Imada. Die Antwort -- auf ein andermal.
_Florentin_ hatte eine Wiederholung seiner Frage auf den Lippen -- er
ergriff _Imada's_ Hand -- und die Sonnen verschwanden von oben -- die alte
Finsterniß war zurückgekehrt.
»Folgen Sie mir nur nach!« flüsterte _Imada_, indem sie ihm an der Hand mit
sich führte.
Er ging. Der Weg führte durch eitel Nacht, Trepp auf, Trepp ab, bis zu
einem schmalen Gang.
»Gehn Sie nur getrost voran,« lispelte _Imada_, und wollte sich von seiner
Hand losmachen, weil zwei Personen neben einander nicht gehen konnten. --
Sie blieben stehn. -- Ein leiser Kuß streifte über _Florentins_ Wange.
»Still!« flüsterte _Imada_, und sie gingen weiter.
_Florentins_ Herz befand sich in einem Gedränge wunderbarer Empfindungen.
Er war glücklich -- so glücklich, daß er hätte laut aufjubeln mögen, und
doch -- unterdrückte er alles. Seine Hand zitterte ihm in _Imada's_ Hand.
Der Weg erweiterte sich -- einige Zimmersonnen strahlten urplözlich herab
-- _Florentin_ stand still, und fand an seiner Hand -- _einen schwarzen
Bruder_.
Funfzehntes Kapitel.
Die schwarzen Brüder.
In einem großen ovalen Saal, dessen schimmernde Gewölbdecke sich auf hohen
Marmorsäulen lehnte, mit goldnen Kapiteelen und Reifen mit goldnen
Eichblattkränzen geschmückt, stand der Verzauberte. In der Ferne erhob sich
ein fünf Stufen hoher Thron, beschirmt von einem goldgestickten Baldachin,
umringt von einer Versammlung ernster Männer, sämmtlich schwarz gekleidet
und dennoch kostbar.
Und auf dem Throne sas -- _Duur_ glaubte versinken zu müssen im Erstaunen
-- sas _Holder_, in königlicher Pracht, still und schweigend, wie ein Bild
-- _Holder_, welchen er nirgends anders, als auf _Idalla_'s schöner Insel
wähnte.
»Julius! _Regent Julius!_« rief _Duur_. Alle Gesichter wandten sich um zu
dem Bestürzten. Zwei aus der Versammlung traten ihm entgegen, hingen ihm
einen langen schwarzen, mit Silber und Perlen köstlich geschmückten Mantel
um, und führten ihn in feierlicher Stille zum Thron hinauf, wo er sich
neben _Julius_ zu setzen genöthigt ward.
Er ergriff die Hand seines Freundes; ein leiser Gegendruck verkündigte ihm:
du hast dich nicht geirrt! -- Still und horchend, mit einem bangen
Wohlgefallen, sah _Florentin_ vor sich hinab auf die feierliche
Versammlung, die den Thron umringte, und aus deren Mitte nach einer Weile
ein Greis hervortrath. Dieser verneigte sich dreimal vor den Männern des
achtzehnten Jahrhunderts, und sprach mit der Würde, welche seinem Alter
eigen war, mit dem Feuer eines Jünglings, folgende Worte:
»Seid uns willkommen, Ihr wunderbaren Söhne der Vorwelt, deren endlichen
Erscheinung auch wir mit Zweifeln entgegensahn. Es ist keine Täuschung; wir
haben Euch in unsrer Mitte; die ehrwürdigen Orakel unsrer Vorwelt logen
nicht, und Ihr habt das sonderbarste Unternehmen, welches jemals der
menschliche Geist ausbrüten konnte, mit bewundernswürdiger Kühnheit
begonnen und mit noch bewundernswürdigerm Glück vollendet. Die Möglichkeit
ist in der Natur nun erwiesen, die geizige Zeit um ihre Jahrhunderte zu
betrügen und Vorwelt und Nachwelt auf eine seltsame Weise in Verbindung zu
bringen.«
»Seid uns willkommen, Söhne, des achtzehnten Jahrhunderts, Ihr einzigen und
ersten Menschen Eurer Art, nehmt von uns im Namen der Brüder dieses
Zeitalters, im Namen der Menschheit den Dank für Eure große That an. So
weit die Kräfte der Sterblichen reichen, sollen Eure Wünsche erfüllt
werden, um Euch die überstandne Gefahr zu versüßen; Ihr sollt nur fodern,
wir wollen erfüllen; Ihr seid, Fremdlinge, Gäste dieses Jahrhunderts.«
»Wir entlassen Euch hiemit feierlich Eurer Pflicht und Arbeiten für den
Orden -- für Euch sey izt die Zeit der Ruhe.«
»Freilich habt Ihr nun das vollkommenste Recht zu der Frage: was hat die
Menschheit im Allgemeinen seit einem halben Jahrtausend gewonnen? Ist sie
glücklicher geworden, als sie es sonst war? Finden wir der Thränen weniger
unterm Monde, der Freuden mehr?«
»Ach, daß ich mit gutem Gewissen ein herzliches _Ja_! erwiedern könnte --
aber -- -- -- das Loos der Menschheit ist und bleibt durch alle Weltalter,
in allen Graden der Cultur, unter allen Zonen immer dasselbe, und
verwandelt sich nicht; Lust und Jammer bleiben die ewigen Gefährten der
Menschheit, und auch über sechstausend Jahren werden keine Rosen wachsen
ohne Dornen.«
»Wahr ists, Künste und Wissenschaften sind seit fünfhundert Jahren zu einer
Höhe emporgestiegen, welche unsern Vorfahren gewiß ungedenkbar seyn mußte;
eine ungeheure Zahl von Entdeckungen und Erfindungen in allen Gebieten der
Erkenntniß hat die Summe unsers Wissens so vermehrt, daß izt das Erlernen
einer einzigen Wissenschaft hinreichend ist, einen Menschen durch sein
ganzes Leben zu beschäftigen, da vor einem halben Jahrtausend ein Gelehrter
noch im Besitz vieler Wissenschaften seyn, und sie alle gründlich studirt
haben konnte; wahr ists, Cultur, Aufklärung, Wissenschaftsliebe ist nicht
mehr, wie sonst, das Eigenthum einiger Nationen; _Deutschland, Frankreich,
England, Schweiz, Batavien_ sind nicht mehr die alleinglänzenden Gestirne,
welche Europa und die übrigen Welttheile erleuchten, sondern _Amerika_ und
_Ostindien_, selbst _Australien_ haben ihre Staaten, ihre Gelehrte, welche
mit uns um den Vorrang wetteifern, über den verwehten Pyramiden _Aegyptens_
sind izt Schulen der Philosophie errichtet, aus welchen große Männer
hervorgingen, deren Einfluß das barbarische Afrika und Asien ehrt; und jene
Fürstenthümer und Republiken, welche man sonst unter dem Namen der
Russischen Monarchie begriff, wo sonst Bären und Wölfe durch die Wälder
heulten, und Unwissenheit und Aberglaube nisteten unter den Zellen und
Hirnschädeln der Pfaffen, sehen izt mit Stolz auf die traurige
Vergangenheit zurück. Allein was ist damit für die Glückseligkeit und
Zufriedenheit der Sterblichen gewonnen? Nichts. Denn wenn wir auch _Engel_
würden dem _Geiste nach_, so bleiben wir doch immer elende, gebrechliche,
leidende Wesen durch den Einfluß der _Sinnlichkeit_. Sinnlichkeit ist die
unverwüstliche Kette, welche uns _ewiglich_ mit Unvollkommenheit und Elend
verbindet!«
»Vor Zeiten glaubte man, und es war ein verzeihungswürdiger Glaube, daß die
Art der Regierungsformen keinen geringen Einfluß auf das Glück, auf die
Zufriedenheit der Nationen habe. Es gab eine Zeit, wo man begierig wünschte
alle Monarchien in _Republiken_ zu verwandeln, und selbst unser Orden,
benebelt von dem Rausche seines Jahrhunderts, neigte sich zu jenem
Wunsche.«
»Allein die Erfahrung hat uns endlich gelehrt, daß nicht die _Art_, sondern
die _Beschaffenheit_ der Regierungsformen die Aufmerksamkeit der Völker
verdiene; wir hörten Republiken seufzen unterm Despotismus ihrer
Gesetzgeber, wir sahen monarchische Staaten Freudenthränen weinen ihren
Königen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß nicht Liebe und Achtung für die
Menschheit, sondern Egoismus und Stolz, die Stifter und Zerstörer gewisser
Regierungsformen beseelten; das Wohl der Sterblichen war nur Deckmantel
ihrer mörderischen Pläne, der Epheu ihres vergifteten Weins. -- Ehrgeiz und
Habsucht der Großen waren die Eltern der Monarchien, Geldgeiz und
Bettelstolz des Pöbels die Urquelle des Republikanismus.«
»Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß so lange die Erde um die Sonne tanzt,
und tanzen wird, selbst die besten und weisesten Menschen die _Thorheit_
als ihr _Schooskindchen_ pflegen und hegen. Die Fürsten raffiniren noch
immer izt, wie sonst, auf Vergrößerung ihrer Macht, auf Ausdehnung ihrer
Reichsgränzen. Die blutigsten Kriege werden noch immer _dieser_ unedeln
Maxime willen geführt, aber doch heißt es: es geschehe alles _zum Besten
des Volks_; man sezt die _Vaterlandsliebe_ der Unterthanen für die Grillen
ihrer Beherrscher in Contribution, ungeachtet das Volk keine _Minute an
Freude_ mehr dadurch gewinnt, wenn sein Regent eine Provinz mehr in seinem
Titel trägt. -- Welteroberungsträume waren von jeher eine Erbsünde der
monarchischen und republikanischen Regenten; man unterjochte sich Land auf
Land, bis der Körper des Staats zu einem Ungeheuer anschwoll und in eine
Menge kleinerer Reiche auseinanderfiel. Dann begannen diese kleinern
Staaten das alte Spiel von neuem, arbeiteten sich wieder zu einer gewissen
Grösse hinan, und stürzten wieder auseinander. Was ist izt noch von der
alten persischen, römischen, fränkischen, oder russischen
Allgemeinherrschaft übrig? -- kaum ein _matter Schatten_ in den Büchern der
Weltgeschichte -- der _Name_! -- Dafür wurden tausend gute Menschen, die
sich ihres Daseyns auf Erden weit länger erfreuen konnten, hingeschlachtet?
Dafür wurden tausend Familien in Elend gejagt? Dafür wurden die ruhigen
Wohnungen glücklicher, stiller Bürger und Bauern mit Feuerkugeln, Bomben
und Pechkränzen in Aschenhügel verwandelt -- dafür die zahllosen Thränen
und Blutstropfen vergossen?«
»Ach, es ist bitter, sich an alles dies zu erinnern -- zu übersehen das
große Jammerfeld des menschlichen Elendes und dabei zu fühlen, daß man zu
ohnmächtig sei, um zu ändern, zu bessern, zu helfen. Es ist bitter daran zu
denken, daß doch am Ende niemals das gute Herz und die veredelte Vernunft,
sondern List und Gewalt und die aufgewiegelte Leidenschaft im Kampfe
obsiegten; daß wir in fünf Jahrhunderten, mit fünfhundertjährigem Fleis nur
immer wenig zur Genesung der Sterblichen beitrugen. Wir ersparen mit aller
unsrer Arbeit höchstens der allesheilenden Zeit einige Mühe; wir stillen am
Körper der menschlichen Gesellschaft einige blutende Wunden früher, können
aber nicht verhindern, daß immer neue geschlagen werden!«
»Was frommt also unser Dichten und Trachten, unser Ringen und Streben? --
_eitel wenig_! und der Salomonismus hört auf für eine melancholische
Schwärmerei zu gelten, wenn man sich diesen Betrachtungen weiter überläßt.«
»Für Euch, Ihr edeln Söhne des achtzehnten Jahrhunderts, _Julius_ und
_Vinzenz_! die Ihr Euer Zeitalter freiwillig verliesset, um ein
glücklicheres aufzusuchen, muß diese Nachricht, welche ihr von uns
empfanget, wenig tröstend seyn, da sie Euern schönen Traum von einer frohen
Nachwelt unwiederbringlich zerstört. Allein Ihr seid _Männer_ -- wir geben
Euch den herben Trank der Wahrheit, wie er ist, und wollen ihn nicht mit
dem Honig der Lüge verzuckern.«
»Wir sind _vollkommner_ und _elender_ geworden; wir haben tausend _neue
Erfindungen_ gemacht, und tausend _neue Räthsel_ in der Natur gefunden; wir
haben neue _Wissenschaften, Lehrsätze und Wahrheiten_, aber auch eben so
viel _neue Irrthümer_; wir haben unzählige _neue Produkte_ der edeln und
unedeln Künste, aber auch eben so viel _neue Bedürfnisse_; wir haben viele
_sonst unbekannte Speisen_ und _Getränke_ und _Bequemlichkeiten_, aber auch
viele _sonst unbekannte Krankheiten_ -- seht, dies ist alles, was wir Euch
über die Fortschritte der Menschheit sagen können.«
»Seyd glücklich, Ihr Beide, so sehr Ihrs nach der Disposition Eures Körpers
und Geistes seyn könnet. An uns soll es nicht liegen, wenn Eure Wünsche
nicht erfüllt werden.«
So sprach der ehrwürdige _Redner_, und schwieg. Eine tiefe, schwermüthige
Stille folgte seinen Worten.
_Vinzenz_ und _Julius_ verliessen ihren Thron und mischten sich unter die
Versammelten. Gern hätte Florentin tausend Fragen an Holdern gethan, aber
theils war dieser von vielen andern Fragern umringt, theils hatte er selbst
für sich genug den neugierigen Schwarzen zu beantworten. -- Die Becher
wurden mit Wein gefüllt; alles überließ sich der Freude, und Florentinen
erstarben allmählig die Gegenstände dieser Versammlung, wie die Bilder
eines Traums.
Er erwachte von einem festen, tiefen Schlafe. Die Sonne stand hoch am
Himmel und schien warm durch die Zweige der Jelängerjelieberlaube, wo
Freund _Josselin_, auf die Rasenbank hingeworfen, noch ruhig
fortschlummerte.