19. Kapitel.

In welchem ein verhängnisvoller Plan besprochen und beschlossen

wird.

Es war ein kalter, feuchter und stürmischer Abend, als der Jude seinen

eingeschrumpften Leib in einen Oberrock einhüllte, den Kragen über die

Ohren zog, so daß von seinem Gesicht nur die Augen zu sehen waren, und

sich aus seiner Höhle entfernte. Er blieb vor der Haustür stehen, bis

sie inwendig verschlossen und verriegelt war, und eilte darauf mit

leisen und flüchtigen Schritten die Straße hinunter.

Das Haus, in welches Oliver gebracht worden war, befand sich nahe bei

Whitechapel; der Jude stand an der nächsten Ecke ein paar Augenblicke

still, schaute forschend umher und schlug sodann die Richtung nach

Spitalfields ein.

Auf dem Pflaster lag dicker Schlamm, und ein dichter Nebel machte die

Dunkelheit noch dunkler. Für den Ausflug eines dämonischen Wesens,

wie es der Jude war, konnten Zeit, Wetter und alle Umgebungen nicht

passender sein. Der greuliche Alte glich, während er verstohlen durch

Nacht und Nebel und Kot dahineilte, einem ekelhaften Gewürm, das in

nächtlicher Finsternis aus seinem Verstecke herauskriecht, um wühlend

im Schlamme ein leckeres Mahl nach seiner Art zu halten.

Er setzte seinen Weg durch viele enge und winklige Gassen fort, bis er

Bethnal Green erreichte, wandte sich dann nach links und verschwand in

einem wahrhaften Labyrinth schmutziger Winkel, Straßen und Gassen jenes

zahlreich bevölkerten Stadtviertels, ohne jedoch ein einziges Mal zu

irren oder fehlzugehen, lenkte endlich in eine Sackgasse ein, klopfte

an die Tür eines Hauses und wurde, nachdem er ein paar Worte durch das

Schlüsselloch geflüstert, eingelassen und hinaufgeführt.

Als er auf den Griff einer Tür faßte, knurrte ein Hund, und eine grobe

Mannsstimme fragte, wer da wäre.

«Ich bin's, Bill, ich, mein Lieber», antwortete der Jude hineinschauend.

«So bringt Eur'n Leichnam 'rein», sagte Sikes. «Lieg' still, dumme

Bestie! Kennst den Teufel nicht, wenn er'n Überrock anhat?»

Der Hund schien in der Tat durch Fagins Verhüllung getäuscht zu sein;

denn sobald der Jude den Oberrock aufknöpfte, legte er sich, mit dem

Schweife wedelnd, wieder nieder.

«Nun?» sagte Sikes.

«Ja -- nun», erwiderte der Jude. «Ah, Nancy.»

Er schien etwas verlegen und zweifelhaft zu sein, wie er von Miß Nancy

empfangen werden würde, denn er hatte seine junge Freundin seit dem

Abend noch nicht wiedergesehen, an welchem sie so leidenschaftlich für

Oliver aufgetreten war. Das Benehmen der jungen Dame machte jedoch

bald aller Ungewißheit ein Ende. Sie schob ihren Stuhl zur Seite und

forderte Fagin auf, ohne Groll oder noch viel Worte sich mit an den

Kamin zu setzen, denn es wäre ein kalter Abend.

«Ja, 's ist bitter kalt, liebe Nancy», sagte Fagin und begann seine

knöchernen Hände über dem Feuer zu wärmen. «'s ist, als wenn der Wind

einem wehte durch und durch bis ins Innerste.»

«Das muß wirklich scharf sein, was bis an dein Herz dringt», bemerkte

Sikes. «Gib ihm 'nen Tropfen zu trinken, Nancy. Alle Donnerwetter, mach

geschwind! Man wird ganz übel davon, das alte Gerippe so schaudern zu

sehn wie'n häßliches Gespenst, das eben aus'm Grabe gestiegen ist.»

Nancy holte schnell eine Flasche aus dem Schranke; Sikes schenkte ein

Glas Branntwein ein und hieß den Juden es austrinken; Fagin berührte es

jedoch nur mit den Lippen und setzte es wieder auf den Tisch.

«Ausgetrunken, Spitzbube!» rief Sikes.

«Habe schon genug, danke, Bill!»

«Wie -- was? Fürchtest dich, daß wir dir ä Streich spielen?» fragte

Sikes, seine Augen scharf auf den Juden richtend.

Mit einem heiseren, verächtlichen Brummen ergriff Mr. Sikes das Glas

und goß den Inhalt in die Asche; dann füllte er es von neuem und

stürzte es hinunter.

Fagin blickte im Zimmer umher, nicht aus Neugierde, denn es war ihm

wohlbekannt, sondern unruhig, verstohlen, argwöhnisch, wie es ihm zur

Gewohnheit geworden war. Das Gemach war sehr schlecht möbliert. Nur der

Inhalt des Schrankes schien anzudeuten, daß es von einem gewöhnlichen

Arbeiter bewohnt würde; auch sah man nichts Verdächtiges, mit Ausnahme

einiger schwerer Knüttel, die in einem Winkel standen, und eines

«Lebensretters», der über dem Kaminsimse hing.

«Was hast du zu sagen, verdammter Jude?» fragte Sikes. «Weshalb bist du

hergeschlichen?»

«Wegen des Bayes[T] in Chertsey, Bill», erwiderte der Jude, dicht zu

ihm rückend und flüsternd.

[T] Haus.

«Nun -- und was weiter?»

«Ah -- Ihr wißt ja recht gut, was ich meine, Bill. Nicht wahr, Nancy,

er weiß es recht gut?»

«Nein, er weiß es nicht», fiel Sikes höhnisch ein, «oder will es nicht

wissen, was dasselbe ist. Sprich rein 'raus, nenn' die Dinge beim

rechten Namen und stell' dich nicht an, als wenn du nicht der erste

gewesen wärst, der an den Einbruch gedacht hat.»

«Pst, Bill, pst!» sagte Fagin, der sich vergebens bemüht hatte, Sikes

zum Stillschweigen zu bringen; «es wird uns jemand hören, mein Lieber,

es wird uns jemand hören!»

«Laß hören, wer will!» tobte Sikes; «'s ist mir alles gleich.»

Er sprach jedoch die letzten Worte schon weniger laut und heftig, da

ihm der Gedanke kam, daß es doch *nicht* gleich wäre oder sein könnte.

«Seid doch ruhig, Bill,» sagte der Jude besänftigend. «Es war ja nur

meine Vorsicht -- weiter nichts. Also wegen des Bayes in Chertsey, mein

Lieber. Wann soll's sein, Bill -- wann soll's sein? Solch Silberzeug,

Bill, solch Silberzeug!» setzte er händereibend und mit leuchtenden

Augen hinzu.

«Gar nicht», erwiderte Sikes trocken.

«Gar nicht?» wiederholte der Jude und lehnte sich erstaunt auf seinem

Stuhle zurück.

«Nein, gar nicht», sagte Sikes; «zum wenigsten kann's nicht so

ausgeführt werden, wie wir meinten.»

«Dann ist's nicht geschickt und ordentlich angegriffen», versetzte der

Jude, vor Verdruß erblassend. «Aber Ihr spaßt nur, Bill.»

«Ich lasse mich lieber hängen, als daß ich mit dir spaße, altes

Gerippe. Toby Crackit hat sich seit vierzehn Tagen die erdenklichste

Mühe gegeben, aber keinen von der Dienerschaft --»

«Ihr wollt doch nicht sagen, Bill,» unterbrach ihn der Jude ungeduldig,

doch aber ruhiger in dem Maße, als Sikes wieder heftig zu werden

anfing; «Ihr wollt doch nicht sagen, daß keiner von den beiden

Bedienten könnte werden gewonnen, zu machen Kippe?»

«Das will ich allerdings sagen», antwortete Sikes. «Sie sind seit

zwanzig Jahren bei der alten Frau im Dienst gewesen und würden's nicht

tun für fünfhundert Pfund.»

«Aber die weibliche Dienerschaft, mein Lieber -- läßt sich die auch

nicht beschwatzen?»

«Nein!»

«Wie -- auch nicht vom schmucken, geriebenen Toby Crackit?» entgegnete

der Jude ungläubig. «Bedenkt doch nur, wie die Weibsen sind, Bill!»

«Nein, auch nicht von Toby Crackit», erwiderte Sikes. «Er hat die ganze

Zeit, daß er's Bayes umschlichen, falsche Knebelbärte und 'ne gelbe

Weste getragen; hat aber alles nicht helfen wollen.»

«Er hätt's versuchen sollen mit 'nem Schnurrbart und Soldatenhosen,

mein Lieber», sagte der Jude nach einigem Besinnen.

«Das hat er auch schon getan, und 's ist ebenso vergeblich gewesen.»

Der Jude machte eine verdrießliche und verlegene Miene dazu, versank

auf ein paar Minuten in tiefes Nachsinnen und sagte endlich mit einem

schweren Seufzer, wenn man sich auf Toby Crackits Berichte verlassen

könnte, so fürchte er, daß der Plan aufgegeben werden müsse. «'s ist

aber sehr betrübend, Bill,» setzte er, die Hände auf die Knie stützend,

hinzu, «so viel zu verlieren, wenn man einmal den Sinn hat gesetzt

darauf.»

«Freilich,» sagte Sikes, «'s ist ganz verdammt ärgerlich!»

Es folgte ein langes Stillschweigen. Der Jude war in tiefe Gedanken

verloren, und sein Gesicht nahm einen Ausdruck wahrhaft satanischer

Spitzbüberei an. Sikes blickte ihn von Zeit zu Zeit verstohlen von

der Seite an, und Nancy heftete, aus Furcht, den Wohnungsinhaber

zu erzürnen, die Augen auf das Feuer, als wenn sie bei allem, was

gesprochen worden, taub gewesen wäre.

«Fagin,» unterbrach Sikes endlich die allgemeine Stille, «schafft's

fünfzig Füchse extra, wenn's durch Einbruch vollbracht wird?»

«Ja!» rief der Jude, wie aus einem Traume erwachend.

«Abgemacht?» fragte Sikes.

«Ja, mein Lieber,» erwiderte der Jude, indem er ihm die Hand reichte;

und jede Muskel seines Gesichts gab Zeugnis, wie freudig und lebhaft

er durch diese Frage überrascht worden war.

Sikes schob die Hand des Juden verächtlich zurück und fuhr fort: «Dann

mag's geschehen, sobald du willst, Alter. Toby und ich sind vorgestern

über die Gartenmauer g'wesen und haben die Türen und Fensterläden

untersucht. Die Bayes ist nachts verrammelt wie'n Dobes; wir haben

aber 'ne Stelle gefunden, wo wir leise und mit Sicherheit schränken[U]

können.»

[U] einbrechen.

«Wo ist denn die Stelle, Sikes?» fragte der Jude sehr gespannt.

«Man geht über den Rasenplatz,» flüsterte Sikes, «und dann --»

«Nun, und dann?» unterbrach ihn der Jude, sich ungeduldig vorbeugend.

«Dann --» sagte der Schränker, brach jedoch kurz ab, denn Nancy gab

ihm, kaum den Kopf bewegend, einen Wink, nach des Juden Gesicht zu

sehen. «'s ist ganz gleich, wo die Stelle ist», fuhr er fort. «Ich

weiß, daß du's nicht kannst ohne mich; aber man tut wohl daran, sich

auf Nummer Sicher zu setzen, wenn man mit dir zu tun hat.»

«Nach Eurem Belieben, Bill, nach Eurem Belieben», erwiderte der Jude,

sich auf die Lippen beißend. «Könnt Ihr's mit Toby allein, und braucht

Ihr weiter keinen Beistand?»

«Nein; bloß ein Dreheisen und 'nen Knaben. Das Eisen haben wir, den

Buben mußt du uns schaffen.»

«'nen Knaben!» rief der Jude aus. «Ah, dann ist's ein Paneel -- wie?»

«Es kann dir gleichviel sein, was es ist», erwiderte Sikes. «Ich

brauche 'nen Buben, und er darf nicht groß sein. Wenn mir nur nicht der

von Ned, dem Schornsteinfeger, durch die Lappen 'gangen wäre! Er hielt

ihn mit Absicht klein und schmächtig und lieh ihn aus für'n Billiges.

Aber so geht's, der Vater wird gerumpelt[V], und wie der Blitz ist

der Verein für verlassene Kinder da und nimmt den Jungen aus 'nem

Geschäft, darin er Geld hätte verdienen können, lehrt ihn Lesen und

Schreiben, und der Bube wird dann Lehrling, Gesell, endlich Meister,»

sagte Sikes mit steigendem Zorn über einen so unrechtmäßigen Verlauf,

«und so geht's mit den meisten; und hätten sie immer Geld genug, was

sie Gott Lob und Dank nicht haben, so würden wir nach ein paar Jahren

keinen einzigen Jungen mehr im Geschäft halten.»

[V] deportiert.

«Ja, ja», stimmte der Jude ein, der unterdes überlegt und nur die

letzten Worte gehört hatte. «Bill!»

«Was gibt's?»

Der Jude deutete verstohlen auf Nancy hin, die noch immer in das Feuer

schaute, und gab Sikes durch Zeichen seinen Wunsch zu erkennen, mit ihm

allein gelassen zu werden. Sikes zuckte ungeduldig die Achseln, als wenn

er die Vorsicht für überflüssig hielte, forderte indes Nancy auf, ihm

einen Krug Bier zu holen.

«Ihr seid nicht durstig, Bill», sagte Nancy mit der vollkommensten Ruhe

und schlug die Arme übereinander.

«Ich sage dir, ich bin durstig!» entgegnete Sikes.

«Dummes Zeug! Fahrt fort, Fagin. Ich weiß, was er sagen will, Bill; ich

kann's auch hören.»

Der Jude zögerte, und Sikes sah etwas verwundert bald ihn, bald das

Mädchen an.

«Brauchst dich vor dem alten Mädchen nicht zu scheuen, Fagin», sagte er

endlich. «Hast sie lange genug gekannt und kannst ihr trauen, oder der

Teufel müßte drin sitzen. Sie wird nicht mosern[W]; nicht wahr, Nancy?»

[W] verraten.

«Ihr sollt's wohl meinen», erwiderte sie, ihren Stuhl an den Tisch

schiebend und den Kopf auf die Ellbogen stützend.

«Nein, nein, liebes Kind», fiel der Jude ein; «ich weiß das sehr wohl;

nur --» Er hielt wieder inne.

«Nun, was denn nur?» fragte Sikes.

«Ich weiß nur nicht, ob sie nicht vielleicht wieder werden würde

unwirsch, mein Lieber, wie vor einigen Abenden», erwiderte Fagin.

Bei diesem Geständnisse brach Nancy in ein lautes Gelächter aus,

stürzte ein Glas Branntwein hinunter, erklärte unter mehrfachen

kräftigen Beteuerungen, daß sie alles hören könne, wolle und werde und

so standhaft, mutvoll und treu sei wie eine oder einer. -- «Fagin,»

sagte sie lachend, «sprecht nur ohne Umschweife zu Bill von Oliver!»

«Ah! Du bist ein so gewitztes Mädchen, wie ich je eins gesehen»,

versicherte der Jude und klopfte sie auf die Wange. «Ja, ich wollte

wirklich sprechen von Oliver; ha, ha, ha!»

«Was ist mit ihm los?» fragte Sikes.

«Daß er der Knabe ist, den Ihr braucht, mein Lieber», erwiderte der

Jude in einem heiseren Flüstern, den Finger an die Nase legend und mit

einem fürchterlichen Grinsen.

«Der Oliver?!» rief Bill aus.

«Nimm ihn, Bill», sagte Nancy. «Ich tät's, wenn ich an deiner Stelle

wäre. Mag sein, daß er nicht so gepfifft und dreist ist wie einer

von den andern; aber das ist auch nicht nötig, wenn du ihn bloß dazu

brauchen willst, daß er dir 'ne Tür aufmacht. Verlaß dich darauf, er

ist petacht[X], Bill.»

[X] zuverlässig.

«Ich weiß, daß er's ist», fiel Fagin ein. «Er ist in den letzten

Wochen geschult gut, und 's ist Zeit, daß er anfängt, für sein Brot zu

arbeiten; außerdem sind die andern alle zu groß.»

«Ja, die rechte Größe hat er», bemerkte Sikes nachdenklich.

«Und er wird alles tun, wozu Ihr ihn nötig habt, Bill», sagte der Jude.

«Er kann nicht anders -- nämlich, wenn Ihr ihn nur genug haltet in

Furcht und Schrecken.»

«Das könnte geschehen -- und nicht bloß zum Spaß. Ist was nicht richtig

mit ihm, wenn wir einmal erst am Werk sind -- alle Teufel! -- so siehst

du ihn nicht lebendig wieder, Fagin. Bedenk' das, eh' du ihn schickst.»

Er hatte ein schweres Brecheisen unter dem Bette hervorgezogen und

schüttelte es unter drohenden Gebärden.

«Ich habe alles bedacht», erwiderte der Jude entschlossen. «Ich hab'

ihn beobachtet, meine Lieben, wie ein Falke die Augen auf ihn gehabt.

Laßt ihn nur erst wissen, daß er einer der Unsrigen ist; laßt ihn nur

erst wissen, daß er gewesen ist ein Dieb, und er ist unser -- unser auf

sein Leben lang! Oho! Es hätte nicht besser können kommen!» Er kreuzte

die Arme über der Brust, zog den Kopf zwischen die Schultern und

umarmte sich gleichsam selbst vor Behagen und Freude.

«Unser!» höhnte Sikes. «Du willst sagen: dein.»

«Könnte vielleicht sein, mein Lieber», sagte der Jude kichernd. «Wenn

Ihr's so wollt, Bill, mein.»

Sikes warf seinem angenehmen Freunde finster-grollende Blicke zu. «Und

warum bemühst du dich denn so sehr um das Kreidegesicht,» sagte er,

«da du doch weißt, daß jede Nacht fünfzig Buben im Common Garden[Y]

dormen[Z], unter denen du die Wahl hast?»

[Y] Coventgarden.

[Z] schlafen.

«Weil ich sie nicht gebrauchen kann, mein Lieber», erwiderte der

Jude ein wenig verwirrt. «Sie sind's nicht wert, daß man's versucht

mit ihnen, denn wenn sie in Ungelegenheiten geraten, steht ihnen

geschrieben auf der Stirn, was sie sind und was sie haben getan,

und sie gehen mir alle kapores. Aber mit diesem Knaben, wenn er nur

gebraucht wird geschickt, kann ich ausrichten mehr als mit zwanzig

von den anderen. Außerdem,» fügte er wieder in vollkommener Fassung

hinzu, «außerdem *haben wir* ihn dann fest jetzt, wenn er uns wieder

entwischen könnte, und *er* muß bleiben mit uns im selben Boot,

gleichviel wie er gekommen ist hinein; ich habe Macht genug über ihn,

wenn er nur ein einziges Mal ist gewesen bei 'nem Schränken -- mehr

brauch' ich nicht. Und wieviel ist das besser, als wenn wir müßten den

armen, kleinen Knaben über die Seite schaffen, was würde gefährlich

sein -- und wodurch wir verlieren würden viel!»

Sikes schwebte eine starke Mißbilligung bei Fagins plötzlicher

Anwandlung von Menschlichkeit auf den Lippen, Nancy kam ihm jedoch

durch die Frage zuvor, wann der Einbruch geschehen sollte.

«Ja, Bill, ja -- wann soll es sein?» fragte auch der Jude.

«Ich hab's mit Toby auf übermorgen nacht verabredet,» antwortete Sikes

mürrisch, «wenn ich ihm keine anderweitige Nachricht zugehen lasse.»

«Gut», sagte der Jude; «es wird doch kein Mondschein sein?»

«Nein», erwiderte Sikes.

«Ist auch bedacht alles wegen Fortschaffens der Sechore[AA]?» fragte

Fagin.

[AA] Gestohlenes Gut.

Sikes nickte.

«Und wegen --»

«Ja, ja, 's ist alles verwaldiwert[AB],» unterbrach ihn Sikes; «scher

dich nur nicht weiter drum. Bring' den Buben lieber morgen abend her.

Ich werde 'ne Stunde nach Tagesanbruch auf und davon sein. Und dann

halt's Maul und stelle den Schmelztiegel bereit; das ist alles, was du

zu tun hast.»

[AB] verabredet.

Nach einigem Hin- und Herreden, woran alle drei tätigen Anteil nahmen,

wurde beschlossen, daß Nancy am folgenden Abend Oliver herbringen

solle. Fagin hielt dafür, daß er Nancy am ersten folgen würde, wenn er

etwa abgeneigt wäre. Ebenso wurde feierlich verabredet, daß der Knabe

zum Zweck der beabsichtigten Unternehmung Sikes unbedingt übergeben

werden solle, und zwar so, daß derselbe mit ihm nach Gutdünken

verfahren dürfe, ohne dem Juden für irgendeinen Unfall, der ihn treffen

könnte, oder irgendeine Züchtigung verantwortlich zu sein, die sein

Beschützer etwa für notwendig erachten möchte; auch sollte der letztere

alle seine Angaben nach seiner Rückkehr durch Toby Crackits Zeugnis

bestätigen lassen. Sikes bekräftigte vorläufig den edlen Bund und

die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen durch ein Glas Branntwein nach

dem andern, was die Wirkung hatte, daß er zuerst lärmte und sodann

einschlief. Der Jude hüllte sich darauf wieder in seinen Überrock,

sagte Nancy gute Nacht und faßte sie scharf ins Auge, während sie ihm

zur Erwiderung gleichfalls wohl zu schlafen wünschte und ihre Blicke

den seinigen begegneten. Sie waren vollkommen fest und ruhig. Das

Mädchen war so treu und verläßlich in der Sache, wie Toby Crackit nur

selbst sein konnte. Er warf Sikes, unbemerkt von ihr, noch einen Blick

des Hasses und der Verachtung zu und ging, durch die Zähne murmelnd:

«So sind sie alle. Das Schlimmste an den Weibsbildern ist, daß die

größte Kleinigkeit aufweckt in ihnen ein längst vergessenes Gefühl --

und das Beste, daß es nicht währt lange. Hi, hi, hi! Ich wette 'nen

Sack voll Gold auf den Mann gegen das Kind.»

Unter diesen angenehmen Gedanken ging Fagin seines Weges durch Schmutz

und Kot hin bis zu seiner düsteren Wohnstätte. Der Baldowerer war

aufgeblieben und erwartete ungeduldig die Rückkehr des Juden.

«Ist Oliver zu Bett? Ich wünsche ihn zu sprechen», war die erste Frage,

die er tat, als beide die Treppe hinunterstiegen.

«Schon seit mehreren Stunden», versetzte der Baldowerer, indem er eine

Tür aufstieß. «Hier ist er.»

Der Knabe lag fest schlafend auf einer harten Matratze auf dem

Fußboden, so bleich vor Angst, Traurigkeit und Verlassenheit in seinem

Gefängnis, daß er Ähnlichkeit mit einem Toten hatte -- nicht mit einem

Toten, wie er im Sarge und auf der Bahre liegt, sondern mit einem,

aus dem das Leben soeben entwichen ist, wenn ein junger, edler Geist

zum Himmel entflohen ist und die schwere Luft der Welt noch keine

Zeit gefunden hat, den zarten Schimmer, von dem er umgeben war, zu

verdrängen.

Oliver Twist(#56586) · 第 26 / 67 题