Email im Besitz des Geheimrat E. du Bois-Reymond. Berlin.]

[Illustration: Abb. 160. +Anbetung der Hirten.+ Illustration zu

Lavaters Messias. Winterthur 1783. (~E.~ 466.)]

[Illustration: Abb. 161. +Titelkupfer zu den Memoiren des Grafen

Grammont.+ Leipzig 1780. (~E.~ 367.)]

[Illustration: Abb. 162. +Trachtenbild aus dem 17. Jahrhundert.+

Almanac de Gotha. 1795. (~E.~ 517.)]

Mitteilsamkeit bis zur Geschwätzigkeit war ein Herzensbedürfnis

seiner Zeit: „Unmitgeteilte Lust muß Überdruß erwecken“ heißt es

in einem Gedichte Geßners. Daß aber Chodowieckis Redseligkeit

fast niemals langweilig wird, ist ein deutlicher Beweis starker

+Künstlerkraft+. Freilich, seine Kunst stellt dem Forscher

keine tiefen Probleme. Sie bedeutet keinen epochemachenden Umschwung

der Entwicklung, wie die eines Michelangelo oder Rembrandt; und

dennoch ringt auch in seinen Schöpfungen etwas Neues nach Ausdruck,

das sie in natürlichen, kaum geahnten Gegensatz zur Überlieferung

und Umgebung bringt: der +instinktive Realismus+. Nicht in

leidenschaftlichem Kampf, in wildem Aufbäumen gegen alles Überkommene,

wie sie der Litteratur der Sturm- und Drangperiode das Gepräge

verliehen, entwickelt sich seine Selbständigkeit: sie war von

Anbeginn in ihm vorhanden als Naturanlage, die langsam, wie eine

wohlgepflegte Pflanze, wuchs, sie bestand in jener, sein ganzes

Wesen am besten kennzeichnenden +kindlichen Naivetät+. Sie zu

besitzen und bewahren, war in unserem Vaterlande zu seiner Zeit kein

Leichtes. Das ganze deutsche Geistes- und Kunstleben des achtzehnten

Jahrhunderts stand unter französischer Vormundschaft. In Berlin hatte

kein Geringerer als der Große König selbst die Parole ausgegeben, daß

es nur eine Kunst und Litteratur gäbe: die französische. Voltaire

war sein Lieblingsschriftsteller, Franzosen seine Hofmaler. Mit

urteilsloser Bewunderung blickte man hinüber zu den koketten Feerien

des französischen Rokoko, die lediglich eine Hof- und Theaterkunst

repräsentieren. Die leichtfertige Anmut eines Boucher, Pater und

Lancret, die technische Virtuosität der Illustrationen eines Gravelot,

Choffard, Marillier erschienen den deutschen Künstlern als das

höchste und letzte Ziel, dem zuzustreben alle Kräfte eingesetzt

werden mußten, selbst zu einer Zeit, als jenseits der Vogesen bereits

ein Widerspruch gegen die verzärtelte Geschmacksbildung der älteren

Generation sich erhob. Diderot hatte in seinen Salonkritiken den Krieg

gegen die Unnatur der Rokokomalerei begonnen. Im Jahre 1761 schreibt

er von Boucher: „~Cet homme a tout, excepté la verité.~“ und

fügt 1765 hinzu: „~J’ose dire, qu’il n’a jamais connu la verité. Je

vous défie de trouver dans toute une campagne un brin d’herbe de ses

paysages.~“ Das neue Schlagwort „~la verité~“ konnte nirgends

ein kräftigeres Echo wecken, als bei Chodowiecki. Wir haben oben (S.

15) aus seinen Selbstbekenntnissen eine Stelle citiert, die ihn als

rückhaltlosen Verteidiger ungeschminkter und ungepuderter Natürlichkeit

in der Kunst kennzeichnet; nicht ohne Bitterkeit schrieb er in einem

wohl für den Druck bestimmten Aufsatz „über den Verfall der Künste“

die Sätze nieder: „Könige wissen sich selten in dem, was die Kunst

betrifft, selbst zu rathen ... des Königs (Friedrichs II.) Geschmack

wurde auch französisch. Er schaffte sich vatteauxsche und lancretsche

Gemählde an und behängte damit die Wände in Sanssouci.“ Für den

begeisterten Apostel künstlerischer Wahrhaftigkeit hatte Friedrich

der Große so wenig einen Blick, wie für Lessing, der den Kampf gegen

welschen Schwulst und Abgeschmack auf litterarischem Gebiet aufnahm.

In der bildenden Kunst wurde dieser Kampf, das wird jeder Unbefangene

eingestehen müssen, allerdings mit recht ungleichen Waffen geführt. Auf

seiten der Franzosen geistsprühende graziöse Beweglichkeit, raffinierte

Technik, durch alte Kultur anerzogene Kunstgewöhnung, bei den Deutschen

philiströse Schwerfälligkeit, mangelhafte technische Erziehung, ein

künstlerisch ungebildetes Publikum. Klagt doch Ewald von Kleist

gelegentlich, daß man „in dem großen Berlin kaum drei bis vier Leute

von Genie und Geschmack“ träfe. Unter solchen Verhältnissen verdient

jeder Versuch, sich aus der Sphäre deutscher Unzulänglichkeit zu neuen

Zielen aufzuraffen, doppelte Bewunderung. Aber Chodowiecki gab sich

über die Bedeutung seines Wirkens darum keinen Illusionen hin, seine

bescheidene Selbstgenügsamkeit spricht sich in den Versen aus, die

er einem Kalenderkupfer von 1779 (~E.~ 306, 5) als Unterschrift

beifügte:

Mein Gärtchen ist nur klein

Doch groß genug, mich zu ernähren

Und frisch genug, mich zu erfreun.

Willst du mir, Himmel, einen Wunsch gewähren,

So müßte stets mein Glück so wie mein Gärtchen seyn.

[Illustration: Abb. 163. +Segest übergibt Germanicus die Burg.+

Illustration zu Kleins Leben der großen Deutschen. Mannheim 1785.

(~E.~ 354.)]

Und doch war dieses stillbeschlossene Gärtchen in dem großen Lande

deutscher Kunst eines der am saubersten gepflegten und blütenreichsten,

das auch heute noch, wo andere Gebiete im Staub der Vergessenheit

versunken sind, den Blick des Wanderers immer wieder und wieder anzieht.

[Illustration: Abb. 164. +Illustration zu Wielands Idris.+

Lauenburger Kalender. 1790. (~E.~ 608.)]

[Illustration: Abb. 165. +Allegorie auf den Tod Friedrich des

Großen.+

Chodowiecki · 第 67 / 81 题