In treuer Wertschätzung, Liebe, Ergebenheit

Dein alter Lehrer P. Erhard.

*PS.* In Deiner Wirtschaft herrscht beste Ordnung, in Deinem Schlosse

beginnt sie schon das Szepter zu schwingen. Auf Schritt und Tritt

begegnet dem Wissenden Genuß, dem Schüler Belehrung. Der Boden der Halle

mit Ausgrabungen bedeckt, darf ohne Ruhmredigkeit verglichen werden mit

einem klassischen Trümmerfeld. Aus bereits eingetretenem Mangel an Raum

waren wir genötigt, die holdig-schönen von ungemeinem antiquarischen

Reiz umflossenen Mumien in Deinem Schlafgemache unterzubringen.

*III.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Paris, den 22. Mai 1875.

Lieber Professor, bester Freund!

Allzubreit darf das Altertum sich in meinem Hause doch nicht machen, wer

weiß, ob wir nicht, in erwartbarer Zeit, darin Platz brauchen für eine

junge Frau. Die Mumien lasse, wenn's nicht anders geht, in den Keller

schaffen. Es gehört zu meinen Marotten, daß ich lieber in meinem Bette

schlafe als im Sarge einer Pharaonentochter.

Um die Erlaubnis, das Elternhaus Madeleines -- so heißt nämlich die

halb und halb Erwählte -- besuchen zu dürfen, habe ich noch nicht

gebeten, mich noch nicht entschlossen zu dem entscheidenden Schritt.

Keineswegs aus Angst vor einem Korbe. Madeleine hat für mich »*de

l'amitié*« -- nicht zu übersetzen mit unserm deutschen »Freundschaft«;

es heißt weniger und mehr und jedenfalls etwas ganz andres. Die Mutter

ist mir wohlgesinnt, und geradezu geliebt werde ich vom Vater. Der würde

Dir gefallen, den würdest Du zu erwerben suchen -- für unsre Sammlung.

Denke Dir das schönste Exemplar einer Rasse, die wir für ausgestorben

hielten, einen »*chasseur du roi*«, wie ihn die Bretagne um 1794 nicht

charakteristischer aufgestellt: Untersetzt, breitnackig, breitgestirnt,

mit funkelnden Falkenaugen, kurzer Nase, runden Nüstern, Mund und Kinn

wie, ziemlich grob, aus Stein gemeißelt. Ich wette, er schwört noch bei

der heiligen Jungfrau von Auray und trägt unter dem Hemde mehr Amulette

als Ludwig *XI.* In seinen Augen ist jedes Mißgeschick, von dem

Frankreich seit dem Zusammentreten der Nationalversammlung betroffen

wurde, eine Sühne für die Zertrümmerung des Königtums. Mit dem letzten

Kriege ließ Gott die schwerste Geißel über das abtrünnige Reich des

Heiligen Ludwig niedersausen. Die Deutschen sind ihm nur Werkzeuge der

Rache des Allgerechten, und als solche dürfte er sie eigentlich nicht

hassen, aber er haßt sie doch und ingrimmig. Mich, als den Sohn eines

»Tschèche« und einer Französin, hält er für einen geborenen Widersacher

seiner Feinde und zieht in meiner Gegenwart mit besonderem Schwung gegen

sie los.

Da habe ich denn schon oft bemerkt, wie peinlich solche Ausbrüche des

Zornes gegen uns -- welch ein Schnitzer! ich sage _uns_, ich »Tschèche«,

-- auf Madeleine wirken.

Sie schweigt zwar, aber sie kämpft entschieden mit innerster Empörung;

wechselt die Farbe, und gestern sah ich, wie ihre schönen Hände, die

einen so ausgesprochen festen und braven Charakter haben, krampfhaft

zitterten auf ihrem Schoße.

Vielleicht ahnt sie etwas von meiner wahren Gesinnung, dachte ich, und

fürchtet, ich könnte mich durch die Ausfälle ihres Vaters verletzt

fühlen. In der Absicht, sie darüber zu beruhigen, sagte ich ihr, daß ich

Kosmopolit bin aus ganzem Herzen. Ich wiederholte, was ich so oft von

Dir gehört, und was sich mir überzeugend eingeprägt hat: daß unsre

Nation nur unsre erweiterte Familie ist, und daß der rechte und gute

Mensch seine Familie nicht auf Kosten andrer liebt, lobt und fördert.

Indessen vermöge ich doch, mich in die Empfindungen eines, in seinem

Stolze gekränkten Patrioten hineinzudenken, und sie, trotz ihrer

Verschiedenheit von den meinen, zu ehren.

Sie hörte mich aufmerksam an und nickte zustimmend, freilich auch etwas

spöttisch, und lächelte, wie sie pflegt, wenn ich ihr gegenüber einmal

einen warmen, vertrauensvollen Ton anschlage ... Es ist eine ungute Art

zu lächeln, die mich aus der Fassung bringt, mich immer unvorbereitet

findet und peinlich überrascht.

Das war anders dereinst! Elsbeth konnte mich nie überraschen; sie konnte

mich nur stets von neuem in der hohen Meinung, die ich von ihr hatte,

bestärken. Bei zahlreichen Gelegenheiten fragte ich mich: was würde

jetzt das Prototyp dieser Frau tun? dachte mir das Schönste und

Schwerste aus -- und das war dann, was sie tat, so natürlich und

einfach, wie wenn es das Selbstverständliche wäre.

Ja, diese Frau! Ich habe dem Geschick für vieles zu danken, für nichts

aber so heiß, als daß ich drei Jahre in ihrer Nähe leben und mit ihr

verkehren durfte, fast wie ein Hausgenosse. Ohne sie wäre ich

untergegangen, war auf dem besten Wege ... Sehr unrecht hast Du, es zu

bezweifeln! Erinnere Dich, wie ich Euch heimkehrte, nach jenem ersten

lehrreichen Aufenthalt in Paris. Ich sehe noch den Ausdruck des

Schreckens im Angesicht meines armen, damals schon todkranken Vaters bei

unserm ersten Tischgespräche, da ich meine neuerworbenen Ansichten vom

Leben auskramte, mit meinen Erfahrungen prahlte und mich erhaben dünkte

über Euch, wie ein aus dem Kriege kommender Soldat über ein paar alte

Ofenhocker.

Und später -- das Eis war gebrochen, es hatte schon begonnen zu tauen in

meiner erwachenden Seele ... weißt Du noch? -- lag ich auf den Knien vor

dem Sterbenden, und er segnete mich und sprach leise mit seinem

allgütigen Lächeln: »Verliebe Dich, mein Sohn.«

Wahrlich, ein väterlicher Rat ist nie treuer befolgt worden. Ich habe

geliebt, wie man nicht mehr liebt im neunzehnten Jahrhundert, und wie

vielleicht auch in den vorigen Jahrhunderten nur wenig Frauen geliebt

worden sind.

Die Frau Deines väterlichen Freundes, sagst Du vorwurfsvoll. -- Aber

dieses Bewußtsein verschärfte nur die Qual und änderte nichts an der

Empfindung.

Niemand vermag mir den Glauben zu nehmen, daß sie für mich, und daß ich

für sie geboren war, daß wir Eins gewesen sein mußten in einem früheren

Leben und nun zueinander strebten mit derselben Urgewalt, wie die Fluten

des durch Klippen getrennten Bergstroms, der zu Tale stürzt.

Und dennoch, so zuversichtlich ich hoffte, daß jede sehnsüchtige

Empfindung meiner Seele einen Widerhall in der ihren fände, so fest war

meine Überzeugung, daß Elsbeth lieber sterben würde und lieber mich

sterben ließe, als ein Unrecht tun. Ich aber hatte Augenblicke -- Dir,

alter Mensch, darf ich's sagen, unsre Schuljungen würden mich verhöhnen

-- in denen alle meine Wünsche schwiegen vor dem einen, ihrer würdig,

ihr Freund, ihr geistiger Genosse zu bleiben. Die ich wie eine Göttin

verehrte, sollte nicht niedersteigen, um in meinen Armen eine Erdenfrau

zu werden. Aber diese Augenblicke wurden immer seltener, die

Selbstbeherrschung wurde mir immer schwerer, um so mehr, als Elsbeth ihr

Benehmen änderte, ihre Unbefangenheit zu verlieren, jedes Alleinsein mit

mir ängstlich zu vermeiden schien -- --

Unwandelbar derselbe blieb nur Er, der Lustspielgatte, der arglose,

alberne -- anbetungswürdige. Er hielt mich mit Gewalt fest, wenn ich

fort wollte, er plagte mich, um mir mein kroatisches Gut zu erhalten,

das ihm das seine so schön arrondiert hätte, und das schon zu Zeiten

meines Vaters losgeschlagen werden sollte, weil wir Geld brauchten für

die arg zurückgegangene Wirtschaft in Korin.

Aber er weigerte sich zu kaufen. Im Anfang zögernd, dann immer

entschiedener. -- »Es ist halt schwer, es ist halt schwer. Mir würde der

Krempel passen. Du gehst mathematisch darauf zu Grund. Kennst Dich ja

bei uns gar nicht aus.«

»So kaufe! kaufe! zahle, was du recht findest.«

»Was ich recht fände, kann ich nicht zahlen, und weniger mag ich nicht

zahlen; ich mache keinen Handel mit einem Menschen, der wie Du in

Geschäften ein Mondkalb ist. Das darf nicht sein. Was meinst, Elsbeth?«

Sie lachte. Es gibt nichts, das lieblicher wäre als ihr Lachen. Um so

lachen zu können, muß man eine großartige und milde Seele haben. Gar

wenige Frauen lachen schön. »Was soll ich nur antworten, ohne entweder

unhöflich oder gewissenlos zu sein?« fragte sie, und er schmunzelte und

begann seinen graublonden Knebelbart um den Zeigefinger zu wickeln: »Ja,

wenn ich Kinder hätte, Gott weiß, welcher Schandtat ich fähig wäre, --

aber so!«

Und später hieß es dann: »Weil ich keine Kinder habe und mathematisch

keine bekommen werde, will ich Deine lang vernachlässigten Interessen

vertreten, Du Junge Du, wie wenn es die meiner Kinder wären.«

Nein, einen solchen Mann betrügt man nicht: »Das darf nicht sein,« wie

er sagt.

Aber so schwer als möglich hat er mir's gemacht, ein ehrlicher Kerl zu

bleiben. Ich _mußte_ am Ende heraus mit einem halben Geständnis. Da

murmelte er etwas von Unsinn und wurde ein wenig rot. »Du weißt nicht

mehr, was Du erfinden sollst, damit man Dich nur fortläßt,« sagte er und

-- ließ mich ziehen.

Kommst halt wieder, wenn Du mathematisch sicher bist: ich darf mit gutem

Gewissen!

Und ich darf! Ich werde mit meiner jungen Frau den ersten Winter in

meinem, durch den fürsorgenden Freund bewohnbar gemachten Hause in der

Nähe von Fiume verleben, gut nachbarlich mit Elsbeth und mit meinem

lieben alten Hans.

Seit drei Tagen schreibe ich an diesem Brief. Nun soll er endlich

abgeschickt werden. Wir reisen morgen auf das Land.

Die Tante hat ihre Einladungen gemacht; unter den ersten Aufgeforderten

waren die Eltern Madeleines samt Tochter.

Die letztere und ich hatten eben vom Ende der Saison gesprochen, vom

nahen Scheiden, als die Tante herantrat mit der Kunde, daß uns ein

baldiges Wiedersehen bevorstehe.

Da bereitete mir Madeleine wieder eine Überraschung -- ein heller

Freudenglanz überflog ihr Gesicht, leuchtete aus ihren Augen.

Dieses plötzliche Aufflammen war wirklich eigentümlich. Ich glaube, sie

hat mehr »*amitié*« für mich, als sich einbildete

Dein treuer Schüler.

Wenn die Eifersucht der Mumien es erlaubt, so schreibe mir doch einmal

wieder und adressiere: *Les Ormeaux, Département Meurthe et Moselle,

près Cirey les fosses*. Wie nahe der jetzt deutschen Grenze!

*IV.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Les Ormeaux, den 2. Juni 1875.

Teurer Freund, lieber Professor!

Gestern hatte die Tante den Besuch einer merkwürdigen Frau.

Ich will sie Irina nennen.

Vor Jahren in Wien lernte ich sie kennen. Sie war reizend und sehr

gefeiert. Ihr Mann, ein widerwärtiger Gesell, ein Streber, hatte sie aus

Ehrgeiz geheiratet; sie galt, als »Adoptivtochter« eines hohen

Würdenträgers, für einflußreich. Der Gatte ließ ihr volle Freiheit.

Welchen Gebrauch sie in Petersburg davon gemacht, weiß ich nicht; in

Wien bestand ihr Hauptvergnügen darin, die Herzen ihrer zahlreichen

Anbeter an langsamem Feuer zu braten. Wie niemand verstand sie sich auf

die Kunst, nichts zu versprechen und -- alles hoffen zu lassen. An mir

ging sie gerade so lange gleichgültig vorbei, als sie meine

Gleichgültigkeit nicht bemerkte. Dann begann der Kampf. Meine Seele lag

in Elsbeths Banne. Ich konnte mir jederzeit ihr Bild so deutlich

heraufbeschwören, daß ich sie sah wie mit körperlichen Augen, -- aber

kennst Du den Mann, der einer hübschen Frau gegenüber, die sich ihm an

den Kopf wirft, den Spröden spielt? -- Ich hatte nur den Abhub der Liebe

zu vergeben, Irina begnügte sich damit, sie triumphierte. Der Rausch war

kurz, aber noch vor der völligen Ernüchterung trennten uns die

Verhältnisse.

Zwei ihrer Briefe beantwortete ich, den dritten und vierten nicht mehr.

Und jetzt sehe ich sie wieder; etwas gealtert, aber noch immer

verlockend, und, wie ich höre, noch immer sehr umworben. Eine

gefährliche Frau; besonders für junge Leute, die die Kinderschuhe eben

ausgetreten haben, oder für die alten, die eben im Begriffe sind, wieder

hinein zu schlüpfen.

Bei Tische schenkte sie mir keine Aufmerksamkeit; als ich aber

nachmittags in den Garten ging, um im Freien meine Zigarre zu rauchen

(aus dem Hause der Tante ist der Tabak verbannt), kam sie mir nach, eine

Zigarette dampfend. Wir wandelten eine Weile am Ufer des Teiches

nebeneinander und führten ein unbedeutendes Gespräch. Plötzlich blieb

sie stehen, sah mich fest an und sagte in ihrer nachlässigen und sanften

Weise: »Unter anderm, warum haben Sie meine letzten Briefe nicht

beantwortet?«

Ich war auf diese Frage gefaßt und erwiderte ohne Zögern: »Weil ich

wußte, daß Sie mir einst danken würden für diese weise Zurückhaltung.«

»Wirklich? Mir ist das nicht ausgemacht.«

»Mir hingegen mit einer Gewißheit, so groß, daß sie auslangt für uns

beide.«

Wir setzten unsre Wanderung wieder fort; die Luft war drückend schwül,

hinter den Hügeln an der deutschen Grenze stiegen schwere Gewitterwolken

auf.

Irina zog mit einem tiefen Atemzuge den Rauch ihrer Zigarette ein und

ließ ihn, langsam genießend, wieder herausqualmen zwischen den leicht

geöffneten Lippen. -- »Wenn ich nicht irre, trug ich Ihnen an, mich

scheiden und mich mit Ihnen trauen zu lassen in irgendeinem

siebenbürgischen Gretna Green.«

»Etwas dergleichen ... Denken Sie, wenn ich selbstsüchtig genug gewesen

wäre, Sie beim Wort zu nehmen?«

»Nun?«

»Sie hätten auf alles verzichten müssen: Ihre Stellung in der Welt,

Ihren Einfluß, die Liebe der Ihren, Ihr abwechslungsreiches Leben ...«

»Und die Folge dieser Entbehrungen?«

»Daß Sie sich unglücklich gefühlt hätten.«

»Was weiter? Wer sagt Ihnen, daß Durst nach Glück mich veranlaßt hat,

Ihnen den Vorschlag zu machen, der so wenig Anwert bei Ihnen fand? Es

war Durst nach dem Gegenteil, nach Leid, nach Schmerz, mit einem Worte

-- nach Liebe.«

Ich muß sie sehr zweifelnd angesehen haben, denn sie beeilte sich, zu

bekräftigen -- »Liebe, ja, ja. Schade, daß ich sie nur zu empfinden und

nicht einzuflößen verstand. Wir wären miteinander durchgegangen, und Sie

hätten mich unglücklich gemacht, und das wäre wundervoll gewesen --

unglücklich durch einen Menschen, den man liebt. Die Hand, die mich

schlägt, ich küsse sie. Quäle, mißhandle mich, so viel es Dich freut,

mit meiner Liebe wirst Du doch nicht fertig, diesen Reichtum erschöpfst

Du nicht ... Und den in sich zu fühlen, den göttlichen Lebensquell ...

was ist all das kleine Glück, das sich uns im Leben bietet, gegen ein

solches Unglück?«

Sie verlangsamte ein wenig ihren noch sehr jugendlichen und hübschen

Gang; ihre ganze Art und Weise blieb ruhig, ja gleichgültig, und dieser

Gegensatz zwischen ihren Worten und ihrem Benehmen hatte einen

eigentümlichen Reiz.

Wir nahmen Platz auf einer Gartenbank; der Himmel verfinsterte sich mehr

und mehr, es herrschte ein malerisches Halbdunkel unter den Bäumen, das

äußerst vorteilhaft war für Irinas farblosen, durchsichtigen Teint. Ihr

feines Gesicht mit den großen grauen Augen, die zarte Gestalt im

duftigen Spitzenkleide gewannen in der schmeichelnden Beleuchtung etwas

Poetisches, Elfenhaftes.

»Das Glück,« sagte ich, »mit dem Sie sich in Ermangelung des erwünschten

Gegenteils begnügen mußten, hat doch auch sein Gutes, es hat Sie jung

erhalten und schön.«

»Und leichtsinnig,« setzte sie hinzu, in nur allzu überzeugtem Tone.

»Wir Frauen haben einmal im Leben nichts als die Liebe, und wenn wir mit

der unsern nicht an den Rechten gekommen sind, dann heißt es eben --

tröste Dich, wie du kannst!... Man sucht, man findet ... das

wohlbekannte Surrogat: Zerstreuung -- ohne Liebe ... Sie aber« -- der

wehmütige Ausdruck, den ihre Züge angenommen hatten, verwandelte sich in

einen übermütig schalkhaften -- »Sie werden Liebe haben -- ohne

Zerstreuung.«

Ich verstand sie nicht gleich und brachte ein albernes »Wieso?« vor,

dessen ich mich zur Stunde noch schäme.

Der Donner grollte, einige Regentropfen fielen, sie achtete ihrer nicht,

schalt mich einen Geheimniskrämer, den sie jedoch durchschaue, und

gratulierte mir zu meiner bevorstehenden Heirat. Als echter Deutscher

(ihr bin ich ein Deutscher) hätte ich klug und praktisch gewählt. -- Das

Erbfräulein ist hübsch, wohlerzogen, hat einen vortrefflichen Charakter.

»Kann man mehr verlangen?« fragte sie. »Sie treffen es gut -- beinahe so

gut wie -- Ihre Braut. Und somit gebe ich Ihnen meinen Segen.«

Sie erhob sich rasch und streifte meine Stirn mit flüchtigem Kusse. Ich

wollte sie an mich ziehen, doch entwand sie sich mir und sprach: »O nein

... Aus, aus!... Ob die Liebe gar nicht kommt, ob zur unrechten Zeit,

ist eins und dasselbe ... wir sind geschiedene Leute. -- Wenn unsre Wege

sich nicht mehr kreuzen sollten, Sie nur noch von mir hören, und nicht

immer das Beste, dann gesellen Sie sich nicht zu denen, die einen Stein

auf mich werfen. Sie haben kein Recht dazu,« schloß sie sanft.

Ich war ergriffen und gerührt. Es ist nicht heiter, wenn jemand, mit dem

wir glaubten, längst abgerechnet zu haben, vor uns hintritt und uns

beweist, daß wir tief in seiner Schuld stehen.

Etwas dergleichen sagte ich auch, ohne damit einen besonderen Eindruck

zu machen.

Die schwarzen Wolken am Himmel platzten und sandten einen Guß nieder wie

aus hunderttausend Traufen. Irina, leicht aufatmend, bot dem strömenden

Regen ihr unbedecktes Haupt und schlug ohne die geringste Eile den

Heimweg ein.

Zur Albernheit verurteilt an diesem Nachmittag, wußte ich nichts andres

zu sagen als: »Ihr schönes Kleid wird ganz verdorben.«

»Durch Ihre Schuld!« erwiderte sie mit scherzender Anklage. »Warum

mahnten Sie nicht früher zum Aufbruch ... Jetzt haben Sie auch mein

Kleid auf dem Gewissen.«

Triefend kamen wir nach Hause. Irina ging, sich umkleiden zu lassen, und

betrat eine halbe Stunde später im Reiseanzug den Salon. Die Tante

beschwor sie zu bleiben, wenigstens morgen noch, vergeblich, sie ließ

sich nicht erbitten.

Wir begleiteten sie zur Bahn, im offenen Wagen. Das Gewitter hatte sich

völlig verzogen, der Sommerabend war mild und hell, ein kräftiger

Erdgeruch wallte aus den feuchten Feldern und Wiesen zu uns herauf. Ich

saß Irina gegenüber; sie lächelte mir zu und machte sich lustig über die

Melancholie, in die mich, wie sie behauptete, ihre Abreise versetzte.

Auf der Station warteten einige Bauern, der Zug war schon signalisiert;

Irinas Leute hatten kaum Zeit, die Bagage aufzugeben und Billetts zu

lösen, da brauste er heran.

Aus dem Fenster eines Coupés erster Klasse beugte sich ein junger Mensch

weit heraus, ein langer, hübscher, blasser Bursche, mit keimendem

Schnurr- und Backenbärtchen. Als er Irina erblickte, stieg eine dunkle

Röte ihm in die Wangen, die aufrichtigste Seligkeit funkelte aus seinen

unverwandt auf sie gerichteten Augen. Hastig winkte er den Schaffner

herbei.

»Ach, mein Neffe Wladimir, welcher Zufall!« sagte Irina mit förmlich

herausfordernder Unbefangenheit und nahm Abschied. Ich führte sie zum

Waggon, dessen Tür bereits offen stand. Der Jüngling hatte das

Handgepäck, das der Kammerdiener hineinreichte, in Empfang genommen,

stand da und hielt selbstvergessen die Reisetasche Irinas mit

leidenschaftlicher Innigkeit an seine Brust gepreßt. Ich half der

schönen Frau einsteigen. Der Duft frischer Blumen strömte uns aus dem

Wagen entgegen; in den Netzen hingen, auf den Sitzen lagen die schönsten

Teerosensträuße. -- Ich hörte Irina noch sagen: »*Quelle folie!*« Dann

flog die Tür zu, die Lokomotive pfiff und pustete, die Räder setzten

sich in Bewegung, ein letzter Gruß, ein Taschentuch, das man flattern

sieht an einem Fenster und -- alles vorüber.

Die Tante und ich fuhren nach Hause. Sie war außerordentlich aufgeräumt.

Durch alle ihre Kosmetikes hindurch schimmerte der Glanz stiller

Heiterkeit. In einem alten Renner, vor dessen Augen ein andres Pferd

durchgeht, mögen sich ähnliche Erinnerungen regen, wie die ihren waren

in diesem Augenblicke.

Ganz gegen ihre Gewohnheit, denn sie gehört zu den harmlosesten

Geschöpfen, die ich kenne, bemerkte sie nach einer kleinen Pause,

während der wir uns unsren Betrachtungen überlassen hatten:

»Früher waren es Cousins, jetzt sind es Neffen. Ich weiß nicht, ob das

ein Fortschritt oder ein Rückschritt ist.«

»*Mais*«, setzte sie seufzend hinzu, und ihre Stirn würde sich in

nachdenkliche Falten gelegt haben, wenn die *Crême de Lys à la Ninon*

eine solche Hautgymnastik erlaubt hätte -- »*mais je comprends ça!*«

Dein Edmund.

*V.*

Graf Edmund N. an Professor Erhard.

Les Ormeaux, den 25. Juni 1875.

Lieber verehrter Freund!

Bereite Dich auf eine Überraschung vor. Unsre Pläne sind umgestoßen. Ich

schrieb Dir gestern in verdrießlicher Laune. Dank der Nachlässigkeit

meines Dieners blieb der Brief liegen. Heute zerreiße ich ihn, schreibe

einen neuen und hoffe, wenn diese Zeilen in Deine Hände kommen, bin ich

ganz versöhnt mit meinem Lose und habe eingesehen, »daß alles Segen

war.«

Was sich begeben hat, ist folgendes:

Neulich am Abend waren wir alle auf dem Balkon. Eine Dame aus der

Nachbarschaft, die sich für eine Naturfreundin hält, hatte uns dahin

beordert, um den Aufgang des Mondes zu bewundern. Sie quittierte die Oh

und Ah, die ausgestoßen wurden, und machte die Honneurs des schönen

Schauspiels, als ob sie es erfunden hätte. Es verdroß sie, daß Madeleine

sich schweigend verhielt. -- »Die jetzige Jugend lobt nichts,« meinte

sie, »nicht einmal den lieben Gott in seinen Werken. Ein Anblick wie

dieser läßt Euch kühl. Nicht wahr, liebe Kleine?«

Die »Kleine«, von der die dicke Naturschwärmerin um einen halben Kopf

überragt wird, sah zu ihr nieder und erwiderte rasch und lebhaft: »Sie

tun mir unrecht, niemand schätzt den Mond mehr als ich, diesen

liebenswürdigen Alten, dessen Glanz schon längst erloschen ist, der sich

aber in Ermangelung eigenen Lichtes zum Spiegel fremden Lichtes macht

und uns so hold die Nacht erhellt. Ich will mir sogar ein Beispiel an

ihm nehmen und bei fremdem Glücke borgen, was man so braucht, um den

Schein der Heiterkeit zu haben und zu verbreiten.«

»Welche Resignation!« rief ich aus.

»Eine sehr bedingte, wohl gemerkt,« erwiderte sie. »Mit dem Scheine

begnügt ein braves Herz sich erst, wenn das Wesen ihm unerreichbar

bleibt ... Ja, wenn die Wahl frei stände ...« sie hielt inne. Es war

wieder das Aufblitzen in ihrem Gesichte, das Leuchten der Augen, das

übermütig schalkhafte Lächeln. --

Plötzlich warf sie einen Blick voll Entschlossenheit auf eine junge Frau

hinüber, die ich längst im Verdachte hatte, die Vertraute aller ihrer

Mädchengeheimnisse zu sein, und fuhr fort: »Zum Beispiel Sie, meine

Damen, wenn Sie sich statt dieses Anblicks,« den Arm ausstreckend,

deutete sie nach dem Horizont, »den eines _Sonnen_aufganges gönnen

wollten, was so leicht geschehen kann, und -- ich wette, noch nicht

geschehen ist.«

Einige widersprachen, ein kurzer Streit entspann sich. Am Ende beschloß

die ganze Gesellschaft einstimmig, morgen mit dem frühesten auszureiten

und von einem Hügel aus, der zu Pferde in zwanzig Minuten zu erreichen

war, das Erscheinen des Tagesgestirns zu erwarten.

»Seien Sie pünktlich,« empfahl mir Madeleine, ehe wir uns trennten, und

ich versprach's und hielt Wort. Ich war der erste beim Stelldichein im

weitläufigen, kiesbestreuten Hofe, in dessen Mitte eine Fontäne

plätscherte. Ihr einförmiges Geräusch wurde allmählich eine Art Stimme

und gurgelte: »Mach Dich gefaßt! Mach Dich gefaßt!« Es kam sogar zu

einem Vers:

Als Junggeselle reit ich aus,

Als Bräutigam kehr ich nach Haus.

Nicht sehr schön, aber was kann man von einer Fontäne verlangen?

Die Pferde wurden vorgeführt, streckten die Hälse, senkten die Köpfe;

alle schienen unzufrieden, gegen jede Gewohnheit so früh aus dem Stall

zu müssen.

Und nun erschien Madeleine unter dem Portal. Im dunkeln, enganliegenden

Reitkleid nahm ihr ganzes Wesen sich so gar jung und unfertig aus ... Da

hieß es: nicht vergleichen! nicht denken an Elsbeths wundervolle

Frauengestalt.

Madeleine, die Reitpeitsche unter dem Arme, knöpfte mit der bloßen

Rechten den Handschuh der Linken zu. Sie hatte mich gesehen, aber ohne

zu grüßen hastig den Kopf gesenkt, runzelte ein wenig die breiten Brauen

(die hat sie vom Vater), preßte die Lippen aufeinander ...

Ich sage Dir alles, demnach auch die Vermutungen, die mir da in den Sinn

kamen: Ah, Mademoiselle, ich zögere Ihnen wohl zu lange? Sie haben

wahrscheinlich geflunkert mit ihrer Eroberung, und nun fragen die

Freundinnen: Was ist das? will der Besiegte sich noch immer nicht

ergeben?... Die Entscheidung muß endlich herbeigeführt werden. So oder

so! In der Kühlwanne läßt sich unsereines nicht halten ... Wohlan, ich

will Ihnen den Sieg nicht schwer machen, sagte ich zu mir, trat an sie

heran, und wir wünschten einander einen guten Morgen und waren gleich

einig, daß wir auf die übrige Gesellschaft nicht warten wollten.

»Welches Pferd befehlen Mademoiselle?« fragte der Stallmeister.

»Gleichviel, das erste beste,« gab sie zur Antwort mit kaum

unterdrückter Ungeduld und saß im nächsten Augenblick schon im Sattel

auf einem tüchtigen Braunen, und auch ich wählte nicht lange -- was mich

später reute --, sondern bestieg, weil er am nächsten bei der Hand war,

einen hochbeinigen, langohrigen Gaul, auf dem nicht einmal der Apollo

von Belvedere sich gut hätte ausnehmen können.

Wir ritten im Schritt aus dem Hofe, dann im kurzen Trabe durch den Park

und sprengten draußen in einen munteren Jagdgalopp ein. Madeleine, des

Weges kundig, führte. Es ging immer schneller vorwärts, eine gute Weile

über das Weideland, zwischen flachen grünen Hügeln dem Licht entgegen,

das im Osten emporlohte.

»Wohin denn?« fragte ich endlich. »Wo ist das Ziel?«

Sie erwiderte: »Längst überholt,« hielt ihr Pferd an, lauschte und

spähte in die Ferne, und ich rief:

»Bravo! Wissen Sie, wo wir sind? Da steht der Grenzpfahl -- auf

deutschem Boden -- in der Höhle des Löwen.«

»Jawohl, und da schickt er einen Abgesandten.«

Von der flammenden Morgenröte am Himmel hob sich der Schattenriß eines

Reiters, der, wie aus dem Boden gewachsen, vor uns auftauchte. Es war

ein deutscher Offizier, ein schöner Mensch, sehr sonnverbrannt, sehr

hübsch gewachsen, vortrefflich beritten. Er legte die Hand an die Mütze,

und ich dumme gute Haut dankte ihm noch und bemerkte nicht gleich, daß

der Held nur Augen hatte für Madeleine, die er voll Ehrfurcht und

frommer Anbetung begrüßte.

O Lieber! und sie senkte den Blick vor dem seinen; und ich habe mich

geirrt -- sie kann das doch auch.

»Madeleine,« sagte er, und seine Stimme war tief und wohlklingend und

hätte mir in jedem andern Augenblick einen angenehmen Eindruck gemacht.

»Arnold,« sagte sie. Das D tönte so zärtlich nach, so liebevoll:

Arnolde. Sie reichten einander die Hände.

»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind.«

Ihre ablehnende Gebärde drückte deutlich aus: Dafür keinen Dank! --

»Morgen also?« fragte sie nach einer langen Pause ernster, schweigender

Seligkeit.

»Morgen. Vergessen Sie mich nicht, Sie wissen, wovon ich lebe.«

»Und ich? -- Als neulich Ihr Brief nicht kam am bestimmten Tage und auch

am nächsten nicht -- ich wäre fast gestorben.«

»Wie voreilig!« sprach er und wurde rot vor Bestürzung und Wonne und

drückte ihre Hand fester, »liebe Madeleine ...«

»Mein edler, mein treuer Freund.«

»Treu, ja, aber das ist mein Schicksal, nicht mein Verdienst.«

»Ich lobe Sie auch nicht, ich sage nur, Sie sind es.«

»Wie Sie.«

»Das heißt: bis ans Ende.«

»Bis ans Ende.«

»Gott behüte Sie, Arnold.«

»Sie wollen mich schon verlassen?«

»Ich will nicht -- ich muß.«

»Madeleine!«

»Noch einmal, noch tausendmal: Gott behüte Sie! Ich bete zu ihm für Ihr

Glück.«

»-- Dann beten Sie für sich.«

Das war, glaube ich, ihr ganzes Gespräch. Möglich, daß ich einiges

überhörte. Mein Untier von einem Rotschimmel hatte einen Anfall von

Heimweh bekommen und kehrte ganz entschlossen um; ich wandte ihn und er

wieder sich; wir waren einer hartköpfiger als der andre und führten,

indem wir uns kaffeemühlenartig auf dem Fleck herumdrehten, ein

sonderbares *accompagnement* auf zu der Liebesszene, die sich zehn

Schritte von uns abspielte.

Nachdem der Offizier (der mich gewiß für irgendeine untergeordnete

Vertrauensperson gehalten hat) sich empfohlen, ritten wir in

entgegengesetzter Richtung dem Aussichtshügel zu und erblickten, an

dessen Fuß angelangt, die vom Schlosse her trabende Kavalkade.

»Fräulein,« sagte ich mit verachtungswürdiger Plumpheit zu Madeleine,

»wissen Ihre Eltern?...«

»Das versteht sich,« fiel sie mir ins Wort und hatte ein gar rührendes

Lächeln, »sie wissen es, aber sie glauben es nicht.«

»Was nicht?«

»Daß meine Neigung alles überdauert, ihren Widerstand, die immerwährende

Trennung. Sie meinen, endlich wird diese Liebe doch erlöschen. Nur Zeit

lassen, nur Geduld haben. Ein andrer wird kommen und das Bild des

Abwesenden aus ihrem Herzen verdrängen. Da stellen sie von Zeit zu Zeit

Proben an ...«

»Und Bewerber auf,« rief ich ungemein beleidigt.

Sie aber erzählte in wenig Worten, das Schloß ihrer Eltern sei im

Kriegsjahre zu einem Spitale gemacht worden. Mit andren Verwundeten

wurde 'Er' gebracht, sterbend, der Arzt gab ihn auf. -- »Meine Mutter

aber,« sagte Madeleine, »pflegte ihn gesund. Ich bin ihr kaum mehr Dank

schuldig für mein Leben, als er ihr für das seine. Das verpflichtet, Sie

begreifen. Wir werden meine Eltern nie betrügen ... Er hat mir einmal

die Hand geküßt, in Gegenwart meines Vaters ... Er ist einmal aus seiner

Heimat nach Falaise gekommen, zwei Nächte und einen Tag gereist, um mich

zu sehen, an der Seite meiner Mutter, um auf der Straße an mir

vorüberzugehen und stumm zu grüßen. -- Ich war krank gewesen, er hatte

durch meine Freundin davon gehört ...«

»Sublim!« spöttelte ich. »Es muß ihre Eltern rühren, sie werden endlich

nachgeben.«

»Sie werden nie nachgeben und wir auch nicht.«

»In einem solchen Kampfe siegen die Überlebenden. Nach dem gewöhnlichen

Lauf der Dinge also -- die Jüngeren.«

Wir waren nicht mehr allein, die Reiter hatten uns eingeholt.

Ein Buch, das gern ein Volksbuch werden möchte · 第 13 / 23 题