Bleistiftzeichnung im Besitz des Direktor Wichern. Altona.]

Nach dem Tode Bernhard Rodes wurde 1797 Chodowiecki zum Direktor der

Kunstakademie gewählt, obwohl er sich nicht, wie Gottfried Schadow,

der Maler Darbes und der Archäologe Hirt um diese Stelle beworben

hatte. Neue Repräsentationspflichten und Amtsgeschäfte wurden damit

auf seine Schultern gewälzt, aber mit rüstiger Energie ging er an die

Aufgabe, wenngleich er mit vielen Einrichtungen der Anstalt sich nie

ganz einverstanden erklären konnte. Im Jahre nach seiner Ernennung zum

Direktor wurde ihm von der Kunstakademie in Siena das Diplom eines

~accademico associato libero~ zugestellt. All diese Ehren und

Anerkennungen vermochten seine Bescheidenheit nicht zu alterieren,

leider auch nicht den Schwund der Kräfte aufzuhalten, der sich mehr

und mehr geltend machte. Im Februar 1800 erlitt er einen leichten

Schlaganfall in der Akademie und ein Jahr darauf, am 27. Februar 1801

schloß er für immer seine Augen.

* *

*

[Illustration: Abb. 141. +Fräulein Gralath, die Kirche betretend.+

Federzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin.

Königl. Akademie.]

[Illustration: Abb. 142. +Figurenstudien aus einer Danziger

Kirche.+

Federzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin.

Königl. Akademie.]

[Illustration: Abb. 143. +Porträtskizze der Frau Oehmichen.+

Bleistiftzeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773. Berlin.

Königl. Akademie.]

Wenn wir das künstlerische Lebenswerk Chodowieckis überblicken,

erregt zunächst die erstaunliche Fruchtbarkeit des Meisters unsere

Bewunderung. Seine Radierungen allein füllen im königlichen

Kupferstichkabinett zu Berlin, das allerdings wohl das vollständigste

Chodowieckiwerk von allen öffentlichen Sammlungen besitzt, nicht

weniger als zweiunddreißig große Foliomappen; Engelmanns Verzeichnis

zählt 2075 Darstellungen auf, die von ihm, und zwar fast +durchweg

nach eigener Erfindung+, radiert sind. Dazu kommen die zahllosen

Zeichnungen in öffentlichem und privatem Besitz, die Ölbilder,

Miniaturmalereien und Emails seiner Hand. Nur rastlose Emsigkeit,

nimmermüder Fleiß kann uns dafür die Erklärung geben. In der That

hat die Welt wohl selten einen arbeitsameren Künstler gesehen: oft

opferte er den Schlaf der Arbeit oder ruhte doch nur wenige Stunden

in seinen Kleidern während der Nacht, um am frühen Morgen seine

Thätigkeit wieder aufzunehmen. So schreibt der nahezu Siebzigjährige

1794 an den Hofrat Becker: „Ich saß vorgestern zwischen Eins und

Zwey und zeichnete, schlief ein, und viel Seitlings vom Stuhle zur

Erden;“ eine dem Briefe beigefügte launige Zeichnung erläutert die

besonderen Umstände des Unfalls. Freilich wäre es ihm trotz solcher

Ausdauer nicht möglich gewesen, alle die Aufträge auszuführen, die

ihm zu teil wurden -- so hat er z. B. im Jahre 1780 allein 145 Kupfer

radiert -- hätte er nicht über eine absolute technische Sicherheit

verfügt. Von der Schnelligkeit seines Arbeitens gab er einmal einen

schlagenden Beweis: man saß bei seinem Hausgenossen und Freunde

Professor Erman in lustiger Unterhaltung beisammen, als dieser eine

kleine von ihm selbst gefertigte Skizze einer Soldatenschlägerei in

der Behrenstraße hervorholte. Chodowiecki nahm das Blatt, verschwand

damit, um nach wenigen Minuten den verblüfften Freunden die mit der

kalten Nadel gestochene Platte und einige Abdrücke derselben auf Papier

vorzulegen (Abb. 123, ~E.~ 750; die kleinen Straßenfigürchen

am unteren Teil der Platte, sowie die Inschrift sind erst später

hinzugefügt). Und doch ging unser Meister bei der Vorbereitung und

Ausführung seiner Radierungen gemeinhin sehr sorgsam zu Werke. Zunächst

wurde die Darstellung mit leichten, aber sicheren Bleistift- oder

Federstrichen auf Papier skizziert (Abb. 125 bis 132), gewissenhaft

auch die perspektivischen Hilfslinien, insbesondere bei Interieurs,

gezogen (Abb. 129, 130), mit Rotstift und Tusche sodann noch

einzelne Drucker hineingesetzt, und die Schattenpartien ausgeführt;

und erst, nachdem der Zeichner sich so von der bildmäßigen Wirkung

der Komposition überzeugt, wobei er nicht selten verfehlte Stellen

überklebte und neu ausführte (Abb. 131, 132), wurde die Zeichnung

auf den mit Ruß geschwärzten Ätzgrund der Kupferplatte gepaust. Nun

begann die eigentliche Thätigkeit des Radierens, indem der Künstler

mit der Radiernadel die gepausten Linien in den Ätzgrund (eine

zusammengeschmolzene Masse von Wachs, Harz und Asphalt, die mit

einem Tampon auf der Kupferplatte verteilt war) einritzte. Die so

freigelegten Stellen des Kupfers wurden durch ein wiederholtes Bad in

Scheidewasser tief geätzt, und damit war schließlich die Platte, an der

man überdies noch Retouchen mit der Schneidenadel anbringen konnte, für

den Abdruck vorbereitet. Mit Druckerschwärze eingerieben und sorgfältig

gewischt, so daß die Schwärze nur in den Vertiefungen der gezeichneten

Striche haften blieb, kam sie darauf in die Kupferdruckpresse, von

der Papierdrucke in beliebiger Zahl -- bis zu dreitausend Exemplaren

-- abgezogen werden konnten. Dieses umständliche und öfterem Mißraten

ausgesetzte Verfahren besorgte Chodowiecki in späteren Jahren, als

er sich eine eigene Presse im Hause hielt, vielfach selbst mit einem

Druckergehilfen. Größere Folgen von Illustrationskupfern pflegte er

auf eine Platte zu bringen, und erst das Papierexemplar wurde zur

Verwendung in den Büchern in seine einzelnen Teile zerschnitten.

Oft veränderte er nach den ersten Abzügen -- den sogenannten Ätz-

oder Probedrucken -- noch die Arbeit auf der Platte, um Einzelheiten

schärfer herauszuheben und durchzuarbeiten. Von einigen dieser

Ätzdrucke finden sich Exemplare, welche noch die Bleistiftkorrekturen

seiner Hand zeigen, die bei späteren Abdrucksgattungen berücksichtigt

sind. Begreiflicherweise nutzt sich die Kupferplatte bei starker

Inanspruchnahme schnell ab, und die ersten Abzüge, die der Sammler

an den fehlenden Zusätzen und Retouchen leicht erkennt, sind die

frischesten und klarsten im Druck. Die Kalender- und Almanachverleger

sahen sich daher bei der großen Auflage oft genötigt, die schon stark

mitgenommenen Platten neu aufzuätzen und zu retouchieren, wodurch die

späteren Abdrücke an Zartheit natürlich Einbuße erlitten. Alle diese

Verschiedenheiten alterieren den Wert der einzelnen Abdrucksgattungen,

und Chodowiecki, dessen Betriebsamkeit geschäftliche Vorteile sich

ungern entgehen ließ, versäumte nicht, recht zahlreiche Plattenzustände

(Etals) herzustellen, da deren vollzähliger Besitz früh schon zu den

Liebhabercapricen der Sammlerwelt gehörte. Auch die Randeinfälle,

jene bereits oben erwähnten, flüchtig mit der Schneidenadel in den

Plattenrand eingeritzten kleinen Darstellungen (Abb. 133), dienen als

Merkzeichen früherer Zustände, und häufig machten sich Fälscher diesen

Umstand zu nutze, indem sie ausgedruckte Platten auch später noch mit

solchen Einfällen versahen, die natürlich ein geübtes Kennerauge nur

selten täuschen werden.

[Illustration: Abb. 144. +Lesendes Mädchen.+ Rötelstudie im Besitz

der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]

[Illustration: Abb. 145. +Stickende Mädchen.+

Chodowiecki · 第 58 / 81 题