II.

Schicksalsmonde kommen und gehen:

Fünf Männer schwimmen in einem Kessel aus rotem Stahl.

Ihre Knochen sind geknetet in den Teig des Stahls:

Ihre Knochen sind zerbrochen in Spulen und Amboß

Und in saugende Taucher meerkämpfender Turbinen.

Sieh sie im verworrenen Gerüst einer drahtlosen Station.

Einer von ihnen sagt: „Ich liebe meine Arbeit, die Gesellschaft ist

gut zu mir. Amerika ist ein wundervolles Land.“

Einer: „Jesus, meine Knochen schmerzen. Die Gesellschaft ist eine

Lügnerin. Das und ein freies Land -- wie die Hölle!“

Einer: „Ich hab’ ein Mädel, einen Pfirsich! Wir sparen zusammen und

gehen fort auf eine Farm. Ziehen Schweine und sind unsre eigenen

Herren.“

Und die andern, rauhe Sänger der langen Heimwege.

Sieh dich um nach ihnen dort am stählernen Gruftgitter.

Sie lachen auf eigene Kosten.

Sie halfen dem Vogelmenschen ins Blaue.

Stahl singt ein Motor und surrt.

Carl Sandburg.

Aus: Die Neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik.

Herausgegeben von Claire Goll. S. Fischer Verlag. Berlin.

So komme ich hinüber in die ansteigenden Straßen Alleghenys. In

einem graudüsteren Arbeitervorstadtviertel klingle ich neben einer

kleinen, fast baufälligen Kapelle an einem niedrigen einstöckigen

Haus mit blanken Türgriffen. Mir klopft ein wenig das Herz. Wer

wird öffnen? Lebt der alte treue Mann noch? Ein breitschultriger,

weißbärtiger, freundlich blickender alter Herr von etwas gebückter

Haltung in schwarzem Rock öffnet. Ohne Zweifel der alte Prediger! Er

fragt englisch nach meinem Begehr und öffnet sofort weit die Tür zum

Eintreten. Was er wohl von mir denken mag? Ob ich als Bräutigam eine

Trauung bestellen will? Aber dazu sehe ich wohl nicht festlich und

strahlend genug aus. Ob ich gar ein Begräbnis vermelden will, aber dazu

lachen meine Augen doch zu hell. Dann bin ich sicher ein bettelnder,

hilfesuchender Einwanderer und „Landsmann“? Das ist nicht so ganz

falsch! Und ich? Ich kauderwelsche gar nicht erst englisch, sondern

sage frisch und fröhlich auf deutsch: „Guten Tag, lieber Herr v. d. L.,

ich soll Sie bestens von Ihrem Großneffen Alexander P. in Deutschland

grüßen.“

Der alte Mann fuhr unwillkürlich einen Schritt zurück und sah mich

groß wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt an. „Habe ich recht

gehört?“ redete er jetzt auch gut deutsch, „Alexander P.?“ -- „Jawohl,

wir haben neun Jahre zusammen auf der Schulbank gesessen, dann sind

wir ein paar Jahre zusammen Studenten gewesen, und bei Ihrer Nichte,

Frau Professor P., ging ich ein und aus.“ -- „Es ist nicht möglich?

Aber wenn Sie es sagen, muß ich es schon glauben. Aber wo kommen Sie

denn her?“ Wir standen immer noch zwischen Tür und Angel. „Gerade

aus San Franzisko oder aus dem Mormonentempel in Salt Lake oder

vom Pikes Peak herunter, wie Sie wollen.“ Jetzt machte er ein noch

erstaunteres Gesicht und zog fast die Hand schon wieder zurück, die

mich schon ins Zimmer zu bitten schien: „Da bin ich alter Mann von

80 Jahren, obwohl ich dort drüben an dieser Kapelle schon 53 Jahre

predige“ -- sein Finger wies auf die stark berußte alte steinerne

Kapelle -- „noch nicht gewesen.“ Wir traten ins Haus, und ich mußte

erzählen. Stundenlang saßen wir einander gegenüber, und ich erzählte

von Deutschland, von seinen Verwandten und von meiner Reise durch die

Union, von Neu-Mexiko und dem Grand Kañon und dem Stillen Ozean. Und

dann fing er an, aus seinem Leben zu erzählen; fast ein Jahrhundert

sprach aus seinen durchfurchten Zügen und mannigfachen Erlebnissen.

Er war in Rom als Sohn eines bekannten deutschen Bildhauers v. d. L.

geboren. Sein Vater starb früh. In meiner Heimatstadt besuchte er das

alte städtische Gymnasium und konnte auch den Frankfurter Dialekt noch

recht unverfälscht nachahmen. Ach, da mußte ich nun genau beschreiben,

wie es jetzt auf dem Römerberg, am Dom und auf der „Zeil“ aussehe! Er

kannte freilich nur die einstige freie Reichsstadt. Wie anders war seit

Jahrzehnten alles geworden! Dann war er als junger Mensch nach Amerika

gegangen in den Zeiten, wo Deutschland noch nichts bedeutete!

Drüben wurde er erst Farmer. Die Gelehrsamkeit hatte er an den

Nagel gehängt. Vom Farmer avancierte er -- echt amerikanisch -- zum

Apotheker! Ohne eigentliche Lehre und viel Ausbildung. Aber dann

zog es ihn doch wieder zur wissenschaftlichen Bildung zurück. Er

übernahm eine Schullehrerstelle! Und schließlich folgte er dem frommen

Sinn seiner künstlerischen Familie, deren Urheimat das Baltenland

war, besuchte ein amerikanisches Presbyterianerseminar und wurde

an der Kapelle drüben Prediger, der er noch heute, nach 53 Jahren,

vorstand! So lernte er nacheinander italienisch, deutsch, englisch

und französisch reden und hatte in seinem Leben den Einwanderern auch

schon in allen diesen vier Sprachen gepredigt. Als er anfing, brachte

seine Gemeinde für ihn gerade 87 Dollars Jahresgehalt durch freiwillige

Beiträge zusammen! In seiner ersten Kirchenkollekte fanden sich sieben

Cent! Seine Gemeinde blieb immer eine der ärmsten von den armen. Aber

er hielt ihr die Treue. Augenblicklich war sie wieder auf 70 Familien

zusammengeschmolzen und unfähig, für den alten Herrn ein Ruhegeld

aufzubringen. So sah er sich genötigt, bis zum letzten Atemzug zu

arbeiten. Und war es zufrieden.

Wir plauderten lange. Ich fühlte mich bald bei dem lieben alten Herrn

wie daheim. Er war seit Jahrzehnten Witwer. Aber da allmählich mein

Magen etwas knurrte, so wollte ich mich auf eine Weile verabschieden,

um irgendwo einen bescheidenen Lunch einzunehmen. Aber das litt der

alte Herr nicht, sondern nötigte mich an seinen peinlich sauber

gedeckten bescheidenen Tisch. Nach dem Essen mußte ich allerlei alte

Familienbilder, Lebenserinnerungen, Bilder aus Rom, das ich aus eigener

Anschauung kannte, ansehen. Und wie interessierte es ihn, zu hören, wie

es heute beim Pantheon, auf dem Forum, auf dem Kapitol und in St. Peter

aussehe! Mit einem gemütlichen Spaziergang über die Höhen der Stadt

beschlossen wir den Tag. -- --

Andern Tags fuhr ich nach Washington.

53 Jahre hätte ich nicht gerade in Pittsburgh oder Allegheny wohnen

mögen, wo man die längste Zeit des Lebens in Rauch und Qualm verbringt;

aber die Treue und Genügsamkeit des alten Predigers war doch ein Stück

stillen Heldentums. Ich lechzte derweilen wieder nach freier Sonne und

grünen Wiesen und Feldern. Sie sollten auch nicht lange auf sich warten

lassen ...

Lotrecht fuhren wir südöstlich auf das Alleghenygebirge zu, das als

einziges den amerikanischen Osten unterbricht. An Ausdehnung und

Höhe ist es mit dem Felsengebirge nicht entfernt zu vergleichen,

sondern erinnert seiner ganzen Art nach vielmehr an unsere deutschen

Mittelgebirge.

Stark stieg die Bahn an. Hell und freundlich schien wieder die Sonne.

Wohlangebaute Fluren dehnten sich rechts und links. Man sah es den

Feldern und Siedlungen an, daß sie weit älter sein mußten als die um

Chikago oder gar westlich davon. Auch merkte man sichtlich die ständig

wachsende Dichte der Besiedlung. Immer höher kamen wir in das Bergland

hinein. Es schäumten die Bäche lustig und rasch vom Gebirge herab. Da

und dort sah man wieder verwüstete und abgebrannte Wälder. Felstäler

taten sich auf wie in der Schwäbischen Alb. Immer romantischer wurde

die Landschaft und immer sonniger und grüner, je weiter wir südlich

kamen und je näher dem Ozean. Als wir gar jenseits des Passes das Tal

des Potomac River hinabfuhren, lachte uns geradezu ein jauchzender

Frühling entgegen mit keimenden Saaten und herrlichstem Himmelblau.

Anmutig leuchteten zartrosa die Apfelbäume in ihrer ersten schüchternen

Blüte. Welche klimatischen Unterschiede auch hier wieder! Die großen

Ebenen um Chikago sind schutzlos den kanadischen Froststürmen, die

über die großen Seen hereinbrechen, preisgegeben. Aber das Land

östlich und südlich der Alleghenies ist durch sie gegen die kalten

Nordwinde wie durch eine Mauer geschützt, so daß man in Washington

schon den Geschmack der warmen Süd- und Plantagenstaaten empfindet,

den warmen Hauch Virginias, des „Landes der jungfräulichen Königin“

(Elisabeth) und Carolinas, des Staates Karls I. von England, der alten

Hauptsklavenstaaten.

Bei „Harpers Ferry“ mündet fast wie in einer Neckarlandschaft der

„Shenandoah“-Fluß[36] in den größeren Potomac. Links und rechts

begleiteten uns die lieblichsten Hügelreihen. Es war ein lachendes

Flußtal, das gerade für Bahn, Straße und schmale Siedlungen Raum läßt.

In Harpers Ferry ist man an einer historischen Stelle. Nicht nur daß

hier mancherlei Schlachten im Bürgerkrieg geschlagen wurden -- denn

in diesen Strichen lief die Grenze zwischen Nord- und Südstaaten,

zwischen Sklavenbefreiungs- und Sklavenhalterstaaten -- sondern Harpers

Ferry ist die denkwürdige Stelle, wo schon 1859 John Brown mit wenigen

entschlossenen Abolitionisten in das Städtchen eindrang, um die Sklaven

zum Aufstand zu veranlassen. Aber die Neger folgten seinem Ruf noch

nicht. John Brown wurde umzingelt, besiegt und schließlich von den

Sklavenhaltern gehängt. Sein letzter Widerstand erfolgte in einem

kleinen, scheunenartigen Haus, jetzt „John Browns Fort“ genannt, das

heute noch steht. Die Bahn fährt dicht daran vorüber.

Als wir eine geraume Strecke weiter aus den Bergen in die Ebene

hinausgefahren sind, ragt mit einem Male ein hoher Obelisk aus tiefem

buschigen Grün, das Washington-Monument, empor. Bald darauf schwebt

über der Landschaft eine hohe, stolze adlige Kuppel wie St. Peter über

der Campagna bei Rom -- das Kapitol der Bundeshauptstadt.

Ich bin wirklich in Washington! Traumhaft! Etwas wie Ehrfurcht

überkommt mich. Vereint sich in Wallstreet und auf dem Broadway in

Neuyork das Kapital der Union, so in Washington alle Regierungsmacht.

Washington liegt gerade auf der Grenze des Nordens und Südens. So

ist es von hier nicht weit nach den Schlachtfeldern von Gettysburg,

Harrisburg und dem Hauptquartier der Südstaaten, Richmond. Man ist in

Washington ungefähr in der Mitte zwischen Maine und Florida. Es ist

auch bezeichnend, daß die Bundeshauptstadt ganz im Osten der Union

liegt. Der Osten (außer Chikago und St. Louis) ist Amerika. Im Westen

dominiert nur noch das einzige San Franzisko. Aber welche Entfernungen

von der Bundeshauptstadt dorthin! Wir sind gewohnt, Hauptstädte in der

Mitte des Landes zu suchen. Aber wir dürfen nicht vergessen, noch vor

gut einem halben oder Dreivierteljahrhundert war Amerika bloß ein

Streifen am Atlantik, dessen Mitte Washington bildete. So erklärt sich

noch heute seine Lage.

Der Hauptbahnhof in seinem strahlenden Marmorweiß und seinen

unzähligen, zum Teil unbenutzten Geleisen macht einen sehr vornehmen

Eindruck. Der Bahnverkehr Washingtons ist freilich, verglichen mit

dem Neuyorks und Chikagos, recht gering. Gleichwohl hatte Washington

den echt amerikanischen Ehrgeiz, den „größten Bahnhof der Welt“ zu

besitzen, selbst auf die Gefahr hin, daß es alle diese Geleise gar

nicht ausnutzte!

Washington ist im ganzen eine stille, aber äußerst stattliche und

höchst saubere Stadt. Nur zwei Städte machten auf mich diesen Eindruck,

Washington und -- Salt-Lake-City. Alles hell, gerade, luftig, grün,

weitläufig. Eine wahre fürstliche Platzverschwendung herrscht in

Washington überall.

Ich nahm meinen Weg sofort zum Kapitol, das aus dichtem dunklen

Parkgrün hervorschaut. Ich war immer aufs neue überrascht von den

weiten prächtigen Parkanlagen, von den großen, weiten Plätzen und

überaus breiten Straßen, die ich hier sah. Ich hatte sofort den

Eindruck, diese Stadt ist die schönste der Union, und sie kann sich

wirklich mit den europäischen Hauptstädten messen. Welche königliche

Platzverschwendung hat man sich hier erlaubt! Das ganze Gelände

vom Kapitol zum Obelisk und von da zum „Weißen Haus“, eine gute

halbe Stunde Weges, ist +ein+ Park. Aristokratisch und edel steigt

das Kapitol mit seinem weißen Sandstein und seinem Marmor, seinen

vorspringenden Flügeln mit ihren klassischen Tempelstilfronten und

seiner imponierenden, von der Freiheitsstatue gekrönten Kuppel

auf einer kleinen Anhöhe auf, ein wahrhaft majestätischer Bau.

Fast erscheint die Kuppel, weniger in Anbetracht der Länge als der

verhältnismäßig geringen Höhe des Gebäudes, etwas groß und schwer.

Besonders reizvoll sind die Blicke auf sie aus den verschiedenen

Parkwegen und von dem unteren Ende der Pennsylvania-Avenue.

[Illustration: ~WASHINGTON~

~Das Weiße Haus~]

[Illustration: ~WASHINGTON~

~„Mount Vernon“, Washingtons Landsitz~]

Am anderen Tag saß ich eine Weile auf der Galerie im Repräsentantenhaus

und ebenso eine Weile im Senat und hörte den Debatten zu. Am meisten

Eindruck aber machten mir die acht ehrwürdigen Richter des „~Supreme

Court~“ in dem kleinen Saale des „obersten Gerichtshofes“, dessen

Bedeutung etwa dieselbe wie die unseres Reichsgerichts in Leipzig

ist, ja vielleicht eine größere, denn in Amerika wird das Recht nicht

so sehr nach festgelegten Paragraphen angewandt, sondern nach dem

Rechtssinn und Gewohnheitsrecht +gefunden+. Die Richter, außer denen

des ~Supreme Court~, sind nicht vom Staatsoberhaupt ernannt, sondern

werden vom Volke erwählt.

Dann stand ich unter der Kuppel unter den großen historischen Gemälden,

die von der Landung des Columbus, der Einschiffung der Pilgerväter,

Washingtons Übernahme des Oberbefehls über die Revolutionsarmee,

von der Entdeckung des Mississippi und der Unterzeichnung der

Unabhängigkeitserklärung in Philadelphia 1776 Kunde geben. Eine

imposante Halle! Oben in der Kuppel befindet sich eine mächtige

Darstellung der Apotheose Washingtons, dessen Name mit diesem Land und

seiner Verfassung und dieser Stadt unlöslich verknüpft ist. Kein Name

ist berühmter geworden, selbst nicht der Lincolns, mit dessen Namen der

Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung unauslöschlich verbunden sind. Als

ich dann in den nächsten Saal zur Linken trat und den Marmorstatuen

der großen Amerikaner gegenüberstand, deren zwei aus jedem Staat

hier aufgestellt sind, drang die Geschichte, Größe und Macht dieses

Landes, das einen ganzen Kontinent umfaßt, mächtig auf mich ein.

Eine kurze, fast stille Geschichte, und doch bedeutungsvoller als

irgendeine der europäischen Dynasten- und Raubkriege. Die Reibereien

der europäischen Großmächte, Kolonialkriege, Kaiser- und Papsttum

-- alles das blieb hier unbekannt. Alles, was hier geschah, diente

der Kolonisation, der wirtschaftlichen und der politischen Einigung.

Aus Kolonien ist das Land zu einer selbständigen, an Volkszahl und

Reichtum alle europäischen Mächte überbietenden Großmacht ersten Ranges

emporgewachsen, die mehr „~world-spirit~“ in sich trägt als vielleicht

sogar England, dessen Hauptabkömmling Amerika doch letztlich ist.

Der anglikanische Typus ist in Amerika vorwiegend und hat dank der

Sprache auch die absolut dominierende Herrschaft erlangt, während die

Spanier, obwohl die ersten Ansiedler, die Franzosen am Mississippi

in Neuorleans, Louisiana und in Kanada, die Holländer im alten

Neuamsterdam, dem heutigen Neuyork, die Deutschen, zerstreut durch das

ganze Land, und endlich die romanischen und slawischen Elemente der

jüngsten Einwanderung im Anglikanismus Amerikas aufgegangen sind und in

ihm wohl aufgehen werden.

Amerikas Geschichte beginnt eigentlich erst mit dem

Unabhängigkeitskrieg am Ausgang des 18. Jahrhunderts. Auffassung des

Staats, der Kirchen im Verhältnis zu ihm, des Menschentums und der

politischen Freiheit sind +Aufklärungs+gedanken. Hier hat Frankreich,

das Frankreich der Revolution und der Republik, Pate gestanden

(Lafayette!). Aus dieser Zeit stammt sowohl der klassizistische

Stil der Staatsgebäude wie die Anlage der Stadt Washingtons. Ein

französischer Architekt hat die Pläne seiner Parks entworfen.

Frankreich schenkte die Freiheitsstatue für den Hafen von Neuyork, und

immer ist die besondere Sympathie Frankreichs für die große Schwester

in der neuen Welt wach geblieben. Wundern wir uns also nicht allzusehr,

daß der inneren Stimmung nach und nicht nur aus Geschäftsgründen

Amerika im Weltkrieg auf seiten Englands und Frankreichs trat. Aber

kein anderer als Friedrich der Große ist die Ursache gewesen, daß

Frankreich nach dem Siebenjährigen Kriege seine Besitzungen in Amerika

an England abzutreten hatte! Der Siebenjährige Krieg war ebenso

Kolonialweltkrieg zwischen England und Frankreich als Kontinentalkrieg

zwischen Österreich und Preußen. Friedrich der Große war zum Teil

Englands Soldat!

Seit dem Unabhängigkeitskrieg gab es nur noch +ein+ Ereignis, das die

Union tief erschütterte, den Bürgerkrieg und die Sklavenbefreiung.

Durch Kauf wurde später Florida, Louisiana und Alaska erworben; von

Mexiko wurden die südwestlichen Territorien Neumexiko, Arizona und

Kalifornien an die Union abgetreten; so wuchs allmählich und doch rasch

das Riesenland zusammen, bis es im letzten Jahrzehnt anfing, selbst

Kolonialmacht und der Erbe Spaniens, das einst den Entdecker Kolumbus

aussandte, zu werden.

Diese Macht des Landes hat sich hier in der Hauptstadt ihre Symbole

in prächtigen öffentlichen Gebäuden geschaffen. Gegenüber dem Kapitol

liegt die Bibliothek des Kongresses, innen überreich mit Marmor

ausgeschmückt, wie nur irgendein Palast in Italien, und mit einem über

alles prächtigen Lesesaal, der sicher nicht viele Konkurrenten in der

Welt hat. Nahe dem „Weißen Hause“ die stattlichen klassizistischen

Gebäude des Bundesschatzamts und des Kriegsministeriums. Auf freiem

offenen Plan davor ragt der stolze, schlanke, zu Ehren Washingtons

erbaute 169 ~m~ hohe Obelisk auf, lange der höchste Steinbau der Welt,

bis ihn die Wolkenkratzer überhöhten. Im Morgendunst von fern wie ein

mächtiger weißer Spargel aus grünem Gebüsch, abends zart rosa leuchtend

anzuschauen. Von seiner Spitze, zu der ein Aufzug -- wie mühselig sind

doch die vielhundertstufigen alten Steintreppen in unseren Domtürmen!

-- hinaufführt, eine überraschend großartige Rundsicht. Die ganze

Stadt, die trotz ihrer verhältnismäßig geringen Einwohnerzahl doch

einen immensen Flächenraum einnimmt, ist eingebettet in Parkgelände.

In weitem Bogen bespült sie der Potomac, so breit wie die Elbe bei

Hamburg, der sich bald unterhalb der Stadt zu einer langen, tief ins

Land einschneidenden Bucht verbreitert. Und jenseits liegt der große,

schattige Nationalfriedhof für die Gefallenen aus dem Bürgerkrieg.

Ich bedauerte, daß nicht eine gerade stattliche Allee vom Kapitol

zum Obelisk führte, mit ständigem Durchblick auf die Kapitolskuppel,

und ebenso vom Obelisk zum Weißen Hause. Aber das Weiße Haus wäre

in seiner Bescheidenheit gar nicht dazu angetan, den Endpunkt einer

stolzen Allee zu bilden, denn hier wohnt ein „Bürger“, von keinem

Posten bewacht, von keiner Schloßwache beschützt, ein „Bürger“ in einer

besseren Bürgervilla, zu der jeder „Bürger“ Zutritt hat. Es war mir

doch seltsam zumute, als ich am Gartengitter stand und in den Garten

des Weißen Hauses hineinlugte mit seinem kleinen Springbrunnen in der

Mitte, seinem eigenen Tennisplatz und seinen wohlgepflegten, mit gelbem

Kies bestreuten Wegen. Um mich herum auf dem offenen grünen Plan am

Obelisk spielten Schuljungen und junge Burschen ihren Baseball. Viele

Leute, die aus dem Geschäft oder von der Arbeit kamen, Schwarze und

Weiße, standen da herum und schrien mit, applaudierten und ermunterten

die Spieler. Ich ging ins „Weiße Haus“ hinein, soweit es erlaubt war.

Ich erwartete kein Schloß und sollte kein Schloß erwarten. Es will

auch absichtlich mit keinem Schloß konkurrieren. In der Vorhalle des

Weißen Hauses fand ich eine Galerie von Präsidentenfrauen bis auf Mrs.

Roosevelt; auch durfte man in den sogenannten „Eastroom“ eintreten,

einen bescheidenen Empfangssaal mit Parkett, goldenen Leuchtern auf

den Marmorkaminen, ein paar Blattpflanzen an den Fenstern und drei

Kristallkronleuchtern. Das war alles von äußerem Glanz.

Am Nachmittag benutzte ich das Dampfboot und fuhr den Potomac hinunter

nach Washingtons Landgut „Mount Vernon“ in Virginia. So bekam ich auch

etwas Geschmack vom Süden, in dem einst die großen Negerplantagen

waren und die Sklaverei herrschte. Die Sklaverei ist aufgehoben.

Aber noch hat der Neger kein volles Recht. Zu Zeiten kommen z. B.

noch fürchterliche Lynchgerichte am Neger vor. Und ob man immer den

Schuldigen trifft?

Johnson, Neger.

Hinunter steig ich in die Kohlenstadt von Westvirginia.

Man hat einen Neger +gelyncht+.

Sonnig lächelt die Stadt zwischen Berg und Fluß,

Und nachts prunkt ihre Hauptstraße:

Aufreizende Läden, elektrisches Licht ...

Rauhe Haufen, Bergarbeiter und Bauern suchen Frauen, Trunk und

Vergnügen.

Am Tag in der ruhigen Sonne brütete Schrecken und Schuld über der

Stadt.

Der Sheriff zitterte:

„Ich tat, was ich konnte“ sagt er, „Daisy ist 13,

Ihr Vater Bergarbeiter.

Sie bestellt das Haus.

Es war zehn Uhr früh und Daisy allein.

Es klopft. Sie öffnet.

Ein Vieh von Neger nahm sie bei der Kehle -- sagt sie aus --

Und tat es ihr.

Dann ging er weg.

Wir stellten fünfzehn Neger in der Runde auf,

Den Burschen Johnson unter ihnen.

Man holte Daisy. Sie zeigt auf ihn und schreit.

Das fällte ihn ...

O ja, ich tat, was ich konnte, nahm ihn hinüber nach Gentryville,

Fort aus der Provinz.

Ich kann nichts sagen,

Ich denke mir mein Teil ...“

Ich weiß, was er dachte.

Aus dem Träumer in mir wurde der Neger Johnson.

Ich komme ein Fremder in eine fremde Stadt.

Ein Mädchen schreit, ich habe sie geschändet.

Ich werde festgenommen, ins Gefängnis gebracht ...

Es ist eine Heimsuchung von Gott.

Ich traure und winsle aus Furcht vor dem Übernatürlichen.

Dann Entsetzen: Das große, heulende, knurrende Tier ist vor dem

Gitter.

Schüsse, niedergerissene Türen, Füßegestampf.

Ich kreische. Mitleid! ... O meine Mutter! Meine Mutter!

Man schleift mich an einem Seil die Straße entlang,

Mein Blut rinnt, Schläge fallen,

Ich muß sterben ...

Ich bin schrecklich verstümmelt,

Das Seil wird über Telegraphendrähte geschleudert,

Man zieht mich hinauf ...

Zuletzt Flinten, mitleidige Kugeln ...

Ist es zu Ende?

Nein: Noch baumelt der Leib, der nackte schwarze blutige Leib,

Man zerreißt ihn in Stücke.

Weiber und Männer tragen Finger, Zehen und Knochen als Reliquien

heim.

Dies ist heute Amerika!

Puritanisches Amerika, moralisches Amerika, freies Amerika ...!

Ich ziehe gen Norden, freudloser als ich kam.

James Oppenheim.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. S.

Fischer, Berlin.

In Mount Vernon verbrachte Washington den Rest seines Lebens, nachdem

er zweimal Präsident gewesen und eine weitere Wiederwahl ablehnte,

so daß es seitdem für die Präsidenten geradezu Pflicht geworden ist,

höchstens acht Jahre die Präsidentschaft inne zu haben. Mount Vernon

ist ein reizender lauschiger Landsitz auf einer sanften Anhöhe am

Fluß, unter alten, dichtbelaubten Eichen, unter denen Washington

und seine Frau auch begraben liegen. Ein paar Minuten standen wir

entblößten Hauptes, eine Gruppe College-Studenten um mich herum,

vor der schlichten Grotte samt einem Haufen älterer reisender Damen

aus Philadelphia, die laut sich unterhaltend die liebliche Stille

dieses geweihten Erdenwinkels unliebsam störten. Dann kam man

oben zu der einfachen Meierei hinauf mit ihrem Herrenhaus, einem

niedrigen zweistöckigen weißen Farmhaus mit offener, sehr simpler

Vorhalle und einer Reihe von Ökonomiegebäuden im Hintergrund. Immer

war da noch der alte Hausrat in den engen, niedrigen Stuben mit dem

blankgescheuerten abgetretenen Holzboden und den großen blankgeputzten

Türklinken, den alten runden goldumrahmten Bildern, den weißgetünchten

Zimmerdecken, den großen offenen Kaminen und den einfachen Stühlen an

dem runden Eichentisch, dem alten Klavierchord im Musikzimmer und den

Gardinenbetten im Dachstock mit seinen kleinen „Sparerooms“, in deren

einem Martha Washington gestorben ist, weil sie gern einen Blick auf

ihres Mannes Grab haben wollte. Es war eine Luft, eine Umgebung und

ein Hausrat etwa wie im Frankfurter Goethehaus. Frau Martha Washington

schien mir sogar etwas Ähnlichkeit mit der alten Frau Rat Goethe zu

haben. Man konnte auch Washingtons Todeszimmer sehen, wo er selbst

1799 starb. Die reisenden Damen aus Philadelphia schluchzten fast vor

Vergnügen, daß sie das alles sehen durften, und brachen in jedem Zimmer

in juchzende Seufzer aus: „Ach, hier hat er gesessen, ach und hier hat

er gegessen und hier in diesem Bett ist sie gestorben -- hier ist sein

Degen, den er trug, und hier die Guitarre, die er spielte.“ In hellen

Haufen drängten sie sich in dem kleinen Haus und auf den engen Stiegen

und in den kleinen Zimmern, rannten über die Höfe und die grünen

Grasplätze und erfüllten alles umher mit ihrem Geschwätz. Daß man nicht

einmal hier ein stilles Stündchen verbringen konnte! Wie drang hier

die alte Zeit auf mich ein, da vor hundert Jahren noch Philadelphia

und Boston, die größten Städte der Unionstaaten, kaum ein paar Tausend

Einwohner zählten! Wenn Washington heute die Millionen Menschen und

die Wolkenkratzer und Chikago, das damals noch ein Sumpf war, und den

fernen Westen sähe, an den vor hundert Jahren noch niemand dachte! --

-- --

Aber die Dampfsirene des Schiffes ertönte und mahnte zur Rückkehr.

Und nun mußte man dieses stille alte Landgut mit seinen Erinnerungen

wieder allein lassen und konnte nicht mehr unter den alten Bäumen

sitzen und auf die breite Wasserfläche des Potomac hinunterschauen, wo

von ferne die weiße Säule des Obelisk aufragt und die adlige Kuppel

des Kapitols, die beide diesen Mann von Mount Vernon ehren. Inzwischen

schnatterten die Damen aus Philadelphia wieder durcheinander,

Deutsch-Amerikanerinnen anscheinend mit den Fehlern beider Nationen

behaftet, ohne ihre guten Seiten zu besitzen, in einem fürchterlichen

Sprachmischmasch: „Wollen Sie nicht hier sitzen, Miß Fuchs, ich habe

für Sie einen Chair mitgebracht oder ~sit down right here~ ... schade,

daß es regnen will, wo haben Sie denn Ihre ~umbrella~ gelassen? ...

Wo ist Mrs. Arnold, ~perhaps she is looking for you~ ... Großartige

Rosenstöcke, ~did you see them~? Oh, ich bin so ~sorry~, ich war nicht

in der ‚~kitchen~‘, ~it makes me mad~. Ich habe auch nicht gesehen, wo

Mrs. Washington ~died~ ... Sehen Sie, hier habe ich einen ~spoon~ von

dem Holz der Bäume, die er selbst gepflanzt hat, gekauft; sie ~sell~

es nirgends anders ... ~They have the copyright~ ... Und ich habe

hier einen Teller gekauft für ~parties~ ... Und ich habe für meinen

~boy~ ein Bild, ~because~ er ist so ~interested in it~ ...“ In diesem

Sprachstil ging es fort ...

Es ist schade, daß man ein Glück selten rein genießen darf. Während

wir mit dem Dampfboot den Potomac wieder aufwärts fuhren und ich so

gern den geschichtlichen Erinnerungen noch nachgehangen hätte, und

der Abend langsam über Land und Wasser herabsank, wie damals als

ich am letzten Abend auf deutschem Boden von Blankenese nach Hamburg

zurückfuhr, schnatterten mir immerzu diese „philadelphischen“ Damen mit

ihrem Deutsch-Amerikanisch dazwischen. Immerhin eine Vorbereitung auf

Philadelphia, das ich morgen betreten wollte.

Noch einmal schritt ich den Abend durch die fürstlichen und adligen

Straßen der Bundeshauptstadt. Eine gemessene Vornehmheit des höheren

Beamtentums bewegte sich durch die Hauptstraßen, merklich anders als

in Los Angeles und San Franzisko, aber auch anders als in Neuyork und

Chikago, am ähnlichsten noch Boston.

Fußnoten:

[Footnote 36: Indianisch.]

Baltimore, Philadelphia.

Es gibt keine Stadt in der Union, die sich mit Washington an

Stattlichkeit vergleichen könnte. Seine marmornen Institute und sein

Kapitol sah ich noch lange vor Augen.

Es kam der vorletzte Tag meiner Rundfahrt, der mich wieder bis Neuyork

zurückbringen sollte. In zwei schnellen Stunden -- wie kurz waren hier

im Osten die Entfernungen! -- ging es durch das wohlangebaute Maryland

nach dem großen von Schloten und Überseedampfern mächtig rauchenden

Baltimore. Baltimore ist nächst Neuyork der größte Überseehafen der

Union.

[Illustration: ~PHILADELPHIA~

~Market-Street mit dem 155 m hohen Turm des Stadthauses (City

hall)~]

[Illustration: ~LAKE WINNIPESAUKEE~]

Die Millionenstädte des Ostens liegen alle an breiten,

tiefeinschneidenden Buchten, in die große Ströme einmünden. Die

nördlichste Boston an der kreisrunden Massachusettsbai, in die breit

der Charles River strömt, England am nächsten gelegen, daher von den

Puritanern auch zuerst erreicht. Es folgt Neuyork an der Mündung

des breiten Hudson auf der einst unangreifbareren, langgestreckten

Halbinsel Manhattan am inneren Rand der prachtvollen „~upper bay~“, die

in den ~narrows~ einen engen, leicht verschließbaren Ausgang nach dem

Ozean hat. Dann kommt die früher, ehe Neuyork so fabelhaft anwuchs,

größte und bedeutendste Stadt der Union Philadelphia, heute noch immer

ihre drittgrößte Stadt, an dem breiten Delawarefluß, der sich in die

Delawarebucht ergießt. Philadelphia ist von dem sehr viel jüngeren

Chikago, der Hauptstadt des mittleren Westens, schnell überholt

worden. Einst war Philadelphia mit Boston die geistige Führerin der

Union. Boston als Sitz der Puritaner, Philadelphia als Sitz der Quäker

und vieler Deutschen in dem ersten Hauptabschnitt ihrer Einwanderung.

Dem Quäkertum verdankt die Stadt auch ihren schönen Namen: „Stadt der

Bruderliebe“. Es folgt an der Küstenlinie Baltimore, groß, rauchig

und an Seeverkehr ein amerikanisches Liverpool oder Hamburg, an der

breiten, fast an 300 ~km~ tief ins Land nordwärts einschneidenden

Chesapeakbai, in die der breite Susquehanna River mündet.

(Nebenbeigesagt sind in den Flußnamen besonders viele indianische

Bezeichnungen erhalten: Susquehanna, Potomac, Monongahela, Shenandoah

usw.) Die jüngste Gründung war Washington, eine reine Beamten- und

Verwaltungsstadt am breiten Potomac, der auch in die Chesapeakbai

fließt. Also fünf riesige Städte wie an eine Schnur aufgereiht in einem

Gesamtabstand von Washington bis Neuyork von etwas über 350 ~km~, für

die Union eine kleine Entfernung.

Da ich im Grunde meiner Seele die Großstädte hasse -- und ihrer soviele

in der Union nur deshalb aufgesucht habe, weil in ihnen das eigentliche

amerikanische Leben pulsiert -- so versagte ich es mir entgegen meinem

Reiseprogramm nach kaum anderthalb Stunden Fahrt von Washington aus,

in Baltimore -- es wäre mein zwölfter Großstadtbesuch gewesen -- schon

wieder auszusteigen. Ich war es nun vier Wochen gewohnt, mindestens

einen vollen Tag und eine Nacht oder gleich zwei bis drei von ihnen

hintereinander durchzufahren, daß es mich ordentlich verwunderte, daß

ich „schon“ um Mittag vor der City Hall mitten in Philadelphia stand!

Im Osten schrumpfen eben die Entfernungen schnell zusammen, wenn man

aus dem Westen kommt und nehmen einigermaßen wieder europäische und

menschliche Maße an. So ließ ich mir also am Blick von der Eisenbahn

auf die rauchende Hafenstadt Baltimore genügen und dampfte weiter.

Baltimore hat gleich Washington -- darin kennzeichnet sich seine

südlichere Lage -- nicht bloß sehr viel Farbige -- über ein Zehntel

seiner Bevölkerung! -- sondern auch besonders viele Katholiken, denn es

geht ja auf die Gründung des katholischen Lords gleichen Namens zurück

und war eine Zufluchtsstätte verfolgter englischer Katholiken. So ist

hier auch der Sitz des amerikanischen Erzbischofs und Kardinals, einer

Person, die sich eigentümlich mit ihrem mittelalterlichen Ursprung

in dem übermodernen amerikanischen Leben ausnimmt. Aber gerade in

den jüngsten Zeiten der Einwanderung aus Süd- und Osteuropa hat das

katholische Element sehr zugenommen.

Die Stadt Baltimore wurde schon 1729 gegründet. Sie ist eine der

Veteranen in der Union. Heute ist sie Hauptsitz der Austernkonserven-,

der Stahl-, Segeltuch- und Backsteinindustrie, dazu Hauptausfuhrhafen

für Getreide. Baltimores Washingtonmonument und seine City Hallkuppel

grüßten mich. Die bekannte Universität Baltimores „John Hopkins“ hätte

ich gern zum Vergleich mit Harvard aufgesucht, aber es fehlte die Zeit.

Wie die großen Städte, so liegen auch die großen geistig führenden

Universitäten fast alle wie auf eine Schnur gereiht an der Küste des

Atlantischen Ozeans: Harvard bei Boston, Yale in Newhaven (s. S. 70),

Kolumbia in Neuyork, Princeton bei Philadelphia, deren Rektor eine

Zeitlang niemand anders als Woodrow Wilson war (!), und John Hopkins in

Baltimore, Stiftung eines reichen gleichnamigen Handelsherrn.

Währenddem waren wir schon über den mächtig breiten Susquehanna

River gesetzt, +Philadelphia+ entgegen. Die rauchige riesige

Hafenstadt mit ihrem Wald von Masten und Schloten der Ozeandampfer

hatte wieder saftigen Wiesen mit weidenden Viehherden, Wäldern und

kleinen idyllischen Bachtälern Platz gemacht. Überall sah man sehr

wohlangebautes und wohlgepflegtes Farmland, dem man es ordentlich

anmerkte, daß es schon Jahrhunderte alt war. Pennsylvanien ist

noch heute einer der bestbesiedelten und bestangebauten Staaten.

Fast an norddeutsches Tiefland erinnerten seine gefälligen roten

Backsteinbauten mit ihren grünen Fensterläden, die noch in der „Stadt

der Bruderliebe“ weit verbreitet und heimisch sind, so daß man in

Philadelphia wie etwa heute noch bei uns in Bremen zumeist im eigenen

kleinen Heim wohnt statt in riesigen Mietskasernen wie auf dem

engbeschränkten Raum Neuyorks. Philadelphia hat sich damit mit Recht

den ehrenden Namen einer „~City of homesteads~“ (Stadt der Heimstätten)

erworben!

An Wilmington ging es vorüber, der größten Stadt in dem kleinen Staat

Delaware, was allerdings nicht viel sagen will. In Delaware besteht

übrigens aus früheren Zeiten allein noch die öffentliche Prügelstrafe!

Sie könnte auch für manche Roheitsdelikte in der alten Welt noch

bestehen! In dieser Gegend, die wir jetzt durchfuhren, landeten zur

Zeit des 30jährigen Krieges schwedische Kolonisten und gründeten ihre

erste europäische Niederlassung am Delawarefluß. Noch heute steht

davon als Wahrzeichen eine kleine, Ende des 17. Jahrhunderts erbaute

Schwedenkirche! Weiter ist es hier die Gegend, wo Washington den

Delaware im Kampf gegen die Engländer überschritt. Hier war es auch,

wo sich die geduldigen, friedliebenden Quäker unter William Penn schon

1682 festsetzten und vertragsmäßig -- nicht wie sonst mit Gewalt und

Krieg -- den Indianern das Land mit Verträgen abkauften, die einzig

hier in der Welt nicht gebrochen wurden, ohne beschworen zu sein!

Bekanntlich verwerfen die Quäker noch heute den Eid.

Allmählich mehrte sich wieder der Rauch. Alle Anzeichen einer nahen

großen Stadt meldeten sich. Über einem riesigen Häusermeer erschien

bald der 155 ~m~ hohe Turm der City Hall von Philadelphia, lange

auch eines der höchsten Bauwerke der Welt. Punkt zwölf stand ich am

Ende der 19 Meilen langen „Broad Street“, die mit dem Broadway in

Neuyork eifert, an seinem Fuße. Wieder umbrandete mich der typische

amerikanische Großstadtverkehr! Es war wieder nicht viel Unterschied,

ob man auf der State Street in Chikago oder dem Broadway in Neuyork

oder der Broad Street in Philadelphia stand. Freilich am wildesten

ist die Tonart des Verkehrs in Neuyork, am sanftesten für die Größe

der Stadt noch in Philadelphia; Chikago hält etwa die Mitte. So steht

es auch mit den Wolkenkratzern. Neuyork hat weitaus die meisten und

höchsten, in Philadelphia sind es im ganzen nur wenige und mäßighohe,

die Stadt hat ja nach allen Seiten Ausdehnungsmöglichkeiten genug und

hat von ihnen Gebrauch gemacht. Der weißlockige perückentragende

William Penn hat sie einst rechtwinklig angelegt wie alle

amerikanischen Städte, indem er das riesige Straßenkreuz der Broad

und Market Street anlegte, in dessen Mitte genau die City Hall mit

ihrem riesigen Turm steht, so daß er gebietend gleichsam über die

ganze Stadt sieht. Aber fast kaum glaublich ist, daß noch zur Zeit des

Unabhängigkeitskrieges die heutige Zweimillionenstadt nur etwa 12000

Einwohner zählte, und geradezu rührend wirkt das alte kleine State

House, dessen Backsteine man im Fairmountpark wieder aufgebaut hat, das

älteste Backsteinhäuschen des ganzen Landes von wenig Quadratmetern

Umfang!

Ich fuhr zum Turm der City Hall hinauf und hatte von oben wie vom

Obelisk in Washington wieder eine märchenhafte Aussicht über die ganze

Stadt und ihre Umgebung. Man stand hier oben dem Menschengewimmel und

Geschäftsgetriebe fast so entrückt wie auf dem Metropolitan Tower in

Neuyork. Weit sah man zum grünen und hügeligen Fairmountpark, dem Stolz

Philadelphias, hinüber und auf der andern Seite zu dem meerarmartigen

breiten Delaware. Mitten durch das Riesenschachbrett der Stadt windet

sich außerdem noch der weit schmälere Schuylkill-River, der in den

Delaware unterhalb der Stadt fließt.

Dann trieb es mich vor allem zu den historischen Stätten, die einem

anwehen wie etwa die Faneuil Hall in Boston, z. B. zur „Independence

Hall“. Am 5. September 1774 versammelte sich hier in Philadelphia

als der damals durchaus geistigführenden Stadt der erste Kongreß,

der hier am 4. Juli 1776 die berühmte Unabhängigkeitserklärung der

Vereinigten Staaten von England erließ, noch heute die Magna Charta

der Union. Und noch immer ist der „~fourth of July~“ der größte

nationale Feiertag, an dem die Begeisterung für das Banner „der Sterne

und Streifen“ auch in Philadelphia keine Grenzen kennt. Freilich fiel

damals vorübergehend die Stadt noch einmal in die Hände der Engländer,

aber als sie wieder erobert war, tagte hier der Kongreß bis 1797. Dazu

war sie zugleich der Sitz des ersten Präsidenten. In der „Halle der

Unabhängigkeit“ wird noch heute als Hauptheiligtum der bescheidene

Sitzungssaal mit den alten Möbeln und dem Tisch gezeigt, auf dem die

denkwürdige Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet wurde. Jene Männer

vor 150 Jahren konnten freilich nicht im entferntesten ahnen, welche

beispiellose Entwicklung diesem Lande bevorstehen sollte. Auch die

Glocke, die zuerst nach der Unabhängigkeitserklärung als Zeichen der

errungenen Freiheit geläutet wurde, die sogenannte „Liberty bell“,

ist noch vorhanden. Zwar hat sie Mitte des vorigen Jahrhunderts

einen Sprung bekommen und wird seitdem nicht mehr benutzt. Aber ihr

ehrwürdiges Dasein genügt. Im oberen Stock sind Erinnerungen an die

Hauptgröße Philadelphias, den Gründer der Stadt, den Quäker William

Penn, dazu ein Stück der Ulme, unter der er den denkwürdigen Vertrag

mit den Indianern -- ein Vorgang, der so oft gemalt wurde -- abschloß.

Endlich redet in Philadelphia zu dem Besucher noch eine dritte

Berühmtheit, Benjamin Franklin, der den Blitzableiter hier erfand

(1752). Stattlich sitzt er vor dem Hauptpostamt, während Penn seinen

Ehrenplatz hoch auf dem Turm der City Hall gefunden hat.

Zum Fairmountpark kam ich leider nicht hinüber, auch nicht zur

Kathedrale „Peter und Paul“ des römischen Kardinals, noch zu dem

Waisenhaus „Girard College“, zu dem Geistlichen -- wohl einzig in

seiner Art in der Welt -- der Zutritt ausdrücklich verboten ist!

Einen Blick warf ich in die Universität, weil ich einen ihrer Lehrer,

den bekannten babylonischen Ausgrabungsforscher Prof. Hilprecht

schon in meiner Jugend in Deutschland einmal hatte sprechen hören.

Dicht bei Philadelphia liegt auch die von Deutschen einst gegründete

Vorstadt „Germantown“, wo sich schon 1683 niederrheinische aus der

Heimat vertriebene Mennoniten niedergelassen hatten. Germantown war

die allererste deutsche Siedlung in Amerika überhaupt! Von hier ging

auch schon 1688 der erste Protest gegen die Sklaverei aus, freilich

wirkungslos für noch fast zwei Jahrhunderte! So war das pennsylvanische

Deutschtum das alteingesessenste! Mein Magen fing bei all dem

„Besichtigen“ einmal wieder an zu knurren und erhob einen nicht ganz

erfolglosen Protest gegen weitere Stadtdurchstreifungen.

Ich fuhr gen Neuyork zurück. Erst ein Stück am Delaware hin. Bei

Trenton setzten wir über den mächtigen Fluß. Die letzten Berge zur

Linken entschwanden. In den Staat Neujersey gelangt, näherten wir

uns bald der weiten blauen, fast heimisch wirkenden Newarkbai, deren

Hauptstadt Newark, obwohl an 300000-400000 Einwohner zählend, doch

ganz im Schatten Neuyorks steht und daher nichts bedeutet, ja wohl

noch nicht einmal dem Namen nach in der Welt bekannt ist! Dann ging’s

ein Stück an der blauen, herrlichen ~upper bay~ entlang, und die

Wolkenkratzer tauchten auf! ... Wie sie jetzt auf mich wirkten, wie

alte gute Bekannte! Mit durchaus heimatlichen Gefühlen langte ich

wieder in Neuyork an. Mir war es, als wäre ich erst gestern von dort

weggefahren, obwohl die mannigfachsten Erlebnisse von nicht weniger als

von acht Monaten dazwischen lagen!

Da ich nun einmal wieder in Neuyork war, so faßte ich schnell den

Entschluß, ehe ich wieder Onkel und Tante in der 137. Straße guten Tag

sagte und mit dem ~subway~ hinausraste und ihnen vom Felsengebirge und

dem Stillen Ozean erzählte, schnell noch einen Besuch in Westhoboken

in der Palisade Avenue zu machen, die aufzufinden ich einst vor acht

Monaten jene weite Irrfahrt ins grüne Land hinaus bis nach Englewood

gemacht hatte! Pochenden Herzens sprang ich wie ein gewisser Goethe in

Sesenheim durch die niedrige Gartenpforte nach der Haustür. Aber sie

war und blieb diesmal festverschlossen! Ich hätte so gern meinen ersten

Bericht von Indianern und Mormonen, dem Niagara und dem Grand Cañon der

kleinen Badenserin vorgetragen und in der Küche wieder einmal bei ihr

geplaudert, während sie dem Onkel das Essen rüstete. Aber es war und

blieb das Gartenpförtlein verschlossen ... Wie schmerzlich! Gerade für

diesen Abend hatte der ängstliche und vorsichtige Onkel sein Nichtchen

einmal mit in die Oper nach Neuyork genommen, wie ich später erfuhr ...

Wir sahen uns nur noch einmal im Leben, aber nicht in Hoboken ...

Bei Onkel und Tante tat ich in aller Unschuld so, als käme ich

geradewegs vom Bahnhof der Pennsylvaniaeisenbahn! So oder ähnlich

machen es ja wohl alle jugendlichen Neffen in ähnlichen Fällen. Es

wurde Abend, der rasende und donnernde ~subway~ hatte mich wieder in

die 137. Straße hinausgebracht. So war ich wieder „daheim“!

Ich brauchte diesen Abend in keine „~upper berth~“, in die ich so oft

geklettert war, zu kriechen und mich halb liegend auszuziehen, noch

wähnte ich in Traum und Schlaf mit dem Bett auf dem schwankenden Boden

hin und her zu fahren wie auf dem erdbebendurchrüttelten Pflaster San

Franziskos, noch hatte ich es nötig, mich im Dunkel der Mitternacht

einem wildfremden Mann für ein Nachtlogis anzuvertrauen wie in Santa

Fé und vorsorglich die Tür zu verbarrikadieren. Keine Fahrpläne und

Hotelpreise ängstigten mich mehr, keine Reisepeitsche, alles Wichtigste

auf die rascheste und billigste Weise mitzunehmen, wurde über meinem

Haupt mehr geschwungen. Ich hatte mein Werk getan. Neuyork kannte ich

gut; es brachte mich also auf keine Stunde früher aus dem Bett am

anderen Morgen als notwendig. Am Abend aber gab es noch ein Erzählen

ohne Ende ... Ich war doch weiter in den wenigen Wochen herumgekommen

als alle meine amerikanischen Verwandten zusammen in den 40 Jahren

ihres Dortseins!

Andern Tags war Sonntag. Ich fühlte so etwas wie ein Bedürfnis,

eine deutsche Kirche -- die es ja in dem stockenglischen Boston

nicht gab -- aufzusuchen und ein stilles „Nun danket alle Gott“

für mich allein zu singen. Denn es war wirklich ganz wider alle

Wahrscheinlichkeitsrechnung gewesen, daß ich auf amerikanischen Bahnen

gegen 12000 ~km~ gefahren war, ohne einen einzigen Unfall zu erleben.

Ich hatte viel gesehen, mehr wie in vielen Jahren meines Lebens. Ich

war mehr Eisenbahn gefahren als vielleicht bisher und später in meinem

ganzen Leben. Aber gleich dieselbe ganze Fahrt noch einmal zu machen,

hätte ich doch nicht für 1000 Taler getan.

In der deutschen Kirche, die ich aufsuchte, amtierte -- ein

schönes Zusammentreffen -- ein in Deutschland geborener Pastor,

der auf derselben Universität wie ich studiert hatte, ja derselben

Studentenverbindung angehörte wie ich einst. So wurde es ein besonders

traulicher Abschied aus der Weltstadt Neuyork. Werde ich sie im Leben

noch einmal wiedersehen, die Dollarburgen und die blaue ~upper bay~,

die Freiheitsstatue und die Brooklynbrücke? -- --

Ich fuhr wieder nach Boston. Ich wollte nicht meine Gänge durch das

Dollarbabel von vorne beginnen und der lieben alten Tante auch nicht

noch einmal länger zur Last fallen. Wie bekannt kam mir jetzt die

Strecke über Newhaven, am blauen Long-Island-Sund hin vor! Überall

blühte es jetzt in Connecticut, dem „Kastanienstaat“. Wie oft hatte ich

auf meiner weiten Reise schon den Frühling erlebt und war immer wieder

in den Winter zurückgeschleudert worden! In Kalifornien war es schon

fast Sommer; auf der Sierra Nevada, in Kolorado und Chikago schneite

es! Hinter Pittsburgh jenseits der Alleghenies war der Frühling um

Washington gerade mächtig im Kommen, und hier zwischen Neuyork und

Boston setzte er gerade erst langsam ein, während in Arizona und Nevada

die Sonne schon wie im heißesten Sommer gebrannt hatte und in Santa

Fé sich gar schon heftige sommerliche Gewitter entluden. Es kam einem

dieser ständige Wechsel wie ein einziger Traum vor ...

Am Abend in der Dämmerung lief unser sehr leerer Zug in Boston ein.

Ich gottloser Mensch hatte es gewagt, am heiligen Sonntag auf der

Eisenbahn heimzukehren! An einem Sonntag abend war ich vor Wochen

klopfenden Herzens abgefahren, ungewiß einem Kontinent mit seinen

unermeßlichen Entfernungen entgegen, ein über meterlanges Reisebillett

in der Tasche. Wohlbehalten und mit wohlgefülltem Geist -- freilich

auch wohlgeleerter Tasche -- kehrte ich „heim“, denn auch Boston und

erst recht mein Harvard- = „~furnished room~“ kamen mir jetzt wie

traute Heimat vor. Wie mußte ich meinem japanischen Freund Mr. Ashida

danken, der mir, so oft ich vorher wieder schwankend werden wollte,

stets zugeredet hatte, die Fahrt auf jeden Fall zu unternehmen. Wie

ein Traum war mir jetzt das Ganze, als ich wieder unter Harvards Ulmen

hinschritt, daß ich in den vorweltlichen Schlund des Grand Cañon

geschaut, über den Salzsee gefahren, auf Santa Catalina im Stillen

Ozean gelegen und versucht hatte, den Pikes Peak, den amerikanischen

Montblanc, zu besteigen! Noch manchmal glaubte ich im Bett liegend zu

fahren -- und saß doch still hinter den Büchern. Noch manchmal glaubte

ich den Bädeker für morgen genau studieren zu müssen -- und hörte

derweilen Professor Josiah Royces schwere philosophischen Gedanken des

englisch-amerikanischen Hegelianismus ...

* * * * *

Meines Bleibens war aber in Harvard nun auch nicht mehr sehr lange.

Seit ich den Paß in den Koloradobergen von der Wasserscheide

herabgefahren war, wo der Arkansas die Richtung zum Atlantischen Ozean

weist, hatte ganz leise der Zug zur Heimat zu arbeiten begonnen. Nur

noch einen reichlichen Monat hielt ich es drüben aus, dann schloß ich,

einen wohlerworbenen amerikanischen „~degree~“, den ich mir mit

nicht leichten Prüfungen ehrlich verdient hatte, in der Tasche, die

Koffer zur Heimfahrt. Ich wartete den Semesterschluß der Universität

gar nicht erst voll ab, sondern beschloß meine Studien zum Erstaunen

der Herren Professoren, die drüben solch akademische Freiheit gar

nicht gewöhnt sind, schon vier Wochen vor der der übrigen Studenten.

Ich hatte ja in Deutschland längst ausstudiert. Und alles Arbeiten auf

amerikanischem Boden war für mich nur „überflüssig gutes Werk“.

So kamen die Abschiedsbesuche bei all den wohlwollenden Herren und

sonstigen lieben Menschen, die sich meiner so freundschaftlich

angenommen hatten. Ich bin ihnen allen noch heute sehr verbunden

und verpflichtet. Dann fiel der Deckel auf den großen graugrünen

Hochzeitskoffer meiner Eltern mit den Büchern und all den vielen

Siebensachen, die sich nun noch reichlich vermehrt hatten, zur Fahrt

+durch Kanada+ heimwärts. Ob er wohlbehalten mit mir die Heimat

erreichte? Ich hoffte es.

Kanada.

Kanada ist ein ganz riesiges Land, +noch viel riesiger als die

amerikanische Union+! Es ist wenig kleiner als ganz Europa

einschließlich Rußland! Ich hatte natürlich nicht vor, etwa auch

noch dies Land seiner ganzen Breite nach zu durchfahren, seine

unermeßlichen Prärien und unerschöpflichen Wälder zu erforschen, die

die Bevölkerung trotz der ungeheuren Landfläche auf ein Zehntel der

der Union beschränken. Dazu fehlte völlig die Zeit. Mir sollte es

genügen, wenigstens einen Blick in das Land hineinzuwerfen und einen

Abschiedshauch von ihm mitzunehmen.

Kaum +eine+ namhafte Großstadt gibt es auf kanadischem Boden. Ein

äußerst kalter und rauher Winter läßt das Land monatelang erstarren,

obwohl seine Südgrenze etwa in der Höhe von Mailand läuft! Gar tief

schneidet die Hudsonbai, die das ganze Jahr mit Treibeis (!) gefüllt

ist, in das Land ein. Eisig sind die Stürme, die von Grönland und

dem Eismeer herein und von hier bis in die obere Mississippiebene

hinabbrausen. Es war mir möglich, den einzig wichtigen Osten zu

durchfahren, wo vor England einst Frankreich Fuß faßte, das zu

Zeiten von Neuorleans über Saint Louis bis Quebec gebot! Welch eine

Koloniallinie! Im Siebenjährigen Krieg verlor ja Frankreich dank der

Siege Friedrichs des Großen ganz Kanada, dessen Wert damals niemand

ahnte, an England, und das Mississippital verkaufte Napoleon I. an

die Union, auch seine Bedeutung nicht für möglich haltend, für ein

Butterbrot! (15 Millionen Dollars). Von Ostkanada, Montreal und Quebec,

wollte ich den mächtigen Lorenzstrom hinunter über den nördlichen

Atlantischen Ozean nach Schottland hinüberfahren und noch England

durchstreifen. Das waren wieder neue Erlebnisse! Der Plan, gar über

Japan heimzukehren, war für mich leider unausführbar; so hielt ich mich

dafür an den kanadischen Weg, sintemal die Route Kanada-Schottland die

kürzeste Überfahrt auf offener See bietet!

So ging es durch Massachusetts, das liebliche Neuhampshire und

Vermont gen Quebec. Ich sagte dem Charles River Lebewohl, der golden

leuchtenden, so oft geschauten Kuppel des State House auf dem Boston

Common, dem schönen Renaissanceturm der ~New old South~, auch all den

vertrauten Collegegebäuden von Harvard, in denen ich so oft ein- und

ausgegangen war.

Wir hielten in der rauchenden über 100000 Einwohner zählenden

Fabrikstadt Lowell. Ein Mönch in brauner Kutte stieg ein. Wie sich das

in Amerika ausnimmt zwischen all den rasierten ~gentlemen~! Er wollte

offenbar nach dem katholischen Kanada reisen! Auch schon in Lowell gibt

es genug französisch redende kanadische Arbeiter, die in den nördlichen

Industrien der Union Verdienst suchen.

Dann kam rings schöne grüne Heide, je weiter wir nach Neuhampshire

hineinfuhren. Flüsse, Seen und sanftgewellte Hügel bestimmten den

Charakter der Landschaft. Alles alte Indianergründe! Davon zeugen noch

heute die Namen der Flüsse, Seen und Berge, wie z. B. der Name des

äußerst lieblichen, an den mittelenglischen Seendistrikt erinnernde

Lake Winnipesaukee. Birkenbepflanzte Fahrwege säumen ihn, kleine

Dampfer eilen über seine spiegelglatte Fläche. Waldige Mittelgebirge

überhöhen ihn rings sanft ansteigend. Unverwandt schaute ich wieder

hinaus in diese liebliche einsame Landschaft. Wieviel Raum und Platz

ist hier noch für wanderlustige und siedlungsbereite Menschen! Der

Zeitungsboy wanderte indessen wie immer durch den Bahnwagen und

bot Ansichtskarten und Albums aus. Auch er hatte schon einen etwas

fremdartigen Akzent ...

Die Stationsnamen hatten oft puritanisch-biblischen Klang:

„Bethel, Kanaan, Lebanon“, wie man auch heute noch viel

biblisch-alttestamentliche Vornamen unter den Amerikanern und

Engländern findet: +Abraham+ Lincoln, +David+ Jefferson, +Isaak+

Newton, +Jonathan+ Eduards, +Josiah+ Royce usw. -- und waren doch alle

beileibe keine Juden! Die Bahnhöfchen wurden immer unansehnlicher, je

weiter wir nordwärts kamen.

Den See Winnipesaukee samt den malerischen White-Mountains ließen wir

zur Rechten und fuhren nach dem Staat Vermont hinüber und dann den

langen, vielverzweigten und vielbesuchten „Lake Champlain“ entlang.

Er ist über 150 ~km~ lang, d. h. also mehr als doppelt so lang als

unser Bodensee, wenn auch nicht von seiner Breite. Ein Kanal verbindet

ihn mit dem Hudsonfluß. Immer aufs neue werden alle unsere deutschen

Maßvorstellungen über den Haufen geworfen. Und dabei zählt dieser

See samt dem Salt Lake in Utah durchaus zu den „kleinen“ Seen. Es

war äußerst erfrischend und erquickend an ihm entlang zu fahren. Wir

hatten eben einen 300 ~m~ hohen Paß mit der Bahn überschritten und

senkten uns nun in seine liebliche Niederung. Auch an Joseph Smiths,

des Mormonenpropheten Heimat, Dorf Sharon, eilten wir vorüber. Also in

dieser träumerisch-idyllischen Landschaft hat der Prophet seine ersten

seelischen Eindrücke empfangen! Sie ist freilich der denkbar größte

Gegensatz zu den Einöden und Steppen um den Salzsee.

Je weiter wir an dem Lake Champlain nordwärts kamen, desto ebener

und flacher wurde das Land wieder. Die freundlichen Berge Vermonts

blieben zurück. Vor St. John erreichten wir die Grenze der Union und

fuhren nun nach Kanada hinein. Es war für mich nicht das erstemal, daß

ich englischen Boden berührte. Schon vom Niagara bis Detroit hatte

ich das südlichste kanadische Gebiet durchfahren. Der Lake Champlain

fließt ab im „Richelieu River“, der so breit ist wie ein Meeresarm.

Schon der Name belehrte mich, daß sich hier eine alte geschichtliche

Welt auftat, die noch heute neben 100000 Indianern über eine Million

französisch redende Kanadier bewohnen. Dünn ist das Land besiedelt.

Ungeheure Ebenen bis an den Horizont taten sich auf, die an Weite und

Unfaßlichkeit noch die Ebenen des Mississippi übertreffen! Auf weiten

grünen Weiden tummelten sich Pferde und Rindvieh. Von Zollrevision

merkte ich nichts. Freut sich etwa ~The Dominion of Canada~ über jeden

Menschen und jedes Stück Ware, was in sein ungeheuer aufnahmefähiges

Land hineinkommt? Oder spart man Beamte? Die Bauart der Häuser zeigte

hier einen anderen Stil als in der Union. Es sind im östlichen

Kanada meist Steinhäuser mit flachem oder französischem Doppeldach.

Verschwunden sind die typischen amerikanischen hölzernen Farmhäuser.

Auch die meisten Stationsnamen sind jetzt französisch, z. B. „Brosseau“!

Es dunkelte. Über den ungeheuren Grassteppen war westwärts die Sonne

versunken. Von einer Reihe abendlich beleuchteter Hügel blitzten

Lichter auf. Wir näherten uns den Ufern des St. Lorenzstromes,

der kaum noch ein Strom zu nennen ist, der als der breite Abfluß

des Ontariosees, einer der großen, ostseeähnlichen Seen, wie der

Niagarafluß der Abfluß des Eriesees seeartig daherströmt. Er ist fast

so lang wie die Wolga und schon 400 ~km~ vor der Mündung 20 ~km~ breit!

Einen ganzen Tag war ich wieder gefahren, als wir endlich zwischen

neun und zehn Uhr abends in Montreal (frz.: „Königsberg“, aber hier

meist englisch ausgesprochen: „~montrioll~“) eintrafen. Auf mächtiger

Brücke setzen wir über den St. Lorenz, der hier so breit wie die

Unterelbe ist. Montreal liegt auf einem unmittelbar am Fluß hoch

ansteigenden Berg. Daher trägt es auch seinen Namen zu Recht. Es

übertrifft an Alter, wenn auch keineswegs an Größe und Bedeutung,

die meisten seiner viel jüngeren amerikanischen Schwesterstädte.

1608 wurden schon die ersten französischen Niederlassungen am St.

Lorenzstrom gegründet! Heute zählt Montreal über 200000 Einwohner.

Es besitzt eine alte prächtige Kathedrale in französischer Gotik. Im

Winter stauen sich die mächtigsten Eisschollen zu Bergen am Flußkai vor

ihr. -- Ich war der letzte, der aufs Schiff kam, das am Landungssteg

schon ein geraumes Stück stadtabwärts abfahrtbereit lag. Ich nahm mir

im Dunkeln eine Droschke. Wie hätte ich sonst im Dunkeln, eben erst

in Kanada eingetroffen, nachts zehn Uhr durch die bergig gelegene

Stadt das Schiff finden sollen? Mit der Straßenbahn, auf der viele

Fahrgäste französisch wie in Straßburg sprachen, war ich nicht recht

vorwärts gekommen. Ich mußte im Oberstübchen erst tüchtig umräumen

und umschalten, bis ich nach dem vielen Englisch die richtigen

französischen Worte fand! Gegen elf Uhr betrat ich das Deck, von den

Passagieren neugierig angestaunt, und verstaute mich selbst auf dem

„~Royal-mail-twin-screw-steamer Jonian~“, wie er offiziell hieß!

Der Dampfer selbst kam mir in seinen Ausmaßen recht klein vor, als ich

ihn betrat, im Vergleich mit den Ozeanriesen, die man aus den Docks in

Neuyork gewöhnt war. Aber solcher Riesen brauchte es ja auch zwischen

Kanada und Schottland nicht. Er hatte immer noch 8000 Registertonnen

und gehörte der englischen Allan-Linie. Angenehm war es, daß er nur

II. Klasse führte, so daß einem auch als Menschen „zweiter Klasse“

und von minderem Geldbeutel doch einmal das ganze Schiff mit allen

Decks und Salons bis hinauf aufs Oberdeck zur Verfügung stand; ferner

war angenehm, daß im ganzen nur etwa 150 Passagiere mitfuhren. Es

waren diesmal ein gut Teil Missionare darunter, die zu einer großen

Missionskonferenz nach Schottland wollten. Die Besatzung aber betrug

dennoch allein 180 Mann! Die wenigen Passagiere machten aber die ganze

Fahrt recht familiär.

Müde von den langen Eisenbahnfahrten ging ich bald in meine Kabine, die

ich für mich allein hatte. Zum Schlaf sollte es doch noch nicht sobald

kommen, denn um Mitternacht begann ein wahrhaft höllisches Gepolter.

Die großen Schiffskrane versenkten nämlich sämtliches große Gepäck und

sonstige Ladung in die tiefen Laderäume im Bauch des Dampfers. Das

gab ein Rasseln der Ketten, ein Drehen der Krane, ein Rufen, Pfeifen,

Rollen, Schieben, Fallen ohne Aufhören. Erst etwa gegen drei Uhr nachts

hörte es auf. Die Augen fielen mir zu ... Die Ankerketten wurden

hochgezogen. Das war englische Rücksichtslosigkeit und Nüchternheit

-- wir fuhren! Ohne Sang und Klang ging es ab -- auch englisch --

ohne den ganzen schönen theatralischen Abschied wie in Kuxhaven. Kein

Winken, auch kein Weinen! Der Engländer ist nicht so sentimental und

melancholisch wie wir.

Als ich morgens erwachte, mir die Augen rieb und durch die Luke

hinausschaute, schwammen wir mit unserer „Jonian“ auf einem breiten,

schimmernden Strom, den liebliche grüne Ufer und sanft geschwellte

Hügel begrenzten, sacht und ohne jede Erschütterung abwärts. So

sollte es zweieinhalb Tage fortgehen, bis wir in den offenen Ozean

hinauskamen. Ich hätte so bis ans Ende der Welt fahren mögen ... Gegen

Vormittag zehn Uhr kamen wir an Quebec, der anderen alten französischen

Gründung, vorbei. Quebec war mir zum ersten Male in der Kindheit in

einem Gedicht Seumes begegnet, aber wie in völlig nebelhafter Ferne.

Jetzt sah ich es wie Montreal auf noch steilerem Berg herrlich und

gebietend über dem St. Lorenz thronen als natürliche starke Festung.

Festungsmauern und drohende Kasematten säumten die Zitadelle, aber

auch riesige Hotels mit gewiß prächtiger Aussicht haben sich den Berg

hinangebaut. Quebec erinnerte mich stark an unseren Ehrenbreitstein am

Rhein gegenüber Koblenz.

Hinter Quebec wurde der St. Lorenz noch zwei- bis dreimal so breit

als bisher. Er weitete sich mehr und mehr und wurde fast wie zu

einer tiefeingeschnittenen Bucht. Die in der klaren Luft wie gemalt

ausschauenden Berge begleiteten ihn noch lange. Dann und wann

passierten wir buschige Inseln mitten im Strom wie am Niederrhein. Nach

Stunden begegnete uns auch das schönere und neuere Schwesterschiff, die

„Virginian“, die von Schottland kommend und derselben Linie angehörend

stattlich den St. Lorenz aufwärts dampfte. Lebhaftes Grüßen und Winken

und Tücherschwenken hinüber und herüber -- und dann war auch dies

„Ereignis“ wieder vorüber! Nach einigen Stunden kam auch noch die „Lake

Erie“ von der Dominian-Linie und ein Seedampfer, der der Canadian

Pacific-Eisenbahn gehörte. Solche Schiffsbegegnungen sind immer „große“

Ereignisse an Bord und beliebte Ziele für Operngläser und Feldstecher.

Am Rand des Stromes tauchten hier und da kleine weißschimmernde Dörfer

auf mit kleinen weißen Kirchtürmen, aber im ganzen doch selten. Sonst

machte das weite Gras- und Hügelland links und rechts den Eindruck

völliger Unbewohnheit, der uns in Europa -- Rußland ausgenommen -- so

ganz fremd ist! Wir nahmen den Kurs nach der „Belle-Isle-Straße“, dem

nördlichsten Ausgang aus dem St. Lorenzstrom, so daß wir das eisige

Labrador links und „Neubraunschweig“ rechts ließen.

Als der erste Tag der Fahrt auf dem Lorenzstrom zu Ende ging, wich

die Helligkeit abends nur sehr langsam. Es war ja Juni und ging dem

hellsten Tag entgegen. Mit jedem Tag aber kamen wir in nördlichere

Breiten. Ja es blieben zuletzt breite helle Streifen die ganze Nacht

am dunklen Himmel stehen, die uns entweder als Reflexe des Eises im

nördlichen Labrador oder als Nordlicht gedeutet wurden! So kriegte man

fast ein bißchen Geschmack wie von „Grönland“ und „Nordpol“. Von der

Südspitze Grönlands trennten uns nachher ja auch nur noch etwa 600

~km~, also etwa eine Entfernung wie von Edinburg zur Südküste Englands.

Labrador allein ist so groß wie ganz Skandinavien und Spanien zusammen!

Aus einem buntfarbigen Abend tauchte ein strahlender Sonntagmorgen.

Ruhig und gelassen glitt unser Schiff wie ein Riesenschwan den viele

Kilometer breiten blauen Strom abwärts. Wir waren jetzt in den St.

Lorenz+golf+ eingetreten, der sich in zwei Straßen nördlich und südlich

der Neufundlandinseln zum Atlantischen Ozean öffnet. Wie mit dem Messer

geschnitten zeichnete sich die Wasserfläche in der völlig staubfreien,

herrlich-klaren frühlingshaften salzigen Seebucht vom Horizont ab. Von

den aus dem warmen Golfstrom so oft aufsteigenden Nebeln war diesmal

nichts zu merken. Rechts glitt eine längliche bergige Insel vorüber.

Zum ersten Male begann sich jetzt unser Schiff dank der vom offenen

Ozean nun seitlich hereindringenden Wellen ein wenig zu heben und zu

senken. Der erste Gruß des offenen Atlantik!

Im Speisesaal fanden heute Sonntags auf dem englischen Dampfer nicht

weniger als vier (!) Gottesdienste nacheinander statt, bei denen

zumeist die mitreisenden Missionare predigten und aus ihrer Arbeit in

Japan, auf den Philippinen und in Indien erzählten. Einer von ihnen,

ein französischer Missionar, berichtete in mangelhaftem Englisch von

seinen Erlebnissen bei der Fremdenlegion. Ehe sie redeten, wurden

sie jedesmal mit Namen und Wirkungskreis vorgestellt! Auf einem mit

dem englischen Union Jack umwundenen Pult lag eine große vergoldete

Schiffsbibel. Das war die Kanzel. Die Mannschaft nahm, soweit frei,

auch an dem „~worshipping the Lord~“ teil. Ich kann mich nicht

entsinnen, daß wir auf dem Hapagdampfer bei der Hinfahrt Sonntags je

irgendeine religiöse Veranstaltung gehabt hätten. Sonntags spielte hier

auch die Schiffskapelle nicht einmal zu den Mahlzeiten! Kein Spiel,

erst recht nicht Karten, wurde auf Deck veranstaltet oder geduldet,

auch kein Tanz u. dgl. Rauch- und Biersalon blieben heute unbesucht!

Das Klavier wurde nur zu Chorälen geöffnet ...

Eine breit aufgewühlte Wasserfurche ließ unser Schiff hinter sich.

Schwärme von Möwen folgten ihm. Der Himmel behielt unverändert seine

strahlende Bläue. Wir näherten uns der großen Insel „Anticosti-Island“.

Ein Leuchtturm blinkte herüber. Bei Eisgang nehmen die Schiffe

gewöhnlich von hier den weiteren südlichen Kurs um Neufundland herum,

wir aber behielten den kürzeren nördlichen bei an der Küste von

Labrador hin unter Grönland weg!

Montag morgen passierten wir die Nordküste der wegen ihres Nebels so

berüchtigten Neufundlandinseln und fuhren in die Straße von Belle-Isle

ein. Labrador schien ganz unbewohnt, trotz seiner ungeheuren Größe,

bergig, öde. Es zählt wohl kaum 10000 Einwohner[37]. Es kennt wie

Kanada noch große Büffel- und Rinderherden, auch Bären! Als wir den

Ausgang der „Belle-isle-Straße“ um Mittag ins offene Meer gewannen,

kamen uns -- zu unserer Freude -- richtige Eisberge auf ihrer Wanderung

von Grönland südwärts entgegengeschwommen. Wir machten freilich einen

recht respektvollen Bogen um sie. Denn die „~ice-bergs~“ ragen oft nur

wenige Meter über dem Wasserspiegel, aber um so länger sind sie unter

ihm! Im ganzen waren es nur vier dieser Burschen, die wir sahen. Uns

interessant, von den Seeleuten gefürchtet. Noch steht in furchtbarer

Erinnerung der Zusammenstoß der Titanic mit einem dieser unheimlichen

Gesellen 1912. Aber malerisch sehen sie aus, wenn sie so blendend weiß

im tiefen Blau des Ozeans dahergeschwommen kommen, lautlos und doch so

gebieterisch, ein Stück losgelöstes Nordpolland.

Als wir den offenen Ozean gewonnen hatten, zeigte er weiße Kämme

bei schwacher Bewegung ... Das interessantere Stück der Fahrt war

nun vorüber. Jetzt folgte wieder das erhabene Einerlei des offenen

Ozeans ohne Küstenstrich und Abwechslung für die Augen. Freilich ein

strahlender Tag löste den anderen ab. Leicht fuhr das Schiff seine

Bahn. Das Meer war kaum bewegt. Es war ein wundervolles Dahingleiten

in dieser Juniherrlichkeit der See. Ich saß entweder ganz am Bug vorn

und schaute in die unendliche Weite, der wir entgegenfuhren, vorwärts

das Land Europas „mit der Seele suchend“ oder ganz auf dem Achterdeck

rückwärts gewandt allein mit meinen Gedanken über Amerika und sah der

breiten quirlenden und schäumenden Furche nach, die unsere Schrauben

hinter uns zurückließen. Es war zu prächtig, nichts zu tun als zu

schauen und zu sinnen ... Andere, wie die Missionare, unterhielten

sich ständig über Missionsfragen, lasen viel in ihren Büchern oder

zankten sich auch über kirchliche Dinge. Merkten sie gar nichts von

der Missionspredigt, die ihnen täglich der ewige Ozean Gottes hielt?

Dafür nannte mich der französische Missionar, der bei der Fremdenlegion

gedient hatte, „~not sociable~“[38]. Meinetwegen! Der beste Sozius in

unserem Leben ist doch auch manchmal das eigene sinnende Ich, wenn

es sich weitet zu einem Überich und seelische Tiefen aufzubrechen

anfangen. Aber mit diesem Ich mögen so wenige allein sein! Sie müssen

immer Menschen und „Unterhaltung“ um sich haben, die doch oft so seicht

und fade ist ...

An einem der Wochentagabende war wieder nach den vier ~services~ des

Sonntags -- „~prayer-meeting~“. Es knieten nebeneinander im Salon die

bärtigen Schotten und die glattrasierten Kanadier, und einer nach dem

anderen begann ein langes freies und doch gepreßtes Gebet. Ich hielt

es lieber mit dem: „Wenn du betest, so geh’ in dein Kämmerlein und

schließ’ die Tür zu ...“

Am Freitag regnete es einen halben Tag lang, und wir fuhren in feuchtem

Nebelgrau. Passierten wir den Golfstrom? Ich benutzte die Stunden,

die man in den Salons zubringen mußte, meine Einführungsrede in mein

Amt, das ich sofort nach meiner Ankunft in der Heimat antreten

sollte, auf dem freien Ozean auszuarbeiten. Hier war Stille dafür.

Salzluft des freien Himmels wehte mit hinein. Plötzlich tutete es zum

Rettungsappell. Alles mußte in die Boote. Aber glücklicherweise war es

nur Probealarm. Schreckhaft, aber interessant!

Sonnabend nachmittags näherten wir uns der schottischen Küste. Kein

einziges Schiff war auf diesem nördlichen Kurs uns auf dem offenen

Meer begegnet! Nur fünf Tage hatte die Fahrt auf offener See gedauert;

zweieinhalb Tage fuhren wir auf dem St. Lorenz!

Vormittags elf Uhr tauchte zuerst frohbewillkommnet die bergige blaue

Küste des grünen Irland auf, an dem wir nördlich vorbeifuhren. Wir

hatten also das Ziel richtig gefunden. Möwen umflatterten uns begrüßend

wieder zu Hunderten.

Ein letztes Konzert an Bord galt, wie üblich, der Mannschaftskasse.

An seinem Ende wurde „~God save the king~“ gesungen! Jeder hatte

dabei aufzustehen. Der Speisesalon war reich mit englischen Flaggen

dekoriert. Gegen Abend tauchten auch schon die felsigen, unmittelbar

aus dem Meer aufsteigenden malerischen Steilküsten Schottlands mit

ihren Schlössern und alten Städten auf. Jetzt redete wieder die alte

Welt mit tausendjähriger Geschichte zu uns ...

Den letzten Tag wurde unser Schiff noch ganz blank gestrichen.

Temperaturmessen, Loten, Flaggenhochziehen war mir als Landratte

immer wichtig ... Dann kam ein letzter himmlisch-klarer Abend bei

der Durchfahrt durch die felsige Clydebucht, an deren innerem Ende

+Glasgow+ liegt. Ihr Eingang wirkt wie ein norwegischer Fjord. Um elf

Uhr abends war es in diesen Juninächten Schottlands noch hell genug zum

Lesen ...

Als ich Sonntag früh erwachte, lagen wir bereits fest im Dock in

Glasgow mitten zwischen Schuppen und Lagerhäusern. Ebenso prosaisch und

klanglos wie die Abfahrt in Montreal war die Landung in Glasgow. Ich

war auf dem Boden Seiner britischen Majestät!

Kein Empfang, keine Musik!

Ich betrat wieder europäischen Boden ...

Fußnoten:

[Footnote 37: Den Namen soll es von „~terra laboratorum~“, d. h. Land

guter Sklavenarbeiter erhalten haben?!]

[Footnote 38: Nicht gesellig.]

[Illustration]

Druck der Roßberg’schen Buchdruckerei, Leipzig.

Quer durch Amerika · 第 12 / 12 题