KRANKHEIT

Wenn sogenannte Freunde einen Schwerkranken besuchen, haben sie

ausschließlich die Absicht, alles schön zu färben. Niemals hat er

blühender ausgesehen, ja direkt verjüngt. Man möchte es nicht glauben,

in dieser kurzen Zeit! Die Hoffnung, mit dem billigsten, was es auf

Erden gibt, dem schönen liebenswürdigen Wort, sich aus der Affäre zu

ziehen, ist größer als der Zwang der Anständigkeit, den die schlichte

Wahrheit erfordert. Man findet sein Zimmer ganz einfach süperb, viel

gemütlicher als sein einstiges Heim, obzwar man genau weiß, daß er mit

allen Fasern seines Herzens an jedem Winkel seines geliebten

Heimatzimmerchens hing. Man vermeidet es geschickt, zu fragen, wer denn

alles bezahle, und fragt diskret an, ob die drei Kronen, die man einmal

rekommandiert geschickt habe, auch wirklich angekommen seien. Bei

bejahender Antwort verklärt sich das Antlitz des Spenders, und er sagt:

»No, siehst du, Peter, wie man dich nicht verläßt in deinen schweren

Zeiten!?«

Der Kranke wird plötzlich zu einem Verfemten, mit dem man geschickt

lavieren muß. Den Gesunden konnte man auf verschiedene und eigentümliche

Art ausnützen und verwerten: War er gescheiter, so konnte man seine

eigene Stupidität hinter ihm bequem verbergen; war er liebenswürdiger,

so konnte man die eigene Roheit durch ihn geschickt kaschieren. Aber der

Kranke ist zu nichts Rechtem mehr zu gebrauchen. Ihn den Würmern noch

für längere Zeit vorzuenthalten, ist scheinbar eine schlechte

Spekulation; aber ein gewisses Schamgefühl verhindert sie dennoch, den

Unterschied zwischen der Beziehung zu dem Gesunden und zu dem

Schwerkranken allzu augenfällig zu machen. Außerdem könnte es ja doch

unter der Million von Idioten einen geben, der die ganzen Manöver

durchschaute.

Man liebte den Gesunden selbstverständlich ebensowenig wie den Kranken,

aber man hatte damals wenigstens keine Gelegenheit, ihn als eine direkte

Last zu empfinden, und infolgedessen hielt man die natürlichen

Grausamkeiten ihm gegenüber in gewissen Schranken der sogenannten

Wohlerzogenheit. Trotzdem gönnte ihm niemand Zeit seines Lebens Freude

und Glück, und wenn er es sich trotzdem errang, so geschah es unter

merkwürdig schwierigen, belastenden Umständen, die aus dem Neid der

sogenannten besten Freunde entsprangen. Dem Gesunden gönnte man nicht

eine Stunde lang seine Kraft, zu leben, begeistert zu sein, zu lieben

und aufwärts zu kommen, und erst der Schwerkranke befreit die Freunde

von der stündlichen Gefahr, daß er ihnen über den Kopf wachse. Wenn die

Erfahrungen, die der Kranke macht, dem Gesunden zugute gekommen wären,

wäre er fast ein Genie geworden an Lebenskunst; so aber wurde er das

selbstverständliche Opfer der heimtückischen Lüge des Lebens.

Oscar Wilde starb, wie keiner von der Million der Enterbten je

dahingestorben ist; aber viele Jahre nach seinem Tode setzte ihm eine

Pariser Dame einen Grabstein, der vierzigtausend Franken kostete. Könnte

der Tote seine geniale Hand emporrecken, so würde er die wertlosen

steinernen und bronzenen Dekorationen zertrümmern, die eine Gans seinen

vermoderten wertlosen Gebeinen gesetzt hat. Gebt dem Lebendigen die

Kraft, alle Genialitäten seines Hirns, seines Herzens für euch

Stumpfsinnige, Keuchende, Kriechende zu verwerten und ausleben zu

lassen, und überlasset die Sorge um die sechs Rappen, die den

Leichenwagen des zu Tode Gemarterten ziehen werden, der Entreprise des

pompes funèbres!

Neues Altes · 第 104 / 126 题