IM WALD

_Arjuna_

Ich erwachte am Morgen und fand meine Träume in einen Edelstein

verschmolzen. Ich hatte keinen Schrein, ihn darin zu verschließen, keine

Königskrone, in die ich den Stein hätte fassen können, keine Kette hatte

ich, ihn daran zu hängen, und doch brachte ich's nicht übers Herz, ihn

wegzuweisen. So halte ich ihn, und mein Arm, der Arm eines Kshatriya,

vergißt über müßigem Tun seine Pflicht.

(Chitra tritt ein.)

_Chitra_

Sage mir Deine Gedanken, Herr!

_Arjuna_

Meine Gedanken sind heute auf die Jagd gerichtet. Sieh, wie der Regen

in Strömen herniederstürzt und wild gegen den Berghang schlägt. Dunkle

Wolkenschatten hängen schwer über dem Wald, und gleich der sorglosen

Jugend überspringt der geschwollene Strom mit spöttischem Lachen alle

Schranken. Stets gingen wir fünf Brüder an solchen Regentagen in den

Wald von Chitraka, wilde Tiere zu jagen. Das waren schöne Zeiten. Unsre

Herzen tanzten zum Trommelwirbel der grollenden Wolken. Der Wald hallte

wider von den Schreien der Pfauen. Durch das Klatschen des Regens und

das Rauschen des Wasserfalles konnte das ängstliche Wild unsre Schritte

nicht hören. Die Leoparden ließen ihre Spuren in der nassen Erde zurück

und verrieten so ihr Lager. War die Jagd vorüber, so forderten wir uns

auf dem Heimweg gegenseitig heraus, reißende Ströme zu durchschwimmen.

Ein ruheloser Geist wohnt in mir, ich habe Sehnsucht nach der Jagd.

_Chitra_

Erst erlege das Wild, das Du jetzt verfolgst. Bist Du gewiß, daß das

verzauberte Tier, das Du jagst, unbedingt gefangen werden muß? Nein,

noch nicht. Wie ein Traum entgleitet Dir das wilde Geschöpf, wenn es Dir

am nächsten scheint. Sieh, wie der rasende Regen den Wind jagt und

tausend Pfeile hinter ihm her sendet. Und doch bleibt der Wind frei und

unbesiegt. So ist auch unser Waidwerk, Geliebter! Du jagst nach der

schnellschreitenden Schönheit und versendest all Deine Pfeile nach ihr,

und doch flieht dies zaubrische Wild stets frei und unberührt davon.

_Arjuna_

Hast Du kein Heim, Geliebte, wo liebende Herzen Deiner Rückkehr harren?

Ein Heim, dem Du durch sanftes Dienen Lieblichkeit verliehst, und dessen

Licht erlosch, als Du es für diese Wildnis verließest?

_Chitra_

Was fragst Du? Sind die Stunden der Lust vorbei, in denen es kein

Denken gab? Weißt Du nicht, daß ich nur die bin, die Du vor Dir siehst?

Mein Blick geht nicht über das Jetzt hinaus. Der Tau auf den Blättern

der Kinsuka-Blüte hat weder Namen noch Schicksal, und gewährt keiner

Frage Antwort. Sie, die Du liebst, gleicht jener vollkommenen Tauperle.

_Arjuna_

Verbindet sie kein Band mit der Welt? Ist sie nur ein Stück Himmel, das

ein lustspendender Gott unachtsam zur Erde fallen ließ?

_Chitra_

Ja.

_Arjuna_

Ach, darum ist mir immer, als müßte ich Dich verlieren. Mein Herz ist

unbefriedigt, meine Gedanken friedlos. Komm näher zu mir, Unerreichbare!

Ergib Dich und dulde die Fesseln, die da heißen: Name, Heim, Sippe. Laß

mein Herz Dich ganz umschließen, und mit Dir leben in der ruhigen

Sicherheit der Liebe.

_Chitra_

Warum mühst Du Dich vergebens, die Farben der Wolken, den Tanz der

Wellen, den Duft der Blumen zu haschen und zu halten?

_Arjuna_

Herrin mein, glaube nicht, daß Du mit Luftgebilden die Liebe befriedigen

kannst. Gib mir etwas, woran ich Halt finde, etwas, das die Lust

überdauert, das sich im Leid bewährt.

_Chitra_

Mein Held, noch ist das Jahr nicht zu Ende, und schon bist Du müde!

Ja, nun erkenne ich die himmlische Güte, die den Blumen ein kurzes Leben

gab. Wäre ich mit den Blumen des letzten Frühlings verwelkt und

gestorben, ich wäre mit Ehren dahingegangen. Doch meine Tage sind

gezählt, Geliebter. Schone mich nicht, saug allen Honig aus mir, da Du

voller Angst bist, daß Dein armes Herz wieder und wieder zurückkommt

voll unerfüllter Wünsche und Begierden, gleich der durstigen Biene, wenn

die Sommerblumen welk im Staub liegen.

Chitra: Ein Spiel in einem Aufzug · 第 17 / 25 题