ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die
Entscheidung kommen würde.
Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlossene
Bündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein.
Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er
belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft,
hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde.
In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst
Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er
erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr
bedrückt.
„Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!“ fiel
Imgjor ein.
„Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh
angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch
für das große Werk zu wirken, es zu fördern!“
„Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können,
Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter
dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen
neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können
wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit
beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte
ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe
eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut
Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?“
Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern,
so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles
vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war,
ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet!
Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens,
statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu
vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die
großen Ziele ins Auge zu fassen — saß nun ein feiger Schwächling ihr
gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb
ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz.
Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder
von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert
hatte.
Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten.
Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut
zwingend:
„Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe.
Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen,
wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es
sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe —“ hierbei zog sie die
Zuschriften seiner Braut hervor — „Klarheit in deine Angelegenheit
bringt.“
Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt
hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei,
bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen.
Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah
Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein
verächtlich überlegener Zug seine Lippen.
„Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend
ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre
zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von
Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar
nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet.“
Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig.
In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde
Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung
bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und
was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.
Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit
derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe,
und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der
ersten Zeilen.
Und da kam ihr ein Entschluß!
Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium
des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere
Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt.
Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben Augenblick
Prestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den Grafen
Dehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, empor
und richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann.
„Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und
der Vernichtung meines Herzens!“ brach's aus ihrem Munde hervor. „Füge
der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren
Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue
hinzu! — Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug,
die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das,
was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen
Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der
Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben,
dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne
Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig
ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen
Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer
niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche
Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist,
als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches,
Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um
mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll,
werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!“
Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.
Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö
den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben
geredet habe.
„Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard,
so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie
Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre
sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die
verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles
Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das
Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden
Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten,
von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen
Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen,
wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß
diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich
erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner
Rechtfertigung — ich habe mich nicht zu rechtfertigen — sondern um
meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die
Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin — ich wiederhole früher
Gesagtes — vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle
Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern
müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich
hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese
Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir
gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding.
Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug. —
Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren
leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins
Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem
irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!“
Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm
zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt
habe, sagte nach tiefem Atemholen:
„Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen
dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde
forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt
von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die
mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun,
weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art
erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die
plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen — so will ich
Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun
ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim!
Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben
alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel
davongetragen nur ihre Verachtung und — waren Sie ganz ein Schurke —
ihren Haß!“
So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor
wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so
selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne
ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das
Gemach. —
* * * * *
Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war,
erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden
Scene folgenden Tage zurückhielt.
Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfung
geförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um die
Mittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendem
Herbstsonnenschein.
Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch
die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am
vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin.
So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und
endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen
ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht
behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös
vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte,
ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.
Plötzlich war alles anders geworden.
Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechte
besaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte.
Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das Lavardsche
Scepter geschwungen.
Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie
bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich
verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem
Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in
Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil
sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb
sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile
niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nur _ihr_ das
geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete — verstärkte
sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen.
Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der
Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu
unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für
ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der
sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen.
Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten
Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich
sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen
sei.
Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so
verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie
jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden
müßte.
Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren,
in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen
vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die
ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen,
sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie
wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und
hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung
mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des
Menschengeistes.
Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür.
Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war
jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten.
Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen,
was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag.
Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr ins
Wohngemach.
„Nun, meine liebe Imgjor,“ hub Lucile an und umarmte ihre Schwester
sanft, „wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache
mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe
den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!“
In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.
Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre
Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur
allzu unberechtigt gewesen.
Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen
Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen
starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl.
Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab der
Wahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.
Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl.
Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrer
Halbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.
Dann schob sie den Körper zurück und sagte: „Aus irgend einem Grunde
habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden.
Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen
nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir
Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren.
Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr
denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von
hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine
Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren,
was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat
ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die
für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel
hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!“
Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und
bereitwillig.
„Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit
größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser
Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß
es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre
Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht
bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch —“
„Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen
über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen —“
Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin:
„Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?“
Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck
von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider
unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten
Ton:
„Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engere
Berührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das Rankholmer
Schloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!“
* * * * *
Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem
kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester
gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro
nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde
Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten,
welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die
Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch
erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit
den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem
Zufall vertraut.
Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der
Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich
gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch
seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer
Pflegebefohlenen. —
Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern
und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem
befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem
schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens.
Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die
einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in
dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge
vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten
Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und
jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das
Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß,
unwillkürlich zurückprallte.
„Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?“ stieß
Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ
frische Luft hereindringen.
„Was ist denn? Was ist denn?“ tönte der Alten Stimme zurück.
„Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken
können!“
„Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann
die Maschine wohl zu hoch geschraubt —“
Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch
diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:
„Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?“
„Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so
schreckliche Schmerzen in den Füßen.“
„So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich
fertig bin, mache ich mich daran!“
Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und
begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie
fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in
der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die
blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem
Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann,
der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die
Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager.
Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit
hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig
hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre
kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die
Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig
Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts
anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.
Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die
Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute
hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz
gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer
Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus
ihren Mitteln hergegeben. —
Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:
„Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jeden
Spätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?“
„O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein,“ entgegnete die alte Frau mit
dankbarer Betonung. „Was ist es denn?“
„Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran
finden —“
„Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott,
wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich
arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben,
dann möchte ich schon glauben —“
„Nun, meine gute Alte?“
„Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt
gesandt, um die Menschen glücklich zu machen.“
„Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte,“ entgegnete Imgjor mit
einem trüben Lächeln. „Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt
mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes
Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen.
Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen
Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend
und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine
Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es
die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.
Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde,
dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie
sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern
werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein
weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der
Nächstenliebe.
Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen,
wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so
viel auf Erden!“
„Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten,
wie Sie! Aber so — Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein,
so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten.“
„Dank?“ entgegnete Imgjor bitter im Ton. „Ich habe ihn nie erwartet und
kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So
habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu
einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein
Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not.
Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht
verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich
der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh.
Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher
Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur
Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen.“
Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach
Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich
Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der
Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter,
welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause
gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie
einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den
Hauptarzt gerichtet hatte.