Langweilig -- diese Wintertage -- -- --

Ich habe nach Hause geschrieben und ein paar offizielle Besuche

gemacht. Man nahm mich überall liebenswürdig auf und stellte die

obligaten Fragen, -- wo ich wohne, wie ich mir mein Leben einzurichten

gedenke und was ich studiere. Der alte Hofrat schien es etwas

bedenklich zu finden, daß ich kein bestimmtes Studium ergreifen will

und so wenig fixierte Interessen habe, -- ich solle mich vorsehen,

nicht in schlechte Gesellschaft zu geraten. -- Das war sicher sehr

wohlgemeint, aber es fällt mir auf die Nerven, wenn die Leute glauben,

ich sei nur hier, um mir »die Hörner abzulaufen« und mich nebenbei auf

irgendeinen Beruf vorzubereiten.

Es war eine Erholung, nachher ~Dr.~ Gerhard im Café zu treffen. Ich

erzählte ihm von meinen Familienbesuchen, er räusperte sich ein paarmal

und sah mich prüfend an. Dann meinte er, das mit dem Hörnerablaufen

sei wohl eine veraltete studentische Schablone, aber es gäbe

neuerdings eine ganze Anzahl junger Leute, die sich »gärenshalber« hier

aufhielten, und zu diesen würde wohl auch ich zu rechnen sein.

Eine sonderbare Definition -- »gärenshalber« -- aber der Doktor drückt

sich gerne etwas gewunden aus -- das scheint überhaupt hier üblich zu

sein.

Wenn man darüber nachdenkt, hat er eigentlich nicht ganz unrecht.

Vielleicht ist etwas Wahres daran -- es kommt mir ganz plausibel vor,

daß mein Stiefvater mich gärenshalber hergeschickt hat. Nur paßt es

wohl gerade auf mich nicht recht. Ich habe keine Tendenzen zum Gären

und auch gar kein Verlangen danach -- überhaupt nicht viel eigne

Initiative -- ich werde einfach zu irgend etwas verurteilt, und das

geschieht dann mit mir. Mein Stiefvater meint es sehr gut und hat viel

Verständnis für meine Veranlagung; so pflege ich im großen und ganzen

auch immer zu tun, was er über mich verhängt.

Verhängt -- ja, das ist wohl das richtige Wort. Schon allein die

äußeren Umstände bringen es mit sich, daß immer alles eine Art

Verhängnis für mich wird. Zum Beispiel in erster Linie mein Name

und meine Väter. Meinen richtigen Vater habe ich kaum gekannt -- er

soll sehr unsympathisch gewesen sein -- und nur den Namen von ihm

bekommen. Mein Stiefvater hat einen normalen, unauffälligen Namen und

war eigentlich die erste Liebe meiner Mutter. Sie hätte ihn ebensogut

gleich heiraten können, und alles wäre vermieden worden. Es wurde

aber nicht vermieden, denn es war über mich verhängt, diesen Namen zu

bekommen und mein Leben lang mit ihm herumzulaufen.

Dame -- Herr Dame -- wie kann man Herr Dame heißen? so fragen die

anderen, und so habe ich selbst gefragt, bis ich die Antwort fand:

Ich bin eben dazu verurteilt, und der Name verurteilt mich weiter

zu allem möglichen -- zum Beispiel zu einer ganz bestimmten Art von

Lebensführung -- einem matten, neutralen Auftreten, das mich irgendwie

motiviert. Dissonanzen kann ich nun einmal nicht vertragen, und das

Matte, Neutrale liegt wohl auch in meiner Natur. Ich habe es nur

allmählich noch mehr herausgearbeitet und richtig betonen gelernt.

Über das alles habe ich mit ~Dr.~ Gerhard ausführlich gesprochen,

er schien es auch zu verstehen, und es interessierte ihn. Der

»Verurteilte« sei wohl ein Typus, meinte er, mit derselben Berechtigung

wie »der Verschwender«, »der Don Juan«, »der Abenteurer« und so weiter

als feststehende Typen betrachtet würden. Dann hat er gesagt, jeder

Mensch habe nun einmal seine Biographie, der er nachleben müsse. Es

käme nur darauf an, das richtig zu verstehen -- man müsse selbst

fühlen, was in die Biographie hineingehört und sich ihr anpaßt -- alles

andere solle man ja beiseite lassen oder vermeiden.

Herrn Dames Aufzeichnungen: oder, Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil · 第 7 / 44 题