Die Wildleutlawine ist gegangen! -- Man hat es in dem Aufruhr der
Elemente zu St. Peter kaum bemerkt, aber der Morgen bringt die
erschreckende Kunde. -- Und heute ist Wassertröstung -- Losgemeinde! Ein
Mann muß auf Leben und Sterben an die Weißen Bretter steigen und
geheimnisvoll waltet das Los.
Der Sturm der Nacht hat sich gesänftigt, der Himmel hat sich gereinigt,
mit unschuldigem Kinderlächeln schaut er auf die Welt, und der Föhn, der
gewaltige Geselle, schmeichelt um die ergrünenden Berghalden wie ein
verliebter Bursch, der von seinem Mädchen Blumen bettelt.
Die goldenen Primelsterne leuchten auf den Matten, die Enzianen öffnen
die blauen Augen.
Die von St. Peter achten es nicht, die Sorge hält ihre Augen. Der Tag
entwickelt die alten Bilder! Aus der Runde reiten die Bauern auf ihren
Maultieren zur Kirche, sie tragen die dunkle Tracht und die Frauen und
Töchter drehen im Reiten den Rosenkranz. Finster feierliche Ruhe waltet,
tiefer als je an einer Wassertröstung. Da und dort grollt es flüsternd:
»Schon nach elf Jahren. Merkt Ihr es!« Und die dumpfe Antwort lautet:
»Ahorn!« Durch die ganze Gemeinde schleicht das Wort: »In zwölf Wochen
spätestens sollen Bären und Krone brennen.«
Wie einsam steht der Bären, das schöne alte Wirtshaus! An die Stangen
vor ihm bindet kein Bauer sein Maultier an. Frau Cresenz tritt ein
paarmal angstvoll unter die Thüre, aber die Ziehenden reiten grußlos
vorbei und stellen die Tiere vor die Häuser der Verwandten oder vor die
Glottermühle.
Verfemt ist der Bären! Nein! Wie die Glocken zu läuten anheben,
schreitet wie ehemals der Gemeinderat in würdigem Zug die Freitreppe
hernieder, voran der Weibel mit der silbernen Losurne, dann der Presi
und der Garde, der den Federnhut, das Schwert und die Binde trägt.
Die Männer sind von der Wichtigkeit ihres Amtes ganz durchdrungen. Der
kurze Garde ist frisch, aus dem grauen Bart schauen gesunde rote Wangen,
die klugen und guten Augen unter den buschigen Brauen sind hell. Der
Presi jedoch, der wohl um den Kopf größer ist, schaut abgezehrt aus, und
die paar mächtigen Furchen im glatten Gesicht scheinen noch länger, noch
tiefer geschnitten. Man würde glauben, er wäre von den beiden der
ältere, wie er aber so mit den anderen geht, muß jeder, der ihn sieht,
denken: »Er ist halt doch der Presi!«
Als letzte fast treten Josi und Eusebi, die sich von Vroni verabschiedet
haben, in die Kirche, jener ruhig, aber bleich. Die Neugier der Dörfler,
die nach ihm sehen, ist ihm zuwider.
Mit einem seltsamen sorgenden Blick begleitet Vroni den Bruder.
Er hat kein Wort von Beate Indergand erzählt, blaß, müde und stumm ist
er im Lauf des Vormittags heimgekommen.
»Jetzt geht er am Ende noch als Freiwilliger an die Weißen Bretter,«
denkt Vroni. »Kaum ist so ein lieber Bruder da, hat man schon wieder
seine Qual um ihn.«
Der Weibel riegelt die Thüre vor den Weibern zu, die betend und jammernd
im Kirchhof knieen. Mitten unter ihnen kniet totenfahl Binia.
Ein Zittern läuft durch ihren Körper, mit der schmalen Hand stützt sie
sich auf die Erde des Kirchhofs -- auf den Staub der Dahingegangenen.
-- Sie zuckt. -- Todesgedanken und sie ist noch so jung. Aber was ist
nicht im Teufelsgarten Entsetzliches geschehen? -- Und steht dort nicht
lächelnd der gräßliche Kaplan?
In der Kirche hat sich der Gemeinderat um den altertümlichen Altar
gestellt und der Presi spricht das Heligen-Wasser-Gebet. In den
geschnitzten Stühlen harren hundertundsiebzehn Bürger, den dunklen Filz
vor dem Gesichte, und beten es mit. Nun sinken die Hüte und wie aus Erz
gegossen, ein feierliches Antlitz am anderen, stehen die Männer. Durch
die gelben, roten, blauen und grünen Scherben, welche die
Heiligenfiguren in den Fenstern zusammensetzen, fallen die farbigen
Bündel der Sonne in den golddurchsponnenen Raum und zeichnen dem einen
ein gelbes, dem anderen ein rotes, blaues oder grünes Mal auf das Kleid,
und von draußen rauschen die brünstigen Gebete der Frauen.
Nun redet der Presi und jeder spürt es, so schön, so warm und
eindringlich hat er noch nie gesprochen. Jeder denkt: »Es ist ein
Elend, daß man diesem Manne ein Leid anthun muß. Wie spricht er
furchtlos in die Hundertundsiebzehn, unter denen kaum einer ist, der ihn
nicht grimmig haßt. Wie wenn er es nicht wüßte, so frei steht er da. Und
doch weiß er es, er hat gewiß eine Ahnung vom Ahornbund. Nur nachgeben
kann er nicht. Darum muß man den Bären verderben.«
Jetzt verkündet er die alten Satzungen und fragt, ob sich niemand
freiwillig meldet.
»So ein Knechtlein wäre oder sonst einer geringen Standes, der liebt ein
Mädchen und der Vater will es nicht zugeben, so mag er sich melden, an
die Weißen Bretter steigen für seine Liebe und der Gemeinderat wird ihm
Freiwerber sein!«
Schweigen.
»So einer wäre, der hätte heimliche oder offenbare Schuld, will aber die
heligen Wasser richten, mag er frei vortreten, und wenn er an die Weißen
Bretter steigt, so soll ihm, was er vergangen hat, nicht mehr angesehen
sein, als es unsere Altvordern dem Matthys Jul angesehen haben. Gar
nicht. Der Gemeinderat mag dann vor Gericht den Brauch des Thales
darlegen und im Namen der Gemeinde um seine Freiheit bitten.«
Schweigen! Der gräßliche Sturz Seppi Blatters lebt noch zu frisch in der
Erinnerung aller. Hätten die Gemeinderäte aber vom Altar nach Josi
Blatter geblickt, so hätten sie wohl gesehen, wie er den kalten Schweiß
von der Stirne strich.
»So lasset uns denn losen,« spricht der Presi. »Nach alter Sitte ist 77
die Loszahl. Will es jemand anders oder soll es gelten?«
Schweigen! Jeder der Männer hebt seinen Filz vor den Mund, das Summen
des Vaterunsers füllt den Raum.
Der Presi hebt den Losbecher, spricht sein Gebet darüber, verschließt
ihn mit dem silbernen Deckel, rüttelt ihn und wendet ihn dreimal
feierlich. Das Gleiche thun der Garde und die folgenden Mitglieder des
Gemeinderates, und der letzte, der es thut, stellt den Becher wieder auf
den Altar.
Der Presi spricht mit lauter klarer Stimme: »In Gottes, in Jesu Christi,
in der Jungfrau Maria, in St. Peters und aller Heiligen Namen -- so
wollen wir losen.« Und er hebt den Deckel der Urne ab.
Da formt sich bankweise der Zug zum Altar. Mann hinter Mann schreiten
sie feierlich heran, die von St. Peter, nur die Alten und Bresthaften
bleiben zurück. Am Altar thut jeder einen Stoßseufzer, langt in die
Urne, und von den Stufen hinunter bewegt sich der Zug zurück in die
Stühle. Dort betet jeder wieder in seinen Hut und öffnet sein Los. Den
letzten Gliedern der Gemeinde folgt der Gemeinderat, und das letzte Los
nimmt der Presi selbst.
Langsam und feierlich vollendet sich die Zeremonie, kaum mit einem Laut
verrät sich die grenzenlose Spannung, die über der Gemeinde liegt, denn
es gilt als ein Zeichen der Schwäche, sich hastig oder neugierig zu
zeigen, oder Freude zu äußern, wenn die schreckliche Zahl glücklich
vorbeigegangen ist.
Doch leuchtet jetzt manches Auge mutiger.
»In Gottes, in Jesu Christi, in der heiligen Jungfrau Maria, in St.
Peters und aller Heiligen Namen, der, den das Los getroffen hat, mag
stehen bleiben.«
Alle anderen setzen sich, nur der junge Peter Thugi ragt einsam aus
ihnen. Jede Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen.
»Peter Thugi, habt Ihr das Los?« fragt der Presi feierlich.
»Ja,« sagt der junge Mann, es klingt wie ein Schluchzer. Seine junge
Frau ist ihm kürzlich gestorben, er steht mit zwei Kindern und dem alten
Großvater allein, ist aber sonst fast mit dem ganzen Dorf verwandt und
nicht mittellos.
In einen seltsamen klagenden Laut löst sich das Erbarmen der Männer aus.
Ein feierlicher Augenblick.
Da schnellt Josi Blatter aus der Menge auf: »Presi und Gemeinderat, darf
ich reden?« fragt er bewegt.
»Sprecht, Blatter,« sagt der Presi, indem er den jungen Mann neugierig,
doch mit warmer Achtung mißt.
Josi errötet und verwirrt sich unter den vielen Blicken, die verwundert
und mißtrauisch auf ihn gerichtet sind.
Will er an die Stelle Peter Thugis treten?
Er schluckt ein paarmal; unsicher zuerst, dann immer fester redet er:
»Herr Presi, ihr Gemeinderäte und Bürger von St. Peter! Obwohl ich nur
ein schlichter Mann und erst vor wenigen Tagen aus der Fremde
zurückgekehrt bin, wage ich es, zu euch zu sprechen. Meiner Lebtag hat
es mich beelendet, wie mein Vater selig an den Weißen Brettern gefallen
ist. Ich bin in der Fremde Felsensprenger gewesen, und wenn ihr es
zugebt und mir die nötige Hilfe leistet, so will ich von jetzt an bis
zum Allerheiligentag für die heligen Wasser eine Leitung durch die
Felsen der Weißen Bretter führen, daß alle Kännel überflüssig sind, und
die Blutfron von St. Peter lösen. Es ist die Erfüllung eines Gelübdes
für ein großes Glück, das ich erlebt habe, und ich thue es ohne Lohn.«
Mächtige Bewegung. Man hört dumpfes Murren: »Was er sagt, kann niemand
thun!« und halblaute Rufe: »Prahler! -- Großhans! -- Gotteslästerer!«
Der Presi aber donnert: »Laßt ihn reden. -- Josi Blatter, Ihr habt das
Wort.«
»Es giebt jetzt ein weißes Pulver,« fährt Josi fort, »das ist wohl
hundertmal stärker an Gewalt als das schwarze und heißt Dynamit. Man
sprengt damit die Wege für die Eisenbahnen durch die Berge, und wenn ihr
euch draußen in der Welt erkundigen wollt, so werdet ihr erfahren, daß
damit Werke errichtet worden sind, gegen die ein Gang durch die Weißen
Bretter nur ein Spiel ist.«
Der Bockjeälpler ruft: »Einen Tunnel habe ich auch schon gesehen.«
Andere Stimmen sagen: »Hört -- vielleicht hat der Plan doch Hände und
Füße,« wieder andere grollen: »Nichts Neues in St. Peter, wir haben am
Alten genug.« Dritte drängen: »Nur reden,« und vierte mahnen drohend:
»Nein, abhocken, Rebell.«
So schwirren die Rufe.