Anderes wieder, wie z. B. die Figur des Gefangenwärters aus
dem „Großen Calas“ (Abb. 153), zeigt uns, wie gewissenhaft die
Einzelheiten größerer Kompositionen ausgefeilt wurden. In Meusels
„Miscellancen artistischen Inhalts“ erzählt Chodowiecki selbst von den
Schwierigkeiten, die ihm die Platte zum Calas gemacht, und erwähnt
dabei auch diese Studie: „Als ich die Platte zu ätzen anfing, benahm
ich mich so ungeschickt mit dem Scheidewasser, daß der erste Abdruck
mir ganz unbrauchbar schien. Man riet mir, die Platte noch einmal mit
Firnis zu überziehen, mit der Radiernadel nachzugehen und noch einmal
zu ätzen. Ich that’s und der Erfolg war eben so wenig befriedigend,
als beim erstenmal. Hieraus entstanden zweierlei Abdrücke, die, da
sie in sehr geringer Anzahl gemacht wurden, äußerst selten sind.
Nun ließ ich die Platte abschleifen; mittlerweile retouchierte ich
noch mein Gemälde, +machte zu der Figur des Schließers noch eine
Zeichnung nach der Natur+ und malte ihn ganz wieder über.“ Fuß
und Hände des knieenden Mannes sind auf dem Blatt zum Gegenstand
besonderer Studien geworden. Damit fing die eigentliche Arbeit an,
bei der Chodowiecki niemals die Unsicherheit des zwar glücklich
beanlagten, aber doch ängstlichen Dilettanten ganz verließ. Seine
Ausbildung war niemals systematisch geleitet worden, er war und blieb
in vielen Dingen durchaus Autodidakt. Auch die zahlreichen Aktstudien
in Rötel, die wir von seiner Hand besitzen -- meist Früchte jener
Abendstunden, die er anfangs in Rodes Atelier, später in der Akademie
zubrachte -- (Abb. 154, 155), lassen uns trotz der Sorgfalt, mit der
sie den sichtbaren Einzelheiten der Körperbildung nachgehen, doch die
tiefere Kenntnis der Struktur des menschlichen Leibes und das Gefühl
für richtige Verhältnisse vielfach vermissen. Dabei machen sie den
Eindruck des Gequälten, Ungelenken, die Freude an der Beobachtung
scheint beeinträchtigt durch die pedantischen Schulmeisterregeln, von
denen sich der Zeichner nicht zu emanzipieren vermochte, obwohl er
genau ihre Gefahren erkannte. So schreibt er in der mehrfach citierten
Selbstbiographie: „Jedoch die Manier ist immer ein Abweichen von der
Wahrheit und jede Abweichung von derselben ein Fehler. Wer nun einen
anderen Künstler in seiner Manier nachahmt, der übertreibt sie noch,
erreicht seine Schönheit nicht und vergrößert nur seine Fehler oder
macht sie noch auffallender: ebenso wenn ein Mensch die Physiognomie
eines anderen nachäffen will, so übertreibt er das, was der zum
Auffallen an sich hat, und macht eine unangenehme Grimasse.“ „Dieses
akademische Aktzeichnen,“ so heißt es an einer anderen Stelle derselben
Schrift, „währte aber nur wenige Jahre. Und das wäre nicht genug? wird
ein schon ausgelernter Künstler fragen. -- Nein, lieber Mann! Wenn
du dein ganzes Leben nach dem Leben zeichnest, so wirst du am Ende
desselben fühlen, daß dir noch vieles zu lernen übrig blieb, und du
nicht zu viel gezeichnet hast.“ In der That hat auch Chodowiecki bei
allem guten Willen, bei allen noch so eifrigen Studien vor der Natur
da, wo er frei erfand, niemals die Fesseln der herrschenden Manier
ganz abzustreifen vermocht. So fallen uns bei den meisten seiner
Gestalten die überschlanken Verhältnisse auf; oft gibt er den Figuren
acht bis neun Kopflängen (Abb. 56, 59, 63, 107). Auch die Art, wie
seine Menschen einherschreiten und sich bewegen, ist nicht immer ohne
konventionelle Gespreiztheit. Man betrachte z. B. die Blindekuhspieler
auf dem Gemälde im Berliner Museum (Abb. 34) und verschiedene
Radierungen (Abb. 69, 109, 110, 121) daraufhin. Fast immer erkennt man
auf den ersten Blick, welche Gestalten in seinen Kompositionen nach der
Natur gezeichnet sind, und welche er frei erfand.
[Illustration: Abb. 172. +Porträt des Pastor Hermes+ (?).