IM WALD

_Arjuna_

Träumte mir oder war Wirklichkeit, was ich am See sah? Im sinkenden

Schatten des Abends saß ich auf moosigem Grund und dachte vergangener

Jahre, als aus dem bergenden Dunkel der Blätter langsam eine Erscheinung

trat in der vollkommenen Gestalt eines Weibes. Sie stand auf einem

weißen, flachen Stein am Rande des Wassers. Es schien, als müsse das

Herz der Erde sich weiten vor Freude unter ihren nackten weißen Füßen.

Mir deuchte, die zarte Umhüllung ihres Körpers wollte sich in Verzückung

auflösen in Luft, wie der goldene Frühnebel vom schneeigen Gipfel des

östlichen Berges schmilzt. Sie beugte sich über den schimmernden Spiegel

des Teiches und erblickte ihr Antlitz darin. Sie schrak zurück und stand

still, dann lächelte sie, löste mit einer nachlässigen Bewegung des

linken Arms ihr Haar, das bis zu ihren Füßen zur Erde niederglitt. Sie

entblößte ihre Brust und betrachtete ihre makellos geformten Arme

erfüllt von Zärtlichkeit für ihren Körper. Sie neigte den Kopf und sah

ihre süße, blühende Jugend und das zarte Erröten ihrer flaumigen Haut.

Sie strahlte in freudiger Überraschung. So würde die weiße Lotosblume

den ganzen Tag über sich staunen, könnte sie des Morgens beim Erwachen,

ihren Hals beugen und ihr Abbild im Wasser sehn. Aber einen Augenblick

später wich das Lächeln von ihrem Antlitz, und ein Schatten von Trauer

stieg in ihren Augen auf. Sie band ihre Haarflechten auf, zog den

Schleier um ihre Schultern und schritt leise seufzend hinweg, wie ein

schöner Abend, der in Nacht versinkt. Die erhabene Erfüllung aller

Sehnsucht schien sich mir in einem Blitz geoffenbart zu haben und

verlosch dann ... Aber wer bewegt die Türe?

(Chitra tritt ein, in Frauenkleidern.)

Ah! sie ist's! Stille mein Herz!...

Fürchte nichts, Herrin! Ich bin ein Kshatriya.

_Chitra_

Edler Herr, Du bist mein Gast. Ich wohne in diesem Tempel. Ich weiß

nicht, wie ich Dir Gastfreundschaft erzeigen kann.

_Arjuna_

Schöne Frau, Dein Anblick allein ist die höchste Gastfreundschaft. Wenn

Du mir's nicht verdenken willst, möchte ich Dich etwas fragen.

_Chitra_

Es sei Dir gewährt.

_Arjuna_

Welch strenges Gelübde hält Dich in diesen einsamen Tempelmauern

gefangen und beraubt die Sterblichen Deines lieblichen Anblickes?

_Chitra_

Ich hege einen geheimen Wunsch in meinem Herzen, für dessen Erfüllung

ich täglich Gebete zu Shiva sende.

_Arjuna_

Ach, was kannst Du verlangen, die Du das Verlangen der ganzen Welt bist?

Von dem östlichen Hügel, auf dessen Gipfel die Morgensonne zuerst ihren

feurigen Fuß setzt, bis ans Ende des Abendlands bin ich gewandert. Ich

habe das Köstlichste, Schönste und Größte der Erde gesehen. Mein Wissen

soll Dein sein, nur sage mir, was oder wen Du suchst.

_Chitra_

Ihn, den ich suche, ihn kennen alle.

_Arjuna_

Wer mag dieser Liebling der Götter sein, der Dein Herz gefangen nahm?

_Chitra_

Er ist der Größte aller Helden, ein Sproß des höchsten Herrscherhauses.

_Arjuna_

Herrin, opfere nicht diesen Schatz von Schönheit, der Dein ist, auf dem

Altar eines falschen Ruhmes. Unwahres Gerücht verbreitet sich von Mund

zu Mund, wie der Nebel im frühen Morgendämmer ehe die Sonne aufgeht.

Sage mir, wer ist der erhabene Held aus höchstem königlichem Stamm?

_Chitra_

Einsiedler, der Ruhm andrer Männer erfüllt Dich mit Neid. Weißt Du

nicht, daß der Ruhm des königlichen Hauses der Kuru über die ganze Welt

verbreitet ist?

_Arjuna_

Das Haus der Kuru!

_Chitra_

Und hast Du nie den größten Namen dieses weitgerühmten Hauses gehört?

_Arjuna_

Laß ihn mich von Deinen eigenen Lippen hören.

_Chitra_

Arjuna, der Welteroberer. Ich habe diesen unsterblichen Namen von den

Lippen der Menge abgelesen und ihn sorgfältig in meinem Herzen

verborgen. Einsiedler, was blickst Du so verwirrt drein? Trägt dieser

Name nur trügerischen Glanz? Sag es, und ich will nicht zögern, den

Schrein meines Herzens aufzubrechen und den falschen Edelstein in den

Staub zu werfen.

_Arjuna_

Ob auch sein Name und Ruhm, sein Mut und seine Tapferkeit wahr oder

falsch sind, um des Mitleids willen verbanne ihn nicht aus Deinem

Herzen, denn er kniet zu Deinen Füßen -- in diesem Augenblick.

_Chitra_

Du, Arjuna!

_Arjuna_

Ja, der bin ich, ein vor Liebe verschmachteter Bettler an deiner Tür.

_Chitra_

So ist es nicht wahr, daß Arjuna das Gelübde zwölf Jahre langer

Keuschheit getan hat?

_Arjuna_

Du hast meinen Schwur gelöst wie der Mond den nächtlichen Schwur der

Dunkelheit.

_Chitra_

Scham über Dich! Was sahst du in mir, das Dich Deinem eigenen Ich

untreu werden ließ? Wen suchst du in diesen dunklen Augen, in diesen

milchweißen Armen, wenn Du sie mit dem Preis Deiner Ehre zu bezahlen

bereit bist? Nicht mein wahres Selbst, das weiß ich. Wahrlich das kann

nicht Liebe sein, nicht des Mannes tiefste Ehrfurcht vor dem Weib! Wehe,

daß der Körper, diese zerbrechliche Hülle, uns blendet, das Licht der

unsterblichen Seele zu schauen! Ja, Arjuna, nun weiß ich gewiß, falsch

ist der Ruhm Deines Heldentums.

_Arjuna_

O, ich fühle wie eitel der Ruhm ist und der Stolz der Tapferkeit! Alles

scheint Traum. Du allein bist vollkommen, Du bist der Reichtum der Welt,

das Ende aller Armut, das Ziel alles Strebens, das Weib! Andere Frauen

gibt's, langsam und schwer zu erkennen, aber Dich einen Augenblick lang

zu sehn, heißt höchste Vollendung schauen, jetzt und in Ewigkeit.

_Chitra_

Ach nicht ich bin's, nicht ich, Arjuna! Es ist das Trugbild eines

Gottes. Geh', geh' mein Held, geh'. Frei' nicht die Lüge, opfre dein

großes Herz nicht einer Täuschung. Geh'.

Chitra: Ein Spiel in einem Aufzug · 第 9 / 25 题