Von ihrer Flucht

Da war ein Kind, das mit Monelle zu spielen gewohnt war. Das war in der

alten Zeit, da Monelle noch nicht fortgegangen war. Jede Stunde des Tages

war es bei ihr und sah ihr in die zitternden Augen. Sie lachte ohne Grund,

und das Kind lachte ohne Grund. Wenn sie schlief, formten ihre halboffnen

Lippen gütige Worte. Wenn sie erwachte, lachte sie für sich, denn sie

wußte, das Kind würde sie gleich suchen kommen.

Es war kein wirkliches Spiel, das man spielte: denn Monelle mußte arbeiten.

So klein wie sie war, saß sie den ganzen Tag hinter einem alten blinden

Fenster. Die Mauer gegenüber war blind von Zement unter dem traurigen Licht

des Nordens. Und die kleinen Finger der Monelle liefen über die Leinwand,

als gingen sie auf einer Landstraße von weißem Tuch, und die auf die Knie

festgesteckten Nadeln bezeichneten die Meilensteine. Die rechte Hand war

geballt, sah aus wie ein kleiner Wagen aus Fleisch und ließ hinter sich im

Vorwärtsgehen eine gesäumte Furche; und knirschend, knirschend bohrte die

Nadel ihre stählerne Zunge, verschwand und tauchte auf und zog den langen

Faden in der goldnen Öse. Und die linke Hand war gut anzusehen, denn sie

streichelte sanft die frische Leinwand, glättete alle ihre Falten, als ob

sie schweigend die frischen Linnen eines Kranken glattstriche.

So sah das Kind Monelle zu und freute sich wortlos, denn diese Arbeit sah

aus wie ein Spiel, und Monelle sagte ihm einfache Dinge, die nicht viel

Sinn hatten. Sie lachte zu Sonne und lachte zu Regen und lachte zu Schnee.

Sie liebte es, erhitzt zu sein und naß und zu frieren. Hatte sie Geld, so

lachte sie, dachte, daß sie in einem neuen Kleid zum Tanze ginge. Hatte sie

nichts, so lachte sie, dachte, daß sie Bohnen essen würde eine Woche lang.

Hatte sie ein paar Pfennige, so träumte sie von andern Kindern, die sie

damit lachen machen würde; und mit leeren Händen hoffte sie, sich in ihrem

Hunger und ihrer Armut vergraben und verstecken zu können.

Immer waren Kinder um sie, die sie mit großen Augen ansahen. Aber sie hatte

vielleicht das Kind am liebsten, das die Stunden des Tags bei ihr war. Und

doch ging sie fort und ließ es allein. Nie sprach sie zu dem Kinde von

ihrem Fortgehen, aber sie wurde ernster und sah es länger an. Und das Kind

erinnert sich auch noch, daß Monelle aufhörte zu lieben, was sie umgab:

ihren kleinen Lehnstuhl, die bemalten Tiere, die man ihr schenkte, und all

ihr Spielzeug und allen Putz. Und sie träumte mit dem Finger auf dem Mund

von anderen Dingen.

An einem Dezemberabend ging sie fort, als das Kind gerade nicht da war. In

der Hand die kleine zuckende Lampe trat sie, ohne sich umzuwenden in die

Finsternis. Als das Kind kam, sah es noch am dunklen Ende der geraden

Straße eine kleine verhauchende Flamme. Das war alles. Monelle sah es

niemals wieder.

* * *

Lange fragte es sich, weshalb sie so ohne ein Wort fortgegangen war. Es

dachte, daß sie nicht traurig sein wollte von seiner Traurigkeit. Und es

tröstete sich, daß sie wohl zu andern Kindern gegangen sei, die sie

brauchten. Mit ihrer kleinen ersterbenden Lampe ist sie ihnen Hilfe bringen

gegangen, die Hilfe eines lachenden Feuerfunkens in der Nacht. Vielleicht

hat sie gedacht, daß man dieses eine Kind nicht allzusehr lieben solle,

damit man auch noch die andern fremden Kleinen lieben könne. Die Nadel mit

ihrem goldenen Öhr hatte das kleine Wägelchen der Hand vielleicht bis ans

Ziel geführt, bis ans letzte Ziel der gesäumten Furche, und Monelle ist nun

müde geworden vom rauhen Weg des Linnens, auf dem ihre Hände gingen. Sie

hat wohl sicher ewig spielen wollen. Und das Kind wußte nicht die Kunst des

ewigwährenden Spieles. Vielleicht hatte es sie darnach verlangt, zu sehen,

was wohl hinter der alten blinden Mauer sei, deren Augen seit Jahren mit

Zement verschlossen waren. Vielleicht kommt Monelle zurück. Und statt zu

sagen: »Auf Wiedersehn, erwart mich, -- und sei brav!« daß es dann auf die

kleinen Schritte im Hausgang gehorcht hätte und auf jedes Umdrehen eines

Schlüssels im Schloß, da hat sie lieber geschwiegen und kommt überraschend

zurück, hinter seinem Rücken, und legt zwei matte Hände auf seine Augen --

ach ja! -- und ruft: »Kuckuck!« mit der Stimme eines Vögleins, das in die

warme Heimat zurückkommt.

Das Kind erinnerte sich an den ersten Tag, da es Monelle sah; wie ein

zerbrechliches glitzerndes Stückchen Schnee sah sie aus und schüttelte sich

vor Lachen. Und ihre Augen waren wie Wasser, in dem die Gedanken sich

bewegten wie Schatten von Pflanzen. Da, von der Straßenecke her war sie

gekommen, ganz einfach und wie selbstverständlich. Sie lachte, so ein

langsames Lachen, wie der Ton, wenn man auf ein Kristallglas schlägt. Das

war in der Winterdämmerung, und es war neblig; dieser Laden war offen --

gerade so. Derselbe Abend, dieselben Sachen dort und hier, dasselbe Summen

in den Ohren: doch das Jahr ist anders, und es ist die Erwartung.

Vorsichtig machte das Kind ein paar Schritte; ja, alles ist ganz so wie das

erstemal. Und es wartete: warum soll sie denn nicht zurückkommen? Und das

Kind streckte seine arme geöffnete Hand durch den Nebel.

* * *

Diesmal trat Monelle nicht aus dem Unbekannten heraus. Kein kleines Lachen

kam durch den Nebel. Monelle war weit und erinnerte sich nicht an den Abend

noch an das Jahr. Wer weiß? Vielleicht war sie des Nachts in das unbewohnte

Zimmerchen geschlüpft und erwartete es leise zitternd hinter der Tür. Das

Kind ging ganz leise, es wollte sie überraschen. Aber Monelle war nicht da.

Sie wird zurückkommen, -- o ja! -- ganz sicher wird sie zurückkommen. Nun

haben die andern Kinder schon genug Gutes von ihr gehabt. Jetzt ist die

Reihe wieder an dem verlassenen Kinde. Und es hörte seine schelmische

Stimme leise sagen: »Heut bin ich brav.« -- Kleines verschwundenes

weitfernes Wort, verblaßt wie eine alte Farbe, und schon verbraucht von den

Echos der Erinnerung.

* * *

Das Kind setzte sich geduldig hin. Da war der kleine Korbstuhl mit der Spur

ihres kleinen Körpers, und das Tischchen, das sie gern hatte, und der

Spiegel, der ihr um seines Sprungs willen noch teurer war, und das letzte

kleine Hemd, das sie genäht hatte, das kleine Hemd, das >sich Monelle

nannte<, ordentlich hingelegt, ein bißchen gebauscht, als wartete es auf

seine Herrin.

Alle die kleinen Sachen des Zimmers warteten auf sie. Der Arbeitstisch war,

wie sie ihn verlassen hatte. Das kleine Maßband in seiner runden Büchse

steckte seine grüne Zunge heraus, sie war von einem Ring durchzogen. Das

entfaltete Linnen der Taschentücher hob sich in kleinen weißen Hügeln.

Dahinter standen die Nadeln wie Lanzen im Hinterhalt. Der kleine eiserne

und ganz verarbeitete Fingerhut war eine verlassene Sturmhaube. Die Schere

hatte faul das Maul offen wie ein stählerner Drache. So schlief alles in

der Erwartung. Der lebende Wagen, so weich und behend, fuhr nicht mehr,

brachte nicht mehr über diese verzauberte Welt seine laue Wärme. Dieses

ganze kleine Schloß der Arbeit lag im Schlummer. Das Kind war voll

Hoffnung. Die Tür wird aufgehn, ganz leise; der lachende Feuerfunken wird

hereinspringen; die weißen Hügel werden sich entfalten; die dünnen Lanzen

werden sich schütteln; die Sturmhaube wird ihr rosa Köpfchen finden; der

stählerne Drache wird schnell mit dem Maul klappern, und der kleine lebende

Wagen wird überall herumkutschieren, und die vergehende Stimme wird wieder

sagen: >Ich bin brav heute!< -- Kommen denn die Wunder nicht zweimal?

Das Buch von Monelle · 第 26 / 29 题