Ach, Hohn! Hohn! ...
Oben, hoch oben im weiten Zwielicht.
Hoch oben über den brausenden Wäldern, in der einsamen, schaurigen
Frühe.
Hoch über den weißen, toten Nebeln, zwischen dem schwarzen, donnernden
Grauen der Tiefen und den kalten, blassen Weiten.
Durch die frühlichtwitternde Öde geht ein Sausen, eintönig ein weites,
weites Sausen dumpf über Höhen und durch Schlünde.
Mein Gehör spannt sich ihm nach in alle Fernen hinein, und meine Augen
starren in weiter Angst und doch mit mutiger, wollender, zorniger Lust.
Mitten hinein in diesen furchtbaren Einklang.
Das ist die »Harmonie der Sphären«.
Die Harmonie! ...
Komm!
* * * * *
Dort oben die Himmel mit dem Wirrsal ihrer Weltenringe.
Ich fühle das eisige, tiefschwarze Grausen der endlosen Räume.
Ich sehe all die gelben Welten und höre den gräßlichen Tumult ihres
Umlaufs. Jahre, Jahrzehnte, Jahrtausende und Jahrmillionen, in die
Unendlichkeiten hinein, das gleiche und ewiggleiche kalte, blöde Sausen
ihrer Bahnen.
Feuer, Wasser und Elemente, werdender Weltenstoff in den unerhörten
Empörungen seiner zahllosen Bildungen. Wogen als weltenweite Nebel,
dichten sich und lösen sich wieder und härten sich zu Welten, zeugen,
gebären und verschlingen sich wieder, rasen ewig zwischen Werden und
Untergang.
Wozu?
Dieses Glitzerpünktchen zu erzeugen, das das erste Licht hier auf dem
grauen Gestein weckt? Oder wozu? ...
Und hier, hier unten: immer der gleiche, tote Wechsel von Tag und Nacht,
mit demselben Tumult tauber Farben, Formen und Töne? Und ...
Ach, alte Leier!
Soll ich dich wieder und wieder und noch einmal herunterleiern?
Dummes Rätsel! Dumme Zweifel!
Wissen wir nicht unser Glück?
Wissen wir nicht?
* * * * *
O, ich denke, ich sitze da oben unter meinem Buchenstamm, und du bist
bei mir. Und du bist in mir eine gelassene Ruhe.
Und du, meine Ruhe, mein Frieden, du: leise, leise machst du die taube
Welt lebendig, und mit innerlichstem Jubel seh ich, wie das Licht wird.
Hell, hell wird es in mir von dem lieben Getön eines erwachten
Vogelliedes.
Durch die grünen Gründe flötet es herauf und jubelt in der Gewißheit des
nahenden Tages.
Ich schlafe, schlafe nun mit weitoffenen Augen, und schlafend seh ich
mit weitoffenen, lachenden Augen die große Einheit, die alles ist, die
wir sind, du und ich ...
Hinauf seh ich in die Höhe, hinein in die Breite, hinab in die Tiefe und
sehe in mich hinein, wo das dreifach gedehnte einig ist, jetzt einig in
einer friedevollen Einheit.
Und aus Schatten und Lichtahnungen werden Gedanken in mir und Lieder,
laute, fröhliche, ausgelassene, stille, friedevolle Schlummerlieder.
Die sind nun meine Arme, meine weiten, riesenstarken Arme.
Mit denen will ich dich jetzt umfassen, und will dich an mein nun
übermütiges, sonnenhelles Herz pressen. Mit denen heb ich dich hinaus
über den tausendgestaltigen Zwiespalt unsrer Unrast, trotzig hinaus,
hoch, hoch hinauf in einen goldigen, stillen Frieden, dich ...
* * * * *
Hier sitzen wir, du und ich, in Liebe eins, und spielen, und geben dem
Getümmel der Welten einen Sinn, der uns genehm ist und der
untrüglichste, fröhlichste, ausgelassenste Wahrheit ist.
Aller Welten und allen Lebens Sinn ist er, dieser kleine dumme Sinn,
den unsre spielende Liebeskraft ihm gibt, und mutig drängt er sich
gegen das große, schaurige Rätsel, und so muß es uns Frieden lassen,
dir und mir ...
So aber lacht unser Übermut und fabuliert:
Mit sehnenden und immer sehnenderen Bahnen kreisen die Welten, jede um
einen Ursprung uranfänglicher Seligkeit, und alle um einen, im ewigen
Spiel ewigen Suchens, Findens und Verlierens.
Der blasse Mond, das stille, verlöschende Lichtwölkchen dort über den
westlichen Wäldern, kreist um die mütterliche Erde in der Sehnsucht
seiner Elemente nach aufflammender Vereinigung, und sie ist ihm
unverweigerlich verbürgt nach unverbrüchlichen, mystischen Gesetzen.
Und die Erde um das liebe, gleißende Rund dort oben in der Sehnsucht
ihrer Elemente nach aufflammender Vereinigung, und sie ist ihr verbürgt,
unweigerlich, nach den gleichen mystischen Gesetzen.
Der sehnende Zwang der Elemente aber dichtet sich in unergründlichen
Mischungen, gestaltet sich und wird lebendig und seines seligunseligen
Geschickes sich bewußt in den unzähligen Generationen ungezählter
Lebewesen.
In Milliarden von Kristallen formt sich ihre Sehnsucht und Seligkeit, in
Kampf und Widerspiel, verfeinert sich aus dem Nichtorganischen zur
ersten dumpfen Lebensregung des Urschleims, wird Pflanze und Tier, wie
die Zeitalter sich vollenden und das selige Ziel sich nähert.
Und das Tier wurde im Kreislauf der Entfaltungen erlöst zur Klarheit
über sich selbst hinaus im Menschen. Und wie die Jahrtausende sich
runden, werden die Elemente im Menschen durch unzählige Zeugungen
hindurch zu herrlichen Erlösern, mischten und dichteten sie sich zu
Konfuzius und Zarathustra, zu Buddha und Christus, und alle, alle
verkünden den einen Trost vom lachenden Ende, das unsterblicher Anfang
ist.
Und enger und sehnender treiben und ziehen sich die Weltenbahnen gegen
ihren Ursprung hin.
Neue Unruhe neuen Werdens und Erkennens.
Feiner mischen sich die Elemente, und der letzten, hastenden Unrast des
Erstarrenden entblühen neue, wissendere Geschlechter.
Sinn und Trost letzter, wilden Leiden, gieriger Genußwut, dumpfer,
gellender Verzweiflung tod- und friedereifer Geschlechter und
Erkenntnisse ist ein neuer Held und Heiland.
Und der wird schön sein und fein wie ein hellenischer Gott, mit weiten
Sonnenaugen. Sein mächtiges Gehirn wird alle Weisheit Buddhas umspannen.
Klug ist er und beweglich, ohne Falsch, gut, mild, edel, sich selbst
eine Lust, ganz freudige, selbstsichre Kraft. Alle Weisheit wird in ihm
zur heitren, spielenden Torheit eines Kindes geworden sein. Und er wird
der Kaiser sein, der Kaiser einer goldigen, verjüngten Zeit ...
Verstehst du mich? Dies große Lied und diese große Geschichte?
Unser kleines Lied und unsre kleine Geschichte ist das. Die lachende,
lustige Geschichte von zwei Leuten, die sich lieb haben, von dir und
mir. Und wir singen sie uns jetzt zu unsrem Spaß so, und wenn wir
wollen, werden wir sie morgen mit einem andern Text singen ...
* * * * *
Ich denke, ich liege nun an deiner Brust und schlummre und bin einen
süßen Tod gestorben.
Mein Blut ist nun das morgenfreudige Tosen deiner Wälder. Weitgedehnte,
hohe, blaue Berge in hundertfacher, freundlich wellender Bildung, tiefe,
breite, grüne Täler, blitzende Flüsse und trommelnde, donnernde
Wildwasser: das alles bin ich in dir.
Meine Gedanken sind sanfte, blinkende Tautropfen, kleine liebe, rote
Blumen und unermeßliche Himmelsfernen, die entflammen in goldblauem
Glanz, dunkle Wettertannen und zirpende, flötende Vogellieder, jähes
Gestein mit gleißenden Rissen, umgoldet von den erwachten Lichtern der
Frühe.
Mich, mich selbst seh ich mit trunkenen Augen. Klar bin ich meiner
selbst mir bewußt, und mystisch verhüllt ahn ich mich mit erschauernder
Sehnsucht in meiner Unendlichkeit, in dir, als du ...
* * * * *
Höher und höher hebt sich die Sonne über die blauen Wälder und wärmt und
lacht und wärmt und zeugt.
Denn jetzt ist die urbestimmte Mischung der Elemente da, die, gewärmt
und befruchtet von dieser Sonnensphäre, den übermenschlichen Heiland
zeugen und gebären.
Tiefes, tiefstes Geheimnis!
Und doch, wie meine Hand hier auf der grauen Stammborke liegt, spür ich
es mit verstehenden, wissenden Schauern.
Und ich fühle, fühle, wie es unzählige Rinnen und Röhrchen und Poren
öffnet, in Sehnsucht, in Sehnsucht der lieben Wärme entgegen, wie es
gibt und aufnimmt in wonnigen Spannungen und Entladungen.
* * * * *
Und in mir hab ich jetzt den Trost einer unerhörten Selbstschätzung.
Meine Poren saugen die himmlische Glut ein, und wie sie durch mein Blut
schauert, weiht sie jetzt mich, mich zu dem Helden, der da ist und
kommen soll.
Siegfried bin ich und schlage einen mächtigen alten Lindwurm tot.
Vor mir, in mir krümmt und schlingt und windet er sich mit tausend
klammernden Schwänzen und klaffenden Rachen, gebannt, gebannt von meinen
lachenden Blicken.
Und wie er sich auch feige windet mit unzähligen schlauen Listen, mir
beizukommen: mir bleiben sie nicht verborgen.
Da oben das liebe Licht durchbebt mich mit einem innerlichsten, frohen
Gelächter: und dieses Gelächter ist mein Schwert. Mit dem schlag ich ihn
tot, den alten müden, verzweifelten Lügner.
Schon blinzeln seine hundert Äugelchen, und immer müder werden seine
Kreise, und seine böse Kraft dämmert hinüber in den seligen Frieden der
Einheit, der auch ihm bestimmt ist.
Mit tausend Klammern umpreßt er das arme, junge Leben, und die nennen
sich ehrbar Gesetze, Institutionen, heilige Vermächtnisse, Staat,
Kirche, Sitte, Ehre, Moral, Gott.
Schlau trennt er die Natur, die ewig ungeteilte, in Geist und Fleisch.
Sünde nennt er die Liebe und Teufel das Weib.
Tausend schnörklige Phrasen pfaucht und dunstet er mir ins Gesicht,
bläst mir tausend verzwickte Neunmalklugheiten ins Ohr und hackt nach
mir mit seiner gefährlichsten Tatze, die Gewissen heißt und Pietät.
Aber ich lache und lache nur, und vor meinem Lachen vergeht er in einen
dummen, blöden Dunst, vor meinem unwissenden Lachen.
* * * * *
Und ich sehe in ein fernes Tal.
Da lacht im weiten Sonnenglanz ein schönes Wunderland.
Noch verhüllt, leise verhüllt.
Das ist das verlorene, wiedergewonnene Paradies.
Da gehen Hand in Hand Adam und Eva im gütigen Sonnenlicht an breiten
klaren Wassern über smaragdene Wiesen.
Da gehen Hand in Hand wir beide, du und ich, im gütigen Sonnenlicht an
breiten klaren Wassern über smaragdene Wiesen.
* * * * *
An den stillen Wassern gehen wir hin durch den Garten. Und wir sehen
alles Getier, das in den Lüften lebt und im Wasser und auf der grünen
Erde, und nennen es mit neuen Namen. Und wir sehen die Menschen, und
über sie erlöst nennen wir sie mit neuen Namen und haben an ihnen unser
staunendes Ergötzen. Wir sehen Bäume, Sträucher, Kräuter und Blumen und
nennen sie mit neuen Namen. Und Lüfte, Winde, Wasser, Sonne, Mond und
Sterne nennen wir mit neuen Namen. Denn alles, alles ist nun anders
geworden und neu, und du und ich, wir sind zwei dumme Kinder, die
spielen und staunen, und gaffen und lernen ...
* * * * *
Du?!
Hörst du mich durch alle deine Masken, deine törichten Masken?
Das ist das Lied unserer Sehnsucht und unserer Ahnung.
Trüb noch, trübe und zag.
Aber ich weiß und will noch ein andres. Das ist das letzte und höchste.
Das kümmert sich nicht um Himmel und Rätsel. Das ist das Lied von den
Nähen, das Lied von den enthüllten Nähen.
Wann wird seine Zeit gekommen sein?
Wann werden wir wollen?
Leise, leise kommt der Tag und mit ihm die Feigheit und die Angst
und -- der Zorn! --