«Es liegt ein Ausdruck in den Zügen des Knaben, der mich ganz wunderbar
ergreift», sprach er bei sich selbst. «Sollte er nicht unschuldig sein?
Er sah aus, als wenn er -- hm! -- ist mir's doch in der Tat, als wenn
ich dieses Gesicht oder ein ganz ähnliches schon gesehen hätte.»
Er sann und sann, rief sich die Züge seiner Freunde, Feinde und
Bekannten, alter und neuer, längst vergessener, längst im Grabe
ruhender ins Gedächtnis zurück, vermochte sich aber dennoch auf keines
zu entsinnen, mit welchem Oliver Ähnlichkeit gehabt hätte. «Nein, es
muß Einbildung sein», sagte er endlich seufzend und kopfschüttelnd.
Er wurde durch eine Berührung an der Schulter aus seinem Sinnen
aufgeschreckt und bemerkte, als er sich umwandte, den Schließer, der
ihn aufforderte, ihm ins Amtszimmer zu folgen. Als er eintrat, saß Mr.
Fang, der Polizeirichter, bereits hinter einer Barriere am oberen Ende,
und neben der Tür befand sich eine Art von hölzernem Verschlag, in dem
der arme Oliver, an allen Gliedern zitternd, hockte. Mr. Fangs Antlitz
hatte den Ausdruck der Härte und war sehr rot. Wenn er nicht mehr zu
trinken pflegte, als ihm gut war, so hätte er gegen sein Gesicht eine
Injurienklage anstellen können, und sicher würden ihm beträchtliche
Entschädigungsgelder zuerkannt worden sein.
Der alte Herr verbeugte sich ehrerbietig.
«Hier ist mein Name und meine Adresse, Sir!» sagte er und reichte Mr.
Fang seine Karte.
Mr. Fang, der eben seine Zeitung las, war unwillig über die Störung und
blickte ärgerlich auf.
«Wer sind Sie?»
Der alte Herr wies ein wenig erstaunt auf seine Karte.
Mr. Fang stieß sein Zeitungsblatt nebst der Karte verächtlich zur Seite.
«Gerichtsdiener! Wer ist dieser Mensch?»
«Sir, ich heiße Brownlow», fiel der alte Herr mit dem Anstande eines
Gentleman in starkem Kontrast zu Mr. Fang ein. «Erlauben Sie, daß ich
um den Namen des Richters bitte, der einen anständigen Mann ohne alle
Veranlassung im Gerichtslokale beleidigt.»
«Gerichtsdiener!» herrschte Fang; «wessen ist dieser Mensch angeklagt?»
«Er ist nicht angeklagt, Ihr Edeln, sondern erscheint als Ankläger des
Knaben.»
Seine Edeln wußten das sehr wohl, konnten jedoch auf die Weise ganz
sicher unangenehme Dinge sagen.
«Erscheint als Ankläger des Knaben -- so!» sagte Fang, Brownlow
verächtlich von Kopf bis zu den Füßen betrachtend. «Nehmen Sie ihm den
Eid ab.»
«Bevor das geschieht, muß ich mir ein paar Worte erlauben», fiel
Brownlow ein. «Ich würde nämlich, ohne daß es mir wirklich widerfahren
wäre, niemals geglaubt haben --»
«Halten Sie den Mund, Sir!» unterbrach ihn Fang in befehlshaberischem
Tone.
«Ich will und werde reden!» sagte Brownlow ebenso bestimmt.
«Sie halten augenblicklich den Mund, Sir, oder ich lasse Sie
hinausbringen. Sie sind ein unverschämter Mensch! Wie können Sie es
wagen, sich den Anordnungen eines Richters widersetzen zu wollen?»
Dem alten Herrn stieg das Blut ins Gesicht.
«Vereidigen Sie dieses Individuum!» rief Fang dem Schreiber zu. «Ich
will durchaus nichts mehr hören.»
Brownlow war im höchsten Grade entrüstet, glaubte aber, dem Knaben
möglicherweise schaden zu können, wenn er seine Gefühle nicht
unterdrückte, und legte daher den Eid ab.
«Wohin geht Ihre Anklage?» fragte ihn Fang darauf. «Was haben Sie zu
sagen, Sir?»
«Ich stand vor einem Bücherladen», begann Brownlow, allein Fang
unterbrach ihn.
«Schweigen Sie, Sir. Wo ist der Polizist? Vereidigen Sie den
Polizisten. Polizist -- reden Sie!»
Der Polizist berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, wie er den
Knaben gefunden, und wie er ihm die Taschen durchsucht und nichts
gefunden habe; -- mehr wisse er nicht.
«Sind Zeugen vorhanden?» fragte Fang.
«Nein, Ihr Edeln.»
Fang saß ein paar Minuten schweigend da, wendete sich darauf zu
Brownlow und sagte in großer Hitze: «Denken Sie Ihre Anklage gegen den
Knaben anzubringen oder nicht? Sie haben geschworen. Verweigern Sie Ihr
Zeugnis, so werd' ich Sie wegen Nichtachtung der Richterbank in Strafe
nehmen; das werd' ich, beim --»
Es ist und bleibt unbekannt, bei wem; denn der Schreiber hustete im
rechten Augenblick und ließ ein Buch zur Erde fallen -- natürlich nur
zufällig.
Brownlow konnte endlich vorbringen, was er zu sagen hatte, und fügte
hinzu, daß er die Hoffnung hege, der Richter werde die Gesetze so mild
wie möglich anwenden, wenn er es als erwiesen annehmen sollte, daß der
Knabe, wenn er nicht selbst ein Dieb sei, doch mit Dieben in Verbindung
stehe.
«Er ist bereits hart beschädigt,» schloß er, «und ich fürchte, daß ihm
sehr unwohl ist.»
«Unwohl -- so, so!» sagte Fang mit einem höhnischen Lächeln. «Du
spielst mir hier keine Komödie, du kleiner Landstreicher, das sag' ich
dir; kommst mir damit nicht durch. Wie heißest du?»
Oliver wollte antworten, aber die Zunge versagte den Dienst. Er war
totenblaß, und alles schien sich mit ihm zu drehen.
«Wie heißest du, du verhärteter Schlingel?» donnerte ihn Fang
wiederholt an. «Gerichtsdiener, wie heißt der Bube?»
Der Gerichtsdiener beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage,
gewahrte aber, daß der Knabe wirklich nicht imstande war zu antworten,
und sagte daher, weil er wußte, daß der Richter sonst nur noch wütender
werden und eine noch härtere Strafe diktieren würde: «Er sagt, sein
Name wäre Tom White, Ihr Edeln.»
«Wo wohnt er?» fragte Fang weiter.
«Wo er eben kann!» erwiderte der gutherzige Gerichtsdiener abermals für
Oliver.
«Hat er Eltern?»
«Er sagt, sie wären in seiner Kindheit gestorben, Ihr Edeln!»
entgegnete der Gerichtsdiener. Es war die gewöhnliche Antwort in Fällen
dieser Art.
Oliver hob bei der letzten Frage den Kopf empor, sah mit flehenden
Blicken umher und bat mit schwacher Stimme um ein Glas Wasser.
«Albernheiten!» sagte Fang. «Hab' mich ja nicht zum Narren, Bursch!»
«Ich glaube wirklich, daß ihm unwohl ist, Ihr Edeln!» wendete der
Gerichtsdiener ein.
«Ich weiß es besser», fuhr Fang auf.
«Gerichtsdiener, halten Sie ihn!» rief der alte Herr, «oder er sinkt zu
Boden.»
«Zurück da, Gerichtsdiener!» tobte Fang; «mag er, wenn's ihm beliebt.»
Oliver bediente sich der freundlichen Erlaubnis und fiel ohnmächtig von
seiner Bank herunter.
Der Richter befahl, ihn liegen zu lassen, bis er wieder zu sich käme;
der Schreiber fragte leise, wie Mr. Fang zu verfahren gedächte.
«Summarisch», erwiderte Mr. Fang. «Er wird drei Monate eingesperrt --
natürlich bei harter Arbeit.»
Zwei Schließer schickten sich an, den ohnmächtigen Knaben in seine
Zelle zu tragen, als plötzlich ein ältlicher, ärmlich, aber anständig
gekleideter Mann atemlos hereintrat.
«Halt -- halt!» rief er; «um des Himmels willen noch einen Augenblick
Geduld.»
Obgleich die Polizeibeamten die willkürlichste Gewalt über die
Freiheit, den guten Ruf und Namen, ja fast das Leben der königlichen
Untertanen, besonders der ärmeren Klassen, zu üben pflegen, und
obgleich in den Polizeigerichten genug Dinge vorgehen, um den Engeln
blutige Tränen auszupressen, so erfährt das Publikum doch nichts davon,
ausgenommen durch das Medium der Tagespresse. Mr. Fang war daher nicht
wenig entrüstet, einen ungebetenen Gast eintreten und so ordnungswidrig
auftreten zu sehen.
«Was ist das? Wer ist das? Werft den Menschen hinaus!» rief er.
«Ich will und muß reden, Sir; ich lasse mich nicht hinauswerfen; hab's
alles angesehen. Ich bin der Besitzer des Buchladens. Ich verlange,
vereidigt zu werden. Mr. Fang, Sie müssen mich anhören -- Sie können es
nicht wagen, mein Zeugnis zurückzuweisen, Sir.»
Er war im Recht und sah zu entschlossen aus, als daß der Richter
es hätte wagen dürfen, ihn abzuweisen. Fang ließ ihm daher den Eid
abnehmen und fragte darauf, was er zu sagen habe.
«Ich sah drei Knaben -- zwei andere und diesen hier -- um den Herrn
da herumschleichen, der vor meinem Laden stand und las. Der Diebstahl
wurde von einem anderen Knaben begangen, und dieser war ganz erstaunt
darüber -- sah aus, als wenn ihn der Schlag gerührt hätte.»
«Warum kamen Sie nicht schon früher her?»
«Ich hatte niemand, nach meinem Laden zu sehen, und bin hergelaufen,
sobald ich jemand auftreiben konnte.»
«Also der Ankläger las?»
«Ja, Sir -- in dem Buche, das er in diesem Augenblicke in der Hand hat.»
«Ah -- ist es bezahlt?»
«Nein!» erwiderte der Buchhändler lächelnd.
«Mein Himmel, das hab' ich ganz vergessen!» rief der zerstreute alte
Herr ganz unbefangen aus.
«Vortrefflich! -- Und Sie werfen sich zum Ankläger eines unglücklichen,
armen Knaben auf!» bemerkte Fang mit komisch aussehender Anstrengung,
eine menschenfreundliche Miene anzunehmen. «Es scheint mir, Sir, daß
Sie unter sehr verdächtigen und unehrenhaften Umständen zu dem Buche
gelangt sind, und Sie können sich sehr glücklich schätzen, wenn der
Eigentümer nicht als Ankläger gegen Sie auftreten will. Nehmen Sie
sich dies zur Lehre, mein Freund, oder Sie verfallen noch einmal dem
Gesetze. Der Knabe ist freizulassen. Räumen Sie das Gerichtszimmer!»
Der alte Herr wurde unter Ausbrüchen der Entrüstung, die er nicht
länger mehr zurückzuhalten vermochte, hinausgeführt. Er stand im
Hofraume, und sein Zorn verschwand. Oliver lag auf dem Steinpflaster;
man hatte ihm die Schläfe mit Wasser gewaschen; er war weiß wie eine
Leiche und zitterte krampfhaft am ganzen Leibe. «Armes Kind, armes
Kind!» sagte Mr. Brownlow, sich über ihn hinunterbeugend. «Leute, ich
bitte, schaff' mir doch jemand sogleich einen Mietwagen.»
Gleich darauf fuhr ein leerer Wagen vorüber, Oliver wurde sorgfältig
hineingehoben und auf einen Sitz gelegt, während der alte Herr auf dem
anderen Platz nahm.
«Darf ich Sie begleiten?» fragte der Buchhändler.
«Ja, ja, mein werter Herr!» erwiderte Brownlow. «Ich habe Sie
vergessen; verzeihen Sie. Und da hab' ich auch das unglückliche Buch
noch. Steigen Sie geschwind ein, es ist keine Zeit zu verlieren.»
Der Buchhändler setzte sich zu Brownlow, und sie fuhren ab.