetzt totenbleich und ein dumpfer, stöhnender
Seufzer verriet, daß dieser Mann mit aller Macht gegen eine furchtbare
Erregung kämpfte.
»Sahib,« sprach der junge Hindu sanft in der wohllautenden Sprache
seiner Heimat. »Sahib, warum seid Ihr wieder hierhergekommen? O, Herr,
Ihr wißt, daß es für Euch eine Qual ist, eine Marter, die Euch das Herz
zerfleischt, und dennoch sucht Ihr von Zeit zu Zeit diese Stätte auf, um
Euch zu peinigen.«
»Du hast recht, treue Seele,« tönte es von den bärtigen Lippen des
Maskierten. »Keine Marter der Hölle ist so furchtbar wie die Pein,
welche ich beim Besuch der Stätte empfinde, wo ich einst das größte
Glück der Welt gefunden zu haben meinte. Aber ich kann nicht anders, es
treibt mich immer wieder hierher. Vielleicht, daß die Zeit es dahin
bringt, daß ich nicht mehr so an die Vergangenheit denke, wie jetzt.
Aber wenn ich auch fliegen kann, so weit der Himmel blau ist, wenn die
Erde, wenn das Weltall mir offen steht, eine finstere Gewalt gibt es,
die mich immer wieder hierherführt, wo ich einst so glücklich gewesen.
Komm, ich muß die Stätte wiedersehen.«
Der Maskierte stürmte voran und brach sich durch das Gebüsch Bahn, daß
die Zweige links und rechts zurückschlugen.
Er war jetzt übrigens bewaffnet, in dem Gürtel, der seine Hüften
umschloß, steckten zwei Revolver, die jeden Augenblick zum Feuern fertig
schienen. An seiner Linken hing ein schwerer Degen in schwarzer
Lederscheide, eine Waffe, die nur eine sehr starke Hand zu schwingen
vermochte.
Auch der indische Diener, denn ein solcher war er offenbar, trug Waffen,
unter seinem weißen, burnusähnlichen Obergewand sah man die Griffe von
silberbeschlagenen Pistolen, ferner eins der seltsam geformten indischen
Schwerter, dessen Griff von Juwelen funkelte.
Durch das Tannengestrüpp ging es hindurch, zuweilen raschelte es hier
und dort, dann blieben die Männer stehen, aber es war nur ein
aufgestörter Fuchs oder anderes Wild, welches das Weite suchte.
»Herr,« sprach der Inder plötzlich. »Die Menschen meiden dieses Tal, in
welchem das Wild wohnt. Ihr werdet an dieser Stätte keine Fremdlinge
finden.«
»Ich möchte es auch niemand raten,« knirschte der Vorangehende. »Wehe
dem, der es wagt, die Grabesruhe zu stören. Ich bin kein Dämon, kein
Teufel, aber hier würde ich jeden Störenfried vernichten. Doch da sind
wir, da ist's, es ist alles noch unverändert!«
Er nahm die Mütze mit dem goldenen Streifen ab, der indische Diener aber
kreuzte die Arme über der Brust und neigte sich tief, als ob er jemandem
seine Ehrerbietung bezeugte.
Da war eine Lichtung und auf dieser Lichtung sah man die Trümmer von
Gebäuden.
Hier schien ein großes Gehöft gestanden zu haben, von dem jetzt nur noch
die Grundmauern zu sehen waren. Auch diese wurden bereits von Gestrüpp
überwuchert.
Deutlich sah man noch eine große Umfassungsmauer, und darinnen die
Ueberreste von größeren und kleineren Gebäuden. Hier mußte ein
gewaltiges Feuer getobt haben, denn man sah an den Steinen noch die
Brandspuren; hier und dort gewahrte man auch die Reste verkohlter
Balken.
Der Maskierte ließ seine flammenden Augen über die Trümmerstätte
gleiten, dann wendete er sich plötzlich und schritt nach dem Rande des
Waldes.
Dort sah man drei Hügel, aber auf diese Hügel waren schwere Steine
gewälzt, so schwer, daß sicherlich eine Anzahl starker Männer dazu
gehört hatten, um diese Felsblöcke auf die Hügel zu wälzen.
Und wieder klang das dumpfe Stöhnen von den Lippen des Maskierten. Bei
dem größten der Hügel warf er sich zu Boden. Und dieser Mann, der sonst
wie von Eisen schien, der preßte jetzt völlig gebrochen seine Stirn auf
die kahlen Felsblöcke.
»Da ruhen sie!« keuchte er endlich. »Steine mußte ich hier auftürmen
lassen, damit die Wölfe und die Bären die Toten nicht ausgruben. Die
raubgierigen Bestien habe ich abgewehrt, aber die Gedanken kann ich
nicht abwehren. Und immer wieder kommen sie und martern mich! Damals
habe ich geglaubt, der Glücklichste der Menschen zu sein, und wie lange
hat es gedauert, ein paar kurze Jahre, dann war alles dahin! O, die
Hunde, die Bestien, die mein Glück vernichtet haben. Diese Elenden,
welche ich auf dem ganzen Erdenball suchen will. Die auch mich zugrunde
richteten. Die es dahin brachten, daß man mich wie einen gemeinen
Verbrecher verfolgte. Mich, der in seinem ganzen Leben nichts anderes
getan hat, als Menschenrechte hochgehalten. Das war diesen Schurken ein
Dorn im Auge, sie wußten, wo sie mich trafen. Ha, die Nacht steht noch
vor meinen Augen, als ich zurückkehrte und von fern die Feuersglut
gewahrte, als ich, wie ein Rasender herbeistürmend, nur noch die Leichen
meiner Lieben fand. Ermordet hat man sie, erbarmungslos ermordet. Alles,
was ich besaß, vernichtet, mich aber hat man zum Geächteten erklärt, für
einen Schurken, der den Tod durch Henkershand verdiente. Sie glaubten ja
leichtes Spiel zu haben, diese Halunken, welche mich um mein Glück
beneideten.«
»Faßt Euch, Herr,« sprach der Inder, in dessen sonst so flammenden Augen
helle Tränen glänzten. »Ihr macht Euch noch elend.«
»Nein,« sprach der Mann, indem er sich hastig emporrichtete. »Ich habe
es überwunden. Alles hat man mir genommen, alles, sie glaubten schon ihr
Ziel erreicht zu haben. Aber eins konnten sie mir doch nicht nehmen,
mein Genie und mein Wissen. Das war ihnen nicht möglich. Und das habe
ich benutzt, damit habe ich jenes Fahrzeug erbaut, mit welchem ich den
Ozean der Lüfte durchkreuze. Das Verweilen auf der Erde haben sie mir
unmöglich gemacht, die Bestien, gut, jetzt bin ich der Herrscher der
Lüfte geworden!«
Jetzt war dieser Mann wieder der Alte. Wohl streifte noch ein Blick
furchtbarsten Schmerzes die steinernen Hügel, unter denen die Toten
schlummerten, aber dann glühten seine Augen in einem furchtbaren Feuer.
Es war das Feuer der Rache.
»Ja, an diesen Gräbern habe ich geschworen,« fuhr er fort. »Da habe ich
es gelobt, daß ich Rache nehmen will. Rache zunächst an den Schurken,
die mich entehrten, die mich in den Augen der Welt zum Verbrecher
stempelten, Rache an den Vernichtern meines Glücks, denen gilt zuerst
mein Suchen. Aber dann kommen andere an die Reihe, überall will ich
erscheinen, wo Unrecht getan wird. Ueberall will ich, Kapitän Mors,
auftauchen, erscheinen wie der Blitz aus heiterem Himmel, mit meinem
wunderbaren Fahrzeug, welches mir Macht verleiht, will ich als rächender
Vergelter auftreten. Die ganze Erde will ich ruhelos durchkreuzen, nicht
eher will ich sterben, als bis ich dieses Lebenswerk vollendet habe. Nur
einmal noch mußte ich vorher die Stätte meines ehemaligen Glückes
wiedersehen! Jetzt beginnt die Zeit der Rache!«
Er wendete sich hastig um und drückte die Mütze auf das braune Haar, mit
festen Schritten wendete er sich von der ehemaligen Ansiedlung, die
jetzt von allen Menschen gemieden zu werden schien.
»Herr, wo wollt Ihr die Elenden suchen?« fragte der Inder. »Ihr wißt ja
selbst noch nicht, wo Ihr sie finden könnt. Ihr habt diejenigen, die
damals Euer Glück vernichteten, kaum gesehen. Wer weiß, was aus ihnen
geworden ist. Auch sie sind vielleicht elend zugrunde gegangen!«
»Nein,« schrie der Maskierte mit furchtbarer Stimme. »Dann gäbe es keine
Gerechtigkeit mehr auf der Welt. Ich fühle es, noch kann ich Rache
nehmen, ich will sie suchen, ich werde sie finden. Auf meinem Fahrzeug
kann ich überall hingelangen. Zurück zum Luftschiff, welches mich
blitzschnell von dannen trägt, in die höchsten Höhen des Luftmeers,
dahin, wo noch nie ein Mensch gelangte. In die unerforschten Regionen
des Erdballs, und vielleicht später, wenn mein Genie noch andere
Verbesserungen getroffen, gar ins Universum, in die Sternenwelt. Mir ist
nichts unmöglich!«
Bewundernd sah der Inder auf den stolzen Mann, der jetzt mit hastigen
Schritten von dannen ging. Es war, als wollte er dem Ort entfliehen, an
dem er einst so glücklich gewesen.
In rasender Hast eilte er zu dem Luftschiff, gefolgt von seinem
Begleiter. Hinauf kletterten die beiden, dann hörte man den schrillen
Ton einer Glocke, die Strickleiter verschwand, die Maschine knatterte,
und stolz wie ein Aar erhob sich das lenkbare Luftschiff empor zur
Morgensonne.
4. Kapitel.
Die Verschwörer.
Langsam sank die Sonne im Westen und vergoldete mit roten Gluten den
Spiegel des Schwarzen Meeres.
Aus den Dünsten ragten die Türme der Hafenstadt Odessa hervor, jener
Stadt, die in der Zeit der russischen Unruhen eine große Rolle spielte.
Die Sonne beglänzte die Hafenanlagen und den mächtigen Wellenbrecher,
überall sah man die Masten von Schiffen, welche im Hafen eingelaufen
waren.
Am Kai bewegte sich eine Menge Menschen dahin, Arbeiter, Kaufleute,
Soldaten, ein emsiges Hasten und Treiben, wie es in Hafenstädten immer
zu finden ist.
Und dennoch lastete es wie Gewitterschwüle über dieser Menge, wohin man
blickte, sah man ängstliche Gesichter, besonders die vielen Juden, die
man hier erblickte, zeigten eine Angst, die sie vergeblich zu verbergen
suchten.
Es lag etwas in der Luft, das Verderben schien über dieser Stadt zu
schweben, welche in der Geschichte der russischen Unruhen eine so
verhängnisvolle Rolle spielte.
Die unheimlichen Kerle, welche zuweilen in den Nebengassen auftauchten,
warfen verdächtige Blicke nach allen Seiten. Sie verschwanden, wenn
Polizisten oder Abteilungen von Soldaten auftauchten, kamen aber bald
wieder zum Vorschein. Dann flüsterten sie zusammen, dann machten sie
grimmige Gesichter und nicht selten drohten sie den geängstigten Juden
mit ihren Knüppeln, worauf die Hebräer eiligst die Flucht ergriffen.
Aber auch am Hafen schien etwas nicht in Ordnung zu sein, denn da
standen viele Leute, welche auf die mächtige Wasserfläche
hinausblickten. Sie schauten alle in die Ferne, als ob sie dort etwas
besonderes zu sehen erwarteten.
Dabei wurde viel geflüstert und geraunt, es schien irgend etwas nicht in
Ordnung zu sein, was es aber war, konnte niemand sagen, ja vielleicht
wußten es die Neugierigen selber nicht.
Endlich versank die Sonne blutrot, gleichsam wie eine üble Vorbedeutung,
die Menge am Strande begann sich zu zerstreuen, zumal jetzt die
patrouillierenden Soldaten rücksichtslos den Hafen von dem Gesindel
säuberten.
Einige gutgekleidete und respektabel aussehende Männer hatten schon
vorher den Hafen verlassen.
Sie standen an den Molen und blickten unverwandt in die See hinaus.
Jetzt gingen sie schnell von dannen, aber nicht nach der Stadt, sondern
am Alexandrowskyplatz vorüber, nach jenen parkartigen Gebieten, welche
den Namen Datschen führen.
Da lagen der städtische botanische Garten, die Friedhöfe und weiterhin
einige Kasernen, an der Straße aber, die mitten durch dieses
parkähnliche Terrain führte, erhoben sich hier und da stattliche
Landhäuser.
Sie besaßen meist große Gärten, und waren durch größere Strecken des
Parkes von einander getrennt.
Nach einem dieser Landhäuser gingen drei Männer, die man für wohlhabende
Bewohner von Odessa halten mußte.
Sie standen in mittleren Jahren und ihre Gesichter, die vorher harmlos
drein geblickt, nahmen, als sie das Landhaus betraten, einen ganz
anderen Ausdruck an. Wer in die Augen dieser Leute blickte, konnte sich
vor ihnen fürchten.
Im Landhause selbst befanden sich Leute, die wie Diener gekleidet waren,
die drei Ankömmlinge aber auffallend vertraulich begrüßten.
Diese erwiderten die Grüße in gleicher Weise. Einer der Männer fragte:
»Nun, wie ist es? Noch nichts zu sehen?«
»Nein, gar nichts,« grollte der eine der Zurückkehrenden. »Auf der See
war keine Spur von einem Schiffe zu erblicken. Wir sind schon in
höchster Unruhe, am Ende ist alles mißglückt und dann wären unsere
Unternehmungen unmöglich geworden. Nur mit Hilfe der Schiffe können wir
etwas erreichen und unsere weitreichenden Pläne ausführen.«
»Sie werden schon kommen, Väterchen,« erwiderte der andere
zuversichtlich. »Es sind Männer von Stahl und Eisen, vielleicht ist die
günstige Zeit noch nicht gekommen. Aber sie kommt ganz gewiß. Vielleicht
schon in dieser Nacht, denn schließlich hat es ja keine Eile.«
»Gewiß hat es Eile,« zischte der andere, indem er mit dem Fuß auf den
Boden stampfte. »Lange läßt es sich nicht mehr geheim halten. Wenn man
erst Verdacht schöpft, wird die Hälfte unserer Pläne vereitelt.
Urplötzlich muß die Ueberraschung kommen, dann sind wir die Herren des
Schwarzen Meeres, dann sind alle anderen ohnmächtig, dann werden wir
unsere Bedingungen vorschreiben, von allen Hafenstädten riesige
Kontributionen fordern und die Schiffe mit Schätzen beladen.«
Kein Zweifel, hier war eine Verschwörung im Gange, aber der Sprechende
brach schnell ab und ging mit seinen beiden Begleitern die Treppe
hinauf, während die übrigen Männer unten zurückblieben.
»Sollen wir nicht Ausguck halten?« rief der eine der vermeintlichen
Diener den Hinaufgehenden nach.
»Ist nicht nötig,« lautete die Antwort. »Um Mitternacht gehen wir selbst
auf das flache Dach. Uebrigens wird die Nacht dunkel werden. Sollten die
Schiffe kommen, so hören wir ja ihre Signale, auch müssen wir dann die
Scheinwerfer gewahren. Haltet nur gute Wacht und beobachtet die Straße.
Sollten unvermutet Polizisten oder Soldaten nahen, so gebt ihr sofort
das Warnungszeichen. Aber es hat keine Eile, wir müssen nur für alle
Fälle vorsichtig sein.«
Wenige Minuten später befanden sich die drei Männer oben in einem
Gemach, dessen Türe sie hinter sich verriegelten.
»Was meint Ihr?« fragte der eine, der offenbar eine gewisse Autorität
besaß und den seine Gefährten Orloff nannten. »Habt ihr Vertrauen zu
Matuschewko, glaubt ihr, daß er seine Pläne durchsetzt? Was meint Ihr,
Gregor, Wassil, seid Ihr auch jetzt noch überzeugt, daß ich den
richtigen Mann auf die Schiffe schickte?«
»Ja, wir sind der festen Überzeugung,« erwiderte Wassil, indem er mit
seinen Begleitern bezeichnende Blicke tauschte. »Matuschewko ist der
richtige Mann, der besitzt Energie und Tatkraft, der wird die erste
Gelegenheit benutzen, der ist wild wie ein Tiger und wird alles über die
Klinge springen lassen.«
»Ja, wild ist er,« erwiderte Orloff gedankenvoll. »Wild, wie eine
Bestie, mir wäre es lieber, er würde besonnener sein. Da könnten wir
weit mehr erreichen.«
»Was siehst Du denn so gedankenvoll vor Dich hin?« fragte Gregor den
Unheimlichen, als er plötzlich wie geistesabwesend in die Ecke starrte.
»Ach, ich denke eben an den Ingenieur,« lautete die Antwort, »Ihr wißt
doch, wen ich meine, an diesen Narren, von dem man nicht wußte, woher er
stammte. Er sagte einmal, er wäre ein Deutsch-Amerikaner und stamme von
deutschen Eltern, sei aber jenseits des Weltmeeres geboren. Möglich, daß
es die Wahrheit gewesen ist. Das war ein Mann, wenn der auf unsere Pläne
eingegangen wäre. Mit seiner Hilfe hätte uns die Welt gehört. Aber
dieser Narr hatte ja moralische Anwandlungen und als er merkte, was wir
beabsichtigten, da wies er uns streng zurück, da drohte er, unsere
kühnen Pläne der Regierung zu verraten.«