Berichtet, wie Oliver Twist nahe daran war, eine Anstellung zu
bekommen, welche keine Sinekure gewesen wäre.
Wenn es Oliver darum zu tun gewesen wäre, die Prophezeiungen des Herrn
mit der weißen Weste selbst wahr zu machen, so hätte er zum wenigsten
Zeit genug dazu gehabt; denn er blieb acht Tage lang eingesperrt.
Allein, um sich im Gefängnis zu erhängen, fehlte ihm erstlich ein
Taschentuch -- denn Taschentücher waren als Luxusartikel verpönt --,
und zweitens war er noch zu sehr Kind. Er weinte daher nur den langen
Tag über, und wenn die lange, grausige Nacht kam, so deckte er seine
Händchen über seine Augen, um nicht in die Dunkelheit starren zu
müssen, kroch in einen Winkel und versuchte zu schlafen. Aber immer
und immer wieder fuhr er vor Angst und Entsetzen aus seinem unruhigen
Schlummer empor und drängte sich dichter und dichter an die Wand
heran, als wäre selbst ihre kalte, harte Fläche ein Schutz für ihn in
der Finsternis und Einsamkeit, die ihn rings umgaben.
Es war indes dafür gesorgt, daß es ihm an Leibesbewegung, Gesellschaft
und religiösem Trost nicht mangelte.
Was die Leibesübungen betrifft, so war es schönes, kaltes Wetter,
und er durfte seine Waschungen jeden Morgen unter der Pumpe in einem
gepflasterten Hofe vornehmen in der Gegenwart des Herrn Bumble, der
durch wiederholte Anwendung seines Stabes dafür sorgte, daß er sich
nicht erkältete, und daß eine prickelnde Empfindung seinen Körper
durchlief. Was die Gesellschaft betrifft, so wurde er jeden zweiten Tag
in den Saal geführt, wo die Knaben ihr Mittagbrot verzehrten, und wo er
vor deren Augen zum warnenden Beispiel ausgepeitscht wurde. Und weit
entfernt, daß ihm die Segnungen des religiösen Zuspruchs vorenthalten
worden wären, wurde er vielmehr jeden Abend zur Gebetsstunde in
denselben Raum gestoßen; hier durfte er zuhören und seinem Gemüte
Tröstung zuführen, da auf Anordnung des Kollegiums ein allgemeines
Gebet der Knaben eingefügt worden war, das eine besondere Klausel
enthielt, in der sie zu Gott flehten, er möge sie gut, tugendhaft,
zufrieden und gehorsam machen und vor der Sündhaftigkeit und
Lasterhaftigkeit Oliver Twists bewahren.
Während Olivers Angelegenheiten sich in diesem vielversprechenden und
günstigen Zustande befanden, ereignete es sich eines Morgens, daß der
Schornsteinfegermeister Mr. Gamfield auf der Landstraße langsam seines
Weges zog, in tiefem Sinnen über die Mittel und Wege, wie er seine
Miete, wegen deren er von seinem Hauswirt schon zu wiederholten Malen
gemahnt worden war, bezahlen sollte. Mr. Gamfield mochte den Stand
seiner Finanzen noch so sanguinisch betrachten: es fehlten ihm immer
noch fünf Pfund an der nötigen Summe, und in einer Art arithmetischer
Verzweiflung zermarterte er sein Gehirn und mißhandelte seinen Esel,
als er, am Armenhause angelangt, den Anschlag am Tore erblickte.
«Brrr!» sagte Mr. Gamfield zu dem Esel.
Der Esel war ebenfalls in tiefes Nachdenken versunken und beschäftigte
sich wahrscheinlich gelegentlich mit der Frage, ob er einen oder zwei
Kohlstrünke erhalten würde, wenn er die beiden Säcke Ruß, mit denen der
kleine Karren beladen war, an Ort und Stelle gebracht hätte, und so
trottete er denn weiter, ohne auf den Zuruf seines Herrn zu achten.
Mr. Gamfield stieß halblaut einen schweren Fluch aus, rannte dem Esel
nach und gab ihm einen Schlag auf den Kopf, der jeden anderen Schädel,
ausgenommen den eines Esels, zertrümmert haben würde. Dann ergriff er
den Zügel und riß scharf an dem Kinnbacken des Tieres, um ihm in zarter
Weise zu Gemüte zu führen, daß er nicht sein eigener Herr sei; durch
diese Mittel gelang es ihm, den Esel herumzulenken. Dann gab er ihm
einen zweiten Schlag auf den Kopf, um ihn bis zu seiner Rückkehr zu
betäuben, und schritt, nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen
hatte, auf das Tor zu, um den Anschlag zu lesen.
Der Herr mit der weißen Weste stand, die Arme auf dem Rücken gekreuzt,
vor dem Tore, nachdem er in dem Beratungszimmer einige tiefempfundene
Wahrheiten zum besten gegeben hatte. Er hatte den kleinen Zwist
zwischen Mr. Gamfield und dem Esel beobachtet und lächelte höchst
vergnügt, als der Mann näher trat, um den Anschlag zu lesen, da er auf
den ersten Blick sah, daß Mr. Gamfield gerade der richtige Lehrherr für
Oliver sei. Auch Mr. Gamfield lächelte, als er das Schriftstück las,
denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte, und was den
Knaben betrifft, den er dazunehmen sollte, so wußte Mr. Gamfield, dem
es bekannt war, welcher Art die Kost im Armenhause war, daß es sich um
einen ganz kleinen, schmächtigen Kerl handeln würde, wie geschaffen für
die neuen Patentschornsteine. Daher las er den Anschlag noch einmal von
Anfang bis zu Ende durch, faßte als Beweis für seine Höflichkeit an
seine Pelzmütze und wandte sich an den Herrn in der weißen Weste.
«Dieser Junge hier, den das Armenhaus als Lehrling vergeben will ...»
begann Mr. Gamfield.
«Ach, lieber Mann,» erwiderte der Mann in der weißen Weste
herablassend, «was ist mit ihm?»
«Wenn das Kirchspiel ihn ein leichtes, angenehmes Handwerk, das
achtungswerte Schornsteinfegerhandwerk, erlernen lassen will, so
brauche ich einen Lehrling und bin bereit, ihn zu nehmen.»
«Treten Sie näher», entgegnete der Mann in der weißen Weste. Mr.
Gamfield lief erst noch einmal zurück, um dem Esel noch einen Schlag
vor den Kopf zu versetzen und am Zaume zu reißen, als Warnung, er
möge es sich nicht etwa einfallen lassen, in seiner Abwesenheit
durchzugehen, und folgte dann dem Herrn mit der weißen Weste in das
Zimmer, wo Oliver diesen zuerst gesehen hatte.
«Es ist ein schmutziges Gewerbe», erwiderte Mr. Limbkins, als Mr.
Gamfield seinen Wunsch abermals vorgebracht hatte.
«Es ist auch schon vorgekommen, daß Knaben in den Schornsteinen
erstickt sind», sagte ein anderer Herr.
«Das kam nur daher,» versetzte Gamfield, «daß man das Stroh naß machte,
ehe man es im Kamin anzündete, um die Jungen herunterzuholen; es gab
nur Rauch, aber keine Flamme. Rauch aber ist ganz unzweckmäßig, um
einen Jungen herunterzuholen, denn er veranlaßt ihn nur zum Schlafen,
und das eben ist es, was er will. Jungens sind widerspenstig und faul,
meine Herren, und ein gutes Feuer ist das beste Mittel, sie rasch zum
Herunterkommen zu bringen. Es ist auch ein ganz humanes Mittel, denn
wenn sie in der Esse steckengeblieben sind, so arbeiten sie, wenn sie
sich die Füße verbrennen, aus Leibeskräften, sich loszumachen.»
Der Herr in der weißen Weste schien sich über diese Erklärung höchlich
zu belustigen, aber seine Heiterkeit wurde durch einen strafenden
Blick, den ihm Mr. Limbkins zuwarf, sofort gedämpft. Die Direktoren
berieten nun ein paar Minuten miteinander, aber in so leisem Tone, daß
nur die Worte «Ersparnis» und «guten Eindruck bei der Abrechnung», die
mit großem Nachdruck mehrmals wiederholt wurden, hörbar waren. Endlich
hörte das Geflüster wieder auf, und Mr. Limbkins begann, nachdem die
Herren mit feierlicher Miene wieder ihre Plätze eingenommen hatten:
«Wir haben Ihren Vorschlag in Erwägung gezogen, können ihn aber nicht
annehmen.»
«Unter keinen Umständen», fiel der Herr in der weißen Weste ein.
«Ganz entschieden nicht», erklärten die übrigen Mitglieder des
Kollegiums.
Da auf Mr. Gamfield der leise Verdacht ruhte, daß schon drei bis vier
Knaben in seinem Geschäfte das Leben eingebüßt hatten, so kam ihm der
Gedanke, das Kollegium könnte vielleicht in einer ganz unbegreiflichen
Laune daran Anstoß genommen haben. Bei der Art ihrer Geschäftsführung
war dies zwar ganz unwahrscheinlich; da er aber keinen besonderen
Wunsch hegte, diesem Gerüchte neue Nahrung zuzuführen, so drehte er
seine Mütze in den Händen und entfernte sich langsam von dem Tische.
«So wollen Sie mir ihn also nicht überlassen, meine Herren?» fragte
Gamfield, an der Türe stehenbleibend.
«Nein», erwiderte Mr. Limbkins; «wenigstens sind wir der Meinung, Sie
müßten mit einer geringeren als der ausgesetzten Summe zufrieden sein,
da es doch ein gar zu schmutziges Gewerbe ist.»
Mr. Gamfields Gesicht strahlte, als er rasch an den Tisch zurückkehrte
und sagte: «Was wollen Sie geben, meine Herren? Seien Sie doch nicht zu
hart gegen einen armen Mann!»
«Ich sollte meinen, drei Pfund zehn Schilling wären übergenug», gab Mr.
Limbkins zur Antwort.
«Zehn Schilling zu viel», warf der Herr in der weißen Weste ein.
«Nun,» versetzte Gamfield, «sagen wir vier Pfund, meine Herren. Sagen
wir vier Pfund, und Sie sind ihn auf immer los.»
«Drei Pfund zehn Schilling», versetzte Mr. Limbkins fest.
«Wir wollen den Unterschied teilen, meine Herren, drei Pfund fünfzehn
Schilling.»
«Nicht einen Pfennig mehr», lautete die feste Entgegnung Mr. Limbkins'.
«Sie sind verdammt hart gegen mich, meine Herren», versetzte Gamfield
niedergeschlagen.
«Ach, Unsinn», erwiderte der Herr in der weißen Weste. «Es ist ein
gutes Geschäft, selbst wenn Sie gar nichts dazu bekommen. Nehmen Sie
ihn nur, guter Mann. Er ist gerade der richtige Junge für Sie. Er
braucht ab und zu den Stock; das wird ihm sehr gesund sein, und seine
Beköstigung braucht auch nicht sehr kostspielig zu werden, denn er ist
nicht sehr verwöhnt worden, seit er hier geboren wurde. Ha, ha, ha!»
Mr. Gamfield blickte scheu auf die Herren rund um den Tisch, und
da er auf den Gesichtern aller ein Schmunzeln bemerkte, lächelte
er ebenfalls. Der Handel wurde geschlossen, und Mr. Bumble erhielt
sofort den Befehl, Oliver Twist am Nachmittag dem Friedensrichter zur
amtlichen Bestätigung des Lehrvertrages vorzuführen.
Demgemäß wurde der kleine Oliver zu seinem maßlosen Erstaunen aus
seinem Kerker befreit und erhielt den Befehl, ein frisches Hemd
anzuziehen. Er hatte kaum diese ungewohnte gymnastische Übung
beendet, als Mr. Bumble ihm eigenhändig einen Napf Hafergrütze und
das sonntägliche Deputat Brot brachte. Bei diesem furchtbaren Anblick
begann Oliver bitterlich zu weinen, denn er dachte ganz natürlich
nicht anders, als daß ihn das Kollegium zu irgendeinem nützlichen
Zwecke schlachten lassen wolle, denn sonst hätte es wohl schwerlich
angefangen, ihn in dieser Weise fett zu machen.
«Heul dir die Augen nicht rot, Oliver, sondern iß und sei dankbar»,
sagte Mr. Bumble in würdevollem Tone. «Du sollst in die Lehre gegeben
werden.»
«In die Lehre?» fragte das Kind zitternd.
«Jawohl, Oliver,» erwiderte Mr. Bumble. «Die gütigen Herren, die ebenso
viele Eltern für dich sind, da du keine eigenen hast, wollen dich in
die Lehre geben, damit du im Leben auf deinen eigenen Füßen stehen
kannst, und wollen einen Mann aus dir machen, obgleich die Summe,
die das Kirchspiel dafür zu bezahlen hat, drei Pfund zehn Schilling
beträgt -- drei Pfund zehn Schilling, Oliver! siebzig Schilling --
einhundertundvierzig Sixpences! und all das für ein so ungeratenes
Waisenkind, das niemand leiden kann.»
Als Mr. Bumble in seiner Rede innehielt, um Atem zu schöpfen, rollten
die Tränen dem armen Kinde die Wangen hinunter, und es schluchzte
bitterlich.
«Nun, laß gut sein, Oliver», sagte Mr. Bumble etwas weniger würdevoll,
denn er war mit der Wirkung seiner Beredsamkeit zufrieden. «Wisch
dir die Augen mit den Ärmeln deiner Jacke und weine nicht in deine
Hafergrütze. Das ist Dummheit.» Das war es sicherlich, denn es befand
sich schon genügend Wasser darin.
Auf dem Wege zum Friedensrichter schärfte Bumble Oliver auf das
dringlichste ein, daß alles, was er zu tun hätte, darin bestände,
recht glücklich auszusehen, und wenn der alte Herr ihn frage, ob er in
die Lehre gehen wolle, zu antworten, er freue sich schon sehr darauf.
Oliver versprach, beiden Weisungen nachzukommen, um so mehr, als Mr.
Bumble ihm in einem freundlichen Hinweise androhte, es würde ihm sonst
sehr schlecht ergehen. An Ort und Stelle angelangt, wurde er in ein
kleines Zimmer eingeschlossen, und Mr. Bumble sagte ihm, er solle hier
bleiben, bis er wiederkäme und ihn abholte.
So blieb denn der Knabe mit klopfendem Herzen eine halbe Stunde
allein. Nach deren Verlauf steckte Bumble seinen bloßen, nicht mit dem
dreieckigen Hut geschmückten Kopf herein und sagte laut: «Nun, Oliver,
mein Kind, komme jetzt zu dem Herrn!»
Während Mr. Bumble dies sagte, warf er dem Knaben einen grimmigen,
drohenden Blick zu und fügte leise hinzu: «Erinnere dich an das, was
ich dir gesagt habe, infamer Bengel!»
Oliver starrte bei diesem verschiedenen Ton der Anrede Mr. Bumble
unschuldig in das Gesicht, aber dieser Herr führte ihn in das
anstoßende Zimmer, dessen Tür offen stand, und schnitt ihm dadurch jede
weitere Bemerkung ab. Es war ein geräumiges Zimmer mit einem großen
Fenster. Hinter einem Pulte saßen zwei alte Herren mit gepuderten
Perücken, von denen der eine eine Zeitung las, während der andere
mit Hilfe einer Schildpattbrille ein kleines vor ihm liegendes Stück
Pergament prüfte. Mr. Limbkins stand vor dem Pulte auf der einen Seite,
Mr. Gamfield mit teilweise gewaschenem Gesichte auf der anderen.
Der alte Herr mit der Brille schlief über dem Stück Pergament
allmählich ein, und es entstand eine kurze Pause, nachdem Oliver, von
Mr. Bumble geführt, sich vor das Pult hingestellt hatte.
«Dies ist der Knabe, Euer Edeln», sagte Mr. Bumble.
Der alte Herr, der die Zeitung las, erhob einen Augenblick den Kopf und
stieß den anderen alten Herrn an, worauf dieser erwachte.
«Ah, das ist also der Knabe?» fragte er.
«Ja, dies ist er, Euer Edeln», erwiderte Mr. Bumble. «Mache dem Herrn
Friedensrichter eine Verbeugung, mein Kind.»
Oliver gehorchte und machte sein schönstes Kompliment, das um so tiefer
ausfiel, da er noch nie Herren mit gepuderten Perücken gesehen hatte.
«Der Knabe wünscht also Schornsteinfeger zu werden?» sagte der
Friedensrichter.
«Mit Gewalt,» sagte Bumble, «will's mit Gewalt werden, Euer Edeln;
würde übermorgen wieder entlaufen, wenn wir ihn morgen in ein anderes
Geschäft gäben.»
Der Friedensrichter wendete sich zu dem Schornsteinfeger.
«Und Sie versprechen, ihn gut zu behandeln, ordentlich zu speisen, zu
kleiden, und was weiter dazu gehört?»
«Wenn ich's einmal gesagt habe, daß ich's will, so ist's auch meine
Meinung, daß ich's will», erwiderte Gamfield barsch.
«Ihre Rede ist eben nicht fein, mein Freund; doch Sie scheinen ein
ehrlicher, geradsinniger Mann zu sein», bemerkte der alte Herr und
richtete seine Brille auf den Meister, auf dessen häßlichem Gesicht
die Brutalität deutlich zu lesen stand. Aber der Friedensrichter war
halb blind und halb kindisch, und so konnte man füglicherweise nicht
verlangen, daß er das bemerke, was anderen auf den ersten Blick auffiel.
«Ich hoffe, ich bin es, Sir», erwiderte Mr. Gamfield grinsend.
«Ich hege daran nicht den mindesten Zweifel, mein Freund», erwiderte
der alte Herr, setzte seine Brille fester auf die Nase und suchte nach
dem Tintenfaß.
Es war der kritische Augenblick in Olivers Schicksal. Hätte das
Tintenfaß dort gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so würde
er seine Feder eingetaucht und den Vertrag unterzeichnet haben, und
Oliver wäre dann auf der Stelle fortgeschleppt worden. Da es sich aber
unmittelbar vor seiner Nase befand, so folgte daraus mit Notwendigkeit,
daß er überall auf dem Pulte nach ihm suchte, ohne es zu finden, und
da er nun beim Suchen auch gerade vor sich hinblickte, so fiel sein
Auge auf das bleiche, verstörte Antlitz Oliver Twists, der trotz aller
ermahnenden Blicke und Püffe Bumbles das abstoßende Äußere seines
zukünftigen Lehrmeisters mit einem aus Grauen und Furcht gemischten
Ausdruck betrachtete.
Der alte Herr hielt inne, legte die Feder aus der Hand und blickte von
Oliver zu Mr. Limbkins hinüber, der mit unbefangener, heiterer Miene
eine Prise Schnupftabak zu nehmen versuchte.
«Mein liebes Kind!» sagte der alte Herr, sich über sein Pult lehnend.
Oliver fuhr beim Klang seiner Stimme zusammen. Dies läßt sich
entschuldigen, denn die Worte wurden in freundlichem Tone gesprochen,
und ungewohnte Laute erschrecken jeden. Er zitterte heftig und brach in
Tränen aus.
«Mein liebes Kind,» begann der alte Herr von neuem, «du siehst bleich
und geängstet aus. Was ist dir?»
«Treten Sie ein wenig von ihm weg», sagte der andere Beamte, das Papier
weglegend und sich mit einem Ausdrucke reger Teilnahme vorbeugend.
«Nun, mein Kind, sage uns, was dir ist. Habe keine Furcht!» Oliver fiel
auf die Knie, hob die gefalteten Hände empor und flehte schluchzend,
man möge ihn in das finstere Gemach zurückbringen, hungern lassen,
schlagen, ja totschlagen -- nur aber mit dem schrecklichen Manne nicht
fortschicken.
«Nun,» sagte Mr. Bumble, indem er seine Hände mit der eindrucksvollsten
Feierlichkeit erhob und seine Augen emporschlug, «von allen
hinterlistigen, niederträchtigen Waisenkindern, die ich je gesehen
habe, bist du der erbärmlichste Kerl, Oliver.»
«Halten Sie Ihren Mund, Kirchspieldiener», rief ihm der zweite alte
Herr zu, als Mr. Bumble seine Rede beendet hatte.
«Ich bitte Euer Edeln um Verzeihung», erwiderte Bumble, der nicht recht
gehört zu haben glaubte. «Haben Euer Edeln zu mir gesprochen?»
«Jawohl. Halten Sie Ihren Mund!»
Mr. Bumble war starr vor Entsetzen. Einem Kirchspieldiener zu befehlen,
den Mund zu halten! Das war ja wirklich eine Umwälzung aller sittlichen
Begriffe!
Der Friedensrichter blickte auf seinen Kollegen, der in bezeichnender
Weise nickte.
«Ich muß dem Vertrage die Bestätigung versagen», erklärte er dann, das
Pergament unwillig zur Seite schiebend.
«Ich hoffe,» stotterte Mr. Limbkins, «Sie werden nicht geneigt sein,
lediglich auf das Zeugnis eines Kindes der Meinung Raum zu geben, daß
das Verfahren des Direktoriums einem Tadel unterliege.»
«Ich bin als Friedensrichter nicht berufen, eine Meinung darüber
auszusprechen», entgegnete der alte Herr. «Nehmen Sie den Knaben wieder
mit sich und behandeln Sie ihn gut. Er scheint es zu bedürfen.»
Man hatte den Anschlag heruntergenommen, am folgenden Morgen wurde
jedoch Oliver abermals um fünf Pfund ausgeboten.