Ich weiß nicht, wie ich durch einen dunklen Regen zu diesem merkwürdigen
Laden kam, der in der Nacht vor mir auftauchte. Ich weiß die Stadt nicht
und nicht das Jahr; weiß nur, daß es eine Zeit war, da es viel regnete,
viel regnete.
Verbürgt ist, daß in dieser selben Zeit die Menschen auf den Straßen kleine
herumstreifende Kinder fanden, die nicht wachsen wollten. Mädchen von
sieben Jahren beteten auf den Knien darum, daß sie nicht älter würden, und
die Pubertät schon sah totgetroffen aus. Es gab da fahlweiße Prozessionen
unter dem bleichen Himmel, und kleine Schatten, die kaum sprechen konnten,
mahnten das Volk der Kinder. Nichts sonst begehrten sie als eine ewige
Unwissenheit. Sie verlangten, sich immerwährenden Spielen zu weihen. Sie
verzweifelten an der Arbeit des Lebens. Alles war für sie nichts sonst als
Vergangenes.
In diesen trüben trostlosen Tagen, in dieser Zeit endlosen Regens gewahrte
ich die fadendünnen Lichter der kleinen Lampenverkäuferin.
Ich trat unter das Schutzdach ihres Ladens, und der Regen lief mir in den
Nacken, als ich den Kopf beugte.
Und ich sprach zu ihr:
-- Was verkaufst du da, kleine Händlerin, in dieser traurigen Zeit des
Regens?
-- Lampen, gab sie die Antwort, nur brennende Lampen.
-- Und was bedeuten denn in Wahrheit diese brennenden Lampen, die so groß
sind wie ein kleiner Finger und mit einem Licht brennen, das nicht größer
ist als der Kopf einer Stecknadel?
-- Das sind die Lampen dieser finsteren Zeit. Ehemals waren es
Puppenlampen. Aber die Kinder wollen nicht mehr groß werden. Und so
verkaufe ich ihnen diese kleinen Lampen, die kaum durch den dunklen Regen
leuchten.
-- Und davon lebst du also, kleine schwarzgekleidete Verkäuferin, und
ernährst dich von dem Geld, das dir die Kinder für deine Lampen bezahlen?
-- Ja, sagte sie einfach. Aber ich verdiene recht wenig. Denn der böse
Regen verlöscht oft meine kleinen Lampen, gerade wenn ich sie hinreichen
will. Und wenn sie erloschen sind, dann wollen sie die Kinder nicht mehr.
Niemand kann sie wieder anzünden. Es bleiben mir nur noch diese da. Ich
weiß, ich kann keine andern mehr finden. Und wenn die letzten verkauft
sind, dann werden wir im Dunkel des Regens bleiben.
-- So ist es also das einzige Licht in dieser trüben Zeit? Und wie erhellt
man denn mit einer so kleinen Lampe die feuchten Dunkelheiten?
-- Der Regen verlöscht sie oft, sagte sie, und auf den Feldern und Straßen
nützen sie dann nicht mehr. Man muß sich damit einschließen. Die Kinder
schützen meine kleinen Lampen mit ihren Händen und schließen sich ein.
Jedes schließt sich ein mit seiner Lampe und einem Spiegel. Und sie genügt,
um ihnen im Spiegel ihr Bild zu zeigen.
Ich sah eine Weile auf die armseligen flackernden Flämmchen.
-- Ach, kleine Händlerin, das ist ein trauriges Licht, und die Bilder im
Spiegel müssen traurige Bilder sein.
-- Sie sind nicht so sehr traurig, sagte das schwarzgekleidete Kind und
senkte den Kopf, -- solange sie nicht wachsen. Aber die kleinen Lampen
dauern nicht ewig. Ihre Flamme nimmt ab, als ob sie sich über den dunklen
Regen grämte. Und wenn meine kleinen Lampen verlöschen, dann sehen die
Kinder nicht mehr den Glanz des Spiegels und verzweifeln. Denn sie fürchten
den Augenblick zu versäumen, da sie zu wachsen beginnen. Das ist es,
weshalb sie zitternd in die Nacht fliehen. Aber ich darf jedem Kind nur
eine Lampe verkaufen. Versuchen sie eine zweite zu kaufen, verlöscht sie in
ihren Händen.
Ich neigte mich ein wenig zu der kleinen Händlerin und wollte eine ihrer
Lampen nehmen.
-- Oh! nicht anrühren! rief sie. Ihr seid über das Alter, für das meine
Lampen brennen. Sie sind nur für die Puppen und die Kinder. Habt Ihr keine
Lampe für große Leute bei Euch?
-- Leider sind es in dieser Zeit des dunklen Regens, in dieser vergessnen
trüben Zeit, nur noch deine Kinderlampen, die leuchten. Und auch mich
verlangt es, noch einmal den Glanz des Spiegels zu sehen.
-- Komm, sagte sie, wir schauen zusammen.
Über eine kleine wurmstichige Treppe führte sie mich in ein
bretterverschlagenes Zimmer, da leuchtete ein Spiegel von der Wand.
-- Still, sagte sie, und ich laß Euch schauen. Denn meine eigene Lampe ist
klarer und leuchtender als die anderen; und so bin ich nicht zu arm in
dieser regenvollen Dunkelheit. Und sie hob ihre kleine Lampe gegen den
Spiegel.
Da war ein klarer Glanz, und ich sah bekannte Geschichten kommen und gehen.
Aber die kleine Lampe log, log, log. Ich sah die Flaumfeder sich auf
Cordelias Lippen bewegen; und sie lächelte und wurde gesund; und lebte mit
ihrem alten Vater in einem großen Käfig, wie ein Vogel, und küßte seinen
weißen Bart. Ich sah Ophelia am Schilf des Wassers und wie sie die feuchten
veilchenumwundenen Arme um Hamlets Nacken legte. Ich sah Desdemona
wiedererwacht unter den Weiden wandeln. Ich sah die Prinzessin Maleine, sie
nahm ihre beiden Hände weg von den Augen des alten Königs, und sah sie
lachen und tanzen. Ich sah die befreite Melisande sich im Brunnen spiegeln.
Und ich rief aus: Kleine lügnerische Lampe . . .
-- Still, sagte die kleine Händlerin und legte mir die Hand auf die Lippen.
Man darf nichts sagen. Ist der Regen nicht dunkel genug?
* * *
Da senkte ich den Kopf und ging durch die Regennacht in die unbekannte
Stadt.