[Illustration: Abb. 20. +Bleistiftstudie zu dem Ölbild+ Abb. 21.]
[Illustration: Abb. 21. +Gesellschaft am Fenster.+ Ölbild im
Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
Jedenfalls war diese kunstgewerbliche Thätigkeit einträglich, denn
schon im Jahre 1755, nachdem er aus dem Geschäft seines Oheims
ausgetreten war, ging Chodowiecki daran, sich eine eigne Häuslichkeit
zu gründen, indem er sich mit Jeanne Barez, der Tochter eines
Goldstickers aus der französischen Kolonie Berlins, verlobte und
bald auch (am 18. Juli desselben Jahres) verheiratete. Das junge
Paar bezog ein Haus in der Brüderstraße (jetzige Nr. 7), wo auch
Daniels Bruder Gottfried mit seiner Gattin sein Heim aufschlug. Erst
1777 übersiedelte er nach dem Hause in der Behrenstraße 31, das,
mittlerweile umgebaut, heute eine Gedenktafel zu Ehren seines einstigen
Bewohners trägt. Es galt jetzt für die Familie zu sorgen, die sich
schnell vermehrte, und mit redlichem Fleiß widmete sich der Künstler
nach wie vor der Miniaturporträtmalerei, die er sich, nachdem seine
Arbeiten einmal den Beifall weiterer Kreise gefunden hatten, gut
bezahlen ließ (Abb. 11-14). Sein Streben war aber auf höhere Ziele
gerichtet; mit rührender Ausdauer studierte er die damals in Blüte
stehende kunsttheoretische Litteratur, die ihm freilich kaum mehr als
pedantische Schulmeisterregeln eines verzopften Eklekticismus bot,
und übte sich unablässig im Skizzieren nach der Natur. Es entstanden
einige jener reizenden Bleistiftzeichnungen, die uns wie künstlerische
Tagebuchblätter aus dem Familienleben des achtzehnten Jahrhunderts
anmuten, frisch und unmittelbar aufgefaßt und oft seinen ausgeführten
Arbeiten an Wirkung überlegen (Abb. 15, 16). „Ich zeichnete nebenher,“
so berichtet er in seiner ungedruckten Selbstbiographie, aus der zum
erstenmal Oettingen interessante Auszüge mitgeteilt hat,[2] „war ich
in Gesellschaft, so setzte ich mich so, daß ich die Gesellschaft oder
eine Gruppe aus derselben oder auch nur eine einzige Figur übersehen
konnte, und zeichnete so geschwind, oder auch mit so vielem Fleiß, als
es die Zeit oder die Stätigkeit der Personen erlaubte. Bat niemals
um Erlaubnis, sondern suchte es so verstohlen wie möglich zu machen;
denn, wenn ein Frauenzimmer (und auch zuweilen Mannspersonen) weiß, daß
man’s zeichnen will, so will es sich angenehm stellen und verdirbt
alles, die Stellung wird gezwungen. Ich ließ es mich nicht verdrießen,
wenn man mir auch, wenn ich halb fertig war, davonlief; es war doch so
viel gewonnen. Was habe ich dabei zuweilen für herrliche Gruppen mit
Licht und Schatten, +mit allen den Vorzügen, die die Natur, wenn sie
sich selbst überlassen ist, vor allen den so gerühmten Idealen hat+,
in mein Taschenbuch eingetragen! Auch des Abends bei Licht habe ich das
oft gethan; kein besseres Studium, um große Partien, Licht und Schatten
hervorzubringen. Ich habe stehend, gehend, reitend gezeichnet; -- --
ich habe nach Gemälden wenig, nach Gips etwas, viel mehr nach der Natur
gezeichnet. Bei ihr fand ich die meiste Befriedigung, den meisten
Nutzen: sie ist meine einzige Lehrerin, meine einzige Führerin, meine
Wohlthäterin.“ Daneben zeichnete Chodowiecki eifrig bei Bernhard Rode,
dem bekannten Berliner Schnell- und Vielmaler, Akt (Abb. 17-19), um
auch für die Malerei großen Stils sich vorzubilden.
[2] W. von Oettingen, Daniel Chodowiecki. Berlin 1895, ~p.~ 63.
[Illustration: Abb. 22. +Gesellschaft beim Kartenspiel.+ Ölbild im
Besitz der Frau ~Dr.~ Ewald. Berlin.]
[Illustration: Abb. 23. +Die Wochenstube.+ Ölbild im Besitz von
Herrn Wilhelm Chodowiecki. Berlin.]
Seine ersten Versuche in der Ölmalerei fallen in das Jahr 1757. Trotz
des fieberhaften Eifers, den er dieser Beschäftigung widmete, mußte
er nur zu bald einsehen, daß seine Begabung ihn nach einer anderen
Richtung wies. Das älteste uns erhaltene Ölbildchen seiner Hand -- es
war 1896 in der historischen Abteilung der Berliner internationalen
Ausstellung unverbürgt als Travestie der biblischen Scene: Jakob bei
Laban ankommend ausgestellt (Nr. 3395 des Katalogs) -- ist zwar sehr
charakteristisch in Zeichnung und Ausdruck der Köpfe, aber in der
Farbe durchaus unerfreulich und verfehlt, ja geradezu unmalerisch. Es
stellt novellistisch zugespitzt die Werbung eines plumpen alten Freiers
um ein junges Mädchen dar, das ihre Gunst bereits einem jüngeren
Liebhaber geschenkt zu haben scheint.
[Illustration: Abb. 24. +Familienscene bei Kerzenlicht.+ Ölbild im
Besitz des Herrn Direktor Wichern. Altona.]
Ein Idyll aus der Patriarchenzeit, die dem Geschmack des Jahrhunderts,
seiner Sehnsucht nach gefühlvoller Einfalt, Familienglück und
Redlichkeit besonders zusagte, „Elieser und Rebekka“ -- ebenfalls in
den fünfziger Jahren entstanden -- ist seither verschollen. Es wird
kaum den späteren Ölbildern, von denen weiter unten die Rede sein
soll, überlegen gewesen sein. Am besten gelangen Chodowiecki auch in
dieser Technik die bürgerlichen Familienscenen, wie jene in silbrigem
Gesamtton gehaltenen Genrebildchen bei Frau ~Dr.~ Ewald in Berlin,
die uns eine Gesellschaft am Fenster und eine Lhombrepartie (datiert
1757, ausgestellt in Berlin 1896, Nr. 3389 und 3390 des Katalogs, Abb.
21 u. 22), vorführen, oder die kleinbürgerliche Wochenstube im Besitz
eines Urenkels des Künstlers (Abb. 23) und das trauliche Interieur bei
Kerzenlicht (Abb. 24). Hier sind die stillen Freuden des Privatlebens
mit anheimelnder Intimität und überzeugender Wahrheit geschildert.
Chodowiecki offenbart sich in ihnen als der unübertroffene Meister der
„~peinture familière et domestique~.“
[Illustration: Abb. 25. +Die Kinderstube.+ 1764. (~E.~ 24.)]
Im Jahre 1757 entstand auch die erste Radierung seiner Hand, „~le
Passe dix~ oder der Würfler“ genannt (~E.~ 1). Ein verkommener,
buckliger Knopfstempelmacher der französischen Kolonie, Nikolaus
Fonvielle, der sich in den Wirtshäusern der Stadt herumtrieb und --
eine maskierte Bettelei -- mit den Gästen, denen er als Pickelhering
Spaß machte, um Bier würfelte, hat Chodowiecki dazu Modell gestanden.
Die neue Technik, in der unser Meister später so große Triumphe
feiern sollte, machte ihm anfangs viele Schwierigkeiten; Chodowiecki
bezeichnete die Arbeit selbst als einen „mutwilligen Versuch“ und
betrieb zunächst die Radierung überhaupt nur als gelegentliche
Nebenbeschäftigung: Studienköpfe und Genrefiguren (Abb. 25, 26,
~E.~ 24 u. 35), die er mehr zu seinem Vergnügen auf die Platte
brachte, überwiegen in den ersten Jahren seiner Radiererthätigkeit. So
sehen wir die Demoiselles Quantin, Bekannte seiner Familie, wie sie
eines Morgens im Negligée dem Maler die freudige Nachricht einer von
den Preußen gewonnenen Schlacht überbringen (Abb. 27, ~E.~ 10),
Bauern- und Betteljungen und anderes derart im Geschmack Jean-Siméon
Chardins, mit dem unser Meister überhaupt mehr Berührungspunkte, als
mit irgend einem anderen französischen Vorgänger hat, entstehen.
[Illustration: Abb. 26. +Drei Damen am Fenster.+ 1764. (~E.~
35.)]
Als die ersten russischen Gefangenen 1758, von preußischem
Militär eskortiert, durch Berlin zogen, erregte der Anblick der
zerlumpten Gestalten nicht nur sein Mitgefühl, sondern auch seinen
Darstellungstrieb. Mit seiner Gattin eilte er auf den Schloßplatz und
verteilte Almosen und Liebesgaben an die halbverhungerten Krieger,
die ihm zugleich als Modelle für eine Radierung dienten (~E.~
12). Ebenso fesselte das malerisch aufgeputzte Gefolge des türkischen
Gesandten Achmet Effendi, der 1764 nach Berlin kam, lebhaft sein
Interesse (~E.~ 25, 43, 44).
[Illustration: Abb. 27. +Die Demoiselles Quantin.+ 1758.
(~E.~ 10.)]
[Illustration: Abb. 28. +Allegorie auf die Vermählung der Prinzessin
Friederike Sophie Wilhelmine von Preußen mit dem Prinzen Wilhelm
V. von Oranien.+ 1767. (~E.~ 46.)]
[Illustration: Abb. 29. +Der Abschied des Calas von seiner
Familie.+ Ölbild in der Gemäldegalerie der königl. Museen zu Berlin.
1767.]
[Illustration: Abb. 30. +Der Abschied des Calas von seiner
Familie.+ 1767. (~E.~ 48.)]
[Illustration: Abb. 31. +Jeannette Chodowiecka, die älteste Tochter
des Künstlers.+ 1763.