In welchem ein verhängnisvoller Plan besprochen und beschlossen
wird.
Es war ein kalter, feuchter und stürmischer Abend, als der Jude seinen
eingeschrumpften Leib in einen Oberrock einhüllte, den Kragen über die
Ohren zog, so daß von seinem Gesicht nur die Augen zu sehen waren, und
sich aus seiner Höhle entfernte. Er blieb vor der Haustür stehen, bis
sie inwendig verschlossen und verriegelt war, und eilte darauf mit
leisen und flüchtigen Schritten die Straße hinunter.
Das Haus, in welches Oliver gebracht worden war, befand sich nahe bei
Whitechapel; der Jude stand an der nächsten Ecke ein paar Augenblicke
still, schaute forschend umher und schlug sodann die Richtung nach
Spitalfields ein.
Auf dem Pflaster lag dicker Schlamm, und ein dichter Nebel machte die
Dunkelheit noch dunkler. Für den Ausflug eines dämonischen Wesens,
wie es der Jude war, konnten Zeit, Wetter und alle Umgebungen nicht
passender sein. Der greuliche Alte glich, während er verstohlen durch
Nacht und Nebel und Kot dahineilte, einem ekelhaften Gewürm, das in
nächtlicher Finsternis aus seinem Verstecke herauskriecht, um wühlend
im Schlamme ein leckeres Mahl nach seiner Art zu halten.
Er setzte seinen Weg durch viele enge und winklige Gassen fort, bis er
Bethnal Green erreichte, wandte sich dann nach links und verschwand in
einem wahrhaften Labyrinth schmutziger Winkel, Straßen und Gassen jenes
zahlreich bevölkerten Stadtviertels, ohne jedoch ein einziges Mal zu
irren oder fehlzugehen, lenkte endlich in eine Sackgasse ein, klopfte
an die Tür eines Hauses und wurde, nachdem er ein paar Worte durch das
Schlüsselloch geflüstert, eingelassen und hinaufgeführt.
Als er auf den Griff einer Tür faßte, knurrte ein Hund, und eine grobe
Mannsstimme fragte, wer da wäre.
«Ich bin's, Bill, ich, mein Lieber», antwortete der Jude hineinschauend.
«So bringt Eur'n Leichnam 'rein», sagte Sikes. «Lieg' still, dumme
Bestie! Kennst den Teufel nicht, wenn er'n Überrock anhat?»
Der Hund schien in der Tat durch Fagins Verhüllung getäuscht zu sein;
denn sobald der Jude den Oberrock aufknöpfte, legte er sich, mit dem
Schweife wedelnd, wieder nieder.
«Nun?» sagte Sikes.
«Ja -- nun», erwiderte der Jude. «Ah, Nancy.»
Er schien etwas verlegen und zweifelhaft zu sein, wie er von Miß Nancy
empfangen werden würde, denn er hatte seine junge Freundin seit dem
Abend noch nicht wiedergesehen, an welchem sie so leidenschaftlich für
Oliver aufgetreten war. Das Benehmen der jungen Dame machte jedoch
bald aller Ungewißheit ein Ende. Sie schob ihren Stuhl zur Seite und
forderte Fagin auf, ohne Groll oder noch viel Worte sich mit an den
Kamin zu setzen, denn es wäre ein kalter Abend.
«Ja, 's ist bitter kalt, liebe Nancy», sagte Fagin und begann seine
knöchernen Hände über dem Feuer zu wärmen. «'s ist, als wenn der Wind
einem wehte durch und durch bis ins Innerste.»
«Das muß wirklich scharf sein, was bis an dein Herz dringt», bemerkte
Sikes. «Gib ihm 'nen Tropfen zu trinken, Nancy. Alle Donnerwetter, mach
geschwind! Man wird ganz übel davon, das alte Gerippe so schaudern zu
sehn wie'n häßliches Gespenst, das eben aus'm Grabe gestiegen ist.»
Nancy holte schnell eine Flasche aus dem Schranke; Sikes schenkte ein
Glas Branntwein ein und hieß den Juden es austrinken; Fagin berührte es
jedoch nur mit den Lippen und setzte es wieder auf den Tisch.
«Ausgetrunken, Spitzbube!» rief Sikes.
«Habe schon genug, danke, Bill!»
«Wie -- was? Fürchtest dich, daß wir dir ä Streich spielen?» fragte
Sikes, seine Augen scharf auf den Juden richtend.
Mit einem heiseren, verächtlichen Brummen ergriff Mr. Sikes das Glas
und goß den Inhalt in die Asche; dann füllte er es von neuem und
stürzte es hinunter.
Fagin blickte im Zimmer umher, nicht aus Neugierde, denn es war ihm
wohlbekannt, sondern unruhig, verstohlen, argwöhnisch, wie es ihm zur
Gewohnheit geworden war. Das Gemach war sehr schlecht möbliert. Nur der
Inhalt des Schrankes schien anzudeuten, daß es von einem gewöhnlichen
Arbeiter bewohnt würde; auch sah man nichts Verdächtiges, mit Ausnahme
einiger schwerer Knüttel, die in einem Winkel standen, und eines
«Lebensretters», der über dem Kaminsimse hing.
«Was hast du zu sagen, verdammter Jude?» fragte Sikes. «Weshalb bist du
hergeschlichen?»
«Wegen des Bayes[T] in Chertsey, Bill», erwiderte der Jude, dicht zu
ihm rückend und flüsternd.
[T] Haus.
«Nun -- und was weiter?»
«Ah -- Ihr wißt ja recht gut, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy,
er weiß es recht gut?»
«Nein, er weiß es nicht», fiel Sikes höhnisch ein, «oder will es nicht
wissen, was dasselbe ist. Sprich rein 'raus, nenn' die Dinge beim
rechten Namen und stell' dich nicht an, als wenn du nicht der erste
gewesen wärst, der an den Einbruch gedacht hat.»
«Pst, Bill, pst!» sagte Fagin, der sich vergebens bemüht hatte, Sikes
zum Stillschweigen zu bringen; «es wird uns jemand hören, mein Lieber,
es wird uns jemand hören!»
«Laß hören, wer will!» tobte Sikes; «'s ist mir alles gleich.»
Er sprach jedoch die letzten Worte schon weniger laut und heftig, da
ihm der Gedanke kam, daß es doch *nicht* gleich wäre oder sein könnte.
«Seid doch ruhig, Bill,» sagte der Jude besänftigend. «Es war ja nur
meine Vorsicht -- weiter nichts. Also wegen des Bayes in Chertsey, mein
Lieber. Wann soll's sein, Bill -- wann soll's sein? Solch Silberzeug,
Bill, solch Silberzeug!» setzte er händereibend und mit leuchtenden
Augen hinzu.
«Gar nicht», erwiderte Sikes trocken.
«Gar nicht?» wiederholte der Jude und lehnte sich erstaunt auf seinem
Stuhle zurück.
«Nein, gar nicht», sagte Sikes; «zum wenigsten kann's nicht so
ausgeführt werden, wie wir meinten.»
«Dann ist's nicht geschickt und ordentlich angegriffen», versetzte der
Jude, vor Verdruß erblassend. «Aber Ihr spaßt nur, Bill.»
«Ich lasse mich lieber hängen, als daß ich mit dir spaße, altes
Gerippe. Toby Crackit hat sich seit vierzehn Tagen die erdenklichste
Mühe gegeben, aber keinen von der Dienerschaft --»
«Ihr wollt doch nicht sagen, Bill,» unterbrach ihn der Jude ungeduldig,
doch aber ruhiger in dem Maße, als Sikes wieder heftig zu werden
anfing; «Ihr wollt doch nicht sagen, daß keiner von den beiden
Bedienten könnte werden gewonnen, zu machen Kippe?»
«Das will ich allerdings sagen», antwortete Sikes. «Sie sind seit
zwanzig Jahren bei der alten Frau im Dienst gewesen und würden's nicht
tun für fünfhundert Pfund.»
«Aber die weibliche Dienerschaft, mein Lieber -- läßt sich die auch
nicht beschwatzen?»
«Nein!»
«Wie -- auch nicht vom schmucken, geriebenen Toby Crackit?» entgegnete
der Jude ungläubig. «Bedenkt doch nur, wie die Weibsen sind, Bill!»
«Nein, auch nicht von Toby Crackit», erwiderte Sikes. «Er hat die ganze
Zeit, daß er's Bayes umschlichen, falsche Knebelbärte und 'ne gelbe
Weste getragen; hat aber alles nicht helfen wollen.»
«Er hätt's versuchen sollen mit 'nem Schnurrbart und Soldatenhosen,
mein Lieber», sagte der Jude nach einigem Besinnen.
«Das hat er auch schon getan, und 's ist ebenso vergeblich gewesen.»
Der Jude machte eine verdrießliche und verlegene Miene dazu, versank
auf ein paar Minuten in tiefes Nachsinnen und sagte endlich mit einem
schweren Seufzer, wenn man sich auf Toby Crackits Berichte verlassen
könnte, so fürchte er, daß der Plan aufgegeben werden müsse. «'s ist
aber sehr betrübend, Bill,» setzte er, die Hände auf die Knie stützend,
hinzu, «so viel zu verlieren, wenn man einmal den Sinn hat gesetzt
darauf.»
«Freilich,» sagte Sikes, «'s ist ganz verdammt ärgerlich!»
Es folgte ein langes Stillschweigen. Der Jude war in tiefe Gedanken
verloren, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck wahrhaft satanischer
Spitzbüberei an. Sikes blickte ihn von Zeit zu Zeit verstohlen von
der Seite an, und Nancy heftete, aus Furcht, den Wohnungsinhaber
zu erzürnen, die Augen auf das Feuer, als wenn sie bei allem, was
gesprochen worden, taub gewesen wäre.
«Fagin,» unterbrach Sikes endlich die allgemeine Stille, «schafft's
fünfzig Füchse extra, wenn's durch Einbruch vollbracht wird?»
«Ja!» rief der Jude, wie aus einem Traume erwachend.
«Abgemacht?» fragte Sikes.
«Ja, mein Lieber,» erwiderte der Jude, indem er ihm die Hand reichte;
und jede Muskel seines Gesichts gab Zeugnis, wie freudig und lebhaft
er durch diese Frage überrascht worden war.
Sikes schob die Hand des Juden verächtlich zurück und fuhr fort: «Dann
mag's geschehen, sobald du willst, Alter. Toby und ich sind vorgestern
über die Gartenmauer g'wesen und haben die Türen und Fensterläden
untersucht. Die Bayes ist nachts verrammelt wie'n Dobes; wir haben
aber 'ne Stelle gefunden, wo wir leise und mit Sicherheit schränken[U]
können.»
[U] einbrechen.
«Wo ist denn die Stelle, Sikes?» fragte der Jude sehr gespannt.
«Man geht über den Rasenplatz,» flüsterte Sikes, «und dann --»
«Nun, und dann?» unterbrach ihn der Jude, sich ungeduldig vorbeugend.
«Dann --» sagte der Schränker, brach jedoch kurz ab, denn Nancy gab
ihm, kaum den Kopf bewegend, einen Wink, nach des Juden Gesicht zu
sehen. «'s ist ganz gleich, wo die Stelle ist», fuhr er fort. «Ich
weiß, daß du's nicht kannst ohne mich; aber man tut wohl daran, sich
auf Nummer Sicher zu setzen, wenn man mit dir zu tun hat.»
«Nach Eurem Belieben, Bill, nach Eurem Belieben», erwiderte der Jude,
sich auf die Lippen beißend. «Könnt Ihr's mit Toby allein, und braucht
Ihr weiter keinen Beistand?»
«Nein; bloß ein Dreheisen und 'nen Knaben. Das Eisen haben wir, den
Buben mußt du uns schaffen.»
«'nen Knaben!» rief der Jude aus. «Ah, dann ist's ein Paneel -- wie?»
«Es kann dir gleichviel sein, was es ist», erwiderte Sikes. «Ich
brauche 'nen Buben, und er darf nicht groß sein. Wenn mir nur nicht der
von Ned, dem Schornsteinfeger, durch die Lappen 'gangen wäre! Er hielt
ihn mit Absicht klein und schmächtig und lieh ihn aus für'n Billiges.
Aber so geht's, der Vater wird gerumpelt[V], und wie der Blitz ist
der Verein für verlassene Kinder da und nimmt den Jungen aus 'nem
Geschäft, darin er Geld hätte verdienen können, lehrt ihn Lesen und
Schreiben, und der Bube wird dann Lehrling, Gesell, endlich Meister,»
sagte Sikes mit steigendem Zorn über einen so unrechtmäßigen Verlauf,
«und so geht's mit den meisten; und hätten sie immer Geld genug, was
sie Gott Lob und Dank nicht haben, so würden wir nach ein paar Jahren
keinen einzigen Jungen mehr im Geschäft halten.»
[V] deportiert.
«Ja, ja», stimmte der Jude ein, der unterdes überlegt und nur die
letzten Worte gehört hatte. «Bill!»
«Was gibt's?»
Der Jude deutete verstohlen auf Nancy hin, die noch immer in das Feuer
schaute, und gab Sikes durch Zeichen seinen Wunsch zu erkennen, mit ihm
allein gelassen zu werden. Sikes zuckte ungeduldig die Achseln, als wenn
er die Vorsicht für überflüssig hielte, forderte indes Nancy auf, ihm
einen Krug Bier zu holen.
«Ihr seid nicht durstig, Bill», sagte Nancy mit der vollkommensten Ruhe
und schlug die Arme übereinander.
«Ich sage dir, ich bin durstig!» entgegnete Sikes.
«Dummes Zeug! Fahrt fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill; ich
kann's auch hören.»
Der Jude zögerte, und Sikes sah etwas verwundert bald ihn, bald das
Mädchen an.
«Brauchst dich vor dem alten Mädchen nicht zu scheuen, Fagin», sagte er
endlich. «Hast sie lange genug gekannt und kannst ihr trauen, oder der
Teufel müßte drin sitzen. Sie wird nicht mosern[W]; nicht wahr, Nancy?»
[W] verraten.
«Ihr sollt's wohl meinen», erwiderte sie, ihren Stuhl an den Tisch
schiebend und den Kopf auf die Ellbogen stützend.
«Nein, nein, liebes Kind», fiel der Jude ein; «ich weiß das sehr wohl;
nur --» Er hielt wieder inne.
«Nun, was denn nur?» fragte Sikes.
«Ich weiß nur nicht, ob sie nicht vielleicht wieder werden würde
unwirsch, mein Lieber, wie vor einigen Abenden», erwiderte Fagin.
Bei diesem Geständnisse brach Nancy in ein lautes Gelächter aus,
stürzte ein Glas Branntwein hinunter, erklärte unter mehrfachen
kräftigen Beteuerungen, daß sie alles hören könne, wolle und werde und
so standhaft, mutvoll und treu sei wie eine oder einer. -- «Fagin,»
sagte sie lachend, «sprecht nur ohne Umschweife zu Bill von Oliver!»
«Ah! Du bist ein so gewitztes Mädchen, wie ich je eins gesehen»,
versicherte der Jude und klopfte sie auf die Wange. «Ja, ich wollte
wirklich sprechen von Oliver; ha, ha, ha!»
«Was ist mit ihm los?» fragte Sikes.
«Daß er der Knabe ist, den Ihr braucht, mein Lieber», erwiderte der
Jude in einem heiseren Flüstern, den Finger an die Nase legend und mit
einem fürchterlichen Grinsen.
«Der Oliver?!» rief Bill aus.
«Nimm ihn, Bill», sagte Nancy. «Ich tät's, wenn ich an deiner Stelle
wäre. Mag sein, daß er nicht so gepfifft und dreist ist wie einer
von den andern; aber das ist auch nicht nötig, wenn du ihn bloß dazu
brauchen willst, daß er dir 'ne Tür aufmacht. Verlaß dich darauf, er
ist petacht[X], Bill.»
[X] zuverlässig.
«Ich weiß, daß er's ist», fiel Fagin ein. «Er ist in den letzten
Wochen geschult gut, und 's ist Zeit, daß er anfängt, für sein Brot zu
arbeiten; außerdem sind die andern alle zu groß.»
«Ja, die rechte Größe hat er», bemerkte Sikes nachdenklich.
«Und er wird alles tun, wozu Ihr ihn nötig habt, Bill», sagte der Jude.
«Er kann nicht anders -- nämlich, wenn Ihr ihn nur genug haltet in
Furcht und Schrecken.»
«Das könnte geschehen -- und nicht bloß zum Spaß. Ist was nicht richtig
mit ihm, wenn wir einmal erst am Werk sind -- alle Teufel! -- so siehst
du ihn nicht lebendig wieder, Fagin. Bedenk' das, eh' du ihn schickst.»
Er hatte ein schweres Brecheisen unter dem Bette hervorgezogen und
schüttelte es unter drohenden Gebärden.
«Ich habe alles bedacht», erwiderte der Jude entschlossen. «Ich hab'
ihn beobachtet, meine Lieben, wie ein Falke die Augen auf ihn gehabt.
Laßt ihn nur erst wissen, daß er einer der Unsrigen ist; laßt ihn nur
erst wissen, daß er gewesen ist ein Dieb, und er ist unser -- unser auf
sein Leben lang! Oho! Es hätte nicht besser können kommen!» Er kreuzte
die Arme über der Brust, zog den Kopf zwischen die Schultern und
umarmte sich gleichsam selbst vor Behagen und Freude.
«Unser!» höhnte Sikes. «Du willst sagen: dein.»
«Könnte vielleicht sein, mein Lieber», sagte der Jude kichernd. «Wenn
Ihr's so wollt, Bill, mein.»
Sikes warf seinem angenehmen Freunde finster-grollende Blicke zu. «Und
warum bemühst du dich denn so sehr um das Kreidegesicht,» sagte er,
«da du doch weißt, daß jede Nacht fünfzig Buben im Common Garden[Y]
dormen[Z], unter denen du die Wahl hast?»
[Y] Coventgarden.
[Z] schlafen.
«Weil ich sie nicht gebrauchen kann, mein Lieber», erwiderte der
Jude ein wenig verwirrt. «Sie sind's nicht wert, daß man's versucht
mit ihnen, denn wenn sie in Ungelegenheiten geraten, steht ihnen
geschrieben auf der Stirn, was sie sind und was sie haben getan,
und sie gehen mir alle kapores. Aber mit diesem Knaben, wenn er nur
gebraucht wird geschickt, kann ich ausrichten mehr als mit zwanzig
von den anderen. Außerdem,» fügte er wieder in vollkommener Fassung
hinzu, «außerdem *haben wir* ihn dann fest jetzt, wenn er uns wieder
entwischen könnte, und *er* muß bleiben mit uns im selben Boot,
gleichviel wie er gekommen ist hinein; ich habe Macht genug über ihn,
wenn er nur ein einziges Mal ist gewesen bei 'nem Schränken -- mehr
brauch' ich nicht. Und wieviel ist das besser, als wenn wir müßten den
armen, kleinen Knaben über die Seite schaffen, was würde gefährlich
sein -- und wodurch wir verlieren würden viel!»
Sikes schwebte eine starke Mißbilligung bei Fagins plötzlicher
Anwandlung von Menschlichkeit auf den Lippen, Nancy kam ihm jedoch
durch die Frage zuvor, wann der Einbruch geschehen sollte.
«Ja, Bill, ja -- wann soll es sein?» fragte auch der Jude.
«Ich hab's mit Toby auf übermorgen nacht verabredet,» antwortete Sikes
mürrisch, «wenn ich ihm keine anderweitige Nachricht zugehen lasse.»
«Gut», sagte der Jude; «es wird doch kein Mondschein sein?»
«Nein», erwiderte Sikes.
«Ist auch bedacht alles wegen Fortschaffens der Sechore[AA]?» fragte
Fagin.
[AA] Gestohlenes Gut.
Sikes nickte.
«Und wegen --»
«Ja, ja, 's ist alles verwaldiwert[AB],» unterbrach ihn Sikes; «scher
dich nur nicht weiter drum. Bring' den Buben lieber morgen abend her.
Ich werde 'ne Stunde nach Tagesanbruch auf und davon sein. Und dann
halt's Maul und stelle den Schmelztiegel bereit; das ist alles, was du
zu tun hast.»
[AB] verabredet.
Nach einigem Hin- und Herreden, woran alle drei tätigen Anteil nahmen,
wurde beschlossen, daß Nancy am folgenden Abend Oliver herbringen
solle. Fagin hielt dafür, daß er Nancy am ersten folgen würde, wenn er
etwa abgeneigt wäre. Ebenso wurde feierlich verabredet, daß der Knabe
zum Zweck der beabsichtigten Unternehmung Sikes unbedingt übergeben
werden solle, und zwar so, daß derselbe mit ihm nach Gutdünken
verfahren dürfe, ohne dem Juden für irgendeinen Unfall, der ihn treffen
könnte, oder irgendeine Züchtigung verantwortlich zu sein, die sein
Beschützer etwa für notwendig erachten möchte; auch sollte der letztere
alle seine Angaben nach seiner Rückkehr durch Toby Crackits Zeugnis
bestätigen lassen. Sikes bekräftigte vorläufig den edlen Bund und
die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen durch ein Glas Branntwein nach
dem andern, was die Wirkung hatte, daß er zuerst lärmte und sodann
einschlief. Der Jude hüllte sich darauf wieder in seinen Überrock,
sagte Nancy gute Nacht und faßte sie scharf ins Auge, während sie ihm
zur Erwiderung gleichfalls wohl zu schlafen wünschte und ihre Blicke
den seinigen begegneten. Sie waren vollkommen fest und ruhig. Das
Mädchen war so treu und verläßlich in der Sache, wie Toby Crackit nur
selbst sein konnte. Er warf Sikes, unbemerkt von ihr, noch einen Blick
des Hasses und der Verachtung zu und ging, durch die Zähne murmelnd:
«So sind sie alle. Das Schlimmste an den Weibsbildern ist, daß die
größte Kleinigkeit aufweckt in ihnen ein längst vergessenes Gefühl --
und das Beste, daß es nicht währt lange. Hi, hi, hi! Ich wette 'nen
Sack voll Gold auf den Mann gegen das Kind.»
Unter diesen angenehmen Gedanken ging Fagin seines Weges durch Schmutz
und Kot hin bis zu seiner düsteren Wohnstätte. Der Baldowerer war
aufgeblieben und erwartete ungeduldig die Rückkehr des Juden.
«Ist Oliver zu Bett? Ich wünsche ihn zu sprechen», war die erste Frage,
die er tat, als beide die Treppe hinunterstiegen.
«Schon seit mehreren Stunden», versetzte der Baldowerer, indem er eine
Tür aufstieß. «Hier ist er.»
Der Knabe lag fest schlafend auf einer harten Matratze auf dem
Fußboden, so bleich vor Angst, Traurigkeit und Verlassenheit in seinem
Gefängnis, daß er Ähnlichkeit mit einem Toten hatte -- nicht mit einem
Toten, wie er im Sarge und auf der Bahre liegt, sondern mit einem,
aus dem das Leben soeben entwichen ist, wenn ein junger, edler Geist
zum Himmel entflohen ist und die schwere Luft der Welt noch keine
Zeit gefunden hat, den zarten Schimmer, von dem er umgeben war, zu
verdrängen.