In welchem Oliver kräftig auftritt.
Es trat gerade eine sehr ungesunde Zeit ein, und Oliver sammelte daher
in wenigen Wochen viel Erfahrung. Die Erfolge der scharfsinnigen
Spekulation Mr. Sowerberrys übertrafen alle seine Erwartungen. Die
ältesten Leute wußten sich nicht zu erinnern, daß so viele Kinder an
den Masern gestorben waren, und Oliver mit schwarzen, bis an die Knie
herunterreichenden Hutbändern führte einen Leichenzug nach dem andern
an. Die Mütter bewunderten ihn über die Maßen und waren unbeschreiblich
gerührt. Da er seinen Herrn auch zu den meisten Begräbnissen von
Erwachsenen begleiten mußte, um sich die für einen vollkommenen
Leichenbestatter so notwendige gemessene Ruhe und Selbstbeherrschung
anzueignen, so hatte er häufig Gelegenheit, die schöne Ergebung und
Seelenstärke zu bemerken, welche so viele Leute bei ihren schmerzlichen
Prüfungen und Verlusten beweisen.
Hatte Sowerberry zum Beispiel das Begräbnis einer reichen alten Dame
oder eines reichen alten Herrn zu besorgen, der von einer großen
Anzahl von Neffen und Nichten umgeben war, welche sich während seiner
Krankheit vollkommen untröstlich gezeigt und ihren Schmerz nicht einmal
vor den Augen des großen und größten Publikums hatten bemeistern
können, so blieb es selten aus, daß sie unter sich so heiter waren,
als man es nur wünschen konnte, und so froh und zufrieden miteinander
redeten oder auch lachten, als wenn sie ganz und gar keine Trübsal
erlebt hätten. Ehemänner ertrugen den Verlust ihrer Frauen mit der
heldenmütigsten Ruhe, und Ehefrauen legten die Trauerkleider um ihre
Männer auf eine Weise an, als wenn sie dadurch nicht etwa Schmerz
andeuten, sondern so anziehend als möglich erscheinen wollten. Viele
Damen und Herren, welche bei der Beerdigung der Verzweiflung nahe
zu sein schienen, beruhigten sich schon auf dem Heimwege und waren
vollkommen gefaßt, bevor die Teestunde vorüber war. Dieses alles war
sehr angenehm und lehrreich anzuschauen, und Oliver sah es mit großer
Bewunderung.
Daß das Beispiel so vieler Leidtragenden ihn zur Ergebung und Geduld
gestimmt hätte, kann ich mit Bestimmtheit nicht behaupten, sondern
vermag nur so viel zu sagen, daß er wochenlang mit Sanftmut die
Tyrannei und üble Behandlung ertrug, die er von seiten Noahs erfuhr,
der um so erbitterter gegen ihn wurde, weil sein Neid gegen ihn
erregt worden war. Charlotte mißhandelte ihn, weil es Noah tat, und
Mrs. Sowerberry war seine erklärte Feindin, weil ihr Gatte sich ihm
ziemlich freundlich erwies. Und so befand sich denn Oliver bei diesen
Feindschaften und fortwährender Leichenbegleitungslast nicht ganz so
behaglich wie das hungrige Ferklein, das aus Versehen in die Kornkammer
einer Brauerei eingeschlossen war.
Es muß aber jetzt ein an sich unbedeutender Vorfall erzählt werden, der
jedoch eine bedeutende Veränderung mit Oliver selbst wie mit seinen
Lebensschicksalen zur Folge hatte.
Sein Peiniger trieb seine gewöhnlichen Neckereien weiter als gewöhnlich
und hatte es offenbar darauf angelegt, ihn außer Fassung und zum Weinen
zu bringen, was ihm jedoch nicht gelingen wollte. Endlich sagte Noah
scherzend, er werde nicht verfehlen zuzuschauen, wenn Oliver gehängt
würde, und fügte hinzu: «Was wird aber deine Mutter dazu sagen -- und
wie geht's ihr denn?»
«Sie ist tot», entgegnete Oliver; «untersteh dich aber nicht, mir etwas
Schlechtes über sie zu sagen.»
Oliver wurde feuerrot, als er das sagte; er atmete rasch, um Mund
und Nase zuckte es ihm eigentümlich, und Claypole hielt dies für ein
untrügliches Anzeichen, daß Oliver bald heftig weinen werde. In dieser
Überzeugung ging er in seiner Quälerei weiter.
«Woran starb sie denn, Armenhäusler?» fragte er.
«An Kummer und Herzleid, wie mir eine unserer alten Wärterinnen gesagt
hat,» erwiderte Oliver, mehr, wie wenn er mit sich selbst redete, als
Noahs Frage beantwortend. «Ich glaube, daß ich's weiß, was es heißt,
daran zu sterben!»
Über seine Wange rollte eine Träne hinab, Noah pfiff eine muntere Weise
und sagte darauf: «Was hast du denn zu plärren -- um deine Mutter?»
«Daß du mir kein Wort mehr von ihr sagst -- sonst nimm dich in acht!»
rief Oliver.
«Ich soll mich in acht nehmen -- ich -- mich in acht nehmen vor einem
solchen unverschämten Tunichtgut? Und von wem soll ich kein Wort mehr
sagen? Von deiner Mutter? Die mag auch die rechte gewesen sein -- ha,
ha, ha!»
Oliver verbiß seine Pein und schwieg. Noah nahm den Ton spöttischen
Mitleids an.
«Nun, nun, sei nur ruhig; 's ist nichts mehr dran zu ändern, und ich
bedaure dich, wie's alle tun. Indes ist das wahr, ich weiß es, deine
Mutter taugte nichts; sie ist eine ganz verworfene Person gewesen.»
«Was sagst du?» rief Oliver rasch aufblickend.
«Eine ganz verworfene Person,» erwiderte Noah kühl, «und es war nur
gut, daß sie starb, denn es würde ihr jetzt schlecht genug ergehen in
der Tretmühle, wenn sie anders nicht deportiert oder gehängt worden
wäre. Hab' ich nicht recht, Armenhäusler?»
Olivers Geduld war zu Ende; purpurrot vor Wut sprang er auf, warf
seinen Stuhl samt dem Tische um, faßte Noah bei der Kehle, schüttelte
ihn so stark, daß ihm die Zähne im Munde klapperten, sammelte seine
ganze Kraft und schlug ihn mit einem einzigen Schlage zu Boden.
Eine Minute vorher hatte er das Aussehen des stillen, sanftmütigen,
eingeschüchterten Kindes noch gehabt, zu dem harte Behandlung ihn
gemacht hatte. Aber sein Mut war endlich erwacht; die tödliche
Beleidigung, die Noah seiner toten Mutter zugefügt, hatte sein Blut
in Wallung gebracht. Seine Brust hob sich, er stand aufrecht da wie
ein Held, sein Auge strahlte lebhaft; sein ganzes Wesen war verändert,
als er funkelnden Blickes vor dem feigen Quäler stand, der jetzt
zusammengekrümmt zu seinen Füßen lag.
«Er ermordet mich!» heulte Noah. «Charlotte, Fräulein! Der neue
Lehrjunge ermordet mich! Zu Hilfe, zu Hilfe! Oliver ist verrückt
geworden! Char--lotte!»
Noahs Geschrei wurde durch ein lautes Aufkreischen von Charlottes Seite
und durch ein lauteres von seiten Mrs. Sowerberrys beantwortet; die
erstere stürzte durch eine Seitentür in die Küche, während die letztere
noch auf der Treppe zauderte, bis sie sich völlig davon überzeugt
hatte, daß sie näher treten konnte, ohne ihr kostbares Leben zu
gefährden.
«Du verdammter Halunke!» schrie Charlotte und packte Oliver kräftig am
Arme. «Du undankbarer, mordgieriger, abscheulicher Schuft!» Und dabei
schlug sie unausgesetzt aus Leibeskräften auf Oliver ein.
Charlottes Faust gehörte nicht zu den leichtesten, und jetzt kam ihr
auch noch Mrs. Sowerberry zu Hilfe, die in die Küche stürzte und ihn
mit der einen Hand festhielt, während sie ihm mit der anderen das
Gesicht zerkratzte. Bei diesem günstigen Stande der Angelegenheit erhob
sich auch Noah vom Fußboden und griff ihn von hinten an.
Dieser dreifache Angriff war zu heftig, als daß er lange hätte dauern
können. Als sie alle drei ermüdet waren und nicht länger zerren und
schlagen konnten, schleppten sie Oliver in den Kehrichtkeller und
schlossen ihn hier ein. Nachdem dies glücklich vollbracht war, sank
Mrs. Sowerberry auf einen Stuhl und brach in Tränen aus.
«Um Gottes willen, sie stirbt!» rief Charlotte. «Ein Glas Wasser,
liebster Noah! Spute dich!»
«O Charlotte», sagte Mrs. Sowerberry stöhnend, «was für ein Glück, daß
wir nicht alle in unseren Betten ermordet worden sind!»
«Ja, Madam,» lautete die Antwort, «das ist in der Tat ein Glück von
Gott. Der arme Noah! Er war schon halb ermordet, als ich hineinkam.»
«Armer Junge!» sagte Mrs. Sowerberry, indem sie mitleidig auf den
Knaben blickte. «Was sollen wir anfangen?» fuhr sie nach einer Weile
fort. «Der Herr ist nicht daheim; es ist kein Mann im ganzen Hause, und
er wird die Kellertür in zehn Minuten eingestoßen haben.»
«Mein Gott, mein Gott!» jammerte Charlotte, «ich weiß es nicht, Ma'am!
Aber vielleicht schicken wir nach der Polizei.»
«Oder nach dem Militär!» warf Claypole ein.
«Nein, nein!» erwiderte Mrs. Sowerberry, die sich in diesem Augenblick
an Olivers alten Freund erinnerte. «Lauf zu Mr. Bumble, Noah, und bitte
ihn, unverzüglich herzukommen und keine Minute zu verlieren. Es tut
nichts, wenn du auch ohne Mütze gehst. Mach hurtig!»
Ohne sich die Zeit zu einer Antwort zu lassen, stürzte Noah davon,
und die ihm begegnenden Leute waren sehr erstaunt, einen Armenknaben
barhäuptig in voller Eile durch die Straßen rennen zu sehen.