II

Man hatte Jonsen ins Spital geschafft. Die süßen Giftgerüche waren Räuber

seines Gehirns für Wochen, wie durch einen blutroten Nebel sah er die nahen

Fördertürme und Schachtgerüste. Geräusche, die durch die geöffneten Fenster

gekommen waren, empfand er wie die Nähe eines Meeres, das von verschluckten

heißen Untergängen wimmelt. Die Schwestern waren einfach unerträglich. Und

die Ärzte griffen zu wie Henker.

Manchmal umschwirrten ihn Bestimmungen: was tatest du! Du! Wen wecktest du!

Wen wecktest du!

Die Feinde, unter denen er hier lebte, wann würden sie das Seil knüpfen

. . . die Klinge heben . . . das Gift gießen?

Begräbnisse fuhren stündlich durch sein Gehirn. Er schritt hinter seinem

eigenen Sarge einmal.

Und als er sah, wozu er geholfen hatte, dachte er: gerade das Gegenteil

wollte ich.

Das Fieber aber war stärker als der gepfählte Willen. Es zerstäubte ihn

völlig, wie Töne eines dunklen Spieles. Schmerzen des Wachen rissen sie

fort.

An einem Sonntage kam Piet zu Besuch. Jonsen richtete sich auf. Aus dem

gebürsteten Sonntagsrock des Kameraden kam ihm ein lieber Geruch zugeweht.

Piets Stimme machte einen brutalen Griff: »Daß du auch so ein Tölpel sein

mußt! Warum hast du das nicht dem Steiger überlassen? Lag der hier, wäre

die Gruft nicht offen. Nun sind wir drin. Acht Tage haben wir gebraucht, um

den Sumpf zu stopfen. Aber weißt du, der Satan ist immer noch da. So was

riecht man doch. Die andern ja gewiß nicht. Aber weißt du, eine Kohle gibt

es . . . o, . . . eine Kohle . . . die Kerle haben noch nie so verdient.

Und du mußt hier nun faulenzen! Na, es geht doch besser? Was?«

Piet beugte sich herab. Sein langer Bart kitzelte Jonsens Ohr. Sein Atem

war geschwängert vom Geruch der Gruft. So schien es Jonsen. Und dieses

Fühlen von Verwestem, das durch seine Wachträume gerast war solange er hier

lag, ließ ihn zurückschaudern von der Berührung mit den Händen Piets.

Aber Piets Hände waren wie Eisenklammern. Wie Zangen. Und griffen zu.

Er saß eine Viertelstunde auf dem Matratzenrand Jonsens. Der Abend brach

weißgelb herein. Todbereite und Genesende dieses Saales freuten sich daran.

Beflügelung ihrer Atemzüge klang wie Vogelgezwitscher. Urteile waren

aufgehoben. Hoffnungen stiegen strahlend und standen real. Jonsens Blut

allein ging träge. Manchmal setzte das Herz ganz aus. In diesen

Augenblicken der absoluten Leere nickte der kahle Schädel Piets in sein

Bewußtsein hinein wie die Fratze eines Skeletts. Er hatte sicher noch

Wundfieber. Denn er schrie plötzlich auf.

Piet sprang wie gestochen empor und rief die Wärterin.

»Sie haben den Jonsen behext,« schrie sie wutkreidig auf und stand wie ein

Panther geduckt vor ihm.

Piet drehte die Mütze in den schwitzigen Händen und ging langsam rückwärts

zur Tür. Die großen Ohren, die von seinem Kopf weit abstanden, bogen sich

wie krumme Hörner vor.

»Satan! Satan !« bellte da Jonsen und war mit einem Satz aus dem Bett. Aber

die Beine hielten ihn nicht und warfen ihn platt auf den Boden. Man mußte

ihm die Zwangsjacke anlegen. Vierzehn Stunden währte das Delirium.

Die schwarze Fahne des Todes und die rote des Wahnsinns umarmten sich. Doch

das Dickträge des bäurischen Blutes hielt sich wie ein Wall. Das Gift

schrumpfte einschläfernd zurück.

Der schwarze Baal: Novellen · 第 16 / 30 题