Seitdem sie groß genug war, hatte Ilsée die Gewohnheit, jeden Morgen vor
ihren Spiegel zu gehen, um zu sagen: »Guten Morgen, meine kleine Ilsée.«
Dann spitzte sie die Lippen und küßte das kalte Glas. Das Bild schien von
allein zu kommen. Es war in Wirklichkeit ganz fern. Und diese andere,
bleichere Ilsée, die sich aus den Tiefen des Spiegels hob, war eine
Gefangene des kühlen Mundes. Ilsée gab ihr ihr Mitleid, denn sie schien
traurig und grausam. Ihr morgendliches Lachen war eine bleiche Morgenröte,
noch gefärbt vom nächtlichen Grauen.
Und doch liebte Ilsée sie und sprach zu ihr: »Niemand sagt dir guten
Morgen, arme kleine Ilsée. Da, küß mich. Wir wollen heute spazieren gehen,
Ilsée. Mein Geliebter wird uns suchen. Komm.« Ilsée wandte sich, und die
andere Ilsée flüchtete melancholisch in den leuchtenden Schatten.
Ilsée zeigte ihr ihre Puppen und ihre Kleider. »Spiel mit mir. Zieh dich an
mit mir.« Auch die andere Ilsée zeigte eifersüchtig Ilsée bleichere Puppen
und farblose Kleider. Sie sprach nicht und tat nichts als die Lippen
bewegen, wenn Ilsée sprach.
Manchmal wurde Ilsée zornig wie ein Kind gegen die stumme Dame, und auch
die wurde böse. »Schlimme, schlimme Ilsée!« rief sie, »wirst du mir
antworten! willst du mich wohl umarmen!« Sie schlug den Spiegel mit der
Hand. Eine fremde Hand, die an keinem Körper war, erschien vor der ihren.
Niemals konnte Ilsée die andere Ilsée greifen und halten.
Sie verzieh ihr des Nachts; und glücklich sie wiederzufinden, sprang sie
aus dem Bett, um sie zu küssen und flüsterte: »Guten Morgen, meine kleine
Ilsée.«
Als Ilsée einen wirklichen Bräutigam hatte, führte sie ihn vor ihren
Spiegel und sagte zur andern Ilsée: »Schau dir meinen Geliebten an, aber
schau ihn nicht zu viel an. Er gehört mir, aber ich will dich ihn gern
sehen lassen. Wenn wir verheiratet sind, dann darf er dich mit mir küssen,
jeden Morgen.« Ihr Bräutigam mußte lachen. Ilsée im Spiegel lachte auch.
»Nicht wahr, er ist schön, und ich liebe ihn«, sagte Ilsée. »Ja, ja«,
antwortete die andere Ilsée. »Wenn du mir ihn zu viel ansiehst, küß ich
dich nie mehr wieder«, sagte Ilsée. »Ich bin so eifersüchtig wie du, weißt
du! Auf Wiedersehn, meine kleine Ilsée.«
* * *
Je mehr Ilsée die Liebe erfuhr, um so trauriger wurde Ilsée im Spiegel.
Denn ihre Freundin kam nicht mehr des Morgens, sie zu küssen. Sie hatte sie
ganz vergessen. Dafür kam nach der Nacht das Bild ihres Verlobten zu Ilsées
Morgenerwachen. Und tagsüber sah Ilsée nicht mehr die Dame im Spiegel, doch
ihr Geliebter schaute sie an. »Oh!« sagte Ilsée, »du denkst nicht mehr an
mich, du Böser. Es ist die andere, die du ansiehst. Aber sie ist gefangen;
sie wird nie kommen. Sie ist eifersüchtig auf dich; aber ich bin
eifersüchtiger als sie. Sieh sie nicht an, Geliebter, sieh mich an. Böse
Ilsée im Spiegel, ich verbiete dir, meinem Bräutigam zu antworten. Du
kannst nicht kommen; du wirst niemals kommen können. Nimm ihn mir nicht,
böse Ilsée. Nachher, wenn wir verheiratet sind, darf er dich mit mir
küssen. Lach doch, Ilsée! Du wirst mit uns sein.«
* * *
Sie wurde eifersüchtig auf die andere Ilsée. Wenn der Tag verging, ohne daß
der Geliebte gekommen war, rief Ilsée: »Du jagst ihn fort, du jagst ihn
fort mit deinem bösen Gesicht. Geh weg, du Böse, laß uns«
Und Ilsée verbarg ihren Spiegel hinter einem weißen und feinen Linnen. Und
hob ein Endchen davon auf, um den letzten kleinen Nagel durchzuschlagen.
»Adieu, Ilsée«, sagte sie.
Doch ihr Bräutigam blieb müde wie zuvor. >Er liebt mich nicht mehr<, dachte
Ilsée, >er kommt nicht mehr, ich bleib allein, allein. Wo ist die andere
Ilsée? Ist sie mit ihm fortgegangen!< Und mit ihrer kleinen goldenen Schere
schnitt sie ein Stückchen aus dem Linnen und schaute. Über dem Spiegel lag
ein weißer Schatten. >Sie ist fort<, dachte Ilsée.
* * *
»Man muß Geduld haben«, sagte sich Ilsée. »Die andere Ilsée wird
eifersüchtig und traurig sein. Mein Geliebter wird wiederkommen. Ich werde
ihn erwarten.«
Jeden Morgen kam es ihr vor, als sähe sie ihn auf dem Kopfkissen, ganz nah
ihrem Gesicht, und sie murmelte im Halbschlaf: »Oh, Geliebter, bist du nun
zurückgekommen? Guten Morgen. Guten Morgen, mein kleiner Liebling.« Und sie
streckte die Hand aus und berührte das kühle Laken.
-- >Man muß ganz viel Geduld haben<, dachte Ilsée noch.
* * *
Lange wartete Ilsée auf ihren Bräutigam. Ihre Geduld floß in Tränen. Und
ihre Augen blieben feucht, und verwirrte Linien zogen über ihre Wangen. Ihr
ganzer Leib beugte sich. Jeder Tag, jeder Monat, jedes Jahr drückte mit
schwererem Finger ein Mal auf sie.
-- »Oh! mein Geliebter«, sagte Ilsée, »ich muß an dir zweifeln.« Sie
schnitt das weiße Linnen vom Spiegel, und in dem bleichen Rahmen war das
Glas ganz voll von dunklen Flecken. Feine Runzeln zogen über den Spiegel,
und dort, wo sich das Metall vom Glas gelöst hatte, sah man dunkle Teiche.
Die andere Ilsée kam aus der Tiefe des Spiegels, schwarz gekleidet wie
Ilsée, und das Gesicht abgemagert und gezeichnet von den sonderbaren
Zeichen des Glases. Und der Spiegel schien geweint zu haben.
-- »Du bist traurig, wie ich«, sagte Ilsée.
Die Dame im Spiegel weinte. Ilsée küßte sie und sagte: »Gute Nacht, meine
arme Ilsée.«
Und als Ilsée, die Lampe in der Hand, in ihr Zimmer trat, stand sie voll
Staunen: denn die andere Ilsée kam, eine Lampe in der Hand, auf sie zu mit
traurigen Augen. Ilsée hob die Lampe über ihren Kopf und setzte sich auf
das Bett. Und die andere Ilsée hob die Lampe über den Kopf und setzte sich
neben sie.
-- Ich versteh es wohl, dachte Ilsée. Die Dame des Spiegels hat sich
befreit. Sie ist gekommen, mich zu holen. Ich werde sterben.