XVII.

Die Wildleutlawine ist gegangen! -- Man hat es in dem Aufruhr der

Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, aber der Morgen bringt die

erschreckende Kunde. -- Und heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde! Ein

Mann muß auf Leben und Sterben an die Weißen Bretter steigen und

geheimnisvoll waltet das Los.

Der Sturm der Nacht hat sich gesänftigt, der Himmel hat sich gereinigt,

mit unschuldigem Kinderlächeln schaut er auf die Welt, und der Föhn, der

gewaltige Geselle, schmeichelt um die ergrünenden Berghalden wie ein

verliebter Bursch, der von seinem Mädchen Blumen bettelt.

Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, die Enzianen öffnen

die blauen Augen.

Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hält ihre Augen. Der Tag

entwickelt die alten Bilder! Aus der Runde reiten die Bauern auf ihren

Maultieren zur Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und

Töchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche Ruhe waltet,

tiefer als je an einer Wassertröstung. Da und dort grollt es flüsternd:

»Schon nach elf Jahren. Merkt Ihr es!« Und die dumpfe Antwort lautet:

»Ahorn!« Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: »In zwölf Wochen

spätestens sollen Bären und Krone brennen.«

Wie einsam steht der Bären, das schöne alte Wirtshaus! An die Stangen

vor ihm bindet kein Bauer sein Maultier an. Frau Cresenz tritt ein

paarmal angstvoll unter die Thüre, aber die Ziehenden reiten grußlos

vorbei und stellen die Tiere vor die Häuser der Verwandten oder vor die

Glottermühle.

Verfemt ist der Bären! Nein! Wie die Glocken zu läuten anheben,

schreitet wie ehemals der Gemeinderat in würdigem Zug die Freitreppe

hernieder, voran der Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi

und der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die Binde trägt.

Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der

kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen,

die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der

Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, schaut abgezehrt aus, und

die paar mächtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch länger, noch

tiefer geschnitten. Man würde glauben, er wäre von den beiden der

ältere, wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der ihn sieht,

denken: »Er ist halt doch der Presi!«

Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet

haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Dörfler,

die nach ihm sehen, ist ihm zuwider.

Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder.

Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt, blaß, müde und stumm ist

er im Lauf des Vormittags heimgekommen.

»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weißen Bretter,«

denkt Vroni. »Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder

seine Qual um ihn.«

Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, die betend und jammernd

im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia.

Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen Hand stützt sie

sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen.

-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist

nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht

lächelnd der gräßliche Kaplan?

In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertümlichen Altar

gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den

geschnitzten Stühlen harren hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz

vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie aus Erz

gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Männer. Durch

die gelben, roten, blauen und grünen Scherben, welche die

Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen

Bündel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen

ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grünes Mal auf das Kleid,

und von draußen rauschen die brünstigen Gebete der Frauen.

Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, so warm und

eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: »Es ist ein

Elend, daß man diesem Manne ein Leid anthun muß. Wie spricht er

furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn

nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so frei steht er da. Und

doch weiß er es, er hat gewiß eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben

kann er nicht. Darum muß man den Bären verderben.«

Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand

freiwillig meldet.

»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein

Mädchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an

die Weißen Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm

Freiwerber sein!«

Schweigen.

»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die

heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weißen

Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen

sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar

nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales

darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.«

Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der

Erinnerung aller. Hätten die Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi

Blatter geblickt, so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß

von der Stirne strich.

»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. »Nach alter Sitte ist 77

die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?«

Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen

des Vaterunsers füllt den Raum.

Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darüber, verschließt

ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt ihn und wendet ihn dreimal

feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des

Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf

den Altar.

Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In Gottes, in Jesu Christi,

in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so

wollen wir losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab.

Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten

sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften

bleiben zurück. Am Altar thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die

Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück in die

Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und öffnet sein Los. Den

letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los

nimmt der Presi selbst.

Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut

verrät sich die grenzenlose Spannung, die über der Gemeinde liegt, denn

es gilt als ein Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu

zeigen, oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich

vorbeigegangen ist.

Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.

»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St.

Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag

stehen bleiben.«

Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus

ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen.

»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi feierlich.

»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge

Frau ist ihm kürzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten

Großvater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und

nicht mittellos.

In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen der Männer aus.

Ein feierlicher Augenblick.

Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi und Gemeinderat, darf

ich reden?« fragt er bewegt.

»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig,

doch mit warmer Achtung mißt.

Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert

und mißtrauisch auf ihn gerichtet sind.

Will er an die Stelle Peter Thugis treten?

Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er:

»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von St. Peter! Obwohl ich nur

ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde

zurückgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat

es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen Brettern gefallen

ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es

zugebt und mir die nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis

zum Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch die

Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel überflüssig sind, und

die Blutfron von St. Peter lösen. Es ist die Erfüllung eines Gelübdes

für ein großes Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.«

Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: »Was er sagt, kann niemand

thun!« und halblaute Rufe: »Prahler! -- Großhans! -- Gotteslästerer!«

Der Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das

Wort.«

»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, »das ist wohl

hundertmal stärker an Gewalt als das schwarze und heißt Dynamit. Man

sprengt damit die Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr

euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, daß

damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weißen

Bretter nur ein Spiel ist.«

Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.«

Andere Stimmen sagen: »Hört -- vielleicht hat der Plan doch Hände und

Füße,« wieder andere grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am

Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte mahnen drohend:

»Nein, abhocken, Rebell.«

So schwirren die Rufe.

An heiligen Wassern: Roman aus dem schweizerischen Hochgebirge · 第 40 / 59 题