Handelt von dem Orte, an dem Oliver Twist geboren wurde, und von
den seine Geburt begleitenden Umständen.
Eine Stadt, die ich aus gewissen Gründen nicht näher bezeichnen will,
der ich aber auch keinen erdichteten Namen beilegen möchte, besitzt
unter anderen öffentlichen Gebäuden gleich den meisten anderen Städten,
sie mögen groß oder klein sein, von alters her ein Armenhaus, und in
diesem wurde an einem Tage, dessen genaues Datum für den Leser kein
besonderes Interesse hat, das Mitglied der sterblichen Menschheit
geboren, dessen Name in der Überschrift dieses Kapitels angegeben ist.
Lange Zeit, nachdem der Wundarzt des Kirchspiels ihn in diese Welt
der Mühen und Sorgen befördert hatte, blieb es äußerst zweifelhaft,
ob er lange genug leben würde, um überhaupt eines Namens zu bedürfen.
Es war nämlich tatsächlich mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden,
Oliver dahin zu bringen, daß er sich der Aufgabe, Atem zu holen,
selbst unterzog -- einem mühsamen Geschäfte, das die Gewohnheit uns
aber freilich zu einer notwendigen Lebensbedingung gemacht hat; eine
Zeitlang lag er nach Luft schnappend auf einer kleinen Matratze
aus Schafwolle und schien sich in der Schwebe zwischen dieser und
jener Welt zu befinden, wobei die Wage sich entschieden zugunsten
der letzteren neigte. Wenn Oliver während dieser kurzen Zeit von
sorglichen Großmüttern, geschäftigen Tanten, erfahrenen Wärterinnen
und hochgelahrten Doktoren umgeben gewesen wäre, so würde er natürlich
die Stunde nicht überlebt haben, allein es war niemand in seiner
Nähe, außer einer alten Frau, die sich infolge des ungewohnten
Genusses von Bier in einer etwas angeheiterten Stimmung befand, und
dem Kirchspielwundarzte, der die Geburtshilfe kontraktmäßig leistete.
Oliver und die Natur fochten also die Sache zwischen sich ganz
allein aus, und die Folge davon war, daß nach kurzem Kampfe Oliver
atmete, nieste und endlich den Insassen des Armenhauses die Tatsache
ankündigte, daß dem Kirchspiele eine neue Last aufgebürdet worden sei,
indem er ein so lautes Geschrei erhob, wie man es füglicherweise von
einem neugeborenen Knaben erwarten konnte.
Als Oliver diesen ersten Beweis von der freien und selbständigen
Tätigkeit seiner Lungen gab, bewegte sich die geflickte Decke, die
nachlässig über die eiserne Bettstelle gebreitet war; das bleiche
Antlitz einer jungen Frau erhob sich matt von dem harten Pfühle, und
eine schwache Stimme brachte mühsam die Worte hervor: «Lassen Sie mich
das Kind sehen, dann will ich gern sterben.»
Der Wundarzt, der vor dem Kamine saß und seine Hände abwechselnd an dem
Feuer wärmte und rieb, erhob sich bei den Worten der jungen Frau, trat
an das Kopfende des Bettes und sagte mit mehr Freundlichkeit im Tone,
als man ihm zugetraut haben würde: «Oh, Sie dürfen jetzt nicht vom
Sterben sprechen.»
«Der Herr segne ihr gutes Herzchen, nein!» unterbrach ihn die Wärterin,
indem sie eine grüne Glasflasche, von deren Inhalt sie in einer
verschwiegenen Ecke mit sichtlichem Behagen gekostet hatte, rasch in
die Tasche steckte. «Der Herr segne ihr gutes Herzchen; wenn sie erst
so alt geworden ist wie ich und dreizehn Kinder gehabt hat und alle
sind tot bis auf zwei, die zusammen mit mir im Armenhause sind, so wird
sie schon auf andere und vernünftigere Gedanken kommen; der Herr segne
ihr gutes Herzchen. Bedenken Sie nur, Frauchen, was es heißt, Mutter
eines so süßen, kleinen Lämmchens zu sein.»
Diese tröstlichen Worte schienen ihre Wirkung zu verfehlen. Die
Wöchnerin schüttelte den Kopf und streckte die Arme nach dem Kinde
aus. Der Wundarzt reichte es ihr, sie küßte es, heftig erregt, mit
den kalten, weißen Lippen auf die Stirn, fuhr mit den Händen über ihr
Gesicht, blickte wild umher, schauderte, sank zurück -- und starb.
«'s ist aus mit ihr», sagte der Wundarzt nach einigen Bemühungen, sie
wieder zum Leben zurückzubringen.
«Das arme Kind!» sagte die Wärterin, indem sie den Pfropfen der
grünen Flasche aufhob, der auf das Kissen gefallen war, als sie sich
niederbeugte, um das Kind aufzunehmen. «Armes Kind!»
«Sie brauchen nicht zu mir zu schicken, wenn das Kind schreit», fuhr
der Wundarzt fort, während er kaltblütig seine Handschuhe anzog. «Es
wird wahrscheinlich sehr unruhig sein; geben Sie ihm dann ein wenig
Hafergrütze.» Er setzte den Hut auf, trat noch einmal an das Bett und
sagte: «Die Mutter sah gut aus; woher kam sie?»
«Sie wurde gestern abend gebracht,» erwiderte die Wärterin, «auf Befehl
des Direktors. Man hatte sie auf der Straße liegend gefunden, und
sie muß ziemlich weit hergewandert sein, denn ihre Schuhe waren ganz
zerrissen; aber woher sie kam, oder wohin sie wollte, das weiß niemand.»
Der Wundarzt beugte sich über die Verblichene, hob die rechte Hand
derselben empor und bemerkte kopfschüttelnd: «Die alte Geschichte; kein
Trauring, wie ich sehe. Hm! gute Nacht!»
Er ging zu seinem Abendessen, und die Wärterin setzte sich, nachdem
sie sich noch einmal an der grünen Flasche erlabt hatte, auf einen
Stuhl in der Nähe des Feuers und begann das Kind anzukleiden.
Bis zu diesem Augenblick hätte man nicht sagen können, ob es das
Kind eines Edelmannes oder eines Bettlers sei; das dürftige,
verwaschene Kinderzeug des Armenhauses bezeichnete indes sogleich
seine gegenwärtige und zukünftige Stellung in der Welt, sein ganzes
Schicksal, als Kirchspielkind -- Waise des Armenhauses, halb verhungert
und unter Mühe und Plackerei, verachtet von allen, bemitleidet von
niemand, durch die Welt geknufft und gestoßen zu werden.
Oliver schrie mit kräftiger Stimme; hätte er wissen können, daß er eine
Waise war, überliefert der zärtlichen Fürsorge von Kirchenältesten und
Kirchenvorstehern, so würde er vielleicht noch lauter geschrien haben.