Rietschel hoffte noch immer, daß seine Kinder nichts merkten. Er hatte
sie besucht, als sie in ihren Betten lagen, und sie schienen die
Geschichte von Mutters Ausflug zu glauben. In Wahrheit hatte Rietschel
keine Ahnung, wo Berta sich heute befand. In Wahrheit stand er den
ganzen Sonntag schon am Fenster und wartete auf ihre Rückkehr. Am
Morgen hatte sie ihn richtig überrumpelt. Während er sich rasierte,
war sie eingetreten, die Reisetasche in der Hand, und hatte ihm
zugerufen: »Adieu, ich komme vielleicht erst morgen wieder!« Bevor
der eingeseifte Mann sie befragen konnte, war sie schon die Treppe
hinunter.
Von Groll und Angst erfüllt, verbrachte Rietschel den Tag. Berta hatte
schon mancherlei angestellt, aber einfach fortreisen, ohne ein Ziel zu
nennen, das war denn doch noch nicht passiert. Das ging ihm über die
Hutschnur.
Es hieß zunächst, die Kinder vor Angst zu bewahren. In ihnen hatte
sich mit den reifenden Jahren eine eigentümliche, leidenschaftliche
Zärtlichkeit für die Mutter herausgebildet, die wie Partei gegen Vater
aussah, aber nur dem gütig überlegenen Trieb, zu helfen, entsprang.
Paul und Grete hatten früh erkannt, daß das eigentliche Kind im
Hause die Mutter war. So täuschte sich Rietschel heute über ihre
wahre Empfindung. Er hatte ihnen von einem Ausfluge des Kegelvereins
erzählt, den die Mutter mitmache, da er selbst Rheumatismus fürchte.
Aber die Kinder kannten schon den ratlosen Ausdruck seiner Augen --
diese Miene des Vaters hatte immer nur einen Grund. Die Mutter entzog
sich ihm, er hatte keine Macht mehr über sie, täglich konnte das
Unheil hereinbrechen.
Was die drohende Gefahr eigentlich bedeutete, machten sie sich nicht
klar. Den Geist, dem sie so viel verdankten, glaubten sie in einem
Licht, das nicht zu trüben war. Nur in tiefer Not sahen sie die
Mutter, im Fluch einer rätselhaften Umhergetriebenheit. So hockten sie
auch heute wieder in ihren Betten und schliefen nicht ein und berieten
sich leise. Während der Vater nebenan am Fenster stand, flüsterten sie
sich ihre Sorgen zu. Nein, sie waren nicht die ahnungslosen Kinder
mehr. Schmale, bleiche Geschöpfe mit großen, dunklen Augen, von
angstvoller Sehnsucht gequält -- so sprachen sie miteinander.
»Mutter ist, glaub' ich, garnicht mit dem Kegelverein«, flüsterte Paul.
»Das hab' ich mir auch schon gedacht«, antwortete Grete. »Aber wo kann
sie bloß sein?«
Sie richtete sich plötzlich auf und kroch zu ihrem Bruder hinüber.
So konnte sie ihm ins Ohr flüstern. Ihre langen, weißen Mädchenbeine
kamen dabei zum Vorschein, aber das tat nichts -- Bruder und Schwester
kannten sich innen und außen.
»Vater tut mir so leid. Der weiß noch immer nicht, was mit Mutter los
ist«, sagte Paul, vor sich hinstarrend.
»Weißt ~du~ es denn?«
»Ich denke mir so manches. Mutter ist manchmal ganz einsam, wenn sie
auch bei uns ist. Immer ist sie ganz einsam gewesen.«
Jetzt nickte Grete mit ihrem blonden Köpfchen: »Da hast du recht. Das
ist es. Und ich weiß auch, glaub' ich, den Grund.«
»Was weißt du denn?«
»Es heißt doch, daß sie ihren Vater -- daß sie den garnicht gekannt
hat -- oder daß sie ihn gekannt hat, aber er wollte ~sie~ nicht
kennen. Und ihre Mutter will auch nichts von ihr wissen. Das ist doch
schrecklich, Paul. Stell' dir vor -- wo Mutter so furchtbar gut ist.
Wir beide, wenn es uns so gehen würde --«
Paul schüttelte den Kopf: »Mit uns kannst du das nicht vergleichen.
Wir haben immer gewußt, wo wir hingehören. Wir kennen es doch nicht
anders, als daß wir Vater und Mutter haben.«
»Aber Mutter ist doch -- wie soll ich gleich sagen? -- Mutter ist kein
Kind mehr?«
Ein Lächeln wollte auf Gretes fragendes Gesicht kommen, aber es
verschwand vor dem Blick des Bruders. -- »Wahrscheinlich wissen wir
das noch nicht so«, entschied er. »Wahrscheinlich bleibt man sein
Leben lang ein Kind, indem daß man braucht, was wir eben haben, und
das hat Mutter nicht, und darum kann sie einem so leid tun.«
Grete sah ihn scheu von der Seite an. Langsam zog sie sich in ihr Bett
zurück. Es gab Augenblicke, da der Bruder ihr viel älter vorkam. Dann
hatte er plötzlich die gewölbte Stirn, die nur alte, weise Männer
hatten. Das Dunkel seiner Augen schien zu sagen, daß man ihn nicht
mehr belehren könne. Fremdes, überlegenes Blut rollte in seinen Adern
-- Grete spürte nichts davon. --
»Sie kommt nicht«, flüsterte Rietschel um Mitternacht und trat mit
schmerzender Stirn vom Fenster fort. --
»Das ist nun mein Sonntag, Schneemann«, sagte er dann zu seinem Pudel,
der ihn aufmerksam ansah. Rietschel weinte fast vor Sorge und Ingrimm.
Er setzte sich auf das Sofa und zog Schneemann neben sich. -- »Dazu
hat man nun die ganze Woche geschuftet. Dazu hat man Frau und Kinder.
Aber ich tu's nicht länger. Ich halt's nicht mehr aus. Jetzt heißt es
biegen oder brechen. Biegen oder brechen!«
Er wiederholte diese Worte noch einige Male in seinem singenden
sächsischen Ton, aber er war sich nicht darüber klar, was er
eigentlich vorhatte. Mit dem dumpfen Ausspruch: »Das hat man
eigentlich garnicht nötig« legte er sich um ein Uhr schlafen. --
In aller Frühe klingelte es. Berta erschien. Rietschel starrte sie an:
»Wo kommst du jetzt her?«
»Das kann dir ja egal sein.«
»Meinst du? ... Und wie siehst du denn aus? Hast du am Ende im Freien
kampiert?«
»Irgendwo auf dem Bahnhof.«
Die Miene, mit der sie an ihm vorüberging, konnte ihn ängstlich
machen. Er wagte es weder sie zur Rede zu stellen, noch zu befragen.
Ins Geschäft mußte er nun -- es blieb ihm nichts anderes übrig.
Aber diese Frau allein bei den Kindern lassen? Paul und Grete
hatten Ferien, das kleine Dienstmädchen kam als Schutz nicht in
Betracht. Rietschel wurde von der Erinnerung an einen gräßlichen Fall
beschlichen, der sich erst kürzlich ereignet hatte. Da war eine Frau
in Abwesenheit ihres Mannes mit ihren Kindern ... Aber nein, das war
bei Berta ganz unmöglich. Jetzt noch glaubte er fest an ihren guten
Kern.
Beschwörend wandte er sich zu ihr, bevor er ging: »Berta, sei ein
bißchen nett zu den Kindern --«
»Was heißt das?«
»Na, ich meine bloß, gestern war Sonntag, und du hast dich garnicht um
sie gekümmert.«
»Wer kümmert sich denn um mich?«
»Das darf eine Mutter nicht sagen.«
»Daran glaubte ich auch mal. Jetzt weiß ich besser, was man darf.«
»Was quält dich, Berta? Warum sagst du mir nicht, wo du gestern
gewesen bist?«
»Weil du's doch nicht verstehst. Du bist ein guter Mann, Peter, aber
verstehen tust du nicht alles. Na, bald kommt die Zeit -- da wird es
dir klar.«
Nach diesen Worten ging sie zu den Kindern hinein. Rietschel stand
noch eine Weile unschlüssig -- dann stampfte er mit dem Fuß und
entfernte sich.
Paul und Grete saßen in einem Winkel und sahen mit bangen Blicken der
Mutter zu. Sie ging schweigend im Zimmer umher. Unter dem schiefen
Hut hing ihr ein Zopf herunter, und am linken Stiefel schleifte das
Schnürband. Eigentümlich gedunsen war ihre fahle Miene. Die Augen
schienen den Blick verloren zu haben.
»Wenn sich alles gegen einen verschwört, Gott und die Menschen --
dann weiß man wenigstens: Es hat sich nicht gelohnt! Aber die Rache
bleibt trotzdem auf der Welt!«
Diese Worte sagte die Mutter ganz deutlich -- Paul und Grete verhörten
sich nicht. Unwillkürlich machten beide eine Bewegung, als wollten sie
nun vorspringen und einer grenzenlos Verlassenen helfen. Vor dieser
großen Liebesregung stutzte Berta. Ihr Blick gewann wieder Leben. Sie
näherte sich den Kindern und sagte: »Seid mir nicht böse, daß ich
jetzt oft so komisch bin. Ich kann nicht anders. Bald werdet ihr alles
verstehen.«
Sprechen konnten die Kinder nicht -- aber ihr Blick brachte die Mutter
noch mehr zum Erwachen. -- »Habt ihr euch gestern geängstigt?« fragte
sie nach einer Weile. »Vater scheint sich auch wieder geängstigt zu
haben. Das müßt ihr nicht tun. Man kann nicht immer sagen, was man
vorhat. Jeder hat im Leben seine eigenen Sachen. Aber damit ihr nicht
um den Sonntag kommt -- da habt ihr zwei Mark. Geht zu Wilczek und
holt euch, was ihr gern habt.«
Sie ging in ihr Zimmer. Paul und Grete sahen sich an. Nun hatte die
Mutter doch endlich wieder mit ihnen gesprochen. Und zwei Mark -- für
Pralinés -- ein richtiger Schatz. Sie wären keine Kinder gewesen, wenn
sie sich jetzt nicht gefreut hätten, aber sie waren beide noch Kinder.
-- --
Berta stand überlegend am Fenster. -- ›Er ist mir durchgegangen‹,
sagte sie vor sich hin. ›Jetzt kriege ich ihn nicht mehr. Jetzt ist
er wirklich weg. Er muß im Bunde mit dem Deibel sein -- anders ist
es nicht möglich. Da kann unsereiner nichts machen. Im Leben war er
Rechtsanwalt -- da brauchte er keinen Deibel. Da konnte er mir allein
entwischen. Aber dann -- wie er tot war -- das Kirchenbuch, das beim
lieben Gott verwahrt war -- daß ich da auch nicht mehr 'ran kann --
dazu brauchte er den Schwarzen. Der hat sein Haus angesteckt, damit
das Kirchenbuch verbrennt. Nun bin ich ausgelöscht. Nun komme ich
überall zu spät. Da kann unsereiner nichts machen.‹
Diese Worte klangen wie ein unerschütterliches Fatum. Sie schluchzte
noch einmal auf: ›Mutter! Aber nein -- die gibt es auf dem Totenbett
nicht zu. Ich bin ja ihr Schandfleck ...‹
Sie warf sich auf das Bett. Nach einer Weile flüsterte sie: ›Was
bleibt denn eigentlich vom Menschen? Staub. Sie haben ihn, glaub'
ich, verbrannt. Aber die Urne mit der Asche -- die ist noch da. Die
liegt im Kirchhof. Eigentlich ist es ja nichts. Wenn ich da frage
und schreie, antwortet er nicht. Wenn ich da mit beiden Fäusten
gegenschlage, tut es ihm nicht mal weh. Aber etwas kann ich ihm doch
noch tun!‹
Eine plötzliche Eingebung packte sie -- letzter Haß riß sie empor.
›Was er noch hat, woran ihm gelegen hat bis zuletzt, und was die Leute
immer noch für ihn tun -- -- das ist die Ehre! Das Denkmal! Ja! Auf
dem Kirchhof ist sein Grab! Recht protzig natürlich mit Marmor und
goldener Inschrift und vertrockneten Kränzen! Das dulde ich nicht!
Er hat keine Ehre verdient! Die Welt soll wissen, was er verdient
hat. Ich kenne ihn, ich gehe hin und schmeiße sein Denkmal um! Ich
zerschlage sein Grab!‹
Von wilder Tatkraft erfüllt, erhob sie sich. Jetzt war sie ganz
verwandelt -- nach vielen Jahren kam wieder ein großer Zweck über sie.
Ihr Wahn gewann eine Logik, die ihrer Vernunft gefehlt hatte. Mann und
Kinder hörten sie singen, als sie am Mittagstisch saßen und auf sie
warteten. Endlich kam Berta mit federnden Schritten. »Mahlzeit!« rief
sie und nickte ihren Kindern heiter zu. Freilich wirkte das nicht so,
wie sie meinte. Die Kinder duckten sich, als ob der neue Ton sie wie
eine Rute träfe, und Rietschel starrte mit gerunzelter Stirn auf seine
Frau.
Nachmittags faßte er einen Entschluß. Er wollte zu einem berühmten
Nervenarzt gehen und die Kinder eventuell zu seiner Schwester nach
Chemnitz schicken. Daß für Berta jetzt etwas geschehen mußte, war ihm
klar.
Doch während er so tatkräftig wurde, überflügelte ihn seine Frau.
Berta fuhr nach Zehlendorf, um auf dem Friedhof nachzusehen, wo Viktor
Schwarz begraben war. Dies mußte bei Tageslicht geschehen, damit sie
nachts orientiert war, wenn sie ihr eigentliches Vorhaben ausführte.
Viel Zeit zum Suchen hatte sie dann nicht -- das machte sie sich
klar. Sie wußte überhaupt noch nicht, wie sie in den verschlossenen
Friedhof gelangen sollte. Daß sie aber hineinkam, war ihr ebensowenig
zweifelhaft, wie daß sie mit ihren kleinen Händen ein Marmordenkmal
umstürzen und eine Urne aus der Erde zerren könnte. --
Endlich war sie in Zehlendorf. Die Sonne stand schon tief. Man empfing
sie in der Friedhofsinspektion mit Mißbilligung. -- »Um sechs Uhr wird
geschlossen, und es ist schon drei Viertel«, sagte der alte Beamte.
»Sie kommen ja kaum noch 'raus, wenn sie jetzt noch zu dem Grab
wollen.«
Er dachte an sein Abendbrot, aber Berta sagte energisch: »Ich muß hin.
Schlagen Sie mir's nicht ab.«
Ihr Ton machte Eindruck. Sie wurde durch viele Gräberreihen zu
der Stelle geführt, wo Viktor Schwarz bestattet lag. Das Denkmal
auf seinem Hügel war größer und prächtiger als in der ganzen
Nachbarschaft. Berta sah es und nickte lächelnd. Dann stellte sie
fest, daß der Hügel unter den Kränzen schließlich nur aus Erde
bestand, und daß das Denkmal von Händen, die es ernstlich wollten,
umzuwerfen war. Jetzt machte sie sich langsam auf den Rückweg zum
Friedhofstor. Sie sah sich immer wieder um, damit ihr für die
Dunkelheit Kennzeichen blieben. Verirren in diesem Wald von Kreuzen --
das war das schlimmste.
Der Inspektor hatte sich in der Nähe gehalten -- sie wußte nicht, daß
er ihr beobachtend folgte. Er war ein kluger, alter Mann, der sich auf
Menschengesichter verstand. Diese sonderbare Person, die so spät und
ohne Blumen gekommen und so hart gespannt nach einem Grabe gefragt
hatte, war ihm nicht geheuer. Er atmete auf, als er sie den Friedhof
verlassen sah. --
Doch Berta kehrte nicht nach Berlin zurück. Dazu war es zu spät. Sie
mußte im Umkreise des Friedhofes bleiben. Plötzlich fiel ihr ein, daß
es doch das beste gewesen wäre, sich einschließen zu lassen. Aber
der Friedhof war so neu und kahl -- es gab keinen Baum, hinter dem
man sich verstecken konnte. Sie ging durch die stillen Vorortstraßen.
Daß sie stundenlang auf den Beinen blieb, wurde ihr kaum bewußt. Dann
zog es sich immer dunkler um sie zusammen -- es war wirklich Nacht
geworden. Wie ein Dieb näherte sie sich im Schatten der Häuser wieder
dem Friedhof.
Eine seiner Mauern war dem freien Felde zugewandt -- hier glaubte
sie sich unbeobachtet. Aber hinaufzuklettern war für sie unmöglich.
Jetzt stand sie erst vor dem eigentlichen Hindernis. ›Elende Zwergin,
die ich bin,‹ dachte sie -- ›so hat ~er~ mich gemacht!‹ Von
Angst gepackt, lief sie weiter, immer die endlose rote Mauer entlang.
Plötzlich fand sie eine Bank und daneben einen ziemlich kräftigen
Baum. Hier mußte es geschehen. Hier war es auch für sie möglich.
Sie wurde zum Schulmädel. Das Turnen war für ihren kleinen, behenden
Körper immer eine Lust gewesen. Rasch stieg sie auf die Bank und
erklomm von dort einen ziemlich hohen Ast. Er trug sie, und als sie
darauf ritt, sah sie, daß sie das Gesims der Mauer mit den Händen
erreichen konnte.
Mit letzter, wütender Anstrengung riß sie sich empor. Sie verlor ihren
Hut, der Rock ging in Fetzen -- was lag daran? Sie saß auf der Mauer,
und ohne Besinnen glitt sie nach der anderen Seite hinunter. Nun war
sie im Friedhof. Aber die gespenstische Wildnis der Kreuze verwirrte
sie -- sie wußte nicht, wo sie sich befand, jedes Kennzeichen fehlte.
Wimmernd lief sie durch die fremden Gräberreihen. Die unglaubliche
Stille um sie her dröhnte allmählich. Schon reckten sich aufgestörte
Geister und hoben drohende Arme gegen die Frevlerin.
Doch Berta wurde von ihrer letzten Vernunft gehalten. Gespensterfurcht
sollte sie nicht umwerfen. Sie blieb stehen und prüfte und erinnerte
sich -- endlich fand sie ein Kennzeichen wieder. An dieser Ecke war
eine weiße Säule gewesen -- Berta liebte abgebrochene Säulen und hatte
sich den Vornamen gemerkt: Adele! Jetzt sah sie ihn wieder. Wenige
Schritte davon nach links lag das Grab von Viktor Schwarz ...
Sie war am Ziel. Ein leises Kreischen stieg aus ihrer tobenden
Brust. Zum erstenmal glaubte sie, ihr Schicksal in Händen zu haben.
Wilde Wonne ließ sie jede Vorsicht verlieren. Sie warf sich über den
feuchten Hügel. »Du, du!« flüsterte sie in die erdige Tiefe. »Du bist
es doch! Du bist mein Vater, und ich bin dein Kind! Hörst du? Hörst
du?!«
Sie wühlte mit ihren rasenden Händen im Efeu und zerstörte die saubere
Ordnung der Pflanzen. Wie weit es noch bis zu der Aschenurne war,
wußte sie nicht. Dann irrte ihr Blick zu dem Denkmal empor. »Das
falsche Kreuz!« rief sie, und es hallte über die stummen Gräber hin.
Dann erhob sie sich und schlug gegen das Kreuz und zerkratzte die
goldene Inschrift.
Jetzt näherten sich rasche Schritte. Der Inspektor hatte den Ruf
gehört. Er glaubte schon andere verdächtige Geräusche vernommen zu
haben -- nun eilte er furchtlos mit seinem Hunde hinaus. Grabschändung
brachte ihn in furchtbaren Zorn. Er entsicherte seinen Revolver. Dann
sah er es -- seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Das sonderbare
Weib, dem er nachmittags das Grab gezeigt, hatte einen dunklen Zweck
gehabt. Nächtlich war es eingedrungen und tat seine nichtswürdige
Arbeit.
»Hände hoch oder ich schieße!« rief der Beamte und zielte auf Berta.
Sie drehte sich jäh nach ihm um. Im nächsten Augenblick stürzte sie
bewußtlos zusammen.
Die Polizei erschien, aber die Grabschänderin war noch immer nicht
bei Bewußtsein. Endlich holte man auch einen Arzt. Der untersuchte
die Ohnmächtige und meinte: »Es hat doch keinen Zweck, sie zur
Wache zu bringen, sie muß doch gleich ins Krankenhaus. Es handelt
sich natürlich um einen Fall von Geistesstörung. Der Mann muß
benachrichtigt werden. Sie fahren am besten mit, Herr Schutzmann. Ich
werde an die Psychiatrische Klinik telephonieren.« --
Rietschel kam bei Morgengrauen und fand Berta schon bei Bewußtsein.
Sie saß ganz friedlich in der Wohnung des Inspektors; doch als sie
ihren Mann erblickte, schien ein furchtbares Erwachen über sie zu
kommen, und sie begann zu toben. Nun mußte noch ein Krankenwärter
geholt werden -- dem gelang die Überführung.
Von gerichtlichen Schritten sah man ab. Man hatte eine Irre vor sich,
die lange vorbereitete Psychose kam zum Ausbruch. Berta mußte in der
Anstalt bleiben. In der ersten Zeit wurde ihr Zustand für aussichtslos
gehalten. Sie verfiel nach dem Toben in völlige Apathie, erkannte
ihren Mann nicht mehr und schien ihre Kinder zu vergessen. Ihre letzte
Geistesregung bestand aus wirren Worten, die von Viktor Schwarz und
dem Teufel sprachen, von der Fähigkeit ihres Vaters, als Luftgebilde
zu zergehen.
Rietschel kam in jeder Woche zweimal. Die Anstalt lag wie der Friedhof
in Zehlendorf, und man konnte von ihren Fenstern die Mauer sehen, die
Berta überstiegen hatte. Eines Tages wurde Rietschel von dem Oberarzt
beiseite genommen -- man teilte ihm mit, was notwendig geworden: der
Zustand seiner Frau gebe wenig Hoffnung. Man müsse den bedauernswerten
Gatten in seinem und seiner Kinder Interesse vorbereiten.
Der tapfere Sachse hielt dem Ansturm stand. Tränen rollten über seine
Backen, aber er reckte sich und erwiderte: »Es ist schrecklich, aber
es ist eben Schicksal, Herr Professor. Die Frau tut mir furchtbar leid
-- aber es ist eben Schicksal. Was soll ich nun aber tun? Kann ich
mein ganzes Leben an solche Frau binden? Ich bin gesund, ich habe mein
gutes Geschäft, und die Kinder --«
»Lieber Herr Rietschel,« sagte der Oberarzt, auf die Wanduhr blickend,
»Sie haben nach meiner Ansicht absolut das Recht, die Scheidung
einzuleiten. Sie müssen endlich an sich selbst denken. Eine verlorene
Frau ist keine Frau.«
Mit schwerem Kopfschütteln stand Rietschel da. Da meinte er: »Nee,
ich weiß nicht -- ich kann es mir noch immer nicht vorstellen, trotz
allem, Herr Professor. Ich muß es mir erst noch überlegen.«
»Selbstverständlich. Das tun Sie nur.«
Rietschel fuhr nach Hause. Seine grübelnden Gedanken hielten ihn im
Dämmerzustand. Ja, die Freiheit lockte -- er war wirklich noch ein
junger, kräftiger Mann. Wenn er an die Jahre mit Berta zurückdachte
-- nach seinem Wohlbefinden war es selten gegangen. Dennoch -- er
hatte mit ihr vor Gott gestanden. Es tat ihm bitter leid um diese
Frau. Immer wieder sah er sie vor sich, wie sie gewesen, nicht wie sie
geworden war. Und was ihn hemmte, nun das Letzte noch umzustoßen, das
lag weniger in seinem Gewissen als in den Seelen seiner Kinder. Er
konnte es sich nicht vorstellen, was die Kinder sagen würden, wenn er
ihnen die Mutter nahm. Gab es denn eine neue Mutter? --
Er trat in seine Wohnung. Plötzlich sah er, daß die Kinder ihn mit
starker Spannung erwarteten. Es war heute weniger das Befinden der
Kranken, von dem sie wissen wollten, als die Mitteilung eines eigenen
Entschlusses. Betroffen sah Rietschel sie an: »Na, was ist denn mit
euch? Was habt ihr denn?«
Paul blickte auf Grete -- dann ergriff er, als ob dies seine männliche
Pflicht wäre, das Wort: »Vater, wir haben uns eben was überlegt. Es
hat lange gedauert, aber nun wissen wir's wenigstens.«
»Seid ihr denn garnicht neugierig, wie's Mutter geht?«
»Nein, Mutter geht es gewiß noch schlecht. Aber es wird ihr bald
besser gehen, Vater.«
»Lieber Junge -- gerade heute kann ich dir keine Hoffnung machen. Der
Herr Professor meint --«
»Das weiß der Herr Professor nicht. Schicke ~uns~ nur immer
wieder zu ihr, Vater.«
»Euch? Was versteht ~ihr~ denn --?«
»Das haben wir uns eben überlegt. Wir verstehen Mutter, weil wir ihre
Kinder sind. Sie ist auch nur so krank geworden, weil sie -- weil sie
immer noch ein Kind ist. Wenn wir keine Eltern hätten, wäre es uns
ebenso gegangen. Aber, weil wir noch Eltern haben, müssen wir Mutter
jetzt helfen. Das hat sie um uns verdient.«
Rietschel sah staunend auf seinen Sohn. Heute erst spürte er, daß
er einen Sohn hatte. Aus diesen klugen Augen, aus dieser gewölbten
Leidensstirn sprach sein Richter -- das fühlte er erschüttert. Bertas
Kinder ertappten ihn bei seinen dunklen Zerstörungsgedanken. Bertas
Kinder hielten fest, was er preisgeben wollte. Weil sie als Mutter
treu gewesen, blieben ihr nun die Kinder treu.
Er wischte sich die Augen und erwiderte: »Also gut denn, wie ihr
wollt, Kinder. Versucht es mal -- ich habe das Meinige getan. Mich
kennt sie nicht mehr -- vielleicht kennt sie euch noch.«
»Aber natürlich, Vater. Es ist doch unsere Mutter«, sagte Grete. Da
küßte Rietschel ihren blonden Scheitel und wandte sich ab.
Jetzt war noch nichts besser -- dennoch wurde eine große Last von ihm
genommen. Ganz im Stillen konnte er seine Beschämung überwinden, und
die Arbeit ging ihm wieder von der Hand, weil er den Hort seiner Ehe
bei Gläubigen wußte. --
Nun fuhren Paul und Grete täglich nach Zehlendorf hinaus. Arzt und
Pflegerinnen wollten diese beharrlichen Besuche erst verbieten, sahen
dann aber, daß sie zum mindesten nicht schadeten, und ließen es dabei.
Die Kranke kam in keinen Erregungszustand, wenn sie ihre Kinder sah.
Sie schien allmählich die neue Zeit mit der alten zu verwechseln. Bald
glaubte sie wieder daheim zu sein und für die Kinder zu sorgen, und
wenn sie mit ihnen im Garten der Anstalt spazierenging, erlebte sie
die schöne Zeit von Thüringen wieder.
Paul und Grete sahen nichts Krankhaftes darin und bestärkten sie
in solchen Stimmungen. Sie gaben der Mutter wegen auch gern ihren
Ehrgeiz auf, als Gymnasiast und Gymnasiastin zu gelten. Da es der
Kranken wohltat, schraubten sie sich scheinbar auf ihre kindliche
Unselbständigkeit zurück. Paul brachte seine elektrische Eisenbahn
mit, und Grete spielte wieder mit Puppen.
Das war Friede und mehr noch: es war wirklich ein Weg zur Genesung.
Die Ärzte sahen es ein und lernten gern von naiver Güte. Nach einem
halben Jahr konnte der Oberarzt Rietschel bessere Aussichten eröffnen.
Er lobte seine Kinder mit einer Begeisterung, die dem geprüften Vater
wohltat.
Es wurde allmählich wieder Frühling. Eines Abends kamen Paul und
Grete später als sonst aus Zehlendorf zurück. Rietschel empfing sie
schon besorgt. Aber er sah ihre glücklichen Mienen und wurde ruhig.
Paul erzählte, denn Grete hatte eine schwere Zunge und versagte immer
in ihrer tiefen Empfindung. Paul aber stellte es dem Vater lebendig
dar, wie heute plötzlich eine entschiedene Besserung bei der Mutter
eingetreten sei. Im Garten habe sie ganz ruhig und überlegen all die
schlimmen Sachen mit ihnen besprochen. Die ganze Vergangenheit habe
sie aufgerollt, und nun wüßten Paul und Grete endlich, wie alles
zusammenhinge. Das Schönste aber, was die Mutter heute gesagt, sei
das gewesen: »Kinder, man sollte doch eigentlich tot sein lassen, was
tot ist. Man sollte sich viel zu gut dafür sein, denen nachzulaufen,
die sich doch nie um einen gekümmert haben. Euch beide hab' ich ja
wirklich, und ihr habt mich. Das ist das Leben.«
»Hat sie das gesagt?« fragte Rietschel zitternd. »Wie kam denn das?«
»Ich weiß nicht, Vater -- der Tag war heute so schön --«
»Nein, Paul« -- unterbrach ihn da Grete eifrig -- »es war doch,
erinnerst du dich denn nicht -- der Zeppelin kam doch plötzlich über
den Himmel -- Mutter hat zum erstenmal ein Luftschiff gesehen -- und
da -- --«
»Ja, ja,« meinte Rietschel, »da kann man schon an 'ne neue Zeit
glauben. Na, ich gratulier' euch, Kinder -- ihr könnt wirklich mehr
als der Arzt. Jetzt glaub' ich auch an Besserung. Wenn die fixe Idee
erst tot ist --«
»Die ist tot, Vater. Mutter will nur noch alles, was lebt.«
»Na, ~ihre~ Mutter aber -- die lebt doch auch noch?«
»Ja, und da dachten wir schon,« -- stotterte Grete -- »da wollten
wir dich schon bitten, Vater -- willst du nicht mal zu Großmutter
hinfahren -- und von ihr ein gutes Wort für Mutter holen?«
»Meint ihr, daß man das riskieren darf, Kinder?«
»Doch«, erwiderten beide mit strahlendem Glauben. »Doch!« --
So fuhr denn Rietschel ohne Scheu nach Strelenwalde. Er wollte jetzt
auch etwas leisten. Bei der alten Frau von Rotkraut, die er als Witwe
fand, wurde ihm seine Bitte nicht schwer. Sie saß noch immer in ihrem
Mädchenzimmer, wo sie dem alten Helden die Augen zugedrückt. Sie hörte
mit einer schmerzlich wissenden Miene die ganze Leidensgeschichte
ihrer Tochter an. Dann richtete sich ihr Blick mit schwerem, aber
dankbarem Ausdruck auf Rietschel.
»Es ist gut, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Ich will Ihnen
gestehen, Herr Rietschel -- im Innersten hab ich mir so was schon
lange gewünscht. Ich bin nun ganz allein nicht wahr -- was früher mal
unabänderlich war, das sieht doch jetzt ganz anders aus. Ich konnte
Berta früher nicht aufklären -- es lag wahrhaftig nicht an mir.«
»Und Sie werden zugeben, Frau Major -- Berta hat ihr Versprechen
gehalten. Ihnen kann ich es jetzt sagen: sie hat so schauderhaft
leiden müssen, weil sie immer Rücksicht auf ihre Mutter nahm. Auf
solche Weise konnte sie aber ihren Vater nicht finden.«
Liese nickte: »Das mag wohl sein. Sie muß schrecklich gelitten haben.
Aber ich habe auch gebüßt, Herr Rietschel. Glauben Sie mir, hinter all
meiner Unruhe und Angst steckte das Gefühl: Du brauchtest gar nicht so
allein zu sein, du hast eine Tochter -- wer hindert dich, dich doch zu
ihr zu bekennen? Ja, wer hindert uns eigentlich, das Nötigste zu tun?
Wir selbst oder das Schicksal?«
Rietschel, der Unphilosophische, rückte unruhig auf seinem Stuhl
umher: »Das kann man gar nicht sagen, Frau Major. Aber noch ist es
ja, wie gesagt, nicht zu spät. Sie wird wieder ganz gesund werden.
Wie gesagt, es wär' doch schön, wenn am Tor vom neuen Leben -- wie
soll ich mich gleich ausdrücken? -- wenn da ein Gruß von ihrer Mutter
stände, und wenn die Mutter auch den Vater nicht mehr verheimlichen
täte.«
Liese erhob sich mit wankenden Knien: »Da haben Sie ganz recht. Sie
sind ein vornehmer Mann, Herr Rietschel. Doch, doch -- ich freue mich,
daß Berta solchen Mann gefunden hat.«
»Nun sollten Sie erst mal unsere Kinder sehen! Ihre Enkelkinder!«
»Ach Gott, wahrhaftig. Man ist so reich und weiß es gar nicht. Na,
vielleicht kommt es dazu auch noch. Ich habe ein Leben hinter mir --
da hat es neben aller Not auch nicht an Gnade gefehlt.«
Sie ging langsam zu dem alten Sekretär ihres Vaters hinüber: »Gedulden
Sie sich bitte ein paar Minuten, Herr Rietschel. Ich will jetzt die
Zeilen an Berta schreiben.«
Rietschel saß in der stillen Stube und sah zu, wie Liese von Rotkraut
schrieb. Nun erfuhr also Berta, wer ihr Vater gewesen. Er fühlte, daß
es gute Worte waren, Labsal für eine gemarterte Seele. Daß aber ein
unsichtbarer Geist sie diktierte, Tante Sanftlebens selige Gestalt --
das wußte Rietschel nicht.
Mit frohem Mut kehrte er nach Berlin zurück. Jetzt wagte auch er sich
wieder nach Zehlendorf.
Heute begleitete er die Kinder. Berta empfing ihn mit einer Fassung,
die er nicht erwartet hatte. Nichts Krankes mehr sprach aus ihren
Zügen, sondern eine reife Festigung, die sie nie besessen hatte.
Jetzt war sie wirklich kein Kind mehr. Sie schien sogar etwas größer
geworden zu sein. Oder täuschte ihn die Hoheit ihrer überwundenen
Leiden?
Er gab ihr den Brief der Mutter. Ängstlich beobachtete er sie, während
sie las. Dann aber sah er, daß das Lesen ihr wohltat, ohne sie zu
erschüttern. Über den Brief fort schweifte ihr Blick. Sie griff
nach den Kindern, die zu ihr eilten, und auch Rietschel mußte näher
kommen. So traten alle Hand in Hand zum Fenster und sahen in den
Frühlingsregen hinaus.
»Seht,« sagte Berta, »da drüben ist die Mauer von dem Friedhof, wo
mein Vater liegt. Jetzt tut er mir bloß noch leid. Alle Menschen tun
mir leid, die sterben müssen und nie ans wahre Glück gedacht haben.
Ich weiß jetzt, was es ist, und nun lass' ich es nicht mehr los. Es
ist doch schön, daß man auf der Welt ist!«