Es gibt viele, die seiner lachen.
Und wir, denen er mit wenigen inhaltsschweren Worten die Märchen des
Lebens gedeutet, die »Bilderbogen des kleinen Lebens« koloriert, die er
die Erlebnisse des Tages anders sehen gelehrt hat, wir können ihnen
nichts dawider sagen. Müssen ihnen Recht geben, müssen zugestehen: Was
ihr in Händen habt, was ihr seht, sind Lächerlichkeiten. Es ist, wie ihr
es seht! Ihr!
Es ist, wie die Spötter sagen. Aber es ist zugleich anders. Die Kunst
Altenbergs kann, wie das vielfarbige Leben, wie die widerspruchsvolle
Natur — nach Fr. Th. Vischers Wort — an einem Ende gemein, am andern
seelisch fein, nicht mit einem so oder so umgrenzt werden, sondern nur
mit einem so und so.
Sie ist voller Lächerlichkeiten und Schönheiten, voller Gequältheiten
und Feinheiten, voller Leerheiten und Vollheiten, voller nichtssagender
Gewolltheiten und vielsprechender Gekonntheiten.
Sie ist — um wieder Vischers Wort von der Natur aufzunehmen — ein
seltsam Ding.
Für die Formung der tausendfältigen kleinen und kleinsten Gaben, die so
ein Buch Peter Altenbergs birgt, wurde der bewußte Gegensatz zu der
Kunst der vielen klingenden Worte maßgebend. Die Wortkünstler sind dem
Dichter Lügner und Charlatane. Sind ihm gewöhnliche Menschen, die ihre
Geistesblöße mit dem wallenden Wortmantel zuzudecken suchen, die ihre
Empfindungsarmut durch einen bloßen Wortreichtum auszugleichen glauben.
»Ich hasse und verachte sie — ruft Peter Altenberg in seinen Märchen des
Lebens — Wortreichtum ist Seelen- und Geistesarmut! Man verkriecht sich,
versteckt sich dahinter, wie wenn man verzweifelt wäre, daß man nichts
Wichtiges mitzuteilen hätte! Zwei und drei ist fünf kann nicht wortreich
gesagt werden! Und dennoch verläßt man sich darauf, daß es eine Herde
von Idioten gibt, die an dem »Wortklang« sich berauschen. — — Wehe, wehe
denjenigen, die die Fähigkeiten dazu hätten, und nur ihrem Geisteswahne,
ihrer Eitelkeit dienen! Auf einer Stradivariusgeige spielen sie, aber
keine einfachen Adagios, die zu Tränen rühren, sondern verblüffende
Passagen, die kalt lassen!«
* * * * *
Altenberg ist der Virtuose der Wortskizze. Ist es, weil er dem Reichtum
des Lebens dienen will. Einem kleinen Ausschnitt sich willenlos
hinzugeben und in unendlichem geduldigem Mühen nach höchster
vollkommener Bildwirkung sich vor dem übrigen zu verschließen, daran
hindert ihn die drängende Fülle, die ihm nicht Ruhe läßt. So springt er
von einem zum andern, immer auf der Spur des schnellfliehenden Lebens.
Zur Beschaulichkeit ist keine Zeit. Nicht zum Schwelgen. Es gilt zu
erjagen, zu erraffen, gilt, flüchtiger als das fliehende Geschehen zu
sein.
Daß diese Eigenart Altenbergs ihren Wert und Unwert in Einem hat, daß
ihre Stärke die Mutter ihrer Schwäche ist, versteht sich. Es zu
beweisen, wird man mir erlassen.
Dem _Leben_ gilt Altenbergs Kunst.
Diesem Wunder aller Wunder, mit dem wir täppisch, wie wir sind, auf Du
und Du stehen. Das wir hinnehmen mit großen, blöden, dummdreisten Augen.
Das wir zu kennen wähnen, und das doch von tausend Schleiern bedeckt
ist. Das Wunder, das uns zum kahlen Alltag wurde, wird hier wieder ein
blühendes Märchen, dem wir mit gläubigen Kinderaugen aus der Ferne
zuschauen. Wunder des Alltags. Um sie geht es. Oder wie es der schönste
unter allen Buchtiteln Altenbergs faßt, um die »Märchen des Lebens«.
Unermüdlich trachtet der Dichter, die kleinen Dinge des Alltags
besonders zu sehen, die Perlen am flachen Strand zu finden. Hundertmal
mag er wertlose Kiesel auflesen und bei den kalten Besserwissern
höhnisches Lächeln dafür ernten: plötzlich funkelt ein winziges Ding in
seinen Händen und läßt uns die Augen übergehen.
Mitten hinein in die zarten Wortskizzen drängt sich plötzlich eine
breite, schwerwiegende Untersuchung mit einer Überzahl unterstrichener
Worte. Der Dichter wandelt sich in einen Propheten. Der Mann der zarten
Worte in einen glaubensstarken Prediger, der lauthallende Straf- und
Mahnreden auf die sündige Menschheit herabschleudert. Der eben noch ein
ganz Besonderer, ein starker Einzelner, ein Außenseiter war, wird
plötzlich zum Bruder Schultze-Naumburgs, des Kunstwartmannes, des Vaters
des Reformkleides und der Reformstiefel.
Mit eindringlichen, treffsicheren Worten predigt er von seinem Ideale:
der naturgemäßen Körperkultur. Anbetend neigt er sein Haupt vor dem
großen Gotte Gesundheit. Worte fallen, die der Unnatur die
gleißnerischen Kleider vom Leibe reißen und doch nichts bessern werden.
Wann hätte diese Dame und ihr lästerliches Töchterlein Mode, je die
Scham gekannt? Sie kann noch stärkeres ertragen als Altenbergs
fanatische Predigten und seine gutgemeinten Insultierungen.
Darum ist es, schauen wir zurück auf die leidenschaftlichen Bekenntnisse
zur Göttin Gesundheit, letzten Endes nicht das Gegenständliche, der
Inhalt der Rede, der uns in den Bann der Worte zwingt, sondern die
Persönlichkeit, die ungehinderter als in den formgewordenen Dichtungen,
innerstes Sein und Meinen offenbart. Auch hier steht Altenberg im
Dienste des großen, göttlichen, uneingezwängten Lebens. Auch hier will
er jedem Pulsschlag freie Bahn schaffen. Auch hier erlösen von dem
Drucke, den Steifheit und Gutmeinen, Enge und Schwerfälligkeit dem
Wunder aller Wunder zufügten und bis in die Undenkbarkeit zufügen
werden.
So geht auch diese Besonderheit mit dem Allgemeinen zusammen. In das
Werk des Schöpfers der »Märchen des Lebens«, des Suchers im Alltag, des
eigenwilligen Sehers fügt sich das Prodromosbuch ein, das Glied einer
Kette. Der Unmittelbarkeit des unverfälschten Lebens trachtet der
Dichter so gut wie der Prediger nach. Und die sprunghafte, das
Wortemachen hassende Form eint beides auch nach außen hin.
(Königsberger Hartungsche Zeitung)
_Werke von Peter Altenberg_
Wie ich es sehe
_Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
Was der Tag mir zuträgt
_Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.
Prodromos
_Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.
Märchen des Lebens
_Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.
Neues Altes
_Vierte und fünfte Auflage._ Geh. 5 Mark, geb. 7 Mark 50 Pf.
»Semmering 1912«
_Siebente vermehrte Auflage._ Geh. 6 M., geb. 8 M. 50 Pf.
Fechsung
_Sechste Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.
Nachfechsung
_Fünfte Auflage._ Geheftet 7 Mark, gebunden 9 Mark 50 Pf.
Vita ipsa
_Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.
Mein Lebensabend
_Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark.
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_Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig_
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