Illustration zu Nicolai’s Sebaldus Nothanker. Berlin. 1776.]

Mit der ganzen Umständlichkeit jener Zeit wurde die Reise, die der

Künstler zu Pferde machen mußte, da er das Fahren nicht vertrug,

vorbereitet. Schon im April des Jahres erhandelte er nach reiflicher

Überlegung einen Falben, der uns in seinen Zeichnungen freilich nicht

gerade den Eindruck macht, als sei er den Strapazen eines so weiten

Rittes sonderlich gewachsen gewesen, der aber gleichwohl unterwegs

oft die Tauschlust anderer Pferdebesitzer erregte und also doch wohl

seine Vorzüge gehabt haben muß. Am 3. Juni nahm er Abschied von seiner

Familie und trabte, das Felleisen auf den Sattel geschnallt, über die

schlecht gepflegten Landstraßen der Mark und Hinterpommerns mit kurzen

Nachtrasten gen Danzig. Oft genug nahm er unterwegs die Zügel zwischen

die Zähne, um die Hände zum Zeichnen frei zu haben. In Freienwalde läßt

er sich mit einer Fähre über die Oder setzen, zieht dann über Massow,

wo eine übermütige Gesellschaft seine Nachtruhe stört, nach Plathe;

hier begegnet ihm eine Berliner Putzhändlerin, die ebenfalls auf der

Fahrt nach Danzig begriffen ist. Kleine Unfälle, wie das Hineingeraten

seines Pferdes in einen Sumpf, ein stürmisches Unwetter auf dem Wege

nach Köslin, scheinen ihm romantisch und wichtig genug, um mit seinem

Zeichenstift davon Nachricht zu geben. Auch die Reisegesellschaft,

die er unterwegs trifft -- seien es nun Bauern auf elenden Gäulen,

fahrendes Volk oder ein Kopenhagener Kaufmann, der mit seinem

einspännigen Meßwagen nach Königsberg zieht -- regt ihn zu Skizzen an,

die oft von köstlichem Humor beseelt sind. Bald nähert er sich der

Heimatstadt: an den prächtigen Landsitzen Danziger Patrizier in Oliva

und Pelonken geht es vorüber, der Blick schweift zur Linken auf die

von Segelschiffen belebte Ostsee, und endlich nach anstrengender Fahrt

tauchen die Türme Danzigs vor dem Blick des Reisenden auf. Am Olivaer

Thor, durch das er die Stadt betritt, begegnet ihm in vierspänniger

Staatskarosse der Bürgermeister Conradi, vor dem die Stadtwache

salutiert. Der wackere Falbe wird in einen Pensionsstall eingestellt,

und mit jenem wunderlichen Mischgefühl, das uns das Wiedersehen der

Heimat nach langer Trennung weckt, schreitet Chodowiecki über das

altgewohnte Pflaster der Langgasse, vor deren Beischlägen ihm die Ulmen

und Linden wie alte Bekannte ein Willkommen zurauschen, zum Vaterhause.

Im Hausflur, von dessen massiven Eichenschränken saubere Delfter

Vasen herabblinken, erwartet ihn bereits seine Schwester Concordia.

Oben, in dem nach dem Hof heraus gelegenen Zimmer angelangt, in dem

seine Schwestern ihre Schülerinnen zu unterrichten pflegten, umarmt

er in überquellender Freude des Wiedersehens seine greise Mutter.

Dies Blatt zählt zu den liebenswürdigsten der ganzen Folge: durch

das breite, unverhängte Fenster flutet die Sonne über die zärtliche

Gruppe, spielt auf dem Lehnsessel und den Kinderstühlchen, die zur

Seite der Betten stehen. Auf dem Klavier, das die eine Längswand des

Raumes einnimmt, liegen noch die Bücher, aus denen die Schwestern,

die jetzt mit neugierigen Blicken den Heimgekehrten mustern,

unterrichtet haben, der Nähkorb auf einem Klapptisch, die Töpfe und

Vasen auf dem Eckschränkchen, alles verleiht der sonst sehr einfach

eingerichteten Stube den Ausdruck der Wohnlichkeit, und man begreift,

mit welcher Liebe das Auge des Künstlers an all diesem traulichen

Hausrat herumtastete, mit welchem Behagen er die langentbehrte, wohlige

Atmosphäre des Vaterhauses nach langer Trennung in sich einsog. Immer

redseliger wird sein Zeichenstift, je länger sich sein ursprünglich

nur auf zwei Wochen berechneter Aufenthalt in der Heimat ausdehnt. Da

werden Bekannte und Kunstgenossen, wie die Maler Wessel, Lohrmann,

der Kupferstecher Deisch und andere besucht, Ausflüge in die schöne

Umgebung der Hansestadt wechseln mit Gastereien, Visiten (Abb. 38,

41) und Studien in Kirchen und Gemäldesammlungen; die vornehme und

im ganzen sehr exklusive Gesellschaft der alten Hansestadt reißt

sich förmlich um den Besuch des berühmten Künstlers, der niemals

sein Skizzenbuch bei solchen Gelegenheiten mit neuen anmutigen

Familienscenen zu füllen vergißt. Auch als Porträtist und Miniaturmaler

wird er vielfach, namentlich von der polnischen Aristokratie, an deren

Spitze der Graf Podoski, Erzbischof von Gnesen stand, in Anspruch

genommen. Chodowiecki selbst berechnete später seine Einnahmen

aus solcher Beschäftigung während seines zweimonatlichen Danziger

Aufenthaltes auf 760 Thaler. Da er mit Vorliebe sich selbst bei der

Arbeit schilderte und namentlich oft auch in dem Zimmer seiner Mutter

(Abb. 42) Bekannte porträtierte, radierte er eine Platte, die das

Zimmer und ihn am Zeichentisch darstellte, und zeichnete dann später in

die einzelnen Abdrücke dieser Platte die verschiedenen Personen hinein,

die ihm dort Modell gesessen. Wenn uns diese Art, Arbeit zu sparen,

heute auch wenig künstlerisch erscheint, so wirft sie andrerseits ein

bezeichnendes Licht auf die lebhafte Nachfrage nach Bildnissen seiner

Hand.

[Illustration: Abb. 59. +Marianne und Herr von Sängling in der

Gartenlaube überrascht.+ (~E.~ 104.)

Chodowiecki · 第 34 / 81 题