Mit der ganzen Umständlichkeit jener Zeit wurde die Reise, die der
Künstler zu Pferde machen mußte, da er das Fahren nicht vertrug,
vorbereitet. Schon im April des Jahres erhandelte er nach reiflicher
Überlegung einen Falben, der uns in seinen Zeichnungen freilich nicht
gerade den Eindruck macht, als sei er den Strapazen eines so weiten
Rittes sonderlich gewachsen gewesen, der aber gleichwohl unterwegs
oft die Tauschlust anderer Pferdebesitzer erregte und also doch wohl
seine Vorzüge gehabt haben muß. Am 3. Juni nahm er Abschied von seiner
Familie und trabte, das Felleisen auf den Sattel geschnallt, über die
schlecht gepflegten Landstraßen der Mark und Hinterpommerns mit kurzen
Nachtrasten gen Danzig. Oft genug nahm er unterwegs die Zügel zwischen
die Zähne, um die Hände zum Zeichnen frei zu haben. In Freienwalde läßt
er sich mit einer Fähre über die Oder setzen, zieht dann über Massow,
wo eine übermütige Gesellschaft seine Nachtruhe stört, nach Plathe;
hier begegnet ihm eine Berliner Putzhändlerin, die ebenfalls auf der
Fahrt nach Danzig begriffen ist. Kleine Unfälle, wie das Hineingeraten
seines Pferdes in einen Sumpf, ein stürmisches Unwetter auf dem Wege
nach Köslin, scheinen ihm romantisch und wichtig genug, um mit seinem
Zeichenstift davon Nachricht zu geben. Auch die Reisegesellschaft,
die er unterwegs trifft -- seien es nun Bauern auf elenden Gäulen,
fahrendes Volk oder ein Kopenhagener Kaufmann, der mit seinem
einspännigen Meßwagen nach Königsberg zieht -- regt ihn zu Skizzen an,
die oft von köstlichem Humor beseelt sind. Bald nähert er sich der
Heimatstadt: an den prächtigen Landsitzen Danziger Patrizier in Oliva
und Pelonken geht es vorüber, der Blick schweift zur Linken auf die
von Segelschiffen belebte Ostsee, und endlich nach anstrengender Fahrt
tauchen die Türme Danzigs vor dem Blick des Reisenden auf. Am Olivaer
Thor, durch das er die Stadt betritt, begegnet ihm in vierspänniger
Staatskarosse der Bürgermeister Conradi, vor dem die Stadtwache
salutiert. Der wackere Falbe wird in einen Pensionsstall eingestellt,
und mit jenem wunderlichen Mischgefühl, das uns das Wiedersehen der
Heimat nach langer Trennung weckt, schreitet Chodowiecki über das
altgewohnte Pflaster der Langgasse, vor deren Beischlägen ihm die Ulmen
und Linden wie alte Bekannte ein Willkommen zurauschen, zum Vaterhause.
Im Hausflur, von dessen massiven Eichenschränken saubere Delfter
Vasen herabblinken, erwartet ihn bereits seine Schwester Concordia.
Oben, in dem nach dem Hof heraus gelegenen Zimmer angelangt, in dem
seine Schwestern ihre Schülerinnen zu unterrichten pflegten, umarmt
er in überquellender Freude des Wiedersehens seine greise Mutter.
Dies Blatt zählt zu den liebenswürdigsten der ganzen Folge: durch
das breite, unverhängte Fenster flutet die Sonne über die zärtliche
Gruppe, spielt auf dem Lehnsessel und den Kinderstühlchen, die zur
Seite der Betten stehen. Auf dem Klavier, das die eine Längswand des
Raumes einnimmt, liegen noch die Bücher, aus denen die Schwestern,
die jetzt mit neugierigen Blicken den Heimgekehrten mustern,
unterrichtet haben, der Nähkorb auf einem Klapptisch, die Töpfe und
Vasen auf dem Eckschränkchen, alles verleiht der sonst sehr einfach
eingerichteten Stube den Ausdruck der Wohnlichkeit, und man begreift,
mit welcher Liebe das Auge des Künstlers an all diesem traulichen
Hausrat herumtastete, mit welchem Behagen er die langentbehrte, wohlige
Atmosphäre des Vaterhauses nach langer Trennung in sich einsog. Immer
redseliger wird sein Zeichenstift, je länger sich sein ursprünglich
nur auf zwei Wochen berechneter Aufenthalt in der Heimat ausdehnt. Da
werden Bekannte und Kunstgenossen, wie die Maler Wessel, Lohrmann,
der Kupferstecher Deisch und andere besucht, Ausflüge in die schöne
Umgebung der Hansestadt wechseln mit Gastereien, Visiten (Abb. 38,
41) und Studien in Kirchen und Gemäldesammlungen; die vornehme und
im ganzen sehr exklusive Gesellschaft der alten Hansestadt reißt
sich förmlich um den Besuch des berühmten Künstlers, der niemals
sein Skizzenbuch bei solchen Gelegenheiten mit neuen anmutigen
Familienscenen zu füllen vergißt. Auch als Porträtist und Miniaturmaler
wird er vielfach, namentlich von der polnischen Aristokratie, an deren
Spitze der Graf Podoski, Erzbischof von Gnesen stand, in Anspruch
genommen. Chodowiecki selbst berechnete später seine Einnahmen
aus solcher Beschäftigung während seines zweimonatlichen Danziger
Aufenthaltes auf 760 Thaler. Da er mit Vorliebe sich selbst bei der
Arbeit schilderte und namentlich oft auch in dem Zimmer seiner Mutter
(Abb. 42) Bekannte porträtierte, radierte er eine Platte, die das
Zimmer und ihn am Zeichentisch darstellte, und zeichnete dann später in
die einzelnen Abdrücke dieser Platte die verschiedenen Personen hinein,
die ihm dort Modell gesessen. Wenn uns diese Art, Arbeit zu sparen,
heute auch wenig künstlerisch erscheint, so wirft sie andrerseits ein
bezeichnendes Licht auf die lebhafte Nachfrage nach Bildnissen seiner
Hand.
[Illustration: Abb. 59. +Marianne und Herr von Sängling in der
Gartenlaube überrascht.+ (~E.~ 104.)