Draußen am Hinterdeich hab ich mein Duselplätzchen.
Ein kleines Stündchen gehts durch die blütendurchwölkten Gärten, an
Blumenbeeten, Gräben, Wiesen und Feldern vorbei, und ich bin an Ort und
Stelle.
Und dann lieg ich tief im Gras, in der hellen Sonne, die Hände unterm
Genick, und pfeife und simuliere in den blauen Himmel und die
milchweißen Frühlingswolken hinein. Blühender Weißdorn über mir. Der
frische Wind drin und Bienen, Hummeln, Fliegen und Schmetterlinge. In
die Länge und Breite dehnen sich vor mir die Wiesen hell gegen
dunkelgrüne Binsenstrecken hin zum Fluß hinunter, wogen und gleißen mit
smaragdenen Wellen. Und in weiten Farben breitet sich roter Sauerampfer
dazwischen und lilaweißes Schaumkraut mit zierlichen Dolden, gelbe
Ranunkeln und Kuhblumen, und mit feinem rauchigen Silberflimmer die
tausend und tausend Lichterchen der Butterblumen.
Langsam, im Schritt weidend, tauchen Kühe drüben auf dem andern Ufer aus
dem frischgrünen, lichtflinkernden Erlengehölz. Braune, schwarze und
gefleckte. Sie rupfen und brüllen. Und gemächlich her bis gegen die
blitzende stillgleitende Fläche. Hoch aber aus dem weitgewölbten
weißlichen Blau die Lerchen, und Kibitze hinter mir auf den
Wiesenbreiten, Elstern und Raben. Kuckuck, Stare und Finken im Gehölz,
und aus den tiefen grünen Dämmerungen heraus die Nachtigall.
Fern, weit vom Fluß herübergetragen, das Tuten eines Dampfers und das
Kreischen der Möwen.
Hergetragen und verweht, aufjubelnd und verebbend hundert und hundert
Laute und Lieder; und der herrliche, fröhliche Tumult der weiten Farben:
hell, verhauchend, nah und fern, gleißend und sänftigend.
Und die warme, helle Sonne. Die stille, stille Sonne ...
* * * * *
Meiner Einsamkeit entgegen.
So lustig bin ich, so stillfröhlich, so zutäppisch liebevoll wie ein
Kind.
Mit jedem Pulsschlag, mit jedem Beben meines Körpers, mit jeder Bewegung
liebkose ich die weit und lustig gebreitete Welt. Und mich liebkosen die
Käfer, die Blumen und Bäume mit Summen und Blüten und Laub, mit Farben
und Düften und hundert sanften Berührungen. Der leise Wind durch Blätter
und Gezweig liebkost mich, kühle Schatten und helle, warme Lichter,
blaue Fernen und heitre Nähen, ziehende Wolken und Wellen.
Zwischen einem Getreidefeld und dem Erlengebüsch eines Grabens schlendr'
ich hin.
Hoch ragt es über mich hinauf, hinein in endlos tiefe, klare Bläue.
Lichtglänzendes Laub und wogende, wellende Halme biegen sich zu mir her,
vor mir, hinter mir, zu beiden Seiten. Ganz, ganz versunken bin ich in
jungem, duftenden Grün; über und über ist mein Kleid voll gelben
Samenstaubes und feinen Blütengeriesels.
Kühles, wogendes, anschmiegendes Schmeicheln. Weite, weite jubelnde
Bläue. Mückenspiel vor mir her, und auf blinkendem Gekräusel stille,
weiße Blumen ...
* * * * *
Hier lieg ich nun unter meinem Weißdorn, spiele und wandle mich nach
Herzenslust.
Ich bin der alte Braak-Klaas. Bin über achtzig Jahre alt. Weißhaarig,
mit rosigem Gesicht und hundert freundlichen Runzeln sitz ich vor meiner
Tür. Habe lange rote Strümpfe, schwarzbauschige Kniehosen und eine
hellblaue Weste an mit zwei Reihen dicker Silberknöpfe. Starkknochig
sind meine Handgelenke, und lässig liegen meine braunrunzligen Hände auf
den Knien, breit, behaart, mit dicken, knotigen Fingern und Adern. Ich
sitze vor meinem Haus und zwinkre unter weißen Brauen in die sonnigen
Apfelblüten hinein.
Hoch und langgestreckt mit goldiggrünen Moosflecken hebt sich über mir
das mächtige, braunverwitterte Strohdach über der niedrigen
Backsteinwand mit ihren weißen Kirschblüten und ihren Fensterchen breit
in die blaue Klarheit.
Die Vögel singen in meinem Garten, und oben im Nest um die
Giebeldrachenköpfe herum klappert der Storch bei der brütenden
Storchmutter. Durch die offene Halbtür, von der Diele, weht ein feines,
blaues Räuchlein vom Herd her in die warme, sonnenzitternde Luft.
Mächtige Eichenschränke stehn da drin im kühlen Dunkel, zwei
Jahrhunderte alt, und massives, rauchverdunkeltes Gerät mit hellbraunen,
eingelegten Blumen und Vögeln, und rotbäckige Enkelkinder spielen auf
dem glatten Estrich.
Drüben blinkert das Braak zwischen blühendem Gebüsch durch. Ein
Fischewer schwebt still vorüber mit rotbraunem, weitgebauschtem Segel.
Über blumenbunten Beeten flimmert die warme Luft, und der Flieder
duftet, und überall arbeiten sie in den Gärten.
Klug bin ich, schlau für zwölfe, mit meinen blinzelnden, wasserblauen
Äugelchen, und meine Gedanken sind geschwätzig und plaudern von meinen
achtzig Jahren, plaudern und nehmen Anteil, stillen, spöttischen Anteil.
Mild bin ich, freundlich, zufrieden, klug und hindämmernd müde ...
* * * * *
Und jetzt bin ich ein Kind.
In einem roten Leibchen sitze ich auf einem Schubkarren, ganz eingewühlt
in gelbe Blumen unter weißen, tiefhängenden Blüten, kreische und patsche
mit dicken Ärmchen. Und wieder still. Staune und starre mit weiten
klaren Augen in tausend sonnige Wunder hinein. Erkenne wieder und lerne
zu. Und wie Staunen, Lust, Furcht und Begier wunderlich aus mir
herausstammeln, wächst leise, leise in mir eine goldigfrische Welt;
knospet und treibt und will blühen.
Von tausendfarbigen Hoffnungen jauchzt, braust, leuchtet und umduftet
mich die weite Welt, und die blau verhauchenden Fernen locken in
unschuldiger, reiner, frühlingsfrischer Pracht, locken so fern, so weit,
so wunderbar ...
* * * * *
Tiefer den Kopf ins Gras zurück.
Nun macht mich mein begehrender, ahnender Sinn kleiner und immer
kleiner, und nun bin ich winzig, ganz ganz winzig klein.
Ich habe ein goldgrünes Röckchen auf einem runden, festen, geschmeidigen
Körperchen, tripple mit sechs flinken Beinchen und habe zwei Äugelchen
wie rote Rubinen, zwei scharfe, feine Äugelchen. Schlüpfe, schmiege,
winde mich durch eine wunderliche, üppig verschlungene Endlosigkeit,
wandere und weile, und wandere wieder, emsig, rastlos.
Von hier bis zum Fluß hinunter sind nun viele, viele Meilen, und da
unten ist ein Meer, ein unabsehbares, strahlendes Meer.
Ich wandre und wandre, raste mit atemlosem Staunen, und wandre wieder,
schaue und staune.
Jetzt bin ich tief, tief unten, in einem feuchten, braunen Dunkel. Da
ist ein millionenfältiges Gewirr von Formen, Farben und Körpern. Da
spreizt sich in dicken, dichten Ranken härenes Gekrissel, da filzt es
sich über- und durcheinander mit Milliarden von Spitzchen und Hälmchen,
von Blättchen, Knöspchen und Blüten. Millionen mächtiger Stämme im
dichten Beieinander streben draus empor. Große, rote Würmer schlingen
sich zwischen ihnen hin, und es kribbelt, und schlüpft und kriecht und
schmiegt sich, zirpt, singt, pfeift und raschelt in einer Welt von
Tönen, die noch nie mein vordem ungefüges Menschenohr vernommen hat, von
Formen und Körpern, dunkel und bunt, wie sie nie mein Menschenauge sehen
konnte. Die seh ich alle mit meinen feinen, roten Äugelchen, und höre
sie mit einem scharfen, unendlich scharfen Gehör, und nehme das alles
wahr mit zarten Sinnen.
Da glimmt Feuchte in feinen Perlchen, und in ihnen lebt das
durchsichtige Getümmel neuer Welten in heimlicher Irispracht. Da dehnt
es zarte Körperwände und zieht sie zurück. Da rinnt es zusammen, wächst
und teilt sich. Da keimt es und bildet sichs, verschlingt und wehrt
sichs im unendlichen Wechsel, im ewigen Hin und Wieder.
Und aus tiefstem braunen Dämmer streb ich hinauf am Schaft eines Grases,
das nun ein Baum ist, ein mächtiger Baum, und strebe einem Schimmer
nach, einem Glanz entgegen.
Ich fühle, wie es unter mir dadrinnen sich dehnt und mehrt, wie es
rauscht von Säften und gärt mit freudigem, sehnendem Wachstum. Und nun
teilt sich der Schaft in breite, langgespreizte Halme, und sie wieder
mischen sich in ein milliardenfältiges, lichtgrünes Gewirr im ewigen
Wechsel schwankender Biegungen. Millionen mächtiger Diamanten aneinander
hingereiht in gleißender Pracht an den Rändern langgestreckter
Stengelblätter. Flinkern und Leuchten silbriger Härchen. Lustiges Getier
dazwischen mit tausend Tönen und Farben, mit Zirpen, Summen, Schrillen
und Jauchzen, mit schwirrender Flügelpracht.
Lichter wird es nun und lichter. In einem sanften Biegen und Wiegen bin
ich. Da seh ich die unerhörte Schönheit riesiger, leuchtender
Farbenwunder gegen ein unendliches, laut, laut jubelndes Blau. Mächtige,
silberweiße Sterne schaukeln da oben mit blitzenden Schwingungen auf
schlanken, rauchflaumigen Stielen. Ich sehe runden Silberrauch, der sich
um weißgrüne Kelchknöpfe ballt. Und blendend goldene große und kleine
Sterne. Sanftgewiegte, still strahlende, fröhlich blitzende Wunder.
Unzählige blaue, lilaweiße, rote, violette, tausendfarbige Kelch- und
Glockenpracht, gezackt, beperlt, bewimpert, glatt, mit feinem Netzwerk
bunter Äderchen, im dicht und weit geregelten Beieinander an schlanken
und dicken runden Stengeln hinauf. Buntes, süß verwirrendes Gekrissel
von Grasdolden und die tiefglühende, breitentfaltete Pracht des roten
Mohns.
Und höher, immer höher!
Auf dem goldenen Kelchknopf eines riesigen, silberleuchtenden Sternes
sitz ich, oben, hoch oben auf dem höchsten Wipfel, und schaukle mit
selig dämmernden Sinnen, betäubt von Duft, Licht und dem weiten,
unendlichen Einklang holden Getöns. Bunte, breitentfaltete
Schwingenpracht gleißt über mir und an mir hin, rastet, bebt, glänzt,
leuchtet auf herrlichen Blütenwundern, surrt und tönt in berauschenden,
taumelnden Tänzen hinein in die warme, lichte Unendlichkeit. Jauchzende,
kreischende, glockenklar süße, brüllende, wiehernde, zwitschernde,
millionenstimmige Lust.
Und süße, warme Kraft in den Muskeln meiner Schwingen und bebende,
sehnende Lust in meinem Leib. Und auf, hoch hoch hinauf in Wärme,
Lichtflut, Glanz und Farbe. Und von mir geht ein Tönen aus, ein feines,
wunderliches Tönen ...
* * * * *
Jetzt habe ich einen Schilfhalm herausgezogen und bin nun Wißbegier,
ganz Wißbegier und erkenne.
Hier ist ein langes, faltendes, blaugrünes Blatt. Und hier unter ihm ein
zarteres mit einem helleren Grün. Und Blatt schäl ich von Blatt und
Hülle von Hülle. So, und nun weiß ich eine große, stolze Weisheit: Blatt
schließt sich um Blatt und Hülle um Hülle in alle Unendlichkeit hinein.
Ach, ich muß lachen, lachen!
Ich sehe einen schnurrigen alten Herrn mit einer mächtigen Brille auf
einer langen, spitzen Nase. Er sieht aus wie ein uralter Chinesengreis.
Sein Kopf ist wie ein Totenschädel, über den sich eine vergilbte,
unendlich faltige Haut spannt. Er hat einen breiten mokanten Mund mit
einer hochmütigen, ewig spöttisch-dummen Unterlippe und wasserblaue,
neunmalkluge Äugelchen. Der kann die wunderschönsten Kunststücke aus
lauter Normen, Regeln und Regelchen, Gesetzen und Gesetzchen
zusammenbauen. Ein so kluges Wirrwarr, daß einem die Augen übergehen vor
lauter lauter Staunen. Und mit seinen alten Beinchen versteht er sich
auf den Eiertanz wie kein zweiter.
Ach -- jetzt! hier! wie ungeheuer, ungeheuer spaßhaft der alte
Würdetaper ist!
O, da unten zwischen feuchter, bröckelnder Krume schlingt sich durch das
schwarze Dunkel ein blöder Wurm; und hier liegt ein zweibeiniges Tier,
das spintisiert und klebt mit seinem Wollen und Entschließen an allerlei
Gedankenleim fest. Weit, weit dahinten aber blauen ferne Berge. Und
dort, auf dem höchsten Gipfel, auf der höchsten Wipfelspitze der
höchsten Kiefer, da zwitschert und zirpt eine kleine Meise, und wenn sie
will, so fliegt sie weit, weit in die blaue Himmelsfreiheit hinein ...
* * * * *
Jetzt will ich. Und will ein Prophet sein, ein Seher.
Die Blumen blühen, die Bäume rauschen, die Wasser plätschern, die Vögel
singen, und der Himmel blaut mir durch die weite, reifende Mittagsstille
Offenbarungen, und das endlose Beieinander und Ineinander aller Wesen
leuchtet mir eine Offenbarung.
Ich stammle Verheißungen, die sich erfüllen: jetzt, morgen, in hundert,
in tausend oder in hunderttausend Jahren, hier, dort, irgendwo; die
Wirklichkeit sind und sich erfüllt haben, jetzt, gestern, vor hundert,
vor tausend oder hunderttausend Jahren, hier, dort, irgendwo ...
Alles, alles ist eine einzige, große, fröhliche Einheit und alles
Lebendige eine einzige große Familie.
Der andre? Die andre? Ist es nicht immer derselbe und ist es nicht immer
dieselbe? Jeder für jeden, alle für alle, alles für alle und alles?
Trug ist Leid und Haß, Trug ist Trennung und Selbstqual, und Lüge ist
die ewige Vernichtung, ein neckisches Spiel zuhöchst, ein bunter Traum
der einen unendlichen Ruhe, die alles ist und in der alles beschlossen
ist ...
* * * * *
Dort drüben, im fernen, weißen Sonnendunst, breitet sich das Dorf.
Hinter breit gewipfelten, dunkelgrünen Linden hervor verschimmert die
Kirchturmhaube mit ihrem hellblauen Schiefer spitz und gleißend in den
gleißenden Himmel. Langgedehnt das rote Kirchdach, und die braunen
Dächer lugen mit Giebelputz und Storchnestern aus weißen Blütenwolken.
Eng, gedrückt, so zieht es sich lang durch das weite Marschland hin.
Wärme, Summen und blendende Farben.
Schweigen. Lichtes, schwüles Schweigen.
Und der weite, weiße Dunst wogt und flirrt durch die heißen Höhen bis
tief über Wiesen, Felder und flinkernde Wasser gegen mich her.
Ein Tönen hör ich und ein heimliches, tiefes Summen.
Ferner, ferner Orgelton und Gesang der Gemeinde.
Wechselnd, wellend, auf und ab, hin und wieder, im Bann eines
feierlichen, getragenen Rhythmus.
Eine Sehnsucht hör ich in ihm, eine stille, niedergezwängte Sehnsucht.
Das ist die Sehnsucht nach Gott, nach dir, nach dir ...
Und ich bin traurig, traurig ...
Eingezwängt bin ich in zehn »Du sollst!«; in hundert, in tausend »Du
sollst!« ...
Traurig bin ich, traurig, traurig ...
* * * * *
Und aus dem weiten, schwülen Brüten kommt ein Brüllen, ein
langgedehntes, schmerzliches Brüllen.
Eine Kuh drüben bei den Erlen.
Bis an ihren weißen Bauch steht sie in dem hohen, schimmernden Gras. Sie
hat den breiten Hals starr vorgereckt, und wie geängstigt stieren ihre
großen, dunklen Augen.
Ich bin zusammengefahren.
Wie ein Sehnsuchtsschrei, irgendwoher, aus einem niederen, zwängenden,
dumpfen Leid.
Und die weite Schwüle nimmt mich hin, umspinnt mich, umspinnt mich dicht
mit einem trüben, dumpfen Brüten, mit einem tiefen, tiefen Grauen.
Unsinn!
Wie herrlich glüht hier die Nelke. Und die gelbe Königskerze hier: wie
aus Gold, aus lautrem glänzenden Gold.
Wandern! Wandern!
Neulich der Spaziergang. Da waren zwei Enten, schnatterten zwei
schneeweiße, prächtige Enten unten im Tal im hellen Bergbach. Und ein
Spitz mit fröhlichem Gebell gegen mich her. Und über Stakete unzählige
Rosen in entfalteter Pracht. Und wie schön das Dorf aus den wogenden,
reifenden Getreidebreiten hervor. Schwalben an mir hin, dicht an mir
hin, als ich rastete, daß ich das feine Wehen ihres Flügelschlags
spürte.
Ich weiß, ich sang und schwatzte vor mich hin, ich weiß nicht was.
Aber in mir war eine himmelweite Seligkeit und ein einziger, stiller
Friede ...
Lachen, lachen, lachen kann ich wieder, jauchzen, brüllen vor trotziger
Lust am Leid, und mein heller Lebenswille geht von mir aus mit einem
tiefen, befreienden Atem, und durch Laub und Gräser geht ein heimliches,
fröhliches, neckendes Flüstern, weht kühl über meine Stirn und weiter
über die Breiten hin, und ich atme es ein, tief in mich hinein wie einen
süßen, geliebten Atemzug.
* * * * *
Lust am Leid, wilde, wild unbändige, fruchtbare Lust am Leid, Aufatmen
und helles, klares, sonnenhelles Gestalten aus wilder Leidlust ...
Nun bin ich wieder bei Laune.
So! -- Jetzt lieg ich auf dem Bauch, die Deichböschung hinauf, lege mein
Skizzenbuch vor mich hin und zeichne, was mir gerade in den Sinn kommt,
allerlei Karikaturen.
Und nun beseh ich mir, was ich gezeichnet habe, und blättre und sehe,
was ich vor Tagen zeichnete.
Da ist ein altes, nacktes, schwammiges Weib, unsagbar häßlich, neulich
mal im Anfall einer bösen Laune hingekritzelt. Ich betrachte es mit
lustig gekniffenen Augen und summe allerlei Übermut.
Die Sonne liegt grell auf dem Papier und läßt, wenn ich etwas von der
Seite drauf niedersehe, die Konturen in leisen Irisfarben schillern. Ein
Käferchen knistert drüber weg, macht halt, biegt seine Fühlerchen, putzt
sich den Hinterleib und trippelt weiter. Weiße, gekrümmte
Blütenblättchen treibt ein Lufthauch von dem Weißdorn über mir herab.
Sie liegen blendend silberhell auf dem Papier wie auf mattem Goldgrund.
Der alte, gute, regenbogenschillernde Fettwanst.
Sachte, sachte, mit viel Sorgfalt bringe ich ihm jetzt zwei zarte
Elfenflügelchen an den Schulterwampen an. Die Sonnenstrahlen tuschen sie
mit Farben meinem Stifte nach.
Auch sie gut! -- Alles, alles gut!
Und ich blättre weiter.
Da ist ein Geck. Mit einem winzigen Hütchen, weitem Jackett und
Sackhosen.
Wie unbändig schön!
Auch er bekommt die beiden Flügelchen.
Und hier ein Betrunkener. Sein Taumeln ist ein Tanz, ein schöner
Rhythmus.
Hier ist ein Weib, das ich bei einer Haustür kauern sah. Zerlumpt,
vergrämt, stumpf, schmutzig.
Die Arme!
Ein mächtiges Mitleid überkommt mich.
Aber ich lache und weiß, irgendwie wirkt es in die Ferne und tröstet sie
und macht sie lachen. Ihr Abbild aber hier, das ist nun schön, so schön
wie die strahlendste Schönheit, die je gebildet wurde, die je in Fleisch
und Bein einhergewandelt ist.
Und hier ist eine Dirne gezeichnet, wie sie mit schwankendem,
hüftenschaukelndem Gang, in Nacht und Wetter, an flackernden Laternen
vorbei, sich an den dunklen Häusern entlang drückt. Sie wird gescholten
und mißachtet. Aber einmal, als ich bei ihr war oben in ihrer armen
Spelunke, als ich sie in hingegebener, mitleidiger Liebe küssen konnte,
da wurde ihr müdes stumpfes Herz lebendig und blühte mir entgegen wie
ein schöner Frühling. Und in dieser Erinnerung nun ist sie mir so rein
und adlig wie die reinste Jungfrau und blüht in Schönheit und Würde ...
O überall, überall seh ich heimlich eine schöne, verjüngte Friedenswelt.
Und ein Nahen spür ich, ein Nahen ...
Gesang, Fröhlichkeit, unbändiges, unsterbliches Gelächter, Wein und
goldenes Bechertönen, und Liebe, Liebe, Liebe! ...
* * * * *
Der Länge nach lieg ich auf dem Rücken und lächele mit halbgeschlossenen
Augen in das tiefe, blendende Blau hinein.
Nah und fern hör ich eine Musik.
Durch das Gesumme der Bienen und Hummeln, durch das Wispern der Gräser
und Binsen, durch das heimliche, verlorene Plätschern blinkenden
Gekräusels, aus den tausend Stimmen der Vögel, zwischen den rauschenden
Büschen.
Sie lebt in dem Gebrüll der Kühe, in den zierlichen Schwunglinien
glänzender Pferdeleiber, wie sie grasen; in dem Muskelspiel ihrer
prächtigen Formen, wie sie dort gemächlich schreiten, oder schnell, mit
mutwilligen Sprüngen hineilen durch das hohe, blumenüberragte Gras. Sie
flirrt und flimmert und wellt in zierlichen Schwingungen durch die
blauen Lüfte, wogt und schwirrt und schwingt wie feine Metallsaiten in
dem Spiel der Insekten.
In unendlichen Farben, Formen, Tönen ein einziges Lied, ein einziger,
einender, mächtiger Rhythmus, ein gewaltiger Einklang.
Jauchzt, jubelt, flötet, klagt, braust.
Kommt aus lichtdämmernden, gleißenden Weiten, wird offenbar, süß,
schaurig, freundlich in den Nähen, verklingt in den Fernen.
Und ich: hingenommen in ihn, sein Widerklang, ganz, ganz sein Widerklang
für eine Minute der Verlorenheit.
Suchen, haben und verlieren, und wieder suchen, halten und verlieren.
Immer wieder und wieder und immer von neuem.
Das ist das Leben. Das ist alles Schicksal, und aus diesem einen werden
alle Leiden und Lieder.
* * * * *
Eine Musik hör ich, nah und fern. Einen einzigen millionenstimmigen
Akkord: das ist das Lied der Kraft. Das ist die Kraft.
Wer versteht es? Wer kann es widertönen lassen aus einer reinen,
unverzagten Seele?
Ich will nichts als liegen und lauschen und immer lauschen, und lauschen
und stammeln wie ein Kind, hingegeben in Ehrfurcht, in Lust und Jubel,
in Schreck, in Furcht und Grauen und mit kindlichem Vertrauen
wiederkehren und immer, immer wiederkehren ...
* * * * *
Ich sehe in den Kelch einer Winde, in den flachen, süß duftenden Kelch
einer Winde hinein. Und wie ich ihn betrachte, blicke ich mit weiten,
wild erschauernden Augen in einen Abgrund der Erkenntnis.
Es ist eine einzige, große, unendliche Ruhe und Einheit, die sich durch
die unermeßlichen Stufen des Lebendigen sucht und verliert, ewig sucht
und ewig verliert und doch sich ewig hat in der Liebe und als Liebe.
Leben! Urbeginn!
Hinauf, hinauf mit sehnendem, allmächtigem Drange in Milliarden von
verschlungenen Lebenswellen, die ansteigen und verrinnen, und mit immer
neu verjüngter Inbrunst mächtiger und mächtiger dem Licht entgegen, dem
Licht ...
Es faltete sich auseinander in die Unendlichkeit der Formen und
Farben, in immer mächtiger, sehnender kreisenden Schwingungen, durch
die Weltenalter und Zeitmillionen unbegreiflichen und ungeahnten
Klarheiten entgegen, im Auf und Nieder, im Hin und Wieder, im Werden
und Vergehen ...
Es wurde zu gewaltigen, ungeheuren Körpern und brüllte und jauchzte
seine Inbrunst dem Unbekannten zu, suchend, suchend, suchend, und
streckte sich, sich selbst zum Untergang und Leid, mit neuen, immer
neuen, immer sehnenderen Sinnen dem Unbegreiflichen entgegen. Und es
bebte hinein in den dunklen Kreislauf der Kraft mit dem Worte des
Menschen, dem armen zitternden, eben erwachenden ...
Das Wort aber, das erwachende, erstarkende Wort zwang das Verstreute
zusammen, daß es geeint sich in die Mannigfaltigkeit unzähliger neuer
Triebe und Kräfte spalte.
Ich träume und träume, und tief, tief lausche ich in mich hinein. Wie
ein heimliches, staunendes Lauschen ist es in mir, wie ein stille
treibendes, keimendes, aufblühendes Werden hellerer Augen, als die sich
aus dem blöden Farbfleck jenes Urtiers entwickelten.
Nur noch eine dünne, dünne Scheide zwischen uns und einer neu
erweiterten Welt neuer Wunder. Entgegen, entgegen der Klarheit hellerer
Sinne ...
Frühling! Frühling! Ewiger Frühling! Licht, das sich entflammt, hinein,
hinein in ewig weichendes Dunkel!
Hier, hier, in mir, dort, irgendwo krümmt es sich in süßer, banger
Werdequal in nun schlechter Hülle neuen Wundern neuer Offenbarungen
entgegen.
* * * * *
Sonne! Sonne! Sonne!
Meine Blicke haften in dem weiten Blau, mit Sehnsucht, mit Sehnsucht ...
Und nun -- nun bin ich ein goldlichtes Wesen. Breites Silbergefieder
sprießt aus meinen schimmernden Schultern, und heißes, goldenes
Sonnenblut braust durch meine Adern, und ich rausche empor, empor,
empor ...
* * * * *
Eine Musik fern und nah.
Und nun in mir ein Wort, geboren aus Licht und Getön; es bebt mir im Ohr
wie ein tiefer, voller Glockenton, irgendwoher. Aus einer Nähe, aus
einer mystischen Nähe.
Ich kann sie nicht sehen vor lauter Licht. Nur meine Sehnsucht, meine
Sehnsucht ist ihrer teilhaftig.
Ein Wort ...
In mir ist ein Auge, und das sieht durch dieses Wort eine Welt.
Sie schwebt her zu mir mit webenden, gleitenden, leuchtenden Formen,
naht und vollendet sich, mehr und mehr und immer mehr.
Freiland! Freiland!
Lauter Jubel ist in mir; lauter, laut aufjauchzender unbändiger Jubel!
Freiland! Freiland!
Und nun wieder still, still, und ich lächle und sehe.
Durch einen grauen Dämmer muß ich und durch alle Fährlichkeiten der
sieben Berge, vorüber an Drachen und Gewürm, an Riesen und Hunden mit
feurigen Augen, groß wie Wagenräder, und über gefährliches Zaubergelände
mit Fiebermoor und großen, schwülen Blumen, zwischen denen böse, schöne
Fabelwesen hausen und irre Lichter schweben, bis ich zu einem Walde
komme; da wird es still.
Da rauscht und leuchtet buntes Gefieder zwischen dunklen, dichten
Wipfeln, da huschen Sonnenstrahlen in träumerischer, neckender
Verlorenheit, da sprießen heimlich wunderbare Blumen, und da wogen
kostbare Düfte seltener Kräuter über helle Wiesen zu mir her, und wie im
Traum geh ich durch milde, heimliche Märchenlichter.
Da klingen aus blauen, sonnenzitternden Dämmerungen glockenreine
Melodien, und zierliches Getier schlüpft durch Gras und Laub und blickt
mich an mit zutraulichen, klugen Augen.
Und wie ich so auf stillen Waldpfaden hinwandre durch streichelndes Laub
und schmeichelnde Lüfte, über blumige Wiesen, und mehr und mehr der Lärm
der Welt hinter mir erstirbt, da komme ich zu einer hohen, hohen Mauer,
die dehnt sich weithin durch die finstren Schauer himmelanrauschender
Edeltannen. So weit ich blicken kann, klettert dunkler Efeu hinauf, und
Teufelszwirn ballt sich hernieder in graugrünen Dunstwolken, und
dazwischen weit, weithin entfacht mit freundlichen Lichtern unzählige
Blüten von Dornrosen.
Aber da ich ein Sonntagskind und ein Berufener bin, weicht das Dickicht
willig vor meinen Schritten, und eine Pforte tut sich auf, und sicher
und mühelos schreite ich durch das dicke, trotzige Mauerwerk.
Dann bin ich in einer andren Welt.
Heller scheint hier die Sonne, und heimlicher sind die Schatten, klarer
die stillen Wasser und fröhlicher das Geriesel lebendiger Bäche, grüner
die Wiesen und Hügel. Mächtiger gipfeln sich hier die Wälder in die
Wolken; mit heißeren Farben und Düften glühen die Blumen, üppiger und
immer üppiger spreizen Pflanzen und Kräuter seltsame Blätter, und in
tieferen Farben brennen bei Auf- und Niedergang die Himmelsbreiten.
Große, schöne Menschen haben sich hier zusammengefunden,
geschwisterlich, ein König jeder in Freiheit und in der Seligkeit
weltfernen Glückes.
Kräftiger ist das Mark in ihren Knochen, und freier strahlt ihr Blick
der Welt entgegen, und wie der Blitz folgt dem Gedanken die Tat. Geeint
leben sie in Freiheit; nicht mit der zagen, feigen, schielenden Neigung
der anderen, die sich ärmlich und ängstlich und sich selbst mißtrauend
zwischen Gesetzen und Normen hinfristet.
In ewigen Sommertagen leben sie hin, in Festen, himmelanjauchzenden,
herrlichen Gleichnissen, wie das Leben treibt und glüht, wie die
Lebenssäfte mächtig durch die Adern der Welt brausen und der blöde Staub
sich mit der tausendfältigen Pracht berückender Gebilde in die
blaugebreiteten Unendlichkeiten faltet ...
Weite, lichte Nacht. Warme, blühende, duftende Sommernacht mit der
endlos gebreiteten Pracht der Gestirne.
Tausend Lieder irren unter dem hellen Mond aus Blütenwolken und
Laubdämmerungen und ...
Still! Still!
Eine Musik hör ich, nah und fern, in allen Nähen und Weiten, einen
einzigen millionenstimmigen Akkord. Das ist das Lied der Kraft. Das ist
die Kraft. Das bist du, das bin ich, das ist alles, alles, und die
Kraft, die einzige, einige, eine. Und aus ihrem Wandel und Wechsel tönt
es mit neuer, ungestümer Lebenslust, das alte, wildfreudige Zornwort:
_Ça ira! Ça ira!_ ...
* * * * *
Und andere Weisen hör ich nun. Alte, uralte Lieder. Und doch neu, immer
wieder neu und ewig neu.
Und alle das eine: Du, und das Lied von dir.
Und so ist sein Text:
Die Sonne und alle Gestirne: dein Blick. Strahlend, leuchtend, sehnend,
hellachend, freundlich, klar, mild, schelmisch verhüllt. Und die Blumen:
der Duft deines Körpers. Die ganze, weite Erde: das ist dein Leib. Und
das goldige Lebenslicht über den Breiten ist die Wärme deines Leibes,
und die milde Luft, weiches Moos und Gras sind seine schmeichelnde, süße
Weichheit. Graswogen und alle die vielen, vielen, unendlichen
Bewegungen: so gehst du, und so ist das Wogen und Wiegen deiner Glieder.
Und wie es singt und flötet und zwitschert und jauchzt: das ist deine
Stimme.
Überall, überall bist du und nur du, und nichts ist ohne dich und nichts
außer dir. Alles ist dein Bild und dein Gleichnis.
Du bist das liebe Mädel, das mich neulich erfreute. Du bist heute blond,
morgen schwarz, übermorgen braun, bist Mann und Weib, Kind und Tier,
alles, alles ...
Wie könnt ich deiner jemals überdrüssig werden? Immer und immer
wechselst du und erfreust mit tausend wechselnden Gestalten mein liebes,
veränderliches Herz.
Und du, du bist in Lust und Pein das drängende, treibende,
nimmerrastende Leben hier hinter dieser dünnen Grenze meines Körpers,
die nur ein neckender, spielender Schein ist zwischen mir und dir.
Das sind die Lieder, die alten, uralten, immer neuen Lieder, das eine,
einzige, das Lied von dir ...
* * * * *
Mein Kopf liegt an deiner Brust.
Und du, goldig, licht, jung, beugst dich über mich.
Mit deiner linden Hand träufelst du mir Heliotrop auf die Stirn. Ich
atme den süßen Duft und deinen Atem, der süßer ist als er.
Mein Gesicht fühlt deinen Herzschlag, deinen ruhigen, ruhigen
Herzschlag.
Und Auge in Auge, tiefer immer, versinkender.
Leise, leise hernieder zu mir, und leise, leise ich hinauf zu dir. Du
lächelst, biegst den Kopf hintüber, und deine Hände drücken sich schwach
gegen meine Brust mit schelmischem Drängen.
Und nun: Lippe an Lippe. Lange ... Zwischen halbgeschlossenen Lidern
dunkelt dein Blick. Und nichts ist als sein Glanz und eine süße Wärme
von dir zu mir.
Frieden. Und aus ihm Kraft, Gedanken, Entschlüsse, lichter, immer
lichter, kühner und kühner, und Erkenntnisse ...
Ein Jubel ist in mir, ein ungeduldiger Jubel, der hinauf will, hinauf,
bis in den siebenten Himmel hinauf! ...
* * * * *
Was ich hier träume und denke und dichte, das ist nicht mein Verdienst
und nicht meine Schuld. Das ist das goldige flammende Rund da oben, das
sind die Blumen, die mich umblühen, die Vögel, die mich singend
umschweben, Halme und Laub, die mich umrauschen, die Menschen nah und
fern, du.
Alles, alles ist dein Verdienst, und wie ich mit dir eins bin, so ist es
erst auch meins.
Sind wir denn getrennt: du und ich?
Nicht hier, nicht jetzt. Jetzt, hier sind wir geeint in einem einzigen,
weiten, stillen Frieden. Hier sind wir Blume und Baum und Gras, heller
Himmel und goldiges Kornwogen, Farben und Vogellied, hier blühst und
singst und leuchtest du in mir und ich in dir. Hier bin ich frei ...
* * * * *
Wir beide, wir kennen Augenblicke, Stunden: wunderliche Augenblicke!
Wunderliche Stunden!
Was peinigen wir uns mit harten, höhnenden Worten? Was quälst du mich?
Was quäl ich dich?
Lirum larum! Ich weiß jetzt eine große, tröstende Weisheit!
Lust ist Qual, und Qual ist Lust, und es gibt und kann in alle Ewigkeit
hinein nur eins geben: Liebe, Liebe, Liebe, dreimalheilige Liebe,
wechselnd in zwei Gegensätzen und doch einzig, einig und allein Liebe,
Liebe, Liebe ...
* * * * *
Wie sich deine Brauen über deinen Augen wölben, ihr Schnitt, ihre
Schwingung, der feine, weiße Bogen unter dem dunklen Apfel, dieser Glanz
in diesem Rund und diese schimmernden Lichter in das Weiß hinein, diese
Nasenflügel und ihr feines Beben, die sanften, runden Linien dieses
Gesichtes mit dem milden Spiel von Rot und Weiß, das Gleiten und Biegen
dieser Körperformen: das alles, alles spricht von einem bestimmten
Schicksal, und dieses Schicksal ist eine lebendige Seele und hat dieses
Fleisch, diese Glieder und ihr Verhältnis zueinander geschaffen. Dieses
Schicksal aber, diese Seele lieb ich, lieb ich in Mitleid, in Staunen,
in versinkender, anbetender, hingegebener Bewunderung ...
* * * * *
Ich simuliere, wie ich dir den Hof mache.
Eine putzige Welt hat der liebe Gott um uns hergerichtet mit artigem
Getier und Menschenvolk, zu unsrer Verlustierung sonderbarlichen
Treibens beflissen.
Sie fischen und gärtnern, graben, pflügen und bauen Beete und Felder,
feilschen und beklatschen sich, bekalkulieren Witterung und Ernte,
essen, trinken und schlafen, rechnen sich über heute und morgen hin,
schustern und schneidern, zimmern und schmieden, zeugen sich fort und
sterben, sind gesund und krank, hassen und lieben sich, und alles ist
eine artige, lustige Komödie.
Und Wälder, Felder und Fluren, weitgedehntes Land mit lautem und
stillem, mit tausendbuntem Getier: kriechend, hüpfend, springend,
laufend, flatternd und schwirrend, mit Blumen und Gräsern, mit tausend
bunten Farben und Bewegungen, mit Leuchten, Glitzern und Flinkern ist um
uns hergerichtet, uns, uns zur Lust: von dieser Welt bau ich dir
träumerische, ausgelassene, viele, viele bunte Lieder in freien Weisen,
wie sie mir so durch den Kopf schießen.
Alles, alles, ganz sollst du mich haben; denn das alles war und ist mein
liebes, gepeinigtes, lauschendes und schaffendes Herz mit Lust und Leid,
Elend und Glück, Haß und Liebe: ein Spiel nun alles, ein närrisches,
lustiges Spiel, denn du, du bist in der Welt und in mir beschlossen und
eine einzige Wonne, ein einziges, unermeßliches Glück. Und mit diesem
ist für alles gesorgt, jetzt und immer und ewig ...
* * * * *
Heute morgen schlenderten wir beide durch die Felder, schaukelten unsere
zusammengefügten Hände, sahen uns in die Augen, lachten und waren still,
ganz still.
Da haben wir den Frühling gesehn.
Mitten auf dem staubigen Feldweg patschelte er uns entgegen in einem
hellrosa Wölkchen.
Er war ein Mosjöh Dreikäsehoch, hatte einen ratzekahl geschorenen,
schlohweiß schimmernden Flachskopf und zwischen zwei rotbraunen
Posaunenbacken eine höchst naive Stuppsnase, aus der ein Paar
perlenklare Talglichtlein sacht auf ein offen Schnäuzchen
herniederrannen. Ohne viel Gêne trug er ein blauverschlissen Kittelchen
auf seinem nudeldicken Wurstleibchen, vorn hoch, hinten tief, aus dem
ein höchst schnuddliges Bein- und Armwerk hervorpendelte.
Seine Hoheit sahen uns mit ein paar großen, tiefblauen
Vergißmeinnichtaugen durch und durch und brömselten so viel Unsinn vor
sich hin, daß uns ganz wirblicht wurde.
Er ließ sich von dir die Nase putzen, geruhte von mir einen Nickel
anzunehmen, und gesegneten Herzens schlenderten wir weiter, weit, weit
in die sonnige Klarheit hinein, aus der er gekommen war ...
* * * * *
Anders aber sah ich ihn ein andermal.
Das war vor mancher Woche.
Einsam saß ich in meinem einsamen Zimmer mitten in der großen, großen
Stadt.
Die Sterne flammen auf im tiefen Blau, hoch oben über den Dächern,
zwischen den milchweißen jagenden Windwolken, den Frühlingswolken, und
die roten Abendlichter verglühen still an den langen, langen, dunkelnden
Mauern.
Draußen aus der Stille lösen sich Stimmen, und der Wind fängt an mit
frischen Stößen das Fenster zu streifen und singt im Rauchfang sein
altes Lied.
Es wächst und wächst, und immer voller, immer stärker das frische,
fröhliche Brausen.
Wunderlich geht es vom Fenster zur Tür durch das Zimmer mit einem
feuchtwarmen Zug.
Und ich schnaufe den Frühling ein, seinen gesunden Odem. Und ich wittre
einen Duft wie von Rosenblättern, getragen von den unsichtbaren Fluten.
Frisches, taufeuchtes Wiesengras spür ich und den Geruch
frischgepflügter brauner Felder, die im sonnigen, lerchenschmetternden
Frühnebel dampfen. Und ich höre die freudige Sprache der werdenden Welt,
der erwachenden, jungen Kreaturen.
Meine Sinne fahren auf und hin, getragen von dem Brausen, eins, ebbend
und flutend mit seinem herrlichen Rhythmus: jetzt aufhorchend, jetzt
still in traumhafter Versonnenheit und in neuer, immer neuer Gewißheit
auf, in die Höhe; und es packt und durchschüttelt mich in freudetollen
Phantasien von der Zukunft.
Und nun bin ich draußen in der äußersten Vorstadt.
Weit dehnt sich das Land hinaus im nächtigen, witternden Zwielicht. Hier
ein Netz von baumbepflanzten Wegen, im flachen Land sich verlierend.
Bald werden sie Straßen sein, wie die da drin, und die Häuser da und
dort, vereinzelt und in Gruppen über das Freie hin verstreut, werden
zusammenwachsen zu Stadtvierteln bis hinaus zu den fernen Vororten.
Weite Landstraßen ziehen sich hinaus, und von allen Seiten,
durcheinander, aneinanderhin, schnaubende, donnernde, rollende Züge,
herein und hinaus in das nächtige Land wie riesige feurige Raupen.
Und nun zackt es sich weit hinter mir mit Dachzinnen und Türmen und
ragenden Schornsteinen und verrinnt breit, endlos in trüben roten Dunst,
und starrt müde mit seinen tausend und abertausend Fenstern in das freie
Land hinein.
Und der Sturm wächst und braust und knattert und pfeift mit den hundert
lustigen Stimmen seines wilden Akkordes heran über die brachen schwarzen
Schollen, durch Gestrüpp und Geäst, und hinein in die langen,
lichtflackernden Straßenzeilen, und all das Lebensblut da drin wallt auf
in frischen Gluten, und lebendiger regen sich Millionen Kräfte gegen und
durcheinander.
Aus weitem fernen Süden strömen die durchglühten Lüfte her, seitwärts
gebogen vom kreisenden Umlauf der Erde, und in ihrem jubelnden Getöse
ist es lebendig von Millionen Stimmen und Wundern.
Über der unendlichen Öde der Wüste haben sie geglüht, von reineren
Sonnen und Monden durchbebt, über ragenden Palmen und fernen, fremden
Gebreiten, über mächtigen Meeren und Strömen und Seen, über der wilden
grünen Nacht der Urwälder, durchhallt vom Gekreisch und Gebrüll
fremdartiger Tiere, und durchglüht von ungeahnter, leuchtender Pracht,
und ein üppig wucherndes Leben haben sie gezeugt.
Und nun tragen sie's herüber mit ihren wildfreudigen Strömen und wirbeln
es zu uns her über weite, bäumende Meere, über herrliche Breiten
wärmerer Sonnen, über ewig eisige Höhen, ihrer winterlichen Starrheit
trotzend, und wirbeln es her mit den fröhlichen Scharen der Vögel und
lebendigen Keimen.
Und der Tumult der ewig lebendigen Kräfte wogt herab aus den Höhen in
unbegreiflichen Schwingungen und bebt in uns hinein.
Sie zittern hinein in schwarze, ruhende Tiefen, und es beginnt ein Hin
und Wieder und Ineinander, und bebt und treibt dunkel unter süßem
Zwange, und aus Beben und Treiben und unerforschlichen Mischungen der
Elemente werden Keime, und die schwarze, träumende Ruhe ringt sich dem
Licht entgegen, dem Licht ...
So spürt ich damals den Frühling.
Sturmlieder brauste er hinein in die langen, flackernden, öden
Vorstadtstraßen, wilde, rüttelnde Sturmlieder, und wenn ich recht hörte,
hatten sie einen sehr polizeiwidrigen Text ...
* * * * *
Bah! -- Hier lieg ich und strecke mich, ein Tunichtgut und Simulant
schlimmster Sorte.
Sämtlicher Laster und Tugenden bin ich teilhaftig. Ich habe mit
Christus, dem Herrn, die Leidensnacht in Gethsemane durchlitten, und mit
Buddha das innerste Wesen der Welt erkannt. Ich bin geschlechtlos, bin
Mann und Weib. Schuldlos bin ich und naiv wie das reinste Kind und
erfahren wie der blasierteste Roué! Ich bin Kaiser und Held und der
niedrigste Sklave. Der gewandteste, gefährlichste und der blödeste,
einfältigste Liebhaber, bin und habe, was ich will.
Jetzt aber bin ich eine große, schöne Blume. Bin Fühlen, ganz, ganz
dämmerndes Fühlen. Ich wurzele in einer süßen, feuchten Kühle, und dehne
mich sacht in ein laues, fächelndes Schweigen hinein, spreize mich,
ringend und nachgebend, mit hundert Formen in sanften, neckischen
Widerstand hinein, etwas Heißem, Lichtem sehnend entgegen. Zu oberst
leuchte ich vor Jubel, und meine Lust wird eine köstliche Süße. Es
schwirrt zu mir her mit bunten, durchsichtigen Flügeln, und ich
erschaure in den Wonnen einer leisen, leisen, sanften Berührung ...
Traum bin ich, Traum, ganz Traum und süßes, süßes Verdämmern,
Schlummern, Entschlafen ...
* * * * *
Staunendes, erschrecktes Erwachen.
Lange Schatten und müde Lichter. Treiben und wellen mit verglühendem
Gekräusel über die Wasser herüber und verblinken in stumpfes Blaugrau.
Goldig versinkende Glut über breitgedehntem, schwarzem Baumgekrissel.
Hoch, hoch drüber aus zartem, zartem Grün ein Sternchen.
Noch eins; noch eins. Viele.
Breite Schatten wogen vom Osten her über die Welt mit den Geheimnissen
heimlicher Laute und Gestalten.
Drüben sinken die müden Gluten, sinken und sinken ...
Kühle Schauer vom Wasser her durch leises Geflüster, singendes
Plätschern und Murmeln.
Langsam, langsam schiebt sich die Silhouette eines Kahns durch
silberspiegelnde Glätte, langsam, langsam den Nebelfernen zu.
Tiefe, tiefe Einsamkeit, Friede, Grauen: meiner Seele zu süß, viel zu
süß ...
Rote, warme Lichtlein glimmen fern in niedriger Enge zwischen breit
geballten, schwarzen Wipfeln.
Und unter weitentfachter, goldiger Pracht wandre ich mit eiligen Füßen
durch weiße Nebel den Lichterchen zu, den armen, glimmenden, heimlichen
Lichterchen.
Zu dir, _ma Dame_! Zu dir! ...