12.
Bei diesem Riesenbrande, einem der größten Brände New Yorks, verloren
wunderbarerweise nur sechs Menschen das Leben: Joshua Gilmor,
Kassendiener, mit Kassierer Reichhardt und Kassenvorstand Webster
in der Stahlkammer vom Feuer überrascht. Die Schutzgitter werden
durchsägt, gesprengt, Reichhardt und Webster gerettet. Als man Gilmor
herausziehen will, verschüttet eine Lawine von Schutt und Eis das
Gitter. Gilmor fror am Gitter fest.
Die Architekten Capelli und O'Brien. Springen vom 15. Stock ab und
zerspritzen auf der Straße. Feuerwehrmann Riwet, vor dessen Füßen sie
zerschellen, erleidet einen Nervenchok und stirbt drei Tage später am
Schrecken.
Commander Day. Von einem einstürzenden Fußboden des dritten Stockwerkes
mit in die Tiefe gerissen und vom Schutt erschlagen.
Der Groom Sin, Chinese. Bei den Aufräumungsarbeiten in einem Eisklumpen
eingeschlossen aufgefunden. Zum nicht geringen Entsetzen aller kommt,
als man den Klumpen zerschlägt, der fünfzehnjährige Chinese in seinem
hübschen blauen Frack zum Vorschein, die Mütze mit den Lettern ~A. T.
S.~ auf dem Kopf.
Heldenhaft war die Handlungsweise des Maschinisten Jim Buttler. Buttler
drang in das brennende Gebäude ein und löschte die acht Kesselfeuer
in voller Gemütsruhe, während über ihm das Feuer tobte. Er verhütete
eine Kesselexplosion, die verhängnisvoll hätte werden können. Jim tat
seine Pflicht und verlangte kein Lob. Aber er war nicht so töricht, das
Angebot eines Managers zurückzuweisen, der ihn bei einer Monatsgage
von 2000 Dollar durch ganz Amerika schleppte und ihn in ~concerthalls~
auftreten ließ.
Drei Monate lang sang Buttler jeden Abend sein kleines Lied:
»Ich bin Jim, der Maschinist vom ~A. T. S.~
»Die Flammen brausen über mir,
»Ich aber sage: Jim, lösch deine Feuer ...«
New York war erfüllt von Feuerlärm und Brandgeruch.
Während sich noch der Qualm des Brandes über Downtown wälzte und
verkohlte Papierstücke aus dem grauen Himmel herabregneten, brachten
die Zeitungen das brennende Building, Kellys kämpfende Bataillone, die
Bildnisse der beim Brand Verunglückten, den Abstieg Allans und seiner
Begleiter.
Das Syndikat wurde totgesagt. Der Brand war eine Einäscherung erster
Klasse. Der Schade war trotz der Versicherungen enorm. Verhängnisvoller
aber war die Unordnung, die der rasende Pöbel und das Feuer angerichtet
hatten. Millionen von Briefen, Quittungen und Plänen waren zerstört.
Nach dem amerikanischen Gesetz müssen Generalversammlungen am ersten
Dienstag des Jahres abgehalten werden. Der Dienstag fiel vier Tage nach
dem Brand, und das Syndikat erklärte an diesem Tage den Konkurs.
Das war das Ende.
Noch am Abend der Konkurserklärung sammelte sich vor dem
Central-Park-Hotel, in dem Allan Wohnung genommen hatte, eine Rotte
von Gesindel an und pfiff und johlte. Der Manager fürchtete für seine
Fensterscheiben und legte Allan Briefe vor, in denen man drohte, das
Hotel auffliegen zu lassen, wenn es Allan noch länger beherberge.
Mit einem bitteren, verächtlichen Lächeln gab Allan die Briefe zurück.
»Ich verstehe!« Er siedelte unter fremdem Namen ins Palace über. Am
nächsten Tage aber mußte er auch das Palace wieder verlassen. Drei Tage
später nahm ihn kein Hotel in New York mehr auf! Dieselben Hotels, die
früher jeden regierenden Fürsten an die Luft gesetzt haben würden, wenn
Allan die Zimmer gewünscht hätte, verschlossen ihm die Tür.
Allan war gezwungen New York zu verlassen. Nach Mac City konnte er
nicht übersiedeln, da man gedroht hatte, die Tunnel-Stadt in Brand zu
stecken, sobald er sich dort sehen lasse. So fuhr er mit dem Nachtzug
nach Buffalo. Die Mac Allanschen Steel Works wurden polizeilich
bewacht. Allans Anwesenheit konnte indessen nicht lange geheim bleiben.
Man drohte die Steel Works in die Luft zu sprengen. Um Geld zu schaffen
hatte Allan die Werke bis auf den letzten Nagel an Mrs. Brown, jene
reiche Wucherin, verpfändet. Sie waren nicht mehr sein Eigentum und er
durfte sie nicht in Gefahr bringen.
Er ging nach Chicago. Aber auch in Chicago gab es Hunderttausende,
die am Tunnel Geld verloren hatten. Man vertrieb ihn auch hier. Die
Fensterscheiben des Hotels wurden in der Nacht eingeschossen.
Allan war in Acht und Bann. Noch vor kurzer Zeit war er einer der
mächtigsten Männer der Welt, von allen Souveränen mit Auszeichnungen
überschüttet, Ehrendoktor einer großen Anzahl von Hochschulen,
Ehrenmitglied aller bedeutenden Akademien und wissenschaftlichen
Gesellschaften. Jahrelang hatte man ihm zugejubelt und zuweilen nahm
die Begeisterung Formen an, die an den Personenkultus früherer Zeiten
erinnerte. Kam Allan zufällig einmal in einen Hotelsaal, so schrie
sofort irgendeine begeisterte Stimme: »Mac Allan ist im Saal! ~Three
cheers for Mac~!« Eine Meute von Journalisten und Photographen war ihm
Tag und Nacht auf den Fersen gewesen. Er konnte kein Wort sprechen,
keine Bewegung machen, ohne daß es die Öffentlichkeit hörte und sah.
Nach der Katastrophe hatte man ihn gedeckt. Es handelte sich ja nur um
dreitausend Menschenleben! Nun aber handelte es sich um _Geld_, die
Öffentlichkeit war ins Herz getroffen und zeigte ihm ihr geschliffenes
Gebiß.
Allan hatte dem Volk Millionen und Milliarden gestohlen! Allan
hatte für sein irrsinniges Projekt die Sparpfennige des kleinen
Mannes geplündert! Allan war nicht mehr und nicht weniger als ein
Highway-robber, ein Wegelagerer! Er und der saubere S. Woolf! Er
hatte ja die ganze Tunnelfarce lediglich zu dem Zweck inszeniert,
seinem Allanit einen Riesenabsatz zu schaffen -- jährlich eine Million
Dollar Reingewinn! Sieh dir heute die Allanschen Steel Works in
Buffalo an, ~my dear~: eine Stadt! Und gewiß hatte Allan sein Geld in
Sicherheit gebracht, bevor es zu krachen begann! Jeder Liftboy und
Trambahnkutscher schrie so laut, wie man es nur immer wollte, daß Mac
der größte Gauner aller Zeiten war!
Im Anfang gab es noch einzelne Zeitungen, die Allans Partei ergriffen.
Aber es regnete Drohungen und nicht mißzuverstehende Winke in die
Redaktionen -- und was mehr war: niemand kaufte diese Zeitungen mehr!
Ja, Tod und Teufel, man wollte doch nicht lesen, was man persönlich
nicht dachte und noch dafür bezahlen! Und die Zeitungen, die sich
verritten hatten, schwenkten ab und suchten aufzuholen. Es fehlte
S. Woolf, der ruhmlos Hinabgestiegene, dem die Gabe verliehen war,
Trinkgelder von richtiger Höhe in die richtige Hand zu drücken.
Allan tauchte in verschiedenen Städten auf, aber immer mußte er wieder
verschwinden. Er war der Gast Vanderstyffts in Ohio, aber siehe da,
einige Tage später gingen drei Speicher von Vanderstyffts Musterfarm in
Flammen auf. Die Prediger in den Betsälen nützten die Konjunktur aus
und nannten Allan den Antichrist und machten gute Geschäfte dabei.
Niemand wagte es mehr, Allan aufzunehmen. Auf Vanderstyffts Farm
erreichte ihn ein Telegramm Ethel Lloyds.
»~My dear Mr. Allan,~« depeschierte Ethel, »Papa bittet Sie, auf unserm
Gut Turtle-River, Manitoba, Wohnung zu nehmen, so lange Sie wollen.
Pa würde sich sehr freuen, wenn Sie sein Gast wären. Sie können dort
Forellen fischen und finden gute Pferde vor. Besonders Teddy empfehle
ich Ihnen. Wir kommen im Sommer zu Ihnen. New York fängt schon an
ruhiger zu werden. ~Well, I hope you have a good time. Yours truly
Ethel Lloyd.~«
In Kanada fand Allan endlich Ruhe. Niemand kannte seinen Aufenthalt. Er
war verschollen. Einige Zeitungen, die von sensationellen Lügen lebten,
brachten die Aufsehen erregende Nachricht, daß er sich getötet habe.
»Der Tunnel verschlingt Mac Allan!«
Aber jene, die ihn kannten und wußten, daß er sechs Leben habe wie der
Hai, prophezeiten, daß er bald wieder auftauchen werde. Und in der Tat
kehrte er früher nach New York zurück, als jemand geahnt hatte.
Der Zusammenbruch des Syndikats hatte noch Hunderte mit in die Tiefe
gerissen. Viele Privatleute und Firmen, die der erste Stoß erschüttert
hatte, hätten sich zu behaupten vermocht, wenn man ihnen ein paar
Wochen Frist gegeben haben würde. Der zweite Stoß rannte sie nieder.
Im großen und ganzen aber waren die Folgen des Bankrotts weniger
verderbenbringend, als man befürchtet hatte. Der Bankrott kam nicht
unerwartet. Sodann: die allgemeine Lage war so schlecht, daß sie kaum
noch schlechter werden konnte. Es war die traurigste und elendeste Zeit
seit hundert Jahren. Die Welt war um zwanzig Jahre in ihrer Entwicklung
zurückgeworfen worden. Der Streik begann abzuflauen, aber Handel,
Verkehr, Industrie lagen noch immer in einer tiefen Ohnmacht. Bis
hinauf nach Alaska, bis hinein in die Berge des Baikal und die Wälder
am Kongo war die Betäubung gedrungen. Auf dem Missouri-Mississippi,
dem Amazonenstrom, der Wolga, dem Kongo lagen Flotten von Dampfern und
Leichtern ohne Leben.
Die Asyle für Obdachlose waren überfüllt, ganze Stadtviertel in den
großen Städten verarmt. Jammer, Hunger und Elend überall.
Es war Torheit zu behaupten, Allan habe diese Lage verschuldet.
Wirtschaftliche Krisen aller Art spielten herein. Aber man behauptete
es. Die Zeitungen hörten nicht auf, Allan anzuklagen. Sie schrien Tag
und Nacht, daß er dem Volk mit falschen Vorspiegelungen das Geld aus
der Tasche gelockt habe. Nach siebenjähriger Bauzeit sei noch nicht ein
Drittel des Tunnels vollendet! Niemals, niemals habe er daran geglaubt,
den Bau in fünfzehn Jahren bewältigen zu können, und das Volk schamlos
belogen!
Endlich, Mitte Februar, erschien in den Zeitungen ein Steckbrief hinter
Mac Allan, Erbauer des Atlantic-Tunnels. Allan wurde angeklagt, das
öffentliche Vertrauen bewußt getäuscht zu haben.
Drei Tage später hallte New York wider von dem Geheul der
Zeitungsverkäufer: »Mac Allan in New York! Stellt sich dem Gericht!«
Die Konkursverwaltung des Syndikats bot eine ungeheure Kaution, ebenso
Lloyd, aber Allan wies beide Angebote zurück. Er blieb in den »Tombs«,
im Untersuchungsgefängnis der Franklinstreet. Täglich empfing er auf
einige Stunden Strom, in dessen Hände er die Verwaltung des Tunnels
gelegt hatte und konferierte mit ihm.
Strom hatte mit keiner Miene, keinem Wort sein Bedauern darüber
ausgedrückt, daß Allan in diese mißliche Lage gekommen sei, nicht mit
einem Lächeln seine Freude, ihn wiederzusehen. Er referierte, nichts
sonst.
Allan war angestrengt tätig, so daß ihm die Zeit nicht lang wurde.
Er speicherte ein Depot an Gehirn auf, das sich später (später!) in
Muskelkraft umsetzen sollte. Während seiner Internierung in den »Tombs«
arbeitete er die Baumethode für die einstollige Fortführung des Tunnels
aus. Außer Strom empfing er nur seine Verteidiger, sonst niemand.
Ethel Lloyd ließ sich einmal bei ihm melden, aber er wies sie ab.
Der Prozeß Allans begann am 3. April. Schon Wochen vorher war jeder
einzelne Platz des Verhandlungssaales belegt. Man bezahlte Unsummen für
die Vermittlung eines Platzes. Es kamen die frechsten und schamlosesten
Durchstechereien vor. Besonders die Damen gebärdeten sich wie toll: sie
alle wollten sehen, wie _Ethel Lloyd sich benehmen würde_!
Den Vorsitz führte der gefürchtetste Richter von New York, Doktor
Seymour.
Mac Allan standen die vier ersten Verteidiger der Staaten zur Seite,
Boyer, Winsor, Cohen und Smith.
Der Prozeß dauerte drei Wochen, und drei Wochen lang befand sich
Amerika in ungeheurer Erregung und Spannung. Der Prozeß war die
minuziöse Geschichte der Gründung des Syndikats, der Finanzierung, des
Baus und der Verwaltung des Tunnels. Auch sämtliche Unfälle und die
Oktober-Katastrophe wurden ausführlich erörtert. Die Damen, die bei der
Vorlesung vollendeter Dichtungen einschlafen, blieben bei all diesen
Einzelheiten, die niemand verstehen konnte, der nicht mit der Materie
genau vertraut war, gespenstisch wach.
Ethel Lloyd fehlte keine Stunde. Während der ganzen Dauer der
Verhandlung saß sie, aufmerksam lauschend, fast ohne Bewegung in ihrem
Sessel.
Allan erregte große Sensation und auch einige Enttäuschung. Man hatte
erwartet, ihn, auf dem das Schicksal herumhämmerte, gebrochen und müde
zu sehen, um ihn bemitleiden zu können. Aber Allan dankte, er sah genau
aus wie früher. Gesund, kupferhaarig, breitschulterig, genau dieselbe
Art, scheinbar zerstreut und gleichgültig zuzuhören. Er sprach dasselbe
breite, langsame, wortkarge westliche Amerikanisch, das zuweilen noch
an den Pferdejungen von Uncle Tom erinnerte.
Großes Aufsehen erregte auch Hobby, der als Zeuge zugezogen worden war.
Sein Anblick, seine hilflose Art zu sprechen, erschütterten. War dieser
Greis Hobby, der auf einem Elefanten durch den Broadway ritt?
Allan brach sich selbst das Genick. Zum größten Schrecken seiner vier
Verteidiger, die seinen Freispruch schon beschworen hatten.
Der Angelpunkt des ganzen Prozesses war natürlich die von Allan
angegebene Bauzeit von fünfzehn Jahren. Und am siebzehnten Tage des
Prozesses tastete sich Doktor Seymour vorsichtig an diesen heiklen
Punkt heran.
Nach einer kurzen Pause begann er ganz harmlos: »Sie verpflichteten
sich, den Tunnel im Laufe von fünfzehn Jahren zu bauen, also nach
Ablauf der fünfzehn Jahre die ersten Züge laufen zu lassen?«