BRANGÄNE

Ich kenne eine Sache im Leben, die mich am tiefsten ergreift von allen,

die ich erlebt habe. Es ist in der Stille des nächtlichen Liebesgartens

der Gesang der edlen Wächterin Brangäne. Es ist die tönend gewordene

Selbstlosigkeit, inmitten der nächtlichen Liebesgefahren. Es ist die

Warnung an die Allzuirdischen, die in der Melodie des Herzens zugleich

eigentlich von selbst ertönt; es ist die Klage der tiefsten, echtesten

Freundschaft, hineingesungen in den dunklen Garten. In jedem Menschen

sind solche Gefühle aufgespeichert, besonders in den alten Kinderfrauen,

die man entläßt von ihren Lieblingen, wenn man sie nicht mehr braucht.

Aber sie weinen sich im stillen aus, alle diese Herzvollen, während bei

Brangäne das Leid und die edle Sorge um einen geliebten Menschen

helltönend wird, und in die dunkle, harte, grausame Welt hinaus stöhnt!

Auch unsre alte Bedienerin Luise sang uns ein unvergeßliches Lied, als

sie beim Abschiede mir und meinem Bruder schrieb: »Die sieben Jahre in

Ihren Diensten, meine Herren, waren das Glück und der Segen meines

ganzen Lebens — — —.« Alle diese versteckten, edel-tragischen Dinge der

dienenden Menschenherzen ertönen in Brangänens Gesang. Alle in der

Menschheit bisher leider vergeblich aufgestapelten Selbstlosigkeiten und

Ergebenheiten werden da zu singender Klage; aber die Menschen der

leidenschaftlich irrigen Stunden vernehmen nichts davon als ihre

eigenen, zum Abgrund führenden Sündhaftigkeiten, deren Brausen alles

übertönt — — —.

Neues Altes · 第 38 / 126 题