~Copyright 1913 by Albert Langen, Munich~
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Verehrter Freund und Gönner!
Sie wissen ja -- Sie wissen genug darüber, wer »Wir« sind -- womit
wir uns unterhalten, und mit welchem Inhalt wir die uns zugemessenen
Erdentage zu erfüllen suchen. Sie wissen auch, wie wir das Dasein
je nachdem als ernste und schwerwiegende Sache -- als heiteren
Zeitvertreib, als absoluten Stumpfsinn oder auch als recht schlechten
Scherz hinzunehmen, aufzufassen und zu gestalten pflegen.
_Sie_ waren es, der von jeher das richtige Verständnis für unseren
Plural hatte -- für die große Vereinfachung und anderseits die
ungeheure Bereicherung des Lebens, die wir ihm verdanken. Wie armselig,
wie vereinzelt, wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das
erzählende oder erlebende »Ich« da -- wie reich und stark dagegen das
»Wir«.
_Wir_ können in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen, untergehen --
harmonisch damit verschmelzen. -- _Ich_ springt immer wieder heraus,
schnell wieder empor, wie die kleinen Teufel in Holzschachteln, die man
auf dem Jahrmarkt kauft. Immer strebt es nach Zusammenhängen -- und
findet sie nicht. -- _Wir_ brauchen keinen Zusammenhang, -- wir sind
selbst einer.
Die Sendung, die wir heute unserem Briefe beifügen, oder, richtiger,
der Inhalt eben dieser Sendung, ist wieder ein neuer Beweis dafür.
Denn dies alles, teurer Freund, den wir insgesamt gleich schätzen und
verehren, gilt nur als Vorrede einer Vorrede, die jetzt beginnen und
Ihnen zur Erläuterung beifolgender Dokumente dienen soll, -- das heißt
zur Erläuterung des Umstandes, daß wir eben diese Dokumente in Ihre
Hände legen und von Ihnen die Lösung manches Rätsels erhoffen.
Mit den Papieren hat es nun folgende Bewandtnis:
Es mag etwa dreiviertel Jahr her sein, daß wir gelegentlich einer
Seereise einen jungen Menschen kennen lernten. Wir fanden ihn sehr
liebenswürdig und unterhielten uns gerne mit ihm. Es dauerte allerdings
einige Zeit, bis es so weit kam, denn er war zu Anfang ungemein
zurückhaltend und schien schwere seelische Erschütterungen durchgemacht
zu haben -- aber davon später.
Der junge Mann hieß mit dem Nachnamen: Dame -- also Herr Dame -- dieser
Umstand mochte wohl einiges zu seiner reservierten Haltung beitragen
und gehörte zu den vielen Hemmungen, über die er sich beklagte. Wenn er
sich vorstellte oder vorstellen ließ, wurde er stets etwas unsicher
und fügte jedesmal hinzu: -- »Dame, ja -- ich heiße nämlich Dame«.
Wir fragten ihn einmal, weshalb er das täte -- der Name sei doch nicht
auffallender als viele andere, und er mache auf diese Weise eigentlich
die Leute selbst erst aufmerksam, daß sich eine Seltsamkeit, sozusagen
eine Art Naturspiel daraus konstruieren lasse.
Er entgegnete trübe: Ja, das wisse er wohl, aber er könne nicht anders,
und es gehöre nun einmal zu seiner Biographie. (Diese Bemerkung lernten
wir erst später bei der Lektüre seiner Aufzeichnungen verstehen.) Herr
Dame war seinem Äußeren und seinem Wesen nach durchaus der Typus:
junger Mann aus guter Familie und von sorgfältiger Erziehung, mit einer
Beimischung von mattem Lebemannstum -- sehr matt und sehr äußerlich.
Er wäre nie ohne einwandfreie Bügelfalte auf die Straße gegangen, auch
wenn ihm das Herz noch so weh tat -- und das Herz muß ihm wohl oft sehr
weh getan haben. Die Grundnote seines Wesens war überhaupt eine gewisse
betrübte Nachdenklichkeit oder nachdenkliche Trübsal, aber daneben
liebte er Parfüms und schöne Taschentücher.
Als wir ihn kennen lernten, war er schweigsam und verstört; allmählich,
besonders, wenn wir in den warmen Nächten an Deck saßen, ging ihm
immer das Herz auf, und er erzählte von sich selbst und von seiner
Biographie -- wie er längere Zeit unter eigentümlichen Menschen gelebt
und eigentümliche Dinge mitangesehen und auch miterlebt habe. Schon
von Haus aus habe er einen dunklen Trieb in sich gefühlt, das Leben
zu begreifen, und da habe man ihn an jene Menschen gewiesen. Leider
vergeblich, denn er konnte es nun erst recht nicht begreifen, sondern
sei völlig verwirrt geworden und eben jetzt auf dem Wege, in fernen
Ländern Heilung und Genesen zu suchen.
Den Ort, wo sich das alles begeben hat, wollte er nicht gerne näher
bezeichnen -- er sagte nur, es sei nicht eigentlich eine Stadt, sondern
vielmehr ein Stadtteil gewesen -- der auch in seinen Papieren oft und
viel genannt wird. Wir konnten uns das nicht recht vorstellen.
Er erzählte uns denn auch, daß er damals allerhand niedergeschrieben
habe, in der Absicht, vielleicht später einen Roman oder ein
Memoirenwerk daraus zu gestalten, und wir interessierten uns lebhaft
dafür.
So kam die Zeit heran, wo wir uns trennen mußten, denn die Reise ging
zu Ende. An einem der letzten Tage stieg Herr Dame müden Schrittes in
seine Kabine hinab und kam mit einem ansehnlichen Paket beschriebener
Hefte wieder, dann sagte er: wenn es uns Freude mache, sei er gerne
bereit, uns seine Aufzeichnungen zu überlassen. Er wolle sie auch nicht
wieder haben, denn das alles sei für ihn abgetan und läge hinter ihm,
und er habe wenig Platz in seinen Koffern. Was damit geschehe, sei ihm
ganz gleichgültig, wir möchten es je nachdem weitergeben, verschenken,
vernichten oder veröffentlichen. Er selbst würde schwerlich wieder
nach Europa oder gar in jenen Stadtteil zurückkehren. Dann nahmen wir
recht bewegt Abschied und wünschten ihm alles Gute. Es sollte leider
nicht in Erfüllung gehen, denn der Zug, mit dem er weiterfuhr, fiel
einer Katastrophe zum Opfer, und in der Liste der Geretteten war
sein Name nicht genannt, -- so ist wohl leider anzunehmen, daß er
mitverunglückte. Wir haben denn auch nichts mehr von ihm gehört.
* * * * *
Die Aufzeichnungen haben wir gelesen -- es war das erste, was wir damit
taten; aber, wie schon anfangs erwähnt, vieles darin ist uns ziemlich
dunkel geblieben. Nach unserer Ansicht handelt es sich, wie ja auch
Herr Dame selbst meinte, um recht eigentümliche Menschen, Begebnisse
und Anschauungen. -- Unter anderem interessiert es uns lebhaft, wo
jener Stadtteil zu finden ist, in dem sich das alles begeben. Wir
leben, wie Sie wissen, schon so lange in der Fremde, daß es viel zu
anstrengend wäre, die Kulturströmungen einzelner Stadtteile genauer zu
verfolgen.
Vor allem wünschen wir Ihre Ansicht darüber zu erfahren, ob die
vorliegenden Dokumente wohl die Bedeutung eines »~document humain~«
haben und sich zur Veröffentlichung eignen würden. Meinen Sie nicht
auch, daß es dann vielleicht ein schöner Akt der Pietät wäre, dem
anscheinend Frühverblichenen auf diese Weise einen Grabstein zu setzen?
Wenn Sie es für geboten erachten, würden wir Sie bitten, einen
Kommentar dazu zu schreiben -- uns fehlt leider die nötige
Sachkenntnis, und so haben wir uns auf einige bescheidene und mehr
sachliche Anmerkungen beschränkt -- aber vielleicht ist es auch
überflüssig.
* * * * *
Kurzum -- ja, wirklich kurzum, denn wir lieben die Kürze auch dann
noch, wenn wir ausführlich sein müssen -- lieben sie um so mehr, wenn
wir gerade ausführlich gewesen sind --, wir legen diese Papiere und
alles Weitere vertrauensvoll in Ihre Hände ...