Robinson habe ferner telephoniert, daß Smith, der in der Station
am 352. Kilometer arbeite, behaupte, es müsse tiefer drinnen eine
Luftpumpe arbeiten, die telephonische Verbindung sei aber gestört.
Allan sah auf. »Hobby?« dachte er. Aber er wagte es nicht, diese
Hoffnung auszusprechen.
Dann kam Allan auf die Ereignisse über Tag zu sprechen. Harriman
spielte keine glänzende Rolle. Müde, den schmerzenden Kopf in die Hand
gestützt, saß er da, ohne einen Blick in den verquollenen Augen.
Als aber die Ausschreitungen und Zerstörungen erörtert wurden, wandte
sich Allan mit einem plötzlichen Ruck an Harriman.
»Und wo waren Sie denn, Harriman?« fragte er schneidend und voller
Verachtung.
Harriman zuckte zusammen und hob die schweren Lider.
»Glauben Sie mir, Allan,« schrie er erregt, »ich tat, was ich tun
konnte! Ich versuchte alles. Ich konnte doch nicht etwa schießen!«
»Das sagen _Sie_!« rief Allan und seine Stimme wurde drohender. »Sie
hätten sich den rabiaten Leuten entgegenwerfen müssen, wenn sie Ihnen
auch ein paar Löcher in den Kopf geworfen hätten. Sie haben doch Fäuste
-- oder? Sie hätten auch schießen können -- ja, zum Teufel, weshalb
nicht? Ihre Ingenieure standen da, Sie hatten nur zu befehlen.«
Harriman wurde purpurrot. Sein dicker Nacken schwoll an. Der drohende
Ton Allans ging ihm ins Blut. »Was reden Sie, Allan!« erwiderte er
aufgebracht. »Sie haben die Leute nicht gesehen, Sie waren nicht hier.«
»Ich war nicht hier, leider! Ich habe geglaubt, mich auf Sie verlassen
zu können. Ich habe mich getäuscht! Sie werden alt, Harriman! _Alt_!
Ich brauche Sie nicht mehr. Gehen Sie in die Hölle!«
Harriman fuhr auf und stellte die roten Fäuste auf den Tisch.
»Ja, gehen Sie in die Hölle!« schrie Allan nochmals brutal.
Harriman wurde weiß bis in die Lippen und starrte konsterniert in
Allans Augen. Diese Augen blendeten vor Verachtung, Unbarmherzigkeit
und Brutalität. »Sir!« keuchte er und richtete sich tief beleidigt auf.
Da sprang auch Allan auf und pochte mit den Knöcheln auf den Tisch,
daß es prasselte. »Verlangen Sie jetzt keine Höflichkeiten von mir,
Harriman!« schrie er laut. »Gehen Sie!« Und Allan deutete zur Türe.
Harriman schwankte und ging. Sein Gesicht war vor Schmach grau
geworden. Es ging ihm durch den Sinn, Allan zu sagen, daß sein Sohn
gestorben sei und er den ganzen Vormittag gegen eine doppelte Dosis
Schlafmittel angekämpft habe. Aber er sagte nichts. Er ging.
Wie ein alter, gebrochener Mann ging er die Treppe hinunter, die Augen
auf den Boden gerichtet. Ohne Hut.
»Harriman ist geflogen!« höhnten die Leute. »Der Bull ist geflogen!«
Aber er hörte es nicht. Er weinte leise.
Nachdem Harriman das Zimmer verlassen hatte, ging Allan noch mit fünf
Ingenieuren ins Gericht, die ihre Posten verlassen hatten und mit den
fliehenden Mannschaften ausgefahren waren. Er entließ sie auf der
Stelle.
Es blies ein verflucht scharfer Wind heute und die Ingenieure
erwiderten kein Wort.
Hierauf verlangte Allan Robinson telephonisch zu sprechen. Ein Beamter
rief die Stationen an und befahl ihnen, Robinsons Zug zu stoppen. Allan
studierte unterdessen den Plan des zerstörten Stollens. Es war so
still, daß man durch die zerschlagenen Scheiben den Regen hereintropfen
hörte.
Zehn Minuten später stand Robinson am Apparat. Allan führte ein langes
Gespräch mit ihm. Nichts von Hobby! Ob er, Robinson, es für möglich
halte, daß noch Leute in den verqualmten Stollen lebten? Das sei nicht
ausgeschlossen.
Allan gab seine Befehle. Nach ein paar Minuten flog ein Zug aus drei
Waggons mit Ingenieuren und Ärzten die Trasse hinab und verschwand im
Tunnel.
Allan führte selbst und der Zug raste in einem so tollen Tempo durch
den dröhnenden leeren Tunnel, daß Allans Begleiter, die an große
Geschwindigkeiten gewöhnt waren, unruhig wurden. Nach einer knappen
Stunde begegneten sie Robinson. Sein Zug war voller Menschen. Die Leute
auf den Waggons, die Allan Rache geschworen hatten, murrten laut, mit
finstern Mienen, als sie ihn in der Finsternis beim Schein der Lampen
erkannten.
Allan fuhr weiter. Er bog bei der nächsten Weiche auf Robinsons Geleise
über, weil er sicher war, es frei zu finden, und verminderte sein
rasendes Tempo erst, als sie mitten im Rauch waren.
Selbst hier in den verqualmten Stationen arbeiteten Ingenieure. Sie
hatten die eisernen Schiebetüren zugezogen, an denen sich der Rauch wie
ein Gebirge zusammengeballter Wolken vorüberwälzte. Aber die Stationen
waren trotzdem so sehr mit Rauch angefüllt, daß ein längerer Aufenthalt
nur möglich war, weil die Maschinen fortwährend neue Luft einpreßten
und genügend Sauerstoffapparate vorhanden waren. Wie für Allan war der
Tunnel für die Ingenieure ein Werk, für das sie Gesundheit und Leben
einsetzten.
In der Station am 352. Kilometer trafen sie Smith, der hier mit zwei
Maschinisten die Maschinen bediente. Er wiederholte, daß eine Luftpumpe
tiefer im Tunnel in Gang sein müsse, und Allan dachte wieder an Hobby.
Wenn ihm das Schicksal doch wenigstens den Freund erhalten hätte!
Er drang sofort tiefer in den Stollen ein. Aber der Zug kam nur langsam
vorwärts, denn häufig versperrten Steinblöcke den Weg. Der Rauch war
so dick, daß der Lichtkegel der Scheinwerfer wie von einer Mauer
abprallte. Nach einer halben Stunde wurde der Train von einer großen
Menge Leichen aufgehalten. Allan stieg ab und ging, die Rauchmaske vor
dem Gesicht, in den Rauch hinein. Im Augenblick war seine Blendlampe
verschwunden.
Es war vollkommen still um ihn. Kein Laut, nur das Ventil seines
Sauerstoffapparates knackte leise. Allan stöhnte. Hier hörte ihn ja
niemand. Seine Brust war eine einzige tobende Wunde. Stöhnend und
knirschend wie ein verwundetes Tier wanderte er vorwärts und zuweilen
wollte er zusammenbrechen unter der ungeheuren Last seines ungeheuren
Schmerzes.
Alle paar Schritte stieß er auf Körper. Aber wenn er sie ableuchtete,
so waren es stets unzweifelhaft tote Menschen, die ihn anstarrten aus
gräßlich verzerrten Gesichtern. Hobby war nicht unter ihnen.
Plötzlich hörte er ein Keuchen und hob die Lampe. Gleichzeitig
berührte eine Hand seinen Arm und eine keuchende Stimme flüsterte:
»~Sauvé!~« Ein Mensch brach vor ihm zusammen. Es war ein junger
Bursche, der nur eine Hose trug. Allan nahm ihn auf die Arme und trug
ihn zurück zum Zuge und er erinnerte sich, daß ihn einst ein Mann in
ähnlicher Situation durch einen dunklen Stollen getragen hatte. Die
Ärzte brachten den Ohnmächtigen rasch ins Bewußtsein zurück. Er hieß
Charles Renard, Kanadier, und erzählte, daß die Wetterführung drinnen
funktioniere und er diesem Umstand sein Leben verdanke. Ob er noch
Zeichen von Leben in den Stollen beobachtet habe?
Der Gerettete nickte. »Ja,« sagte er, »ich habe zuweilen Gelächter
gehört.«
»Gelächter??« Sie sahen einander entsetzt an.
»Ja, Gelächter. Ganz deutlich.«
Allan verlangte telephonisch Züge und Ablösungen.
Augenblicklich drang er wieder vor. Die Glocke gellte. Es war eine
mörderische Arbeit und der Rauch trieb sie häufig zurück. Gegen Mittag
gelang es ihnen, bis in die Nähe des 380. Kilometers vorzudringen und
hier vernahmen sie plötzlich ein schrilles, fernes Lachen. Dieser Laut
in dem schweigenden, rauchenden Stollen war das Entsetzlichste, was sie
je gehört hatten. Sie erstarrten und niemand atmete. Dann eilten sie
weiter. Das Lachen wurde immer deutlicher, es klang wild und irrsinnig,
so wie es die Taucher zuweilen aus verunglückten Unterseebooten gehört
haben, in denen die Besatzung erstickte.
Schließlich erreichten sie eine kleine Station und drangen ein. Da
sahen sie im Dunst zwei, drei, vier Menschen, die sich am Boden
wälzten, tanzten unter schauerlichen Verrenkungen und dabei fortwährend
ein schrilles, delirierendes Gelächter ausstießen. Die Luft pfiff
aus der Wetterführung in die Station, so daß die Unglücklichen
am Leben geblieben waren. In ihrer nächsten Nähe befanden sich
Sauerstoffapparate -- unberührt.
Die Unglücklichen aber schrien vor Entsetzen auf und wichen zurück, als
sie plötzlich Licht sahen und Menschen mit Masken vor dem Gesicht. Sie
flohen alle in eine Ecke, wo ein toter Mann ausgestreckt und still lag,
beteten und winselten vor Angst. Es waren Italiener.
»Ist hier jemand, der italienisch spricht?« fragte Allan. »Nehmen Sie
die Masken ab.«
Ein Arzt trat vor und begann, vom Husten erstickt, mit den Wahnsinnigen
zu sprechen.
»Was sagen sie?«
Der Arzt konnte vor Entsetzen kaum reden.
»Wenn ich sie richtig verstehe, so glauben sie, sie seien in der
Hölle!« sagte er mit Anstrengung.
»So sagen Sie ihnen in Gottes Namen, wir seien gekommen, sie in den
Himmel zu führen,« rief Allan.
Der Arzt sprach und sprach und endlich verstanden sie ihn.
Sie weinten, sie knieten, sie beteten und streckten flehend die Hände
aus. Als man sich ihnen aber näherte, begannen sie zu rasen. Sie mußten
einzeln überwältigt und gebunden werden. Einer starb auf der Ausfahrt,
zwei kamen in eine Anstalt, der vierte aber erholte sich rasch und war
gesund.
Allan kehrte von dieser Expedition halb bewußtlos nach Smiths Station
zurück. Wollte das Entsetzen kein Ende nehmen? Er saß da, rasch atmend,
vollkommen erschöpft. Er war nun sechsunddreißig Stunden ohne Schlaf.
Aber die Ärzte drangen vergebens in ihn, auszufahren.
8.
Der Rauch kroch vorwärts. Langsam, schrittweise, wie ein bewußtes
Wesen, das erst tastet, bevor es einen Schritt macht. Er leckte in die
Querschläge hinein, in die Stationen, schlüpfte an der Decke entlang
und füllte alle Räume aus. Die Grubenventilatoren saugten, die Pumpen
preßten Millionen von Kubikmetern frische Luft hinein. Und endlich,
ganz unmerklich, begann der Rauch dünner zu werden.
Allan erwachte und blickte mit schmerzenden, entzündeten Augen in
den milchigen Dunst hinein. Er wußte nicht sofort, wo er war. Dicht
vor ihm lag eine niedrige, langgestreckte Maschine aus blankem Stahl
und Kupfer, deren Mechanismus lautlos spielte. Das halb in den Boden
versenkte Schwungrad schien still zu stehen, aber als er es länger
betrachtete, entdeckte er auf und ab gleitende Glanzstreifen: es machte
neunhundert Umdrehungen in der Minute und war so genau gearbeitet, daß
es den Eindruck des Stillstehens hervorrief. Da fiel ihm auch ein, wo
er sich befand. Er war noch immer in Smiths Station. Eine Gestalt wogte
im Nebel.
»Sind Sie es, Smith?«
Die Gestalt kam näher und er erkannte Robinson.
»Ich habe Smith abgelöst, Allan,« sagte Robinson, ein langer, magerer
Amerikaner.
»Habe ich lange geschlafen?«
»Nein, eine Stunde.«
»Wo sind die andern?«
Robinson berichtete, daß die andern die Strecke freizumachen
versuchten. Der Rauch verteile sich und werde erträglicher. In der
neunzehnten Station (380. Kilometer) befänden sich noch sieben Menschen
am Leben.
Immer noch Lebende? Barg dieser schauerliche Stollen immer noch
Menschen?
Und Robinson berichtete weiter, daß in der neunzehnten Station ein
Ingenieur namens Strom die Maschinen bediene. Er habe sechs Menschen
aufgenommen und alle befänden sich wohl. Die Ingenieure hätten sie noch
nicht erreichen können, die telephonische Verbindung aber hergestellt
und mit der Station gesprochen.
»Ist Hobby unter ihnen?«
»Nein.«
Allan blickte zu Boden. Und nach einer Pause sagte er: »Wer ist das --
Strom?«
Robinson zuckte die Achseln.
»Das ist das Sonderbare. Niemand kennt ihn. Er ist kein
Tunnelingenieur.«
Da erinnerte sich Allan, daß Strom ein Elektrotechniker war, der auf
einem der Kraftwerke auf den Bermudas arbeitete. Später stellte sich
folgendes heraus: Strom hatte lediglich den Tunnel besichtigt. Er
war zur Zeit der Explosion in Bärmanns Bezirk gewesen und hatte die
neunzehnte Station etwa drei Kilometer hinter sich. Diese Station hatte
er vor einer Stunde besichtigt, und da er der Bedienungsmannschaft
dieser Station kein großes Vertrauen schenkte, so war er sofort
zurückgekehrt. Strom war der einzige, der in den Tunnel _hinein_
wanderte, anstatt auswärts zu fliehen.
Ein paar Stunden später traf ihn Allan. Strom hatte achtundvierzig
Stunden lang gearbeitet, aber niemand sah ihm eine Erschöpfung an. Es
fiel Allan besonders auf, wie ordentlich sein Haar noch gescheitelt
war. Strom war nicht groß, schmalbrüstig, kaum dreißig Jahre alt, ein
Deutschrusse aus den baltischen Provinzen, mit magerem bewegungslosen
Gesicht, dunkeln kleinen Augen und schwarzem Spitzbart.
»Ich wünsche, daß wir Freunde werden, Strom!« sagte Allan zu dem jungen
Mann, dessen Kühnheit er bewunderte, und drückte ihm die Hand.
Aber Strom veränderte keine Miene und machte nur eine kleine höfliche
Verbeugung.
Strom hatte sechs verzweifelte Läufer in seiner Station aufgenommen.
Die Türritzen gegen den Stollen hatte er mit ölgetränktem Werg
verstopft, so daß die Luft verhältnismäßig erträglich war. Strom hatte
ununterbrochen Luft und Wasser in den brennenden Stollen gepumpt. Er
hätte seine Position aber höchstens noch drei Stunden halten können,
dann wäre er elend erstickt -- und er wußte es ganz genau!
Von dieser vorgeschobenen Station aus mußten sie zu Fuß vordringen.
Über entgleiste, umgestürzte Waggons, Gesteinshaufen, Schwellen und
geknickte Pfosten kletterten sie Schritt für Schritt vorwärts, in den
Rauch hinein. Hier lagen die Leichname in Haufen! Dann kam eine freie
Strecke und sie schritten rasch aus.
Plötzlich blieb Allan stehen.
»Horch!« sagte er. »War das nicht eine Stimme?«
Sie standen und lauschten. Sie hörten nichts.
»Ich hörte deutlich eine Stimme!« wiederholte Allan. »Lauschen Sie, ich
werde rufen.«
Und in der Tat, auf Allans Ruf antwortete ein feiner, leiser Ton, so
wie eine Stimme ganz fern in der Nacht klingt.
»Es ist jemand im Stollen!« sagte Allan erregt.
Nun glaubten auch die andern einen feinen, fernen Ruf zu vernehmen.
Rufend und aufhorchend suchten sie den finstern Stollen ab. Zuletzt
stießen sie in einem Querschlag, in den die Wetterführung wie ein
Sturmwind hineinpfiff, auf einen _Greis_, der am Boden saß und den Kopf
gegen die Wand lehnte. Neben ihm lag ein toter Neger mit einem runden
offenen Mund voller Zähne. Der Greis lächelte schwach. Er machte den
Eindruck eines Hundertjährigen, abgemagert, welk, mit schneeweißen
dünnen Haaren, die im Luftzug flatterten. Seine Augen waren unnatürlich
aufgerissen, so daß rings um die Pupillen die weiße Hornhaut sichtbar
war. Er war zu erschöpft, um sich noch bewegen zu können, er vermochte
nur noch zu lächeln.
»Ich wußte ja, Mac, daß du kommen würdest, um mich zu holen!« flüsterte
er kaum verständlich.
Da erkannte ihn Allan.
»Das ist ja Hobby!« rief er erschrocken und erfreut aus und zog den
Greis empor.
»Hobby?« sagten die andern ungläubig, denn sie erkannten ihn nicht
wieder.
»Hobby -- --?« fragte Allan, der seine Freude und Rührung kaum
verbergen konnte.
Hobby machte eine matte Bewegung mit dem Kopfe. »~I am all right~,«
flüsterte er. Dann deutete er auf den toten Neger und sagte: »Der
Nigger machte mir viele Arbeit, aber zuletzt ist er mir doch
gestorben.«
Hobby schwebte wochenlang im Hospital zwischen Tod und Leben, bis ihn
seine kräftige Natur durchriß. Aber er war nicht mehr der alte Hobby.
Hobbys Gedächtnis war gestört und er konnte nie sagen, wie er bis zu
diesem vorgeschobenen Querschlag gekommen war. Tatsache war nur, daß
er Sauerstoffapparate und Lampen bei sich hatte, die aus jenem kleinen
Querschlag stammten, in dem am Tage vor der Katastrophe der tote
Monteur gelegen war. Jackson, der Neger, war übrigens nicht erstickt,
sondern vor Hunger und Entkräftung gestorben.
Vereinzelt kamen die Züge aus dem Tunnel, vereinzelt stürzten sie sich
hinein. Die Bataillone der Ingenieure schlugen sich drinnen heldenhaft
mit dem Rauch. Der Kampf war nicht ungefährlich. Dutzende erkrankten
schwer an Rauchvergiftung und fünf starben, drei Amerikaner, ein
Franzose und ein Japaner.
Die Arbeiterheere selbst blieben untätig. Sie hatten die Arbeit
niedergelegt. Zu Tausenden standen sie in langen Reihen auf den
Terrassen und sahen zu, was Allan und seine Ingenieure trieben. Sie
standen und regten keine Hand. Die großen Lichtmaschinen, Ventilatoren
und Pumpen wurden von Ingenieuren bedient, die vor Ermüdung kaum die
Augen offen halten konnten. Und unter die frierenden Arbeiterhorden
mischten sich die zahllosen Neugierigen, die die Atmosphäre des
Schreckens angezogen hatte. Stündlich spien die Züge neue Scharen
aus. Die Strecke Hoboken-Mac-City machte glänzende Geschäfte. Sie
nahm in einer Woche zwei Millionen Dollar ein; das Syndikat hatte
sofort die Fahrpreise erhöht. Das Tunnelhotel war angefüllt mit
Reportern der Zeitungen. Tausende von Automobilen rollten durch die
Schuttstadt, vollgepackt mit Damen und Herren, die einen Blick auf
die Stätte des Unheils werfen wollten. Sie plauderten und schwätzten
und brachten reichhaltige Frühstückskörbe mit. Alle aber starrten mit
geheimem Grauen auf die vier Rauchsäulen, die unausgesetzt aus den
Glasdächern dicht über der Tunnelmündung in den blauen Oktoberhimmel
emporwirbelten. Das war der Rauch, den die Ventilatoren aus den Stollen
saugten. Und doch waren da drinnen Menschen! Stundenlang konnten diese
Neugierigen warten, obschon sie nichts sahen, denn die Leichname wurden
nur in der Nacht herausgebracht. Ein süßlicher Geruch von Chlorkalk
drang aus dem Stationsgebäude.
Die Aufräumungsarbeiten nahmen viele Wochen in Anspruch. In dem zum
größten Teil ausgebrannten Holzstollen war die Arbeit am schwersten.
Man konnte nur schrittweise vorwärtsdringen. Die Leichen lagen hier in
Haufen. Sie waren meistens schrecklich verstümmelt und zuweilen war es
schwer zu unterscheiden, ob man einen verkohlten Pfosten oder einen
verkohlten Menschen vor sich hatte. Sie waren überall. Sie lagen unter
dem Schutt, sie hockten hinter angekohlten Balken und grinsten den
Vordringenden entgegen. Die Mutigsten selbst überkam Furcht und Grausen
in dieser entsetzlichen Totenkammer.
Allan war immer an der Spitze, unermüdlich.
In der Totenhalle und in den Sälen der Hospitäler spielten sich jene
erschütternden Szenen ab, die sich nach jeder Katastrophe ereignen.
Weinende Frauen und Männer, halb wahnsinnig vor Schmerz, suchen nach
ihren Angehörigen, erkennen sie, schreien, werden ohnmächtig. Die
meisten Verunglückten konnten aber nicht festgestellt werden.
Das kleine Krematorium abseits von Mac City arbeitete Tag und Nacht.
Priester der verschiedenen Religionen und Sekten hatten sich zur
Verfügung gestellt und erfüllten abwechselnd das traurige Zeremoniell.
Viele Nächte hindurch war das kleine Krematorium im Wald tageshell
erleuchtet und noch immer standen endlose Reihen von Holzsärgen in der
Halle.
Bei der zerschmetterten Bohrmaschine allein waren vierhundertachtzig
Tote gefunden worden. Im ganzen verschlang die Katastrophe
zweitausendachthundertsiebzehn Menschenleben.
* * * * *
Als die Trümmer der Bohrmaschine weggeräumt waren, wurde plötzlich ein
gähnendes Loch sichtbar. Die Bohrer hatten einen ungeheuren Hohlraum
angeschlagen. Im Lichte des Scheinwerfers zeigte es sich, daß der
Hohlraum etwa hundert Meter breit war; die Höhe war gering; ein Stein
brauchte fünf Sekunden bis er aufschlug, was einer Tiefe von fünfzig
Metern entsprach.
Die Ursache der Katastrophe ließ sich nie sicher feststellen. Aber die
bedeutendsten Autoritäten waren der Ansicht, daß der durch chemische
Zersetzung entstandene Hohlraum mit Gasen angefüllt gewesen sei, die in
den Stollen eindrangen und beim Sprengen explodierten.
Allan ging noch an diesem Tage an die Erforschung des angeschlagenen
Hohlraumes. Es war eine Schlucht von knapp tausend Meter Länge,
vollkommen trocken. Grund und Wände bestanden aus jenem unbekannten,
lockeren Erz, das die Geologen Submarinium getauft hatten und das stark
radiumhaltig war.
Die Stollen waren in Ordnung gebracht, die Ingenieure befuhren
regelmäßig die Strecke.
Die Arbeit aber stand still.
9.
Allan veröffentlichte eine Bekanntmachung an die streikenden Arbeiter.
Er gab ihnen drei Tage Bedenkzeit, die Arbeit wieder aufzunehmen,
andernfalls seien sie entlassen.
Ungeheure Meetings fanden auf den Schuttfeldern von Mac City statt.
Sechzigtausend Menschen drängten sich Kopf an Kopf und von zehn
Tribünen (Waggons) wurde zu gleicher Zeit gesprochen.
Unaufhörlich schallten die gleichen Worte durch die kalte dunstige
Oktoberluft: der Tunnel -- der Tunnel -- Mac -- Katastrophe --
dreitausend Mann -- das Syndikat, und wieder der Tunnel -- der
Tunnel ...
Der Tunnel hatte dreitausend Menschen verschlungen und flößte den
Arbeiterheeren Schrecken ein! Wie leicht hätten sie selbst drinnen in
der glühenden Tiefe verkohlen und ersticken können -- und wie leicht
war es möglich, daß sich eine ähnliche Katastrophe, eine größere
vielleicht noch, ereignete! Der Tod konnte auf noch gräßlichere Art
über sie herfallen. Sie schauderten zusammen, wenn sie an die »Hölle«
dachten. Eine Massen_angst_ trat ein. Diese Angst griff auf die
Baustellen auf den Azoren, Bermudas und in Europa über. Auch dort ruhte
das Werk.
Das Syndikat hatte einzelne Arbeiterführer gekauft und schickte sie auf
die Rednertribünen.
Die Gekauften traten für die sofortige Wiederaufnahme der Arbeit ein.
»Wir sind sechzigtausend!« schrien sie. »Mit den andern Stationen und
Nebenwerken sind wir hundertachtzigtausend! Der Winter steht vor der
Tür! Wo wollen wir hin? Wir haben Frauen und Kinder. Wer wird uns zu
fressen geben? Wir werden sämtliche Löhne des ganzen Arbeitmarktes
drücken und man wird uns verfluchen!« Das sah jeder ein. Sie wiesen
auf die Begeisterung hin, die man dem Werke entgegengebracht habe,
auf das gute Verhältnis zwischen den Arbeitern und dem Syndikat,
auf die relativ hohen Löhne. »Im >Fegfeuer< und in der >Hölle< hat
mancher seine fünf, sechs Dollar täglich verdient, der sonst kaum
zum Schuhputzen und Straßenkehren taugte. Lüge ich oder nicht?« Sie
deuteten in die Richtung der Arbeiterkolonien und schrien: »Seht eure
Häuser, eure Gärten, eure Spielplätze. Bäder habt ihr und Lesehallen.
Mac hat Menschen aus euch gemacht und eure Kinder wachsen rein und
gesund auf. Geht nach New York und Chikago und die Wanzen und Läuse
fressen euch auf.« Sie betonten, daß sich in sechs Jahren kein
größeres Unglück ereignet habe und die allergrößten Vorsichtsmaßregeln
vom Syndikat ergriffen werden würden, um einer zweiten Katastrophe
vorzubeugen.
Dagegen war nichts zu sagen, nein! Aber plötzlich kam die Angst wieder
über sie und keine Worte der Welt konnten etwas ausrichten. Man schrie
und pfiff und bewarf die Redner mit Steinen und erklärte ihnen ins
Gesicht hinein, daß sie vom Syndikat bestochen seien.
»Niemand soll mehr eine Hand rühren für den _verfluchten_ Tunnel!«
Das war der Tenor der übrigen Redner. »Niemand!« Und ein donnernder
Beifall, der meilenweit hörbar war, drückte die allgemeine Zustimmung
aus. Diese Redner zählten alle Gefahren des Baus auf. Sie sprachen von
all den Opfern, die der Tunnel schon vor der Katastrophe gefordert
hatte. 1800 rund in sechs Jahren! War das nichts? Dachte niemand an
die 1800, die überfahren, zerschmettert, zerdrückt worden waren? Sie
sprachen von der »Beuge«, an der Hunderte wochenlang gelitten hätten
und manche ihr ganzes Leben lang leiden würden.
»Mac ist durchschaut!« heulten diese Redner. (Zum Teil waren sie von
den Schiffahrtsgesellschaften bestochen, die die Vollendung des Tunnels
möglichst hinausschieben wollten.) »Mac ist kein Freund der Arbeiter!
Nonsens und Lüge! Mac ist der Henker des Kapitals! Der größte Henker,
den die Erde je trug! Mac ist ein Wolf im Schafspelz! 180000 Mann
beschäftigt er! 20000 in seiner höllischen Arbeit niedergebrochene
Menschen pullt er jährlich in seinen Hospitälern auf, um sie dann zum
Teufel zu jagen -- Krüppel, fertig für immer! Mögen sie auf den Straßen
verfaulen oder in Asylen verrecken, Mac ist das egal! Ein ungeheures
Menschenmaterial hat er in diesen sechs Jahren vernichtet! Schluß! Mac
soll sehen, woher er Leute bekommt! Er soll sich Schwarze aus Afrika
kommen lassen, Sklaven für seine >Hölle< -- er soll die Sträflinge
und Zuchthäusler von den Regierungen kaufen! Seht euch die Reihe von
Särgen da drüben an! Zwei Kilometer lang ist die Reihe, Sarg an Sarg!
Entscheidet euch!«
Tosen, Toben, Heulen! Das war die Antwort.
Tagelang tobte der Kampf in Mac City hin und her. Tausendmal wurden
dieselben Argumente wiederholt, für und wider.
Am dritten Tage sprach Allan selbst.
Er hatte vormittags Maud und Edith eingeäschert und am Nachmittag --
noch betäubt von Trauer und Schmerz -- sprach er stundenlang zu den
Tausenden. Je länger er sprach und je lauter er durch das Sprachrohr
schrie, desto mehr fühlte er seine alte Kraft und seinen alten Glauben
an sein Werk zurückkommen.
Seine Rede, die von meterhohen Plakaten angekündigt worden war, wurde
gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Schuttfeldes in deutscher,
französischer, italienischer, spanischer, polnischer und russischer
Sprache ausgeschrien. In hunderttausenden von Exemplaren wurde sie
über den Erdball geschleudert. Sie wurde zur selben Stunde in sieben
Sprachen in Bermuda, Azora, Finisterra, Biskaya durch das Sprachrohr
über die Arbeiterheere ausgetutet.
Allan wurde mit Schweigen empfangen. Als er sich seinen Weg durch
die Menge bahnte, machte man ihm Platz und manche griffen sogar an
die Mützen. Kein Laut war vernehmbar und eine Gasse eisiger Stille,
in der jedes Gespräch erfror, zeigte seinen Weg an. Als er auf dem
Eisenbahnwaggon inmitten des Meers von Köpfen erschien -- derselbe
Mac, den sie alle kannten, mit dem jeder schon gesprochen hatte, dem
jeder schon die Hand gedrückt hatte, dessen starkes, weißes Gebiß jeder
kannte -- als er erschien, der _Pferdejunge von Uncle Tom_ -- ging eine
ungeheure Bewegung durch das Feld, eine elementare Verschiebung der
Massen, ein Krampf des großen Heeres, das sich zusammenzog, wie Keile,
die von hydraulischen Pressen nach einem Mittelpunkt getrieben werden:
aber kein Laut wurde hörbar.
Allan schrie durch das Megaphon. Er tutete jeden Satz in die vier
Richtungen der Windrose. »Hier stehe ich, um mit euch zu reden,
Tunnelmen!« begann er. »Ich bin Mac Allan und ihr kennt mich! Ihr
schreit, ich hätte dreitausend Menschen getötet! Das ist eine Lüge! Das
Schicksal ist stärker als ein Mensch. Die Arbeit hat die dreitausend
getötet! Die Arbeit tötet täglich auf der Erde Hunderte! Die Arbeit ist
eine Schlacht und in einer Schlacht gibt es Tote! Die Arbeit tötet in
New York allein, das ihr kennt, täglich fünfundzwanzig Menschen! Aber
niemand denkt daran, in New York die Arbeit aufzugeben! Das Meer tötet
jährlich 20000 Menschen, aber niemand denkt daran, die Arbeit auf dem
Meer aufzugeben. Ihr habt Freunde verloren, Tunnelmen, ich weiß es!
Auch ich habe Freunde verloren -- genau wie ihr! Wir sind quitt! Wie
in der Arbeit sind wir auch im Verlust Kameraden! Tunnelmen ...« Er
versuchte wieder die Begeisterung zu entfachen, die die Arbeiterheere
sechs Jahre lang zu einer für unmöglich gehaltenen Arbeitsleistung
angetrieben hatte. Er sagte, daß er den Tunnel nicht zu seinem
Vergnügen baue. Daß der Tunnel Amerika und Europa verbrüdern solle,
zwei Welten, zwei Kulturen. Daß der Tunnel Tausenden Brot geben würde.
Daß der Tunnel nicht zur Bereicherung einzelner Kapitalisten geschaffen
werde, sondern dem Volk ebensogut gehöre. Gerade das sei seine Absicht
gewesen. »Euch selbst, Tunnelmen, gehört der Tunnel da drunten. Ihr
seid selbst alle Aktionäre des Syndikats!«
Allan spürte, wie der Funke von ihm auf das Meer von Köpfen übersprang.
Ausrufe, Geschrei, Bewegung! Der Kontakt war da ...
»Ich selbst bin ein Arbeiter, Tunnelmen!« tutete Allan. »Ein Arbeiter
wie ihr. Ich hasse Feiglinge! Fort mit den Feiglingen! Die Mutigen aber
sollen bleiben! Die Arbeit ist nicht ein bloßes Mittel, satt zu werden!
Die Arbeit ist ein Ideal. Die Arbeit ist die Religion unserer Zeit!«
Geschrei.
Alles stand gut für Allan. Als er sie aber aufforderte, die Arbeit
wieder aufzunehmen, da wurde es plötzlich wieder eisig still ringsum.
Die Angst kam wieder über sie ...
Allan hatte verloren.
Am Abend hielten die Führer der Arbeiter ein Meeting ab, das bis zum
frühen Morgen dauerte. Und am Morgen erklärten ihre Abgesandten, daß
sie die Arbeit nicht wieder aufnehmen würden.
Die ozeanischen Stationen und die europäischen schlossen sich den
amerikanischen Kameraden an.
An diesem Morgen entließ Allan hundertachtzigtausend Mann. Die
Quartiere sollten innerhalb achtundvierzig Stunden geräumt werden.
Der Tunnel ruhte. Mac City war wie ausgestorben.
Nur da und dort standen Milizsoldaten, das Gewehr im Arm.