IM TEMPEL

_Chitra_

Nein, unmöglich ist's den brennenden Blick der hungrigen Seele

auszuhalten, der mit Händen dich umklammert, zu fühlen, wie das Herz

sich müht, die Fesseln zu sprengen, und den wilden Schrei, der sich ihm

entringen will -- und den Liebenden dann hinweg zu senden wie einen

Bettler! Unmöglich ist's!

(Madana und Vasanta treten auf.)

Ach, Gott der Liebe, welch furchtbares Feuer hast Du in mich gesenkt!

Ich verbrenne, versenge, was ich berühre.

_Madana_

Ich wünsche zu wissen, was in vergangener Nacht geschah.

_Chitra_

Auf ein Lager von Gras, übersät mit Frühlingsblüten, legte ich mich am

Abend nieder und gedachte des wunderbaren Lobgesangs meiner Schönheit,

den ich von Arjuna gehört. Tropfen nach Tropfen trank ich den Honig, den

ich am Tage gesammelt, Vergangenes und Zukünftiges war vergessen. Ich

fühlte mich der Blume verwandt: ihr sind nur flüchtige Stunden vergönnt,

dem summenden Schmeicheln, dem Flüstern und Murmeln der Wälder zu

lauschen. Dann muß sie die Augen vom Himmel wenden, ihr Haupt beugen und

ihren Atem aushauchen im Staub, klaglos den kurzen Traum eines

vollkommenen Augenblicks beenden, der nicht Vergangenheit noch Zukunft

kennt.

_Vasanta_

Ein grenzenloses Leben voller Ruhm kann blühen und sich erschöpfen an

einem Morgen.

_Madana_

Wie Ewigkeits-Sinn im kleinsten Bruchteil eines Liedes sein kann.

_Chitra_

Die südliche Brise wiegte mich in Schlaf. Von dem blühenden

Malati-Hain über mir tropften schweigend Küsse auf mich nieder. Jede

Blume wählte sich ein Lager zum Sterben, in meinem Haar, auf meiner

Brust oder meinen Füßen. Ich schlief. Und in der Tiefe meines Schlafes

war mir plötzlich, als ob ein durchdringender, gieriger Blick meinen

Körper berühre, wie der spitzige, stechende Finger der Flamme. Ich

sprang auf und sah den Einsiedler vor mir stehen. Der Mond war westwärts

gewandert und lugte durch die Blätter, um das Wunder zu sehen, das durch

göttliche Kunst in zerbrechlicher Menschlichkeit erstanden war. Die Luft

war schwer, duftgeschwängert, die Stille der Nacht klang vom

Grillengezirp, regungslos lag das Spiegelbild der Bäume auf dem See. Und

mit seinem Stab in der Hand stand der Einsiedler groß, aufrecht und

schweigend wie ein Baum des Waldes. Mir war, da ich die Augen aufschlug,

als sei ich abgeschieden von aller Wirklichkeit des Lebens, und es

vollziehe sich an mir eine Wiedergeburt im Land der Träume. Scham fiel

von mir und glitt wie ein gelöstes Gewand auf meine Füße nieder. Ich

hörte seinen Schrei -- »Geliebte, einzig Geliebte!« Und all' meine

vergangenen, vergessenen Leben schmolzen zu einem und riefen ihm Antwort

zu: »Nimm mich, nimm mich ganz zu eigen!« Und ich breitete meine Arme

nach ihm aus. Der Mond sank hinter den Bäumen. Ein dunkler Vorhang

bedeckte alles, Himmel und Erde, Zeit und Raum, Lust und Schmerz, Leben

und Tod schmolzen in Eins in unsagbarer Verzückung.... Mit dem ersten

Morgenstrahl, dem ersten Vogelzwitschern richtete ich mich auf und

blieb, auf den linken Arm gestützt, sitzen. Der Einsiedler lag

schlafend, ein unbekümmertes Lächeln krümmte sich um seine Lippen, wie

der wachsende Mond am Morgen. Der Dämmerung rosiges Glühen fiel auf

seine edle Stirn. Ich seufzte, stand auf und zog die breitblättrigen

Lianen zusammen, um sein Gesicht vor der flutenden Sonne zu schützen.

Ich schaute umher und sah die gleiche alte Erde. Ich erinnerte mich, was

ich gewesen und rannte, rannte wie ein Reh, das seinen eigenen Schatten

fürchtet, den Waldpfad entlang, den Stephali-Blumen bedeckten. Ich fand

einen einsamen Winkel, setzte mich nieder, barg mein Gesicht in beiden

Händen, um zu weinen und zu klagen. Doch meine Augen blieben tränenlos.

_Madana_

Weh über Dich, Tochter der Sterblichen! Ich stahl aus den göttlichen

Speichern den duftenden Wein des Himmels, gab ihn, eine irdische Nacht

gefüllt bis zum Rande, in Deine Hände, auf daß Du tränkest -- und immer

hör' ich noch diesen Schrei der Qual!

_Chitra_

(bitter)

Wer trank ihn? Des Lebens seltenste Erfüllung, erste Liebesumarmung bot

man mir dar und entriß sie wieder meiner Sehnsucht? Diese erborgte

Schönheit, die Falschheit, die mich umhüllt, sie werden von mir gleiten,

wie Blüten im Wind entblättern, und die einzig sichtbare Erinnerung

jener süßen Vereinigung mitnehmen, und voll Scham über seine Armut wird

das Weib weinend sitzen -- Tag und Nacht. Gott der Liebe, diese

verfluchte äußere Gestalt begleitet mich Tag und Nacht, wie ein Dämon,

und beraubt mich allen Liebeslohnes -- all der Küsse, nach denen ich

verschmachte.

_Madana_

Ach, umsonst war Deine einzige Nacht! Die Barke der Erfüllung kam in

Sicht, aber die Wellen ließen sie das Ufer nicht berühren.

_Chitra_

Der Himmel war meinem Griff ganz nahe und ich vergaß für Augenblicke,

daß ich ihn noch nicht erreicht hatte. Aber als ich des Morgens aus

meinem Traum erwachte, fand ich im eigenen Körper die Rivalin. Nun ward

mir die verhaßte Pflicht, sie täglich zu schmücken, zum Geliebten zu

schicken und zu sehen, wie er sie liebkoste. O Gott, nimm Dein Geschenk

zurück!

_Madana_

Aber wie willst Du vor Deinen Geliebten treten, wenn ich es von Dir

nehme? Ist es nicht grausam, den Becher von seinen Lippen zu reißen,

nachdem er kaum einen Zug der Lust getan? Wie ärgerlich wirst Du ihm

sein?

_Chitra_

Und doch wäre es besser so. Ich will ihm meine wahrhaftige Gestalt zu

erkennen geben, eine edlere Tat, als in dieser Maske zu leben. Wenn er

mich auch verstößt und verschmäht, wenn er mein Herz auch bricht --

schweigend will ich's tragen.

_Vasanta_

Hör' meinen Rat. Wenn die blumenerfüllte Jahreszeit vergangen, kommt

der Herbst und mit ihm der Triumphzug der Früchte. Die Zeit wird kommen,

da die überreife Blume des Leibes sich vergehend neigt. Dann wird Arjuna

die bleibende fruchtgewordene Wahrheit aus Dir voll Glück hinnehmen. O

Kind, geh' zurück zu Deiner rasenden Feier.

Chitra: Ein Spiel in einem Aufzug · 第 11 / 25 题