Mit diesen Worten drehete ich mich schnell um und sprang zum Zimmer hinaus.
Sie rief, aber ich hörte nicht, sondern sandte ihr das Kammermädchen. Es
ward mir unendlich wohl ums Herz, als ich sie im Rücken hatte, aber
was half die unbedeutende Frist? Wenn es ihr einfiel, mußte ich doch
wiederkommen.
Sechstes Kapitel.
_Drey sonderbare Maulschellen._
Es war natürlich, daß mir mein Verdruß über diese unerträgliche Lage
hundert Plane vorlegte, wie ich mich aus derselben ziehen sollte. Wäre ich
dem ersten Ausbruche meines wilden Zorns gefolgt, so hätte ich die Gräfin
erschossen und mich mit; oder ich hätte meinem rechten Arm den Willen
gelassen, der armen Frau den Kopf eingeschlagen und mich auf flüchtigen
Fuß gesetzt; oder ich hätte öffentlich erklärt, daß ich nicht länger Page
bleiben wollte, wenn man mir nicht einen andern Posten gäbe.
Aber alle diese Wege hatten ihre Unbequemlichkeiten, und ich sah keinen
andern vor mir, als mich eine Weile krank zu stellen, um dadurch zu
bewirken, daß man der Gräfin einen andern Pagen gäbe. Aber das Betteliegen
war mir lästig. Lange Weile und besonders Schaam vor mir selbst, machten
mich nach drey Tagen wieder gesund. Die Gräfin hatte zwar einen andern
Pagen bekommen, aber so bald es hieß, ich sey wieder hergestellt, forderte
sie mich zurück. Ich ging im bittersten Unmuth zu ihr und fühlte, daß mein
Abscheu die letzten drey Tage nicht abgenommen hatte.
Es war des Morgens gegen eilf Uhr, als sie mich rufen ließ. Sie lag fast in
eben der Stellung auf der Ottomanne, als vor drey Tagen, und dies that eben
die widrige Wirkung auf mich wie damals. Ihr platter Busen zeigte sich in
seinem ganzen Lichte, und auf ihren Backenbeinen lag ein heller Karmin, der
gegen ihre natürliche Farbe einen häßlichen Absatz machte.
»Sie können nicht sehr krank gewesen seyn,« hub sie an: »oder Sie haben
einen guten Arzt gehabt.«
Beydes!
»Was wars denn eigentlich? Hatten Sie Kopfschmerz, Beklemmung,
Unverdaulichkeit?«
Nichts von allem!
»Oder Herzbeklemmung?«
Nein!
»Hatten Sie sich nicht in Acht genommen? Viel Wein oder Punsch getrunken?«
Meines Wissens nicht!
Meine kurzen Antworten schienen sie aus aller Fassung zu bringen. Um sich
dafür zu rächen, schob sie mit einer ganz gleichgültigen Bewegung und wie
von ungefähr den Busenflor noch um zwey Finger breit zurück. Das machte mir
wirklich Todesangst.
»Sie scheinen mir immer so mürrisch, Lemberg. Oder ist es Melancholie,
Unzufriedenheit mit Ihrer Lage?«
Das letztre!
»O, sagen Sie mir, entdecken Sie sich mir! Was ich thun kann -- Ich bin
es Ihrer Mutter schuldig, daß ich mich Ihrer annehme. Stehen Sie nicht so
mißtrauisch von der Seite, kommen Sie her, setzen Sie sich, entdecken Sie
sich mir, ich verspreche Ihnen meinen ganzen Einfluß.« --
Ich nahm ihr Anerbieten nicht an, und blieb verstockt stehen. Wenn ich
minder wider sie eingenommen gewesen wäre, so hätte ich wohl sehen
können, daß ihr Betragen nicht Spott war; aber sie hatte es sich selbst
zuzuschreiben, daß mir ihre geringschätzige Aeusserung im Vorzimmer so
gegenwärtig blieb. Genug, ihr ganzes Benehmen däuchte mir boshafter Spott,
und in meinem Herzen kochte eine Wuth, die ich nicht länger zurückhalten
konnte. Ich zitterte an allen Gliedern, und in meinem Gesichte brannte ein
Feuer, das mir die Adern zu sprengen drohte.
Sie erklärte dieses Phänomen zu ihrem Vortheil, und jetzt sehe ich wohl,
daß sie sich schwerlich so viel an ihrem Busen zu schaffen gemacht haben
würde, wenn sie mir hätte ins Herz sehen können.
Plötzlich sprang sie mit einem Angstgeschrey auf und rief: eine Spinne,
eine Spinne, Lemberg, ums Himmelswillen, hier! hier! Ich beschwöre Sie --
Ein schöner Anblick!
Ich will ihr Kammermädchen rufen! sagte ich mit Verdruß und Kälte, und
wollte aus dem Zimmer, aber sie hielt mich.
»Nicht doch, Lemberg! Es war wohl nur Einbildung! Bleiben Sie! Sehn Sie
nichts?«
Ein halber Blick auf die schreckliche Aussicht setzte mich in
unbeschreibliche Verwirrung. Ich sah nicht hin, versicherte aber doch, es
kröche keine Spinne an ihrem Halse.
»Aber hier -- hier kribbelts doch!«
Ich sehe nichts!
»Das ist kein Wunder, Sie sehen auf die Dielen. Gefühlloser Mensch, wie
können Sie beym Schreck einer Dame so gleichgültig seyn? Kommen Sie her und
bitten mirs ab, oder ich kneipe Sie in Ihre kleinen, runden Backen.«
Kaum hatte sie _Backen_ ausgesagt, so stürzte meine ganze kochende, so
lange zurückgehaltene Wuth, in meinen rechten Arm, und der that seine
Pflicht. Ich gab ihr eine Maulschelle, daß sie mit offenem Munde vor
mir stand, und stumm und starr wie ein Pagode nickte. Aber sie hatte
Geistesgegenwart -- sie gab mir zwey Schellen so rasch und hitzig zurück,
daß ich die erste noch nicht fühlte, als mir die zweyte schon auf dem
Backen brannte.
Da standen wir und stutzten uns an, wie zwey Hähne, die einander gewachsen
sind.
Siebentes Kapitel.
_Weltklugheit und Menschenkenntniß._
So standen wir gegen einander über fünf Minuten. Alle ihre Glieder
zitterten vor Bosheit und ihr Mund lachte.
»Wir sind quitt,« sagte sie endlich: »und ich bin noch mit Einer Schelle im
Vortheil. Aber dafür bin ich auch nur ein armes schwaches Weib und Sie --
ein Halbgott!«
Auf einmal war nun mein Erstaunen so groß, als vorhin meine Wuth. Ich hatte
vermuthet, daß sie Himmel und Hölle bewegen, die Beleidigung anzeigen und
nicht eher ruhen würde, bis sie mir ewiges Gefängniß ausgewirkt hätte.
Ueberraschend und unerklärbar war mir also ihr Benehmen.
»Wenn Sie zu dem ersten Schritte Mann genug waren« fuhr sie fort: »so
sind Sie's auch zum zweyten -- Kein Mensch darf erfahren, was unter uns
vorgefallen ist! Versprechen Sie mir das?«
Ich stand von der Seite und hatte kurzen Athem. Sie nahm mit Ungeduld meine
Rechte und drückte sie mit beyden Händen.
»Versprechen Sie mir das?«
Ich machte immer noch dieselbe Pantomime. Sie schüttelte mich.
»Ob Sie mir das versprechen, Lemberg?«
Ich sah an die Decke. Meine Hitze war merklich verflogen.
Sie schlug beyde Hände vor die Brust, als wenn sie außer Athem wäre, und
sank wie ohnmächtig auf den nächsten Stuhl. Ich machte Miene, aus dem
Zimmer zu gehen -- plötzlich waren alle ihre Kräfte wieder da, und sie
hielt mich mit einer Stärke, die ich einer Frau von ihrer Schwächlichkeit
nicht zugetrauet hätte.
»Lemberg,« rief sie mit schwacher Stimme, die ihr aber große Anstrengung
kostete: »Lemberg, seyn Sie nur halb so _großmüthig_ als ich!«
Dies Wort hielt mich und schlug mich beynahe zu Boden. Nur _halb_ so
großmüthig, als dies -- _Weib_?
»Was wollen Sie von mir, gnädige Frau?«
Diese Frage heiterte alle ihre Mienen und Blicke auf, und sie schien alles
Verdrusses, aller Unruhe zu vergessen.
Freylich muß mein Blick, nach den Bewegungen zu schließen, die ich bey
den Worten, »nur halb so großmüthig« empfand, von jenem ganz verschieden
gewesen seyn, mit welchem ich die rechte Hand wider sie aufhob. So weit ich
mich kenne, mußte sie tiefe Beschämung und Demüthigung in demselben bemerkt
haben.
Sie konnte auch von nun an mit mir machen, was sie wollte. Sie zog mich zu
sich auf die Ottomane und ich blieb gelassen sitzen; sie drückte mir die
Hand und ich ließ es geschehen, ohne sie wegzuziehen. Als sie mich so weit
hatte, glaubte sie mich auch nach der Ursache meines wüthenden Betragens
fragen zu können. Ich gestand, daß sie mich zuerst im Vorzimmer beleidigt
habe; erzählte, was ich von dem Pagen Neuberg hatte hören müssen und
beschrieb ihr Zug vor Zug alle die Grade, die mein innerer Verdruß
durchstiegen war, um endlich zum Ausbruche zu stürzen -- und das alles mit
einer feurigen Beredtsamkeit.
Sie schien wie aus einem Traume zu erwachen, und im Nu sprang sie auf,
führte mich zur Thür, stieß mich ziemlich unsanft hinaus und sagte: »Merken
Sie sichs, Lemberg, ich habe nur Eine Maulschelle -- _Sie_ -- _Zwey_!« --
Knall flog die Thür hinter mir zu.
Ich verstand, was sie damit sagen wollte, und mein Blut ward von neuem
rührig. Aber die Thür war hinter mir abgeschlossen.
Achtes Kapitel.
_Malchen und -- Gräfin Waller._
Gewiß ist es, daß sie mich nun durch und durch kannte. Bey minderem
Scharfsinn hätte sie mich höflichst zur Thüre geführt, und mich vielleicht
mit Thränen gebeten, niemand zu sagen, was unter uns vorgefallen sey; aber
sie stieß mich zur Thür hinaus und erreichte eben diesen Zweck.
Man hätte mich mit Pferden zerreißen können, und das Geheimniß wäre nicht
über meine Zunge gekommen.
Ich konnte in der Nacht, die auf diesen Tag folgte, nicht schlafen. Zwey
Bilder beschäftigten meine Phantasie, die man sich nicht ungleichartiger
denken kann -- _Malchen_ und _Gräfin Waller_!
Es war mir unerklärbar, wie mir in der jetzigen Stimmung meines Geistes
und Herzens Malchen so auf einmal vor Augen treten konnte. Ich hatte sie in
drey Jahren nicht gesehen; das Andenken an sie, machte mir, außer einigen
schnell vorübergehenden frohen Empfindungen, nicht die mindeste Unruhe,
und ihr Bild schien von Zeit zu Zeit völlig aus meinem Gedächtnisse
verschwunden zu seyn. Aber diese Nacht kam es zurück, mit hellen, kräftigen
Farben ausgemalt, in einem Glanze, der mein geistiges Auge blendete.
Ich umarmte dies süße Kind meiner Phantasie, drückte es, in Entzücken
verlohren, an mein klopfendes Herz, und wenn ich dann recht zusahe, so
hielt ich -- die Gräfin Waller in meine Arme geschlossen.
Meine eigne, und meiner Leser Delikatesse, erlaubt es mir nicht, einer
Erscheinung deutlicher zu erwähnen, die mich diese Nacht überraschte.
Alles, was ich davon sagen kann, ist, daß sie viel Aehnliches mit der Scene
im Gebüsche hatte, wo uns Malchens Mama überraschte, und daß sie, wie ich
jetzt wohl einsehe, der Schlüssel zu den Phantasieen ist, die mich diese
Nacht beschäftigten.
Einem Beobachter, der mit festem Tritt und unverrücktem Blicke der Natur
folgt, der den zarten Verkettungen, dem fast unsichtbaren Gewebe, den
allerfeinsten Fäden, die nur eine allmächtige Hand zwischen Geist und
Fleisch ziehen konnte, nachzuspüren Beruf und Geduld hat, dem wird
diese Erscheinung, und ihre Ursach kein Räthsel seyn, und der wird mich
verstanden haben.
Ich überließ mich dem Entzücken, Malchen in so verklärter Gestalt wieder zu
sehen, obgleich sie mir noch lieber gewesen wäre, wenn die verhaßte Waller
nicht neben ihr gestanden hätte. Ich wußte nicht, daß der Wunsch, das Bild
dieser Frau vor meinen Blicken zu entfernen, nicht erfüllt werden konnte,
ohne daß ich zugleich sie aus dem Gesichte verlöre. So fest hatte die
Zauberin Natur diese Antipoden zusammengekettet!
Als ich erwachte, war mein erster Gedanke -- Malchen. Wenn ich ein Buch
aufschlug, war der Anfangsbuchstabe jedes Wortes ein _M_. Jedes Mädchen,
das mir begegnete, hatte Aehnlichkeit mit ihr. Einigemal glaubte ich
sie von ferne zu sehen, flog ihr entgegen, war getäuscht. Wenn ich hätte
nachdenken wollen, so würde mir eingefallen seyn, daß sie sich schwerlich
in einem Anzuge würde sehen lassen, den sie vor vier Jahren trug, als ich
sie nach meiner Wanderung bey meinen Eltern wiedersah. Wirklich lief ich
jeder Mädchengestalt nach, die so gekleidet war, als Malchen damals, und
konnte mich dann wundern, daß es nicht Malchen war, da sie doch dieselbe
Farbe trug.
Neuntes Kapitel.
_Liebe, und einige ihrer Wirkungen._
Mein Dienst bey der Gräfin däuchte mir nicht mehr so lästig, als vorher.
Ich muß gestehen, daß ich sogar mit einer Art von Ungeduld den Augenblick
erwartete, wo sie mich würde rufen lassen. Ich fühlte ein unwiderstehliches
Sehnen, und immer war es mir, als wenn ich durch sie Nachrichten von
Malchen erhalten würde. Sonderbar! -- Sie rief mich endlich.
Verdruß und Unwillen lagen sichtbar auf ihrer Stirne. Ich machte ihr eine
Verbeugung die ich schwerlich noch vor jemand so tief gemacht hatte.
Sie gab mir mit weggewandtem Gesicht und in einem herrischen Ton einige
Aufträge, und setzte kein Wort mehr hinzu, als sie sagen mußte, um mir
ihren Willen zu erklären. Die Reihe war nun an ihr, böse zu seyn, bis jetzt
hatte ich dies Vorrecht gehabt.
Dieses Betragen hatte genau die Wirkung, die sie dadurch erreichen wollte.
Ich entledigte mich ihrer Aufträge mit großem Eifer, und war dabey so
dienstfertig, so gefällig, daß ich ihr heute ein ganz andrer Mensch
scheinen mußte. Sie sah mich einigemal mit forschendem Blick an und schien
meine Veränderung mit innerlicher Selbstzufriedenheit zu bemerken. Aus
einigen ihrer Mienen zu schließen, mußte sie es als eine unausbleibliche
Folge ihrer Maßregeln ansehen.
Als ich zurückkam, um ihr zu melden, daß ich ihre Aufträge genau besorgt
habe, sagte sie: Ihre Dienstfertigkeit verdient meinen Dank, und ich
weiß, daß ich Ihnen keinen größern geben kann, als wenn ich Ihnen hiermit
erkläre, daß ich den Marschall um einen andern Pagen gebeten habe.
Ich sah sie an und ging stillschweigend zur Thür hinaus. Wie lächerlich!
Ich hätte es nun lieber gesehen, wenn ich ihr Page hätte bleiben können.
Der jetzige Zustand meines Herzens schien keiner feindseligen Empfindung
Raum zu lassen. In gewissen Augenblicken schämte ich mich sogar recht
herzlich, die Gräfin so bäurisch behandelt zu haben, und einigemal war ich
wirklich im Begrif zu ihr zu gehen, und sie um Verzeihung zu bitten. Je
öfter ich mir Malchens Bild vor mein geistiges Auge zurückholte, desto
gefälliger war das Licht, in welchem ich die Gräfin erblickte. Immer noch
konnte ich an keine von beyden denken, ohne zugleich die andre vor mir zu
sehen. Es schien, als ob die himmlische Glorie, in welcher ich Malchen die
vorige Nacht erblickte, auch der Gräfin einen Glanz mitgetheilt hätte, der
mir Auge und Herz für sie aufschloß.
Endlich verschwand auch jeder Schatten von der Beleidigung, die ich so
kräftig erwiedert hatte; ich fing an, ihre Großmuth zu bewundern, und zu
bedauren, daß mir keine Gelegenheit blieb, das Geschehene wieder gut zu
machen.
Zehntes Kapitel.
_Wahnsinn der Liebe._
»Wenn ich sie nur sehen könnte, nur sehen, nur sehen!« Dies war mein erster
und eifrigster Wunsch, wenn ich an Malchen dachte. Alles, was mir auf der
Welt das liebste war, hätte ich um die Erfüllung desselben gegeben!
Anfangs blieb es nur beym Wünschen und ich behielt die Hände im Schooße;
denn ich hatte die Grille, sie müßte nicht weit seyn, sie müßte mir
nächstens einmal begegnen. Acht Tage hielt ich mich mit dieser Einbildung
hin; endlich ward ich thätig, beschloß an Papa Ernst zu schreiben und
Nachricht von ihr einzuholen. Ich that es und zwar -- im Postskript des
Briefes, den ich ausdrücklich _ihrentwegen_ schrieb. Ich hängte diese
Worte an: _Auch möchte ich wohl wissen, wie sich Herr und Frau von Lehmnitz
befinden._
Das nenne ich doch eine Erkundigung! Aber es war mir nicht möglich, das
Wort _Malchen_ unter vier Augen zu nennen, vielweniger ihren Namen mit
allen seinen Buchstaben schwarz auf weiß zu schreiben. Wie glücklich mußte
Papa im Rathen seyn, wenn er mir auf meine Frage eine befriedigende Antwort
hätte ertheilen sollen! Und doch hoffte ich mit so großer Unruhe auf seinen
Brief, als ob er durchaus keinen andern Inhalt, als Nachricht von Malchen
haben könnte.
Was für ein Unterschied! Meine ältern Mitpagen sagten öffentlich: ich bin
in dieses oder jenes Mädchen zum sterben verliebt; sie heißt so und so;
wohnt da und da; heute hab' ich eine Zusammenkunft; aber ich, ich wagt' es
nicht, mich nur entfernt nach einem Mädchen zu erkundigen, das mir Ruhe und
Verstand geraubt hatte; ich frage nach _ihren Eltern_ und erwarte fest, daß
die Antwort auf diese Frage sie betreffen soll und muß.
Deßhalb erstaunte ich auch gar nicht, als Papa's Brief ankam und von
Anfang bis zu Ende von -- Malchen handelte. Ich erfuhr, daß sie nach L**
in Pension gethan sey, und zwar erst vor einigen Tagen; dabey beschrieb
mir Papa alles, selbst die Straße, wo die Französin wohnte, die sie in Kost
genommen hätte.
Ein Glück für mich, daß in diesen Tagen keine andre merkwürdige Begebenheit
in Papa's Gegend vorgefallen war; er würde mir sonst eben so gut diese
beschrieben haben, und ich wäre in Verzweiflung gewesen, wenn ich nichts
von Malchen in seiner Antwort gefunden hätte.
Uebrigens war Papa immer noch der alte. Er schrieb mir alle Debatten, die
vorher zwischen Herrn und Frau von Lehmnitz vorgefallen waren, ehe sie sich
entschlossen hätten, Malchen nach L** zu schicken; gab mir einen Auszug
des ganzen Briefwechsels zwischen ihnen und der Französin zu L**; wußte,
wieviel jährlich für Malchen bezahlt wurde; was sie für Wäsche mitgenommen
hatte; in welcher Stunde und in welcher Kutsche sie abgefahren war; wie die
Französin hieß und in welcher Straße sie wohnte. Der Geist der Kleinigkeit
und Geschäftslosigkeit lebte und webte in diesem Briefe.
Aber wie angenehm war mir diese Umständlichkeit! Ich las den Brief zehn,
zwanzigmal mit pochendem Herzen, aber nicht ohne ein Gefühl von Besorgniß,
Papa möchte aus dem Postskript geschlossen haben, ich sey in Malchen
verliebt. Der scharfsinnige, feine Papa! Wie könnte er sonst einen ganzen
Brief mit lauter Nachrichten von Malchen füllen?
Ich verschloß den Brief sorgfältig in meinen Koffer, und kaufte mir
ausdrücklich ein Vorlegeschloß, damit mir ihn niemand nehmen und daraus
sehen könnte, daß ein gewisses Malchen nach L** in Pension gethan sey.
Nun hatte ich also Nachricht von Malchen, aber gab mir das meine Ruhe
wieder? »Sehen, sehen muß ich sie!« rief es nun ungestümer in meinem
Herzen, und je größer die Unmöglichkeit vor meinen Augen heranwuchs, desto
brennender ward mein Verlangen, sie zu übersteigen. Die Vernunft erlag
endlich der Schwärmerey.
L** war freylich volle dreyzehn Meilen entfernt; es fehlte mir freylich
an einem Vorwande, der mir auf einige Tage Urlaub verschaffen konnte; auch
wußte ich weder Weg noch Steg, noch fühlte ich Muth genug, mich bey
der Französin aufzuführen; aber das waren kleine Berge, die meine
Einbildungskraft nur den kleinsten Sprung kosteten. Genug, ich wollte sie
sehen, das war fest beschlossen, und mit eins! waren alle Hindernisse aus
dem Wege.
Ich rannte zu einem Pferdeverleiher, borgte mir ein Pferd, setzte mich auf,
und nun ohne Urlaub zum Thor hinaus. Es war Abends gegen fünf Uhr, als mich
diese Raserey ergriff, und um Mitternacht hatte ich schon die Hälfte des
Weges zurückgelegt. In M** miethete ich mir einen Kerl, der des Weges
kundig war, und auch die Straße in L** wußte, in welcher die Französin
wohnte. Dreymal stürzte ich, dreymal fiel mein Gaul kraftlos unter mir zu
Boden. Ich hatte fünf Beulen vor der Stirn, und mein Gesicht war von
Hecken und Gesträuchen zerfleischt. Mein Begleiter bat mich flehentlich,
Tagesanbruch zu erwarten, aber ich machte ihm Muth, bald mit Geld, bald mit
der Hetzpeitsche. Diese fand ich nicht so wirksam als jenes.
Morgens um sechs Uhr, hatte ich nur noch eine Stunde von L**. Jetzt kam
mein Verstand etwas zurück, denn ich hatte doch so viel Ueberlegung, daß
Malchen noch nicht aufgestanden seyn würde, wenn ich unter ihrem Fenster
hingaloppirte. Ich ließ den Pferden Futter geben, und zählte mit heißer
Ungeduld jede Minute, bis es sieben schlug. Kaum ausgebrummt, auf und
davon! Mein Begleiter versicherte zwar, die Pferde hätten noch nicht halb
abgefressen; aber was kümmerte mich das!
Wir kamen nach L**. »Nur den nächsten Weg nach der H** Straße!« sagte ich
zu meinem Gefährten; aber ohne so lange zu warten, bis er mir denselben
zeigte. In wenig Minuten sah ich mich an dem entgegengesetzten Thore. Mein
Begleiter versicherte, wir müßten umkehren, sonst ritten wir zu dem einen
Thore hinein und zu dem andern wieder heraus. Ich fuhr ihn für diese
Nachricht an, aber er entschuldigte sich mit dem Kompliment: er habe
geglaubt, ich könne nicht wohl hören. Er habe immer gerufen, aber ich sey
meines Weges fortgeritten.
Ich mußte also umkehren; aber nun achtete ich besser auf seine Anweisung.
»Hier ist die H** Straße!« rief er endlich, und mein Herz pochte hoch auf.
Ich gab meinem Pferde die Spornen, und ließ es springen, um die Leute
ans Fenster zu locken. Als ich beynah am Ende der Straße war, sah ich ein
Frauenzimmer in einem Erker. »Sie ists! Sie ists!« sagte mir mein Herz.
Ich war freylich noch volle funfzig Schritte von ihr, aber sie war es
leibhaftig! Meine Blicke waren aus der Ferne starr auf sie geheftet, sobald
ich ihr aber auf zwanzig Schritte näher war, schlug ich die Augen nieder,
gab meinem Pferde die Spornen und sprengte davon.
Nun war also mein heißester Wunsch erfüllt! Nun hatte ich Malchen gesehen!
Ich kann mich des Lächelns nicht erwehren, wenn ich an mein damaliges
Benehmen denke. Beynahe den Hals gebrochen, beynah ein Pferd todt gejagt,
um Malchen zu sehen, ich glaube sie von weitem im Erker zu erblicken, und
als ich näher komme, sehe ich nicht hin! Lächerlich, sehr lächerlich!
Und doch, wer war glücklicher als ich? Was mein körperliches Auge nicht
gesehen hatte, ersetzte mein geistiges. Nicht der kleinste Zug war mir an
Malchen entgangen. Ich hatte sogar bemerkt, daß sie mir zulächelte, daß sie
mir winkte, daß sie über die Sprünge meines Pferdes ängstlich schien -- was
hatte ich nicht alles -- o Wunder, Wunder! -- mit zur Erde gesenkten Augen
gesehen!
Wenn ich hätte nachdenken können oder wollen, so würde dieser optische
Betrug bald in sein Nichts zerflossen seyn. Denn das Bild von Malchen,
welches mir meine Phantasie vorführte, war immer noch gerade so gekleidet,
als damals, wo ich sie nach meiner Wanderung wiedersah.
Aber ich hatte Malchen gesehen, darauf wäre ich gestorben, und das machte
mich zum glücklichsten Sterblichen.
Eilftes Kapitel.
_Zwey Verhöre._
Als ich nach D** zurückkam, fand ich alles in Aufruhr. Man hatte geglaubt,
ich sey durchgegangen, hatte schon Koncepte zu Briefen an meine Eltern
ausgearbeitet und dem Pferdeverleiher sein Pferd bezahlt -- auf einmal
erschien ich. Mein erster Gang war in den Pagenhof, mein zweyter in Arrest.
Man sagte mir, Gräfin Waller habe sich am angelegentlichsten nach mir
erkundigt.
Ich hatte das alles vorhergesehen und war darauf gefaßt. Man hätte mir
keinen größern Gefallen thun können, als wenn man mich zu einem ewigen
Gefängniß verurtheilt hätte; denn an Malchen hatte ich eine sehr angenehme
Gesellschaft.
Die drey Tage, die ich im Arrest zubrachte, verflogen wie drey Stunden, und
ich wäre lieber nicht herausgegangen. Ich ward verhört, und wußte nicht,
was ich sagen sollte. Man hielt dies für einen neuen Beweis, daß ich der
allerverstockteste, hartsinnigste Page sey, ließ mich gehen und drohete.
Aber ich hatte noch ein zweytes Verhör auszustehen, das mir schwerer ward.
Gräfin Waller ließ mich zu sich kommen; aber sie wußte schon mehr, als ich
ihr sagen konnte.
Man hatte, sobald man mich vermißte, meinen Koffer erbrochen, um zu sehen,
ob man nicht einen Beleg zu meiner Entweichung finden könnte. Man fand aber
nichts als Wäsche und den Brief von Papa Ernsten. Dieser ward zwar gelesen,
aber man blieb so klug, als vorher.
Die Gräfin sprach mit dem Pagen Neuberg von mir, und dieser erzählte, daß
man meinen Koffer erbrochen, aber nichts gefunden habe, als Wäsche und
einen gleichgültigen Brief. Er habe zwar bemerkt, daß ich einige Tage her
öfters vor meinem Koffer gewesen wäre, auch einen Brief gelesen, und
ihn jedesmal sorgfältig verschlossen habe; aber das könne unmöglich der
gedachte Brief gewesen seyn.
Die Gräfin war aber doch neugierig, diesen Brief zu sehen; der Marschall
gab ihr denselben; sie las ihn und schöpfte Verdacht. Aber das konnte
_sie_ nur, die einzige unter Millionen, die mit ganz andern Augen sah, als
gewöhnliche kalte Zuschauer. Sie erkundigte sich näher, erfuhr, daß ich, so
lange die Vermählung meiner Eltern geheim geblieben wäre, auf dem Guthe des
alten Ernst sey erzogen worden, und daß ein Herr von Lehmnitz in der Gegend
wohne, von dessen Tochter eben die Rede im Briefe sey. Auf einmal schien
ihr ein helles Licht aufzugehen; sie grübelte glücklich weiter, gerieth
aber doch in so fern auf einen Abweg, daß sie glaubte, Papa Ernst sey der
Vertraute meiner Liebe, sonst würde er nicht soviel von Malchen geschrieben
haben. Sie setzte voraus, er sey ein alter, erfahrner Weltkenner, und
wisse, wie angenehm auch die unbedeutendsten Umstände dem Liebhaber sind,
wenn sie die Dame seines Herzens betreffen.
»Wie gefällts Ihnen in L**?« war ihre erste Frage, als ich zu ihr ins
Zimmer trat.
Ich stutzte und erstaunte und sagte endlich befremdet: In L**?
»Ja, ja, in L**! Sind Sie denn anderswo gewesen?«
Ich war in der peinlichsten Verwirrung. Mein hervorstechendstes Gefühl war
eine Art von verschämter Besorgniß.
Ich bin nicht in L** gewesen!
»Armer Mensch! Ihre eignen Augen strafen Sie Lügen! Genug, Sie sind in L**
gewesen, das weiß ich, und wenn Sie's auch niemand gestanden haben. -- Soll
ich rathen, bey wem?«
Bey diesen Worten war mir, als wenn man mir einen Eimer siedendes Wasser
über den Leib stürzte.
»Was macht _Malchen Lehmnitz_? Freute sie sich nicht über ihren Ritter?
Hier (sie zeigte auf meine Stirn) die Stöße und Risse müssen ihr unendlich
angenehm gewesen seyn -- nicht, Lemberg?«
Ich glaubte in den Boden zu sinken.
»Wie scheu, wie schüchtern der Mensch ist! Warum reden Sie nicht? Sie
sehen ja, daß ich alles weiß. Oder soll ich Ihnen ein förmliches Geständniß
ersparen? Nun gut! Hören Sie also, was Sie selbst nicht zu wissen scheinen
wollen: Sie sind in die Lehmnitz verliebt, und sind nach L** geritten, um
sie zu sehen. Getroffen?«
Ich machte eine Bewegung, als wenn ich den Kopf schütteln wollte und doch
nicht könnte.
»Nun, ich sehe wohl, Lemberg, Sie sind noch nicht völlig mit mir
ausgesöhnt, sonst würden Sie mir doch eine Sylbe gönnen. Ich muß also
meinen hohen Begriff von Ihnen ein wenig herunterstimmen. Indessen ist es
mir nicht leid, daß ich mich als Freundin Ihrer Mutter für Sie verwandt
habe. Daß Sie der Kassation entgangen sind, danken Sie mir. Hier ist Ihr
Brief. Ich habe Ihnen weiter nichts zu sagen, als daß ich es weiß, daß Sie
in L** gewesen sind, und sonst niemand!«
Ohne eine Sylbe, selbst ohne einen Laut von mir zu geben, entfernte ich
mich aus dem Zimmer.
Zwölftes Kapitel.
_Ein Seelengemählde._
Ich wußte nicht eigentlich, wie ich mich bey dem Betragen der Gräfin nehmen
sollte. Weil ich es aber schon gewohnt war, sie nicht mehr für so boshaft
zu halten, als sonst, so fing ich nach und nach an, alles, was sie sagte
und that, so gut ich konnte, von der besten Seite anzusehen. Jene Nacht,
wo sie mir mit Malchen Hand in Hand erschien, und das Gefühl, mich für ihre
Verachtung hinlänglich gerächt zu haben, hatten ganz unmerklich in meinem
Herzen zu ihrem Vortheile gearbeitet. Daß ich eine Maulschelle mehr
bekommen hatte, als sie, fiel mir nicht ein; und wenn ich ja einmal daran
dachte, so erweckten die Umstände und die Art, womit sie mir das Kapital
verzinset zurückgab, ich weiß selbst nicht, was für eine sonderbare
Empfindung in mir, die mir mehr lächerlich als kränkend war. Aber mehr als
alles andre zog mich das Geheimniß von Malchen an sie, theils, weil ich
fürchtete, sie möchte es verrathen, theils, weil ich mich der seltsamen
Grille nicht erwehren konnte, _sie sey eine Freundin von Malchen, und habe
von ihr Nachricht erhalten, daß sie mich in L** gesehen_.
Ich weiß nicht, wo man in gewissen Stunden Wahrscheinlichkeiten hernimmt,
die einem unmögliche Dinge, als möglich, so klar und deutlich vorstellen
können, daß man auf Hirngespinnste Schlösser bauet. Ein solcher
unbegreiflicher Spuk war wohl die vorhin erwähnte Grille, die ich nach
und nach so künstlich ausspann und erweiterte, daß ich mich endlich fest
überzeugte: _Die Gräfin könne es wohl bey Malchen so weit bringen, daß_ --
Ja, nun stand ich wieder! Was sollte sie mir denn bey Malchen auswirken?
Das wußte ich nicht, hatte auch keine deutliche Idee davon. Nichts als
Wünsche, ewige Wünsche, und wenn ich mich dann fragte: was wünschest du dir
denn? so stutzte ich wohl eine Weile, aber die wohlthätige Einbildungskraft
nahm sich meiner an, und versetzte Berge.
Wenn ich mir einen Begriff von dem Zustand eines Menschen machen will, der
seinen ganzen Verstand verloren hat, so denke ich mir einen Liebhaber, wie
ich damals war. So ganz Kind, so ganz aller edlern Kräfte beraubt, so ganz
unthätig in mich selbst verschlossen, ohne Plan, ohne Kraft und Muth,
mir einen vorzuzeichnen, so aller Gewalt über mich selbst beraubt, so
lebendigtodt -- mag ich nie wieder seyn. Wenn ich die Liebe auf dem
Fuß betrieben hätte, wie meine größern Mitpagen, so wäre ich vor diesen
Zufällen sehr sicher gewesen.
Uebrigens war es gar keine Frage, ob mich Malchen liebte? Wie war es
möglich, daß mir einfallen konnte, _sie hat mich vergessen_? Freylich hatte
sie mich in vier Jahren nicht gesehen, aber was hinderte das? Sie war
in andre Verbindungen und Verhältnisse gekommen; sie hatte gewiß andre
Mannspersonen kennen gelernt, die ihr in der Nähe waren, und die sie leicht
einem Menschen vorziehen konnte, mit dem sie zwar als Kind gespielt, von
dem sie aber seit langer Zeit keine Nachricht hatte -- So natürlich mir
diese Betrachtungen hätten seyn sollen, beunruhigten sie mich doch keinen
Augenblick, oder, genauer gesagt, ich hatte nicht einmal die entfernteste
Ahndung davon. Und wie konnte ich auch, da sie mich in L** gesehen, und mir
zugewinkt und zugelächelt hatte?
Es fehlte mir ohnehin sehr an Kenntniß des Weltlaufes (das mußte die Gräfin
auf den ersten Blick gesehn haben, sonst hätte sich eine Frau von ihrer
Feinheit wohl schwerlich solch eine platte Liebeserklärung zu Schulden
kommen lassen) aber jetzt war auch das wenige, was ich mir abstrahirt
hatte, völlig aus meinem Gedächtnisse verschwunden. Ich schob phantasierte
Aussichten und Bilder den _wirklichen_ unter, lebte und webte in einer
Welt, die ich mir selbst erschaffen hatte, und verlor diejenige aus den
Augen, auf welcher ich mit meinen leiblichen Füßen ging und stund.
Dreyzehntes Kapitel.
_Moriz wird Soldat._
Alles, was ich in diesem Zeitpunkte der Vergessenheit meiner selbst sagte
und that, war handgreiflicher Unsinn, womit ich mich und meine Leser
verschonen muß. Ich war mürrisch, in mich selbst verloren, that und sagte
alles verkehrt, war nachläßig und verdrossen in meinen Geschäften, und
wünschte ihrer ganz entledigt zu seyn, doch ohne zu wissen, was ich für
einen andern Stand ergreifen sollte. Meine Vorgesetzten bemerkten dies, und
da sie mich schon lange aus einem falschen Gesichtspunkt ansahen, so war
es natürlich, daß ich immer tiefer und tiefer in ihrer Gunst und Achtung
fallen mußte. Es kam endlich so weit, daß sie höhern Orts erklärten,
ich wäre zum Pagen völlig untauglich. Man würde mich auf der Stelle
fortgeschickt haben, wenn man mich nicht aus Achtung für meinen Vater
geduldet hätte. Indessen ward in der Stille daran gearbeitet, mir eine
andre Stelle anzuweisen.
Nach einigen Tagen ließ mich die Gräfin rufen, und ich flog zu ihr,
weil mir träumte, sie würde mir eine angenehme Nachricht von Malchen
mitzutheilen haben.
»Wie leben Sie, Lemberg? Immer noch so mißmuthig? Wenn Sie sich nur
entdeckten, vielleicht gäbe es Mittel dagegen!«
Ich zuckte die Achseln und hatte viel auf dem Herzen.
»Ist es Mißvergnügen über Ihre Lage, oder verliebte Besorgniß?«
Das erstre, gnädige Gräfin!
»Ist Ihnen das Pagenleben zuwider? Wünschen Sie sich einen andern Stand?
Entdecken Sie sich, ich weiß Mittel, Sie zu beruhigen!«
Diese letzten Worte brachten mein Blut in Bewegung. Ich glaubte, aus
denselben sicher schließen zu dürfen, daß sie Nachrichten von Malchen
hätte, die sie im Begriff stände, mir mitzutheilen. So schief diese
Vorstellung war, so schief fiel auch meine Antwort aus.
»Ihr Betragen ist unausstehlich, Lemberg! Sie scheinen selbst nicht zu
wissen, was Sie wollen, und es ist nöthig, daß Andre für Sie denken und
handeln!«
Bey diesen Worten fuhr sie ganz von ungefähr in die Tasche, und ich hörte
Papier rauschen. Was konnte dies anders seyn, als ein Brief von Malchen?
Ich erwartete unter Zittern und Ungeduld den Augenblick, wo sie die Hand
herausziehen würde. Es geschah, aber da kam kein Brief von Malchen! Wie
bitter war ich getäuscht! Meine ganze Fassung war dahin.
»Wollen Sie Soldat werden?«
Sehr gern!
»Kavallerist, oder Infanterist?«
Jetzt blieb ich stumm, und kann man rathen, weshalb? Auf einmal schoß mir
der Gedanke durch die Seele, daß ein Infanterieregiment in den Vorstädten
von L** stände. Was auf diesen für ein andrer folgte, wird man auf den
ersten Blick sehen. Stumm war ich und blieb ich. Die Gräfin sah mich mit
spähenden Blicken an.
»Infanterist? Nicht, Lemberg?«
Wenn die gnädige Gräfin befehlen!
Sie lachte hell auf.
»Also Infanterist! Ich dächte aber, Sie schickten sich besser zum
Kavalleristen. Was meynen Sie?«