Tatsächlich! Wir saßen die nächste Nacht um elf Uhr in einer
schrecklichen Droschke.
Eine Stunde lang rumpelte das plumpe Gefährt mit uns dahin. Wir
verließen die zahlreichen Lichter, gelangten unter die seltenen Lichter
der Vorstädte, hatten auch die bald hinter uns, fuhren an Weinbergen
entlang, gerieten wieder in eine Vorstadt, knarrten durch eine
Pappelallee und landeten endlich mitten in einem großen Häuserkomplex,
der bergab an dem Hang (das alte Dominikanerstift krönt die Höhe), zum
großen Strom sich niedersenkt.
Wir traten durch die niedrige Türe in den Steinflur eines uralten
Wirtshauses. Ein Mensch mit einer scharf abgeblendeten Diebeslaterne,
von dem wir nicht mehr als einen Schatten sehen konnten, trat uns
entgegen, erkannte Seebär und führte uns in einen Hof. Er löschte das
Licht, milchig gleißte der Mond, des Führers Schatten wurde Mensch,
und ich sah einen kleinen, dicken Chinesen mit Mandarinmütze und in
Filzschuhen, der mir breit zunickte:
„+Welcome, we all expect you!+“
Jetzt traten wir in ein geräumiges Gewölbe. An den Wänden liefen Bänke.
Zwei große ungehobelte Tische erfüllten die Mitte des Raumes. Eine
spärliche Petroleumlampe hing irgendwo. Welch’ ein Bild war das!
Mit langen Schritten (träume ich?) langsam und tiefsinnig gingen
Gestalten auf und ab. Es waren alte und junge Männer in russischen
Kitteln, bärtig und bartlos, mit von Entbehrung eingeschwundenen
Gesichtern, von Augen überleuchtet, die denen der Engel glichen.
Manche trugen wandelnd Bücher in der Hand, worin sie studierten, eine
Gruppe stand vor einer Wandtafel, die über und über mit chemischen
Formeln beschrieben war.
Bei unserem Erscheinen traten die Leute zusammen, verständigten sich
mit russischen Worten, und einer von ihnen, ein Alter, ging langsam
auf mich zu.
Er war ein herrlicher jüdischer Priesterkopf, weißhaarig, weißbärtig,
mit großen, vorgewälzt hellen Augen, einer der erhabenen lichten
Häupter, wie sie von Anbeginn die Geschichte der Menschen begleitet
haben.
Er sah mich sehr lange an, -- dann, als spräche er eine priesterliche
Formel:
„Gib deine Waffe weg! Mitgeborener, Mitsterblicher!“
Ich warf den Säbel in eine Ecke.
Der Alte ergriff meine Hand.
„Willst du Bruder sein?“
„Ich will es!“ hörte ich mich ausrufen, während die anderen zu uns
traten. Diese reinen, fanatischen Gesichter ergriffen mein Herz mit
ehrfürchtiger Freude.
„Ich will es!“
„Wir wissen,“ fuhr der weißbärtige Jude fort, „daß du kein Spitzel und
Kundschafter bist, wir kennen deine Herkunft und den Haß gegen diese
Herkunft, wir kennen die Beschäftigung deiner Tage, wir kennen deine
Spaziergänge, deine Lektüre, den Grund deiner Versetzung in diese
Stadt, wir sind über jede Regung deiner Seele unterrichtet.
Wisse! Der Ratschluß, der dich zum Mitarbeiter an unserem Werk
ausersehen hat, ist von keiner geringen Gewalt. Du sollst der Apostel
unseres Kampfes unter den Soldaten sein!“
„Welches ist euer Kampf?“
„Unser Krieg gilt der patriarchalischen Weltordnung,“ sagte der Alte.
„Was ist das, patriarchalische Weltordnung?“
„Die Herrschaft des ~Vaters~ in jedem Sinn.“
Ein Blitz durchzuckte mich! Meine wahren Kameraden, ich hatte sie
gefunden. Sie, die mein Leiden besser, geistiger verstanden, als ich
selbst. Gelb und hohläugig zog mein Knabengesicht an mir vorbei, das
mir anders, als anderen Männern, immer vorstellbar war. Ich sah die
kleine Kadettenuniform, wie sie des Nachts über dem Stuhl hing. Gelb
und hohläugig zog noch ein anderes Knabengesicht an mir vorbei. Wo
hatte ich es nur gesehen? Wo nur....?
Ich fragte:
„Was versteht ihr unter -- Herrschaft des Vaters?“
„Alles!“ führte der Alte aus. „Die Religion: denn Gott ist der Vater
der Menschen. Der Staat: denn König oder Präsident ist der Vater
der Bürger. Das Gericht: denn Richter und Aufseher sind die Väter
von Jenen, welche die menschliche Gesellschaft Verbrecher zu nennen
beliebt. Die Armee: denn der Offizier ist der Vater der Soldaten. Die
Industrie: denn der Unternehmer ist der Vater der Arbeiter!
Alle diese Väter sind aber nicht Spender und Träger von Liebe und
Weisheit, sondern schwach und süchtig, wie der gemeine Mensch eben
geboren ist, vergiftete Ausgeburten der ~Autorität~, die in dem
Augenblick von der Welt Besitz ergriff, als die erste gerechterweise
auf die gebärende Mutter gestellte paradiesisch-unseßhafte Gesellschaft
durch die Familie und Sippe verdrängt worden war.“
„Wodurch aber wollt ihr die Herrschaft von Vater und Familie ablösen?“
„Durch das Regiment der Selbsterkenntnis und Liebe,“ rief der Greis.
„Du mußt mich recht verstehen! Die Machtsucht, der Trieb, über
andere zu herrschen, sich in ihrer Demütigung zu spiegeln und vor
ihnen groß zu sein, ist ebensowenig dem gesamten Menschengeschlecht
eingeboren wie dem Einzelnen. Das Kind in seinen ersten Jahren lebt
im ruhigen Austausch mit der Umwelt. Erst wenn es die Unterdrückung
durch den Hochmut der Erwachsenen, die Erniedrigung durch den
egoistischen Eigenwillen der Eltern erfährt, erleidet seine Seele den
unverbesserlichen Schaden, der jenes krankhafte Fieber erzeugt, das
Machtwille, Ehrgeiz, Siegsucht und Menschenhaß heißt.
Und wie im Individuum, so in der ganzen Menschheit. Der selige
Urzustand, die +aurea aetas+ der Alten, das Paradies der Religionen,
war die ursprüngliche gesund-nomadische Form des menschlichen
Beieinanderlebens gewesen.
Da erhob sich der ~erste Vater~ über seine schwachen Söhne und
spannte sie vor die neue Pflugschar, die ein hoher, wenn auch
doppelsinnig-versucherischer Genius konstruiert hatte. Und siehe!
Nicht mehr waren die Knospen und Sprößlinge des Menschengeschlechtes
~Kinder~, nicht mehr Kinder der freien Mutter, die verehrt und heilig
gehalten, den Samen wählte, der sie befruchten sollte. Die Kinder der
Mutter waren zu Söhnen des Vaters geworden, des Vaters, der nicht in
neun Monaten der mystischen Prüfung ein neues Leben mehr lieben lernte,
als sich selbst, sondern in einem kurzen Kitzel den bald vergessenen
Lebenssaft verspritzt hatte.
Die +patria potestas+, die Autorität, ist eine Unnatur, das
verderbliche Prinzip an sich. Sie ist der Ursprung aller Morde, Kriege,
Untaten, Verbrechen, Haßlaster und Verdammnisse, gleichwie das Sohntum
der Ursprung aller hemmenden Sklaveninstinkte ist, das scheußliche Aas,
das in den Grundstein aller historischen Staatenbildung eingemauert
wurde.