IM WALD

_Die Dorfleute_

Wer wird uns nun beschützen?

_Arjuna_

Was soll's, welche Gefahr droht Euch?

_Die Dorfleute_

Die Räuber kommen in Scharen aus den nördlichen Bergen, wie die Flut des

Gebirgsstromes, die unser Dorf verheert.

_Arjuna_

Habt ihr keine Wächter in Eurem Königreich?

_Die Dorfleute_

Chitra, die Königstochter, war der Schrecken aller Bösen. Als sie noch

in diesem glücklichen Lande weilte, kannten wir keine Furcht außer

einer: sterben zu müssen. Nun ist Chitra auf einer Pilgerfahrt, und

niemand kennt ihren Aufenthalt.

_Arjuna_

Ist der Hüter dieses Landes ein Weib?

_Die Dorfleute_

Ja, sie ist uns Vater und Mutter zugleich.

(Die Dorfleute entfernen sich. Chitra tritt ein.)

_Chitra_

Warum sitzest Du hier so einsam?

_Arjuna_

Ich versuche mir vorzustellen, was für eine Frau die Prinzessin Chitra

sein mag. Viele Menschen erzählen viele Geschichten von ihr.

_Chitra_

Ach, sie ist nicht schön, sie hat nicht meine schönen Augen, die dunkel

sind wie der Tod. Mit ihrem Geschoß kann sie jede Scheibe durchbohren,

nur nicht das Herz unsres Helden.

_Arjuna_

Sie sagen, an Tapferkeit sei sie ein Mann, und ein Weib an Zärtlichkeit.

_Chitra_

Und das gerade ist ihr größtes Unglück. Das Weib, das nur Weib ist, das

mit seinem Lächeln, mit seinen Seufzern, und mit zarten Liebkosungen die

Herzen der Männer einspinnt, ist allein glücklich. Was frommt ihr

Weisheit und große Taten? Hättest Du die Prinzessin nur gestern sehen

können, im Hof von Shivas Tempel, der am Waldpfad liegt, Du wärest

vorübergegangen ohne sie eines Blickes zu würdigen. Bist Du denn

weiblicher Schönheit so überdrüssig, daß Du in ihr männliche Kraft

suchst?

Aus grünen Blättern, feucht vom sprühenden Gischt des Wasserfalls, habe

ich unser Bett zur Mittagsrast bereitet, in nachtdunkler Grotte. Die

Kühle des weichen grünen Mooses, das dicht den tropfenden Stein bedeckt,

küßt dort Deine Augen in Schlaf. Laß Dich dorthin geleiten.

_Arjuna_

Nein, heute nicht, Geliebte.

_Chitra_

Warum nicht heute?

_Arjuna_

Ich habe von einer Räuberhorde gehört, die in die Ebene gekommen ist.

Ich muß gehen meine Waffen bereiten, um die erschreckten Dorfleute zu

beschützen.

_Chitra_

Du brauchst Dich nicht um sie zu sorgen. Prinzessin Chitra hat starke

Wächter an den Grenzpässen aufgestellt, ehe sie ihre Pilgerfahrt begann.

_Arjuna_

Nur für kurze Zeit laß mich das Kriegshandwerk eines Kshatriya üben.

Mit neuem Ruhm will ich diesen müßigen Arm bedecken, damit er Deinem

Haupt ein würdigeres Kissen sei.

_Chitra_

Doch, wenn ich mich weigere Dich gehen zu lassen, wenn meine Arme Dich

umwunden halten? Würdest Du Dich roh von mir losreißen und mich

verlassen? So geh! Aber wisse, daß die Liane -- einmal entzweigebrochen

-- nie wieder zu einem Ganzen wird. Geh, wenn Dein Durst gestillt ist.

Doch wenn nicht, denke daran, wie unbeständig die Göttin der Lust ist

und daß sie nicht wartet auf den Menschen. Bleib noch eine Weile, Herr!

Sage mir die unruhigen Gedanken, die Dich quälen. Wer nahm heute Deine

Seele gefangen? War es Chitra?

_Arjuna_

Ja, es ist Chitra. Mich nimmt wunder, um welches Gelübdes willen sie

auf die Pilgerfahrt gegangen ist. Was mangelt ihr?

_Chitra_

Was ihr mangelt? Ja, hat sie denn je etwas besessen, die Unglückliche?

Es sind ja ihre eigensten Fähigkeiten, die sie mit Gefängnismauern

umschließen und ihr Frauenherz in einer kahlen Zelle gefangen halten.

Verdunkelt ist diese Frau und unerfüllt. Ihre Weibesliebe muß sich mit

einem Lumpenkleide bescheiden, denn Schönheit blieb ihr versagt. Sie

gleicht dem Geist eines freudlosen Morgens. Sie sitzt auf steinigem

Berggipfel und dunkle Wolken haben ihr Licht ausgelöscht. Frag mich

nicht nach ihrem Leben. Seine Geschichte klingt dem Ohr des Mannes nicht

lieblich.

_Arjuna_

Ich brenne danach, alles von ihr zu hören. Ich bin wie ein Wanderer, der

um Mitternacht an eine fremde Stadt kommt. Kuppeln, Türme und

Gartenbäume sehen verschwommen und schattenhaft aus, und durch die

Stille des Schlafes tönt hin und wieder das dumpfe Klagen des Meeres.

Und er harrt sehnsüchtig auf den Morgen, der ihm alle die fremden Wunder

offenbaren soll. O, erzähle mir ihre Geschichte.

_Chitra_

Was ist da mehr zu erzählen?

_Arjuna_

Meine Einbildung zaubert mir sie vor, wie sie auf weißem Rosse reitet,

in der Linken die Zügel haltend und in der rechten Hand den Bogen,

gleich der Liebesgöttin, die frohe Hoffnung spendet. Mit wilder Liebe

schützt sie ihre säugenden Jungen wie eine wachsame Löwin. Auch des

Weibes Arme, die nichts anderes als ungefesselte Kraft schmückt, sind

schön! Mein Herz ist ruhelos, Du Liebliche, wie eine Schlange, die aus

langem Winterschlaf erwacht. Komm, laß uns miteinander auf schnellen

Rossen dahineilen, Seite an Seite, wie Zwillingsgestirne, die leuchtend

den Raum durchmessen. Heraus aus diesem dunklen, grünen, einschläfernden

Gefängnis, komm hervor unter der feuchten, duftenden, berauschenden

Decke, die den Atem benimmt!

_Chitra_

Arjuna, sag mir die Wahrheit: wenn ich mich jetzt plötzlich durch

einen Zauber dieser wollüstigen Weichheit entledigen könnte, diesen

zarten Schmelz der Schönheit abstreifte, der vor der derben, gesunden

Berührung der Welt schaudert, und das alles von meinem Körper

herunterrisse wie geborgtes Gewand -- könntest Du das ertragen? Wenn ich

mich aufrichte, grade und stark, mit der Kraft eines mutigen Herzens,

und die Listen und Künste der kriechenden Schwachheit verächtlich von

mir weise, wenn ich mein Haupt erhebe, wie die hohe, junge Bergtanne,

und mich nicht länger im Staub winde, wie die Liane, -- werde ich dann

Gnade finden vor den Augen des Mannes? Nein, nein, Du könntest es nicht

ertragen. Es ist besser, ich verstreue um mich all die zierlichen

Spielereien flüchtiger Jugend und warte auf Dich in Geduld. Ist's Dir

gefällig zurückzukehren, so will ich Dir lächelnd aus dem Becher dieses

schönen Leibes den Wein der Lust schenken. Hast Du genug davon und bist

Du müde, so will ich mich demütig und dankbar in den Winkel

zurückziehen, den man mir gelassen hat. Wie gefiele es Deiner

Heldenseele, hoffte die Gespielin der Nacht Deine Gefährtin am Tage zu

sein? Wie, wenn der linke Arm die Last des stolzen rechten mit zu tragen

lernte?

_Arjuna_

Ich werde Dich niemals richtig erkennen. Eine Göttin, verborgen in

einem goldenen Heiligenbild scheinst Du mir. Ich kann Dich nicht

berühren, ich kann Dir Deine unschätzbaren Gaben nicht vergelten. Und so

bleibt meine Liebe unvollkommen. Aus der rätselhaften Tiefe Deiner

traurigen Augen, aus Deinen spielerischen Worten, die ihre eigene

Bedeutung verspotten, erhasche ich manchmal den Schimmer eines Wesens,

das die schmachtende Anmut seines Körpers vernichten möchte. In der

reinen Flamme des Leides, verborgen hinter des Lächelns zartem Schleier,

sehnt es sich wieder zu erstehen. Ein Trugbild, erscheint uns die

Wahrheit zuerst, in einer Verkleidung tritt sie vor den Geliebten hin.

Aber es kommt eine Zeit, da sie Schleier und Schmuck abwirft und

dasteht, bekleidet mit nackter Hoheit. Ich verzehre mich nach diesem

letzten Du, nach jener einfachsten, wahrsten Klarheit. Was bedeuten die

Tränen, mein Lieb? Warum verbirgst Du Dein Gesicht in den Händen? Hab

ich Dir weh getan, mein Liebling? Vergiß, was ich sagte. Ich will mit

der Gegenwart zufrieden sein. Wie der Vogel Geheimnis aus unsichtbarem,

dunkelm Nest zu mir kommt, musikerfüllte Botschaft bringend, so komm Du

zu mir und laß mich jeden Augenblick der Schönheit erleben. Laß mich und

meine Hoffnung ewig am Ufer der Erfüllung sitzen und so meine Tage

beschließen.

Chitra: Ein Spiel in einem Aufzug · 第 21 / 25 题