Leipzig 1771. (~E.~ 71.)]

Den glücklichen Sieger von Roßbach stellte Chodowiecki an der Spitze

der Gardekürassiere in einem größeren 1758 datierten Blatte dar

(~E.~ 9), das jedenfalls schon für den Verkauf bestimmt war. Auch

Aufträge zu Titelkupfern begannen allmählich bei ihm einzulaufen.

So mußte er für die vom französischen Konsistorium herausgegebene

Übersetzung des Psalters einen Titel stechen (~E.~ 19), der

freilich die Schwäche seiner Erfindung auf religiösem Gebiet

unzweideutig offenbart. Die größere allegorische Darstellung „Der

Friede bringt den König wieder“, eine recht matte Verherrlichung des

Friedensjubels nach dem Abschluß des siebenjährigen Krieges, trug

dem Künstler 1763 sogar eine Audienz bei dem Großen König ein, die

aber wenig seinen darauf gesetzten Hoffnungen entsprach. Im Jahre

darauf wurde er als Miniaturmaler in die Königliche Akademie der

Künste aufgenommen, der er nachmals als Direktor vorstehen sollte.

Das Glück begann dem rastlos Vorwärtsstrebenden zu lächeln. Schon ein

Porträt der Prinzessin Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen, der

nachmaligen Gattin Wilhelms V. von Oranien, 1767 in größerem

Format zierlich nach einem Ölbilde radiert und mit einer gefälligen

Umrahmung versehen (~E.~ 45), hatte lebhafte Aufmerksamkeit der

kunstfreundlichen Kreise Berlins und Amsterdams erregt, nicht minder

die nach unserem Geschmack etwas frostige Allegorie auf die Vermählung

derselben Fürstin (Abb. 28, ~E.~ 46), und vollends entschied

der im selben Jahre gemalte (Abb. 29) und dann radierte Abschied

des Calas von seiner Familie, der sogenannte „große Calas“ (Abb. 30,

~E.~ 48) den Ruf Chodowieckis als Radierer. Dieses Blatt dankte

seinen großen Erfolg wohl mit seinem Gegenstande, der die Gemüter

damals lebhaft beschäftigte. Jean Calas von Toulouse war 1762 als Opfer

katholischer Unduldsamkeit auf dem Folterrade gestorben, obwohl er

der Anklage gegenüber, seinen zum Katholicismus übergetretenen Sohn

ermordet zu haben, stets seine Unschuld beteuert hatte. Voltaire hatte

den Prozeß zum Anlaß einer leidenschaftlichen Schrift genommen, in der

er die Intoleranz der katholischen Geistlichkeit in grellstem Lichte

darstellte, und thatsächlich ergab eine Revision der Verhandlungen

die Unschuld des Hingerichteten. Die Erbitterung gegen die Ankläger

war in ganz Europa und besonders auch in der französischen Kolonie

Berlins ebenso lebhaft, wie das Mitgefühl mit dem Opfer dieses

Justizmordes und seiner Familie. Ein Kupferstich von Delafosse

nach Carmontelles Zeichnung „~la malheureuse famille de Calas~“,

der 1765 erschienen war, hatte Chodowiecki zu einer Ölkopie angeregt,

die erst vor kurzem im Besitz des Großherzogs von Hessen aus ihrer

Verschollenheit wiederauftauchte (Schloß Fischbach in Schlesien),

und dieser ließ er 1767 als Gegenstück seine Radierung „~les

adieux de Calas~“ folgen. Der Gefangene ist im Kerker mit seiner

zwischen Trost und Jammer schwankenden Familie dargestellt, wie er

von den Seinen gerührten Abschied nimmt. Der Kerkermeister löst ihm

die Fußschellen; an der Thüre, durch die zwei Mönche hereintreten,

steht die Wache, die den Verurteilten zum Richtplatze geleiten soll.

Das Ganze ist im Geschmack der ~comédie larmoyante~ und in

der Formensprache Greuzes gehalten, auch technisch keine sonderlich

imponierende Leistung. Chodowiecki hatte, wie er selbst erzählt,

alle gedruckten Urkunden des Prozesses durchstöbert und sich mit

sichtlicher Liebe in den Gegenstand vertieft. Dieser verschaffte

dem Blatte, wie gesagt, wohl hauptsächlich seine große Popularität.

Das klingt auch durch Lavaters begeisterte Anerkennung durch, der

in seinen „physiognomischen Fragmenten“ das Blatt als „eines der

herrlichsten, natürlichsten, kräftigsten Stücke“ feierte, die er

je gesehen. „Welche alles beherrschende Wahrheit!“ so ruft er aus:

„Welche Natürlichkeit! welche Zusammensetzung! welche Festigkeit ohne

Schärfe! Welche Zartheit ohne Kleinmeisterei! welche Bedeutung im

Ganzen und in einzelnen Teilen! Welcher Kontrast in den Charaktern und

welche Einheit und Harmonie im Ganzen! und immer und immer Wahrheit

-- und immer Natur, und solche Wahrheit, solche Natur, daß man sich

nicht einen Augenblick kann einfallen lassen, daß der Auftritt, daß

die Zusammensetzung, irgend eine einzige Person oder der geringste

Umstand erdichtet sey -- nichts übertrieben! alles Poesie, und nicht

ein Schein von Poesie -- Ihr vergeßt das Bild, und seht, und seht

nicht! Ihr seid da im Gefängnis der leidenden Unschuld!“ Erscheinen

uns solche hohlen Tiraden heute auch stark überschwenglich, so sind

sie doch ungemein bezeichnend für die Zeit und die Begeisterung, mit

der man vor Chodowieckis Bild Thränen „wehmütiger Wollust“ vergoß.

Der Künstler selbst hat in einer leise satirisch gefärbten Zeichnung,

die Johann Heinrich Lips stach, die Wirkung dieses Bildes auf die

vier Temperamente geschildert. Da sehen wir den Sanguiniker zornig

die Faust gegen die Mörder ballen, den Melancholiker seine Thränen

der Rührung trocknen, den Choleriker brütend auf die Gruppe starren,

während der fettgemästete Phlegmatiker auf einem Lehnstuhl sitzend,

blöde und gleichmütig vor sich hinstiert. Der künstlerisch gebildete

Blick eines französischen Diplomaten, der die Radierung irrtümlich für

eine Nachbildung von fremder Hand nach dem Originalgemälde Chodowieckis

hielt, war schärfer; er sagte zum Künstler: „~Vous avez été bien

mal gravé!~“ „Sie können sich vorstellen,“ fügt Chodowiecki

freimütig der Erzählung dieser Anekdote hinzu, „daß ich nicht sagte:

‚~Je l’ai gravé moi-même.~‘“ Gleichviel, das Blatt machte seinen

Schöpfer bekannt, und die Anträge der Leipziger und Berliner Verleger

zur Übernahme von Illustrationskupfern mehrten sich bald nach dem

Erscheinen des Calas in überraschender Weise. Insbesondere wurde auch

der Philanthrop +Johann Bernhard Basedow+ auf den talentvollen

Radierer aufmerksam. Im Anschluß an Rousseaus Bestrebungen zur Reform

der Jugenderziehung hatte dieser Schriftsteller ein „Elementarbuch

der menschlichen Erkenntnisse“ vorbereitet, das von der Wichtigkeit

des Anschauungsunterrichts ausgehend, die Grundlagen einer neuen

Pädagogik entwickeln sollte. Für solche Aufgabe war der scharfblickende

Kinderfreund Chodowiecki ein besonders willkommener und bereiter

Helfer. Gleich nach den ersten Verhandlungen über das Unternehmen

machte er sich 1769 an die Arbeit, die Illustrationen für das auf vier

Bände berechnete „Elementarwerk“ zu zeichnen und zum Teil auch selbst

aufs Kupfer zu bringen. Im Verlauf von fünf Jahren hatte er mit einem

Stab von Stechern und Radierern die Arbeit so weit gefördert, daß

das Werk erscheinen konnte. Der Erfolg war über Erwarten groß; das

Buch wurde in verschiedene Sprachen, sogar ins Russische übersetzt

und überallhin verbreitet, wo man für die philanthropischen Pläne

Rousseaus und Basedows eingenommen war. Und das war damals fast ganz

Europa. Nicht wenig trugen zu dieser schnellen Verbreitung Chodowieckis

Kupfer bei. Er, der so liebevoll sich in die innersten Regungen der

Kinderseele vertieft hatte, der den Wert traulichen Familienlebens

aus eigener Erfahrung kannte, war entschieden am ehesten befähigt

und berufen, Basedows Anschauungen künstlerisch zu propagieren.

Gerade in jenen Jahren hatte er in dem „~Cabinet d’un peintre~“

(Abb. 3) die Freuden im Schoß der Familie in so rührender Schlichtheit

geschildert und schon früher in dem Bildnis seiner kleinen Tochter

Jeanette, einer der liebenswürdigsten und glücklichsten Arbeiten seines

Pinsels (Abb. 31), den Beweis geliefert, wie die Lust an der Wiedergabe

kindlichen Lebens alle seine Fähigkeiten zu steigern vermochte.

[Illustration: Abb. 34. +Das Blindekuhspiel.+ Ölbild in der

Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin.]

[Illustration: Abb. 35. +Gesellschaft im Tiergarten zu Berlin.+

Ölbild im städtischen Museum zu Leipzig.]

[Illustration: Abb. 36. +Titelkupfer zu Sulzers Theorie der schönen

Künste.+ Leipzig 1771. (~E.~ 76.)]

[Illustration: Abb. 37. +Bei den Zelten im Tiergarten zu Berlin.+

Ölbild im Besitz der Familie Rosenberger.]

[Illustration: Abb. 38. +Chodowiecki wird vom Kaufmann Gerdes zu

seiner kranken Frau geführt.+ Zeichnung aus dem Tagebuch der

Danziger Reise. 1773.]

[Illustration: Abb. 39. +Chodowiecki malt die Gräfin Czapska.+

Zeichnung aus dem Tagebuch der Danziger Reise. 1773.]

[Illustration: Abb. 40. +Die Zelte im Tiergarten zu Berlin.+ 1772.

(~E.~ 83.)]

Die Abbildungen des Elementarwerks sollten die Jugend mit allem

bekannt machen, was im Leben ihre Fragelust wecken würde. So

führt uns Chodowiecki zuerst im bürgerlichen Hause umher, läßt

uns einen Blick in seine verschiedenen Räume thun, dann hinaus

in die Natur, auf den Markt, in die Werkstätten der Handwerker,

die Amtsstuben der Behörden u. s. w., überall mit den Augen eines

Kindes umherspähend und in lehrhafter Weise Bestimmung und Wesen

des Erspähten erläuternd. Uns Nachgeborenen ist das Kupferwerk aber

mehr als ein einfaches Bilderbuch für die Jugend, mehr als ein

Denkmal der pädagogischen Bestrebungen der Aufklärungsepoche, wir

schätzen in ihm ein Nachschlagewerk zur deutschen Kulturgeschichte

des vorigen Jahrhunderts, das fast überall, auch über die kleinen

und scheinbar unbedeutenden Einzelheiten des damaligen Lebens,

wahrheitsgetreue, belehrende Auskunft gibt. Künstlerisch ist die

Ausführung der Kupfer, die zum großen Teil von Gehilfen Chodowieckis

besorgt wurde, recht ungleich, auch der Zeichnung merkt man hier und

da an, daß der Meister nicht ganz bei der Sache war, aber, wo er

seine gelegentlichen, aus Freude an den Motiven entstandenen Skizzen

benutzt, kommt die ganze Frische seiner Naturauffassung hervor. Auch

für ein zweites pädagogisches Werk, den Agathokrator, der sich mit der

Erziehung der Fürstenkinder beschäftigte, nahm Basedow Chodowieckis

Hilfe in Anspruch, freilich in weit geringerem Umfang, als bei dem

Elementarwerk. Eines der Blätter des Agathokrator zeigt uns den

in neuen Projekten unermüdlichen Philanthropen selbst, wie er in

Gegenwart der fürstlichen Familie in Dessau den jugendlichen Prinzen

die Wirkungen der Luftpumpe demonstriert (Abb. 33, ~E.~ 71), ein

zweites die „Educationshandlung“, ein Kaufhaus, das nach Basedows

Plänen als Bezugsquelle aller für den Anschauungsunterricht notwendigen

Modelle, Instrumente und Maschinen dienen sollte (~E.~ 72).

[Illustration: Abb. 41. +Abendgesellschaft bei dem Kaufmann

Gerdes.+

Chodowiecki · 第 23 / 81 题