Den glücklichen Sieger von Roßbach stellte Chodowiecki an der Spitze
der Gardekürassiere in einem größeren 1758 datierten Blatte dar
(~E.~ 9), das jedenfalls schon für den Verkauf bestimmt war. Auch
Aufträge zu Titelkupfern begannen allmählich bei ihm einzulaufen.
So mußte er für die vom französischen Konsistorium herausgegebene
Übersetzung des Psalters einen Titel stechen (~E.~ 19), der
freilich die Schwäche seiner Erfindung auf religiösem Gebiet
unzweideutig offenbart. Die größere allegorische Darstellung „Der
Friede bringt den König wieder“, eine recht matte Verherrlichung des
Friedensjubels nach dem Abschluß des siebenjährigen Krieges, trug
dem Künstler 1763 sogar eine Audienz bei dem Großen König ein, die
aber wenig seinen darauf gesetzten Hoffnungen entsprach. Im Jahre
darauf wurde er als Miniaturmaler in die Königliche Akademie der
Künste aufgenommen, der er nachmals als Direktor vorstehen sollte.
Das Glück begann dem rastlos Vorwärtsstrebenden zu lächeln. Schon ein
Porträt der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen, der
nachmaligen Gattin Wilhelms V. von Oranien, 1767 in größerem
Format zierlich nach einem Ölbilde radiert und mit einer gefälligen
Umrahmung versehen (~E.~ 45), hatte lebhafte Aufmerksamkeit der
kunstfreundlichen Kreise Berlins und Amsterdams erregt, nicht minder
die nach unserem Geschmack etwas frostige Allegorie auf die Vermählung
derselben Fürstin (Abb. 28, ~E.~ 46), und vollends entschied
der im selben Jahre gemalte (Abb. 29) und dann radierte Abschied
des Calas von seiner Familie, der sogenannte „große Calas“ (Abb. 30,
~E.~ 48) den Ruf Chodowieckis als Radierer. Dieses Blatt dankte
seinen großen Erfolg wohl mit seinem Gegenstande, der die Gemüter
damals lebhaft beschäftigte. Jean Calas von Toulouse war 1762 als Opfer
katholischer Unduldsamkeit auf dem Folterrade gestorben, obwohl er
der Anklage gegenüber, seinen zum Katholicismus übergetretenen Sohn
ermordet zu haben, stets seine Unschuld beteuert hatte. Voltaire hatte
den Prozeß zum Anlaß einer leidenschaftlichen Schrift genommen, in der
er die Intoleranz der katholischen Geistlichkeit in grellstem Lichte
darstellte, und thatsächlich ergab eine Revision der Verhandlungen
die Unschuld des Hingerichteten. Die Erbitterung gegen die Ankläger
war in ganz Europa und besonders auch in der französischen Kolonie
Berlins ebenso lebhaft, wie das Mitgefühl mit dem Opfer dieses
Justizmordes und seiner Familie. Ein Kupferstich von Delafosse
nach Carmontelles Zeichnung „~la malheureuse famille de Calas~“,
der 1765 erschienen war, hatte Chodowiecki zu einer Ölkopie angeregt,
die erst vor kurzem im Besitz des Großherzogs von Hessen aus ihrer
Verschollenheit wiederauftauchte (Schloß Fischbach in Schlesien),
und dieser ließ er 1767 als Gegenstück seine Radierung „~les
adieux de Calas~“ folgen. Der Gefangene ist im Kerker mit seiner
zwischen Trost und Jammer schwankenden Familie dargestellt, wie er
von den Seinen gerührten Abschied nimmt. Der Kerkermeister löst ihm
die Fußschellen; an der Thüre, durch die zwei Mönche hereintreten,
steht die Wache, die den Verurteilten zum Richtplatze geleiten soll.
Das Ganze ist im Geschmack der ~comédie larmoyante~ und in
der Formensprache Greuzes gehalten, auch technisch keine sonderlich
imponierende Leistung. Chodowiecki hatte, wie er selbst erzählt,
alle gedruckten Urkunden des Prozesses durchstöbert und sich mit
sichtlicher Liebe in den Gegenstand vertieft. Dieser verschaffte
dem Blatte, wie gesagt, wohl hauptsächlich seine große Popularität.
Das klingt auch durch Lavaters begeisterte Anerkennung durch, der
in seinen „physiognomischen Fragmenten“ das Blatt als „eines der
herrlichsten, natürlichsten, kräftigsten Stücke“ feierte, die er
je gesehen. „Welche alles beherrschende Wahrheit!“ so ruft er aus:
„Welche Natürlichkeit! welche Zusammensetzung! welche Festigkeit ohne
Schärfe! Welche Zartheit ohne Kleinmeisterei! welche Bedeutung im
Ganzen und in einzelnen Teilen! Welcher Kontrast in den Charaktern und
welche Einheit und Harmonie im Ganzen! und immer und immer Wahrheit
-- und immer Natur, und solche Wahrheit, solche Natur, daß man sich
nicht einen Augenblick kann einfallen lassen, daß der Auftritt, daß
die Zusammensetzung, irgend eine einzige Person oder der geringste
Umstand erdichtet sey -- nichts übertrieben! alles Poesie, und nicht
ein Schein von Poesie -- Ihr vergeßt das Bild, und seht, und seht
nicht! Ihr seid da im Gefängnis der leidenden Unschuld!“ Erscheinen
uns solche hohlen Tiraden heute auch stark überschwenglich, so sind
sie doch ungemein bezeichnend für die Zeit und die Begeisterung, mit
der man vor Chodowieckis Bild Thränen „wehmütiger Wollust“ vergoß.
Der Künstler selbst hat in einer leise satirisch gefärbten Zeichnung,
die Johann Heinrich Lips stach, die Wirkung dieses Bildes auf die
vier Temperamente geschildert. Da sehen wir den Sanguiniker zornig
die Faust gegen die Mörder ballen, den Melancholiker seine Thränen
der Rührung trocknen, den Choleriker brütend auf die Gruppe starren,
während der fettgemästete Phlegmatiker auf einem Lehnstuhl sitzend,
blöde und gleichmütig vor sich hinstiert. Der künstlerisch gebildete
Blick eines französischen Diplomaten, der die Radierung irrtümlich für
eine Nachbildung von fremder Hand nach dem Originalgemälde Chodowieckis
hielt, war schärfer; er sagte zum Künstler: „~Vous avez été bien
mal gravé!~“ „Sie können sich vorstellen,“ fügt Chodowiecki
freimütig der Erzählung dieser Anekdote hinzu, „daß ich nicht sagte:
‚~Je l’ai gravé moi-même.~‘“ Gleichviel, das Blatt machte seinen
Schöpfer bekannt, und die Anträge der Leipziger und Berliner Verleger
zur Übernahme von Illustrationskupfern mehrten sich bald nach dem
Erscheinen des Calas in überraschender Weise. Insbesondere wurde auch
der Philanthrop +Johann Bernhard Basedow+ auf den talentvollen
Radierer aufmerksam. Im Anschluß an Rousseaus Bestrebungen zur Reform
der Jugenderziehung hatte dieser Schriftsteller ein „Elementarbuch
der menschlichen Erkenntnisse“ vorbereitet, das von der Wichtigkeit
des Anschauungsunterrichts ausgehend, die Grundlagen einer neuen
Pädagogik entwickeln sollte. Für solche Aufgabe war der scharfblickende
Kinderfreund Chodowiecki ein besonders willkommener und bereiter
Helfer. Gleich nach den ersten Verhandlungen über das Unternehmen
machte er sich 1769 an die Arbeit, die Illustrationen für das auf vier
Bände berechnete „Elementarwerk“ zu zeichnen und zum Teil auch selbst
aufs Kupfer zu bringen. Im Verlauf von fünf Jahren hatte er mit einem
Stab von Stechern und Radierern die Arbeit so weit gefördert, daß
das Werk erscheinen konnte. Der Erfolg war über Erwarten groß; das
Buch wurde in verschiedene Sprachen, sogar ins Russische übersetzt
und überallhin verbreitet, wo man für die philanthropischen Pläne
Rousseaus und Basedows eingenommen war. Und das war damals fast ganz
Europa. Nicht wenig trugen zu dieser schnellen Verbreitung Chodowieckis
Kupfer bei. Er, der so liebevoll sich in die innersten Regungen der
Kinderseele vertieft hatte, der den Wert traulichen Familienlebens
aus eigener Erfahrung kannte, war entschieden am ehesten befähigt
und berufen, Basedows Anschauungen künstlerisch zu propagieren.
Gerade in jenen Jahren hatte er in dem „~Cabinet d’un peintre~“
(Abb. 3) die Freuden im Schoß der Familie in so rührender Schlichtheit
geschildert und schon früher in dem Bildnis seiner kleinen Tochter
Jeanette, einer der liebenswürdigsten und glücklichsten Arbeiten seines
Pinsels (Abb. 31), den Beweis geliefert, wie die Lust an der Wiedergabe
kindlichen Lebens alle seine Fähigkeiten zu steigern vermochte.
[Illustration: Abb. 34. +Das Blindekuhspiel.+ Ölbild in der
Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin.]
[Illustration: Abb. 35. +Gesellschaft im Tiergarten zu Berlin.+
Ölbild im städtischen Museum zu Leipzig.]
[Illustration: Abb. 36. +Titelkupfer zu Sulzers Theorie der schönen
Künste.+ Leipzig 1771. (~E.~ 76.)]
[Illustration: Abb. 37. +Bei den Zelten im Tiergarten zu Berlin.+
Ölbild im Besitz der Familie Rosenberger.]
[Illustration: Abb. 38. +Chodowiecki wird vom Kaufmann Gerdes zu
seiner kranken Frau geführt.+ Zeichnung aus dem Tagebuch der
Danziger Reise. 1773.]
[Illustration: Abb. 39. +Chodowiecki malt die Gräfin Czapska.+
Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.]
[Illustration: Abb. 40. +Die Zelte im Tiergarten zu Berlin.+ 1772.
(~E.~ 83.)]
Die Abbildungen des Elementarwerks sollten die Jugend mit allem
bekannt machen, was im Leben ihre Fragelust wecken würde. So
führt uns Chodowiecki zuerst im bürgerlichen Hause umher, läßt
uns einen Blick in seine verschiedenen Räume thun, dann hinaus
in die Natur, auf den Markt, in die Werkstätten der Handwerker,
die Amtsstuben der Behörden u. s. w., überall mit den Augen eines
Kindes umherspähend und in lehrhafter Weise Bestimmung und Wesen
des Erspähten erläuternd. Uns Nachgeborenen ist das Kupferwerk aber
mehr als ein einfaches Bilderbuch für die Jugend, mehr als ein
Denkmal der pädagogischen Bestrebungen der Aufklärungsepoche, wir
schätzen in ihm ein Nachschlagewerk zur deutschen Kulturgeschichte
des vorigen Jahrhunderts, das fast überall, auch über die kleinen
und scheinbar unbedeutenden Einzelheiten des damaligen Lebens,
wahrheitsgetreue, belehrende Auskunft gibt. Künstlerisch ist die
Ausführung der Kupfer, die zum großen Teil von Gehilfen Chodowieckis
besorgt wurde, recht ungleich, auch der Zeichnung merkt man hier und
da an, daß der Meister nicht ganz bei der Sache war, aber, wo er
seine gelegentlichen, aus Freude an den Motiven entstandenen Skizzen
benutzt, kommt die ganze Frische seiner Naturauffassung hervor. Auch
für ein zweites pädagogisches Werk, den Agathokrator, der sich mit der
Erziehung der Fürstenkinder beschäftigte, nahm Basedow Chodowieckis
Hilfe in Anspruch, freilich in weit geringerem Umfang, als bei dem
Elementarwerk. Eines der Blätter des Agathokrator zeigt uns den
in neuen Projekten unermüdlichen Philanthropen selbst, wie er in
Gegenwart der fürstlichen Familie in Dessau den jugendlichen Prinzen
die Wirkungen der Luftpumpe demonstriert (Abb. 33, ~E.~ 71), ein
zweites die „Educationshandlung“, ein Kaufhaus, das nach Basedows
Plänen als Bezugsquelle aller für den Anschauungsunterricht notwendigen
Modelle, Instrumente und Maschinen dienen sollte (~E.~ 72).
[Illustration: Abb. 41. +Abendgesellschaft bei dem Kaufmann
Gerdes.+