DIE PFLEGESCHWESTER ROSA SCHWEDA

Ich habe viel erlebt und erlitten, natürlich, in meinem

Pflegerinnenberufe. Aber die Nacht des 5. März als Pflegerin des Peter

Altenberg war die schrecklichste und merkwürdigste. Am Tage vorher hatte

ich sein Buch »Bilderbogen des kleinen Lebens« gekauft und gelesen.

Nun sah ich ihn da liegen, ganz verwahrlost, von Leiden zerfressen. Ich

fühlte es, daß er über seinen eigenen Untergang tief verzweifelt sei.

Sein Idealismus war untergegangen, und es blieb die Ruine übrig. — Ich

bemitleidete ihn nicht, sondern die _vielen_, _vielen_, denen so die

Früchte seines Geistes, seines großen Herzens _entgehen_ sollten. —

Ich hatte die Empfindung: »Hund, du darfst noch nicht verrecken, du hast

uns Ärmsten noch manches zu spenden, du hast uns noch aufzuklären, hast

uns sogar besser zu machen! Was schleichst du dich fort, Sünder, ehe du

alles für uns ausgesprochen hast?!«

So schändlich egoistisch dachte ich über diesen sich windenden Wurm in

diesen schrecklichen bangen Nachtstunden. Ich richtete ihm die Polster,

wischte ihm den Angstschweiß ab, aber es geschah in einer verbissenen

Bitterkeit gegen ihn! Den Helfer!

Wer, wer hätte sich denn gesund und ewig lebendig erhalten müssen als

er? Und indem ich an die Werke dachte, die er uns _vorenthielt_, pflegte

ich mit Widerwillen einen unglückseligen Kranken, der zum vorzeitigen

Sichfortschleichen aus der Welt gar nicht das Recht hatte uns

gegenüber — — —.

Neues Altes · 第 54 / 126 题