Von Hans Franck (Hamburg)

Es gibt viele, die seiner lachen.

Und wir, denen er mit wenigen inhaltsschweren Worten die Märchen des

Lebens gedeutet, die »Bilderbogen des kleinen Lebens« koloriert, die er

die Erlebnisse des Tages anders sehen gelehrt hat, wir können ihnen

nichts dawider sagen. Müssen ihnen Recht geben, müssen zugestehen: Was

ihr in Händen habt, was ihr seht, sind Lächerlichkeiten. Es ist, wie ihr

es seht! Ihr!

Es ist, wie die Spötter sagen. Aber es ist zugleich anders. Die Kunst

Altenbergs kann, wie das vielfarbige Leben, wie die widerspruchsvolle

Natur — nach Fr. Th. Vischers Wort — an einem Ende gemein, am andern

seelisch fein, nicht mit einem so oder so umgrenzt werden, sondern nur

mit einem so und so.

Sie ist voller Lächerlichkeiten und Schönheiten, voller Gequältheiten

und Feinheiten, voller Leerheiten und Vollheiten, voller nichtssagender

Gewolltheiten und vielsprechender Gekonntheiten.

Sie ist — um wieder Vischers Wort von der Natur aufzunehmen — ein

seltsam Ding.

Für die Formung der tausendfältigen kleinen und kleinsten Gaben, die so

ein Buch Peter Altenbergs birgt, wurde der bewußte Gegensatz zu der

Kunst der vielen klingenden Worte maßgebend. Die Wortkünstler sind dem

Dichter Lügner und Charlatane. Sind ihm gewöhnliche Menschen, die ihre

Geistesblöße mit dem wallenden Wortmantel zuzudecken suchen, die ihre

Empfindungsarmut durch einen bloßen Wortreichtum auszugleichen glauben.

»Ich hasse und verachte sie — ruft Peter Altenberg in seinen Märchen des

Lebens — Wortreichtum ist Seelen- und Geistesarmut! Man verkriecht sich,

versteckt sich dahinter, wie wenn man verzweifelt wäre, daß man nichts

Wichtiges mitzuteilen hätte! Zwei und drei ist fünf kann nicht wortreich

gesagt werden! Und dennoch verläßt man sich darauf, daß es eine Herde

von Idioten gibt, die an dem »Wortklang« sich berauschen. — — Wehe, wehe

denjenigen, die die Fähigkeiten dazu hätten, und nur ihrem Geisteswahne,

ihrer Eitelkeit dienen! Auf einer Stradivariusgeige spielen sie, aber

keine einfachen Adagios, die zu Tränen rühren, sondern verblüffende

Passagen, die kalt lassen!«

* * * * *

Altenberg ist der Virtuose der Wortskizze. Ist es, weil er dem Reichtum

des Lebens dienen will. Einem kleinen Ausschnitt sich willenlos

hinzugeben und in unendlichem geduldigem Mühen nach höchster

vollkommener Bildwirkung sich vor dem übrigen zu verschließen, daran

hindert ihn die drängende Fülle, die ihm nicht Ruhe läßt. So springt er

von einem zum andern, immer auf der Spur des schnellfliehenden Lebens.

Zur Beschaulichkeit ist keine Zeit. Nicht zum Schwelgen. Es gilt zu

erjagen, zu erraffen, gilt, flüchtiger als das fliehende Geschehen zu

sein.

Daß diese Eigenart Altenbergs ihren Wert und Unwert in Einem hat, daß

ihre Stärke die Mutter ihrer Schwäche ist, versteht sich. Es zu

beweisen, wird man mir erlassen.

Dem _Leben_ gilt Altenbergs Kunst.

Diesem Wunder aller Wunder, mit dem wir täppisch, wie wir sind, auf Du

und Du stehen. Das wir hinnehmen mit großen, blöden, dummdreisten Augen.

Das wir zu kennen wähnen, und das doch von tausend Schleiern bedeckt

ist. Das Wunder, das uns zum kahlen Alltag wurde, wird hier wieder ein

blühendes Märchen, dem wir mit gläubigen Kinderaugen aus der Ferne

zuschauen. Wunder des Alltags. Um sie geht es. Oder wie es der schönste

unter allen Buchtiteln Altenbergs faßt, um die »Märchen des Lebens«.

Unermüdlich trachtet der Dichter, die kleinen Dinge des Alltags

besonders zu sehen, die Perlen am flachen Strand zu finden. Hundertmal

mag er wertlose Kiesel auflesen und bei den kalten Besserwissern

höhnisches Lächeln dafür ernten: plötzlich funkelt ein winziges Ding in

seinen Händen und läßt uns die Augen übergehen.

Mitten hinein in die zarten Wortskizzen drängt sich plötzlich eine

breite, schwerwiegende Untersuchung mit einer Überzahl unterstrichener

Worte. Der Dichter wandelt sich in einen Propheten. Der Mann der zarten

Worte in einen glaubensstarken Prediger, der lauthallende Straf- und

Mahnreden auf die sündige Menschheit herabschleudert. Der eben noch ein

ganz Besonderer, ein starker Einzelner, ein Außenseiter war, wird

plötzlich zum Bruder Schultze-Naumburgs, des Kunstwartmannes, des Vaters

des Reformkleides und der Reformstiefel.

Mit eindringlichen, treffsicheren Worten predigt er von seinem Ideale:

der naturgemäßen Körperkultur. Anbetend neigt er sein Haupt vor dem

großen Gotte Gesundheit. Worte fallen, die der Unnatur die

gleißnerischen Kleider vom Leibe reißen und doch nichts bessern werden.

Wann hätte diese Dame und ihr lästerliches Töchterlein Mode, je die

Scham gekannt? Sie kann noch stärkeres ertragen als Altenbergs

fanatische Predigten und seine gutgemeinten Insultierungen.

Darum ist es, schauen wir zurück auf die leidenschaftlichen Bekenntnisse

zur Göttin Gesundheit, letzten Endes nicht das Gegenständliche, der

Inhalt der Rede, der uns in den Bann der Worte zwingt, sondern die

Persönlichkeit, die ungehinderter als in den formgewordenen Dichtungen,

innerstes Sein und Meinen offenbart. Auch hier steht Altenberg im

Dienste des großen, göttlichen, uneingezwängten Lebens. Auch hier will

er jedem Pulsschlag freie Bahn schaffen. Auch hier erlösen von dem

Drucke, den Steifheit und Gutmeinen, Enge und Schwerfälligkeit dem

Wunder aller Wunder zufügten und bis in die Undenkbarkeit zufügen

werden.

So geht auch diese Besonderheit mit dem Allgemeinen zusammen. In das

Werk des Schöpfers der »Märchen des Lebens«, des Suchers im Alltag, des

eigenwilligen Sehers fügt sich das Prodromosbuch ein, das Glied einer

Kette. Der Unmittelbarkeit des unverfälschten Lebens trachtet der

Dichter so gut wie der Prediger nach. Und die sprunghafte, das

Wortemachen hassende Form eint beides auch nach außen hin.

(Königsberger Hartungsche Zeitung)

_Werke von Peter Altenberg_

Wie ich es sehe

_Fünfzehnte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.

Was der Tag mir zuträgt

_Achte vermehrte Auflage._ Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.

Prodromos

_Sechste Auflage._ Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.

Märchen des Lebens

_Sechste vermehrte Auflage._ Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.

Neues Altes

_Vierte und fünfte Auflage._ Geh. 5 Mark, geb. 7 Mark 50 Pf.

»Semmering 1912«

_Siebente vermehrte Auflage._ Geh. 6 M., geb. 8 M. 50 Pf.

Fechsung

_Sechste Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.

Nachfechsung

_Fünfte Auflage._ Geheftet 7 Mark, gebunden 9 Mark 50 Pf.

Vita ipsa

_Zehnte Auflage._ Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.

Mein Lebensabend

_Achte Auflage._ Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark.

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_Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig_

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Neues Altes · 第 125 / 126 题