4. Wolken

Mit all diesen Seitensprüngen war es spät am Tage und höchste Zeit

geworden, nach der Hauptsache zu sehen, von der alles andre abhing.

Ein hastiges Gabelfrühstück, Mittag- und Abendessen, in einheitlicher

Zusammensetzung, die eine Wirtschaft in der Kanalstraße bot, setzte

die menschliche Maschine wieder in arbeitsfähigen Zustand. Aber es war

fast Dämmerung, ehe ich auf die Levees einbog, um nach dem »Wilden

Westen« zu fahnden. Der gewaltige, halbkreisförmige Landungsplatz, den

der Mississippi gegen die Stadt hin ausgegraben und vertieft hat, lag

schon in seiner Feierabendstille vor mir. Für eingeborene Landratten

bleibt ein Seehafen, in welcher Form er sich auch darstellt, zeitlebens

ein Anblick, der das Blut in lebhaftere Wallung bringt. Der Bogen der

»Levees« von New Orleans, der zu einem großartigen Staden ausgebauten

Schutzdämme der Stadt, macht hiervon keine Ausnahme. Man sieht, wie

der gewaltige Strom schon hier, achtzig Meilen von der See, einen

großen Kontinent mit den Meeren aller Weltteile verbindet. Gegen Norden

reiht sich, enggedrängt, nur mit den Vorderteilen das Ufer berührend,

Boot an Boot: die phantastisch verzierten, schwimmenden Paläste

des Mississippi, des Missouri, des Ohio mit ihren Riesenrädern und

ihren barock gekrönten Doppelschornsteinen; dazwischen auch kleinere

Dampfer, unter ihrer Last von Baumwollballen und Zuckerfässern fast

versinkend. Nach Süden liegen die Seeschiffe, schwarze, wuchtige

Massen, die volle Breitseite gegen das Ufer gekehrt, haushoch aus dem

Wasser ragend, die roten Schraubenflügel, unheimlichen Seeungeheuern

gleichend, halb in der Luft, ihre stumpfen, trutzigen Kamine kaum über

der Brüstung sichtbar. Noch weiter unten liegen die Segelschiffe:

Schoner, Brigantinen und Dreimaster jeder Art und Größe, die mit ihren

Rahen und Tauen eine zierliche, wenn auch unentwirrbare Filigranarbeit

in den goldenen Abendhimmel zeichnen. Das sind die Gäste aus der

Havanna und New York, aus Rio und Quebek, aus Genua und Stockholm, aus

Liverpool und Southampton und vor allem aus der eignen Heimat, aus

Bremen und Hamburg. Auf den Levees selbst, der riesigen Holzplattform,

die sich in stattlicher Breite und mehrere Meilen lang zwischen Fluß

und Stadt hinzieht, liegen Hunderte von Zuckerfässern, Tausende von

Baumwollballen, Pyramide an Pyramide von Fäßchen mit gesalzenem

Schweinefleisch aus Kentucky und Illinois, Berge von Mais aus Illinois

und Missouri, alles hübsch geordnet und aufgestellt wie die Bataillone

einer Armee, die vor dem Abmarsch ins Feld ihre letzte Parade erwartet.

Dieses Bild beleben trotz der Abendstunde Gruppen von Negern, auf den

Ballen umherlungernd, unermüdlich schwatzend und lachend, und da und

dort ein paar Matrosen, die der Stadt zueilen, sichtlich entschlossen,

mit leeren Taschen und schwerem Kopfe zurückzukehren. Doch der Lärm der

Tagesarbeit war verstummt. Eine schwüle Stille lag über dem Ganzen, und

der Mond, eine blutrote Riesenscheibe, stieg hinter der Stadt zwischen

den Türmen der Kathedrale des heiligen Ludwig auf dem Jacksonsquare

langsam in die Höhe.

Wo die Tschapatulastraße in den Landungsplatz einmündet, ragte

ein gewaltiger, pechschwarzer Dampfer über die kleineren Schiffe

heraus, die ihn umgaben, und sendete noch zarte Rauchwölkchen in

den Abendhimmel empor. Er hatte die schmucklosen, trotzigen Formen

englischer Frachtschiffe, die man überall auf den ersten Blick erkennt:

keinen Bogen, keine Krümmung, die nicht unbedingt erforderlich war,

keinen Farbenfleck, der seine dunkle Geschäftsjacke verunziert hätte.

Das war mein »Wilder Westen«; es war unmöglich, sich zu irren.

[Illustration]

Und in der Tat, am Fuß der haushohen Schiffswand, die fensterlos und

senkrecht von der Landungsplattform aufstieg, standen schon in wildem

Gewirr etliche dreißig wuchtige Kisten, ein Lokomotivkessel, ein

halbes Dutzend schmiedeeiserner, walzenförmiger Riesenräder, wie

sie auf dem leichten Bretterboden der Levees noch nie gesehen worden

waren. Der »Wilde Westen«, das war klar, ließ sich nicht viel Zeit.

Die Kisten und Räder gehörten mir; mein Dampfpflug war schon halb

ausgeladen. Da er als Deckladung herüberkam, war er das erste, was das

Schiff ans Land setzen mußte. In reiner Freude kletterte ich über die

Kisten und feierte ein kleines Wiedersehen; ich war zu Hause in diesem

zyklopischen Wirrwarr.

»Hallo! Wer ist da drunten?« schallte plötzlich hoch über mir eine

scharfe Stimme, und ein Kopf erschien über der Schiffsbrüstung. »Wozu

krabbeln Sie auf den Kisten herum?«

»Eigentümer der Kisten!« schrie ich hinauf.

»Gut, daß Sie kommen!« rief es zurück. »Wir brauchen Platz. Morgen früh

müssen sie abgefahren sein.«

»Na, so geschwind schießen die Preußen nicht!« rief ich hinauf, mich in

meinem Kistenheimatsgefühl ein wenig vergessend.

»Was?« brüllte es herunter.

»So schnell werden die Nigger von Louisiana nicht kutschieren«,

übersetzte ich dem Mann, der jetzt am Nachthimmel etwas deutlicher zu

sehen war. »Haben Sie einen Engländer mitgebracht, einen Monteur?«

»Nicht daß ich wüßte«, war die Antwort.

»Was!« schrie ich entsetzt, »keinen Monteur von Fowler aus Leeds? Einen

Passagier, James Parker. Sie +müssen+ einen Passagier mitgebracht

haben.«

»Wir führen keine Passagiere. Nur manchmal -- aus Gefälligkeit --

ausnahmsweise!« erklärte der Mann von oben.

»Dann ausnahmsweise! Sie müssen James Parker an Bord haben! Den Mann,

der zu den Maschinen gehört!« Ich bestand darauf und fühlte, daß ich

zornig wurde.

»Mein guter Herr,« rief es begütigend zurück, »ich bin der Zahlmeister

des ›Wilden Westens‹ und sollte es wissen. Wir haben ausnahmsweise

einen Methodistenpfarrer mitgenommen und seine zwei Töchter. Wenn Ihnen

mit diesen gedient ist -- aber sie sind aus Bradford.«

»Also keinen Monteur, der zu den Kisten gehört?« rief ich nochmals

hinauf und fühlte, daß mich die Kraft meiner Lungen verließ.

»Keinen Monteur!« tönte es wie aus weiter Ferne zurück. Der Kopf des

Zahlmeisters war verschwunden.

Ich setzte mich und dachte nach. Also kein Monteur, kein Brief, keine

Erklärung nach der feierlichen Zusage, daß Parker mit den Kisten

ankommen solle! Was konnten sie in Leeds gedacht haben? Wußten sie doch

so gut als ich, daß kein einzelner Mann mit seinen zwei Händen einen

Doppelmaschinendampfpflug in Bewegung setzen kann, der sich vom ersten

Tag an wenigstens leidlich präsentieren sollte. Es handelte sich hier,

wenn der Himmel nicht eingriff, um eine physische Unmöglichkeit.

Die Kisten um mich her, die jetzt der Mond grell beleuchtete, wuchsen

mit ihren schwarzen, viereckigen Schatten ins Ungeheure; um das offene,

rot angestrichene Feuerloch des ausgeladenen Kessels spielte ein

dämonisches Lächeln. Ich kochte vor Zorn. Was konnten sie in Leeds

gedacht haben? Mich so hinzusetzen! Aber ich kam nicht über die Frage

hinaus. Über mir begannen die Sterne zu funkeln, still und friedlich,

als ob hier unten alles in Ordnung wäre. Der reinste Hohn!

»Was machen Sie da droben?« näselte jetzt eine grätige Yankeestimme

von unten, die zu einem herumlungernden Schutzmann gehörte, der

wahrscheinlich an der Nachtwache der Levees beteiligt war.

»Luft schöpfen! Eigentümer!« brummte ich, ohne Anstrengung, so mürrisch

als möglich.

»Gut, daß Sie kommen!« sagte auch dieser Mann. »Die Kisten müssen

morgen früh von der Levee abgefahren werden, Mister! Und so schnell als

möglich. Die Levees sind für Baumwolle gebaut, nicht für vierschrötige

Eisenklumpen wie diese Engländer.« -- Er klopfte entrüstet auf meine

Kisten. -- »Die Fundamentpfähle sind heute abend schon um drei Zoll

gesunken, sagt der Levee-Inspektor. Sie werden eine gesalzene Rechnung

bekommen, Mister Eigentümer! Wenn die Bohlen brechen, ist der Teufel

los.«

Ich hütete mich, zu antworten, und schlüpfte lautlos von meiner

mondbeglänzten Höhe auf der andern Seite des Kistengebirgs in die Tiefe.

Fünf Minuten später sah man entlang der finsteren Schattenseite der

Tschapatulastraße einen Mann, den Hut über die Augen gedrückt, mit

gesenktem Kopfe langsam seiner Wohnung zusteuern. Manchmal murmelte er

halblaut vor sich hin. Dann versank er wieder in stummes Nachdenken.

Der Mann war ich.

Und ich fühlte nur eins: noch ehe ich heute einschlief, mußte ich

wissen, was am nächsten Morgen zu geschehen hatte.

[Illustration]

Geld und Erfahrung · 第 15 / 27 题