[Illustration: Abb. 167. +Porträt der Babette Renelle.+
Rötelzeichnung im Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
Wie hat sich Chodowiecki dies Glück der Unsterblichkeit errungen?
Versuchen wir dem Wege nachzugehen, der ihn in den Kreis derer
führt, die als Fixsterne am deutschen Kunsthimmel glänzen. Von dem
unablässigen Fleiß, der keine Feierstunden kannte, ist gesprochen
worden. Die technische Gewandtheit aber, die seinem Wollen das Gelingen
sicherte, die glückliche Beobachtungsgabe und Frische der Auffassung,
die ihn bis ins hohe Alter nicht verließ, waren nicht nur Ergebnis
eifriger Studien, sie waren Geschenke der Natur. Wenn wir des
Künstlers Skizzen betrachten -- gerade sie sind die glaubwürdigsten
Zeugen für die Echtheit des Talents, das sich in flüchtigen
Augenblicken glücklicher Inspiration am reinsten offenbart -- so
entdecken wir eine Leichtigkeit der Hand, ein Unterscheidungsvermögen
für Charakteristisches und Gleichgültiges, eine Fähigkeit, mit wenigem
alles zu sagen, die wir aus den ausgeführten Arbeiten mit ihrer nicht
selten kleinlich erscheinenden Accuratesse und ängstlichen Durchführung
niemals herauslesen könnten. Diese flüchtigen Zeichnungen, wie die
hier abgebildeten Studien eines vom Rücken gesehenen Kavaliers (Abb.
139), einer am Tisch stehenden Dame (Abb. 137), eines Mädchens, das ein
Gepäckstück im Arm hält (Abb. 140) -- sie alle sind in ausgeführten
Werken, für die der Meister stets seine Mappen plünderte, benutzt
-- zeugen von einer gottbegnadeten Schärfe des Blicks, sie atmen
ein Leben und eine Beweglichkeit, die, wie gesagt, oft den nach
ihnen ausgeführten Arbeiten zu mangeln scheint. Selbst das, was man
Chodowiecki zuletzt zutrauen möchte, leidenschaftliches Temperament,
kommt in einzelnen Skizzen, wie in dem Entwurf zur Figur des Hamlet
(Abb. 138, ~E.~ 252) zum Ausdruck. Man glaubt hier die Erregung
des Augenblicks zu spüren, wo Shakespeares Gestalt in der genialen
Interpretation Brockmanns die Einbildungskraft des Meisters zu
ungewohnter Lebhaftigkeit entflammte. Zu diesen glücklichen, scheinbar
direkt von inneren Impulsen angeregten Augenblicksschöpfungen zählen
auch einige Blätter der Danziger Reise, wie die Kirchgängerinnen (Abb.
141, 142), das polnische Starostenpaar (Abb. 50), den Bürgermeister
Conradi (Abb. 51), Frau Öhmichen (Abb. 143) und jene köstlichen
Rötelzeichnungen, die uns Frauen und Mädchen bei ihrer Arbeit oder in
träumerischer Selbstvergessenheit schildern (Abb. 144-146). Hier ist
Chodowiecki dem Charme eines Watteau so nahe gekommen, wie sonst nie;
aber es steckt in seinen Gestalten unendlich größere Ehrlichkeit, viel
mehr Respekt vor der Natur und sogar etwas mehr Energie der Technik
(Abb. 147 bis 151).
[Illustration: Abb. 168. +Porträt der Françoise Renelle.+