Die Zauberer auf den Westmändsinseln

Als der Schwarze Tod auf Island raste, taten sich achtzehn Zauberer

zusammen und schlossen miteinander ein Bündnis. Sie zogen nach den

Westmändsinseln und wollten sich gegen den Tod wehren, solange es

irgend ging. Als sie vermittels ihrer Zauberweisheit sahen, daß die

Krankheit auf dem Festland abgenommen hatte, wollten sie gern wissen,

ob noch ein Mensch am Leben wäre. Sie einigten sich deshalb, einen

ihrer Kameraden ins Land zu senden, und dazu wählten sie den, der in

ihrer Kunst weder am meisten, noch am wenigsten erfahren war. Sie

brachten ihn ans Land und sagten, daß sie ihm, wenn er nicht bis zur

Julzeit zurückgekommen wäre, einen Sending[7] schicken würden, der ihn

töten sollte. Das war in den ersten Tagen des Advents.

Der Mann verließ sie, suchte lange und kam weit herum. Aber nirgends

sah er einen lebenden Menschen; die Höfe standen offen, und darinnen

lagen überall Leichen umher. Endlich kam er an einen Hof, der

verschlossen war. Er wunderte sich darüber, und es wurde die Hoffnung

in ihm erweckt, daß er hier Menschen antreffen würde. Er klopfte an

die Tür, und sogleich kam ein schönes, junges Mädchen und öffnete ihm.

Er begrüßte sie, sie aber schlang die Arme um seinen Hals und weinte

vor Freude, wieder einen Menschen zu sehen; denn sie hätte geglaubt,

sagte sie, daß sie das einzige zurückgebliebene Wesen sei. Sie bat

ihn, bei ihr zu bleiben, was er auch versprach. Sie gingen zusammen

in das Haus und hatten vieles miteinander zu besprechen. Sie fragte,

wo er herkäme, und wo er hinwollte. Das erzählte er ihr und zugleich,

daß er bis zur Julzeit zurück sein müßte. Sie bat ihn, doch bei ihr zu

bleiben, solange er könnte. Sie tat ihm sehr leid, und er versprach ihr

denn auch zu bleiben. Sie erzählte ihm, daß alle Menschen gestorben

seien; denn sie wäre selber, sagte sie, in alle Richtungen gezogen,

eine Wochenreise von ihrem Hause, ohne irgendeinem lebenden Wesen zu

begegnen.

Es ging auf die Julzeit, und der Inselmann dachte ans Heimwärtsziehen.

Das Mädchen aber bat ihn zu bleiben und sagte, daß seine Kameraden wohl

nicht so hartherzig wären, ihn entgelten zu lassen, daß er bei ihr, die

so allein und verlassen sei, geblieben wäre. Er ließ sich überreden

zu bleiben, und dann kam die Julzeit. Da wollte er fort, trotz allem,

was sie auch sagte. Sie sah, daß ihre Bitten nichts fruchteten und

sagte: »Glaubst du, daß du die Insel noch heute abend erreichen kannst?

Oder scheint es dir nicht ebensogut, hier bei mir zu sterben, als an

irgendeinem Ort unterwegs?«

Der Mann sah ein, daß die Zeit zu knapp geworden war und entschloß

sich, ruhig zu bleiben, wo er war und hier den Tod zu erwarten. Es ging

auf die Nacht; er war sehr niedergeschlagen, aber das Mädchen war keck

und munter und fragte ihn, ob er sehen könnte, was die Inselbewohner

jetzt trieben. Er sagte, daß sie ihren Sending jetzt ans Land gebracht

hätten, und daß er heute kommen würde.

Das Mädchen setzte sich neben ihn auf ihr Bett, er aber legte sich

in das Bett hinter sie. Er sagte, daß er jetzt anfinge, schläfrig zu

werden, und daß das der Vorbote des Sendings sei. Darauf schlief er

ein. Das Mädchen saß auf dem Bettrand und weckte ihn einmal ums andere,

damit er sagen sollte, wo der Sending der Inselbewohner nun sei. Aber

je näher dieser kam, desto fester schlief er, und als er zuletzt gesagt

hatte, daß er nun auf den Hof gekommen sei, schlief er so fest, daß das

Mädchen ihn nicht mehr wecken konnte, und es dauerte denn auch nicht

mehr lange, bis sie einen dunkelbraunen Nebel in das Haus eindringen

sah. Der Nebel schwebte langsam auf sie zu und verdichtete sich zu

einer Menschengestalt. Das Mädchen fragte, wo sie hinwolle. Die Gestalt

entledigte sich ihres Auftrags und bat sie, vom Bett wegzutreten; »denn

ich kann nicht über dich hinwegkommen,« sagte sie. Das Mädchen sagte

der Gestalt, daß sie ihr dann als Entgelt eine Gefälligkeit erweisen

müsse. Die Gestalt fragte, was das wohl sein könne. Das Mädchen

erwiderte, daß sie ihm zeigen solle, wie groß sie werden könnte. Die

Gestalt war damit einverstanden und wurde nun so groß, daß sie das

ganze Haus erfüllte. Da sagte das Mädchen: »Jetzt möchte ich gern

sehen, wie klein du werden kannst.« Die Gestalt sagte, sie könnte eine

Fliege werden, und in demselben Augenblick verwandelte sie sich in eine

Fliege und wollte unter der Hand des Mädchens in das Bett zu dem Manne

hinauffliegen, flog aber unglücklicherweise gerade in den Röhrenknochen

eines Schafes, den das Mädchen in der Hand hielt, und dieses beeilte

sich, sofort einen Pfropfen in des Loch zu treiben.

Dann steckte sie den Knochen mit der Fliege in die Tasche und weckte

den Mann. Er wurde bald wach und wunderte sich sehr, daß er noch am

Leben sei. Das Mädchen fragte ihn, wo der Sending wäre. Er antwortete,

daß er nicht wüßte, wo er geblieben sei, das Mädchen aber sagte ihm

dann, daß sie längst geahnt hätte, daß das keine großen Zauberer

auf der Insel wären. Der Mann freute sich, dies zu hören, und sie

verbrachten beide die Feiertage in großer Fröhlichkeit.

Als aber das neue Jahr näher rückte, fing der Mann wieder an,

wortkarg zu werden. Das Mädchen fragte, was ihm denn nur fehle. Er

sagte, daß sie jetzt auf der Insel im Begriff wären, einen neuen

Sending auszurüsten und ihm die höchste Zauberkraft zu verleihen. »Am

Neujahrstag wird er hier sein, und dann ist es nicht leicht, mich zu

retten.« Das Mädchen sagte, daß sie keine Angst davor habe, ehe sie

es probiert hätte, und: »Nicht brauchst du dich vor den Sendingen

der Inselbewohner zu fürchten.« Am letzten Tag des Jahres sagte er,

daß jetzt der Sending ins Land gekommen sei. »Und schnell kommt er

vorwärts, denn er hat eine gewaltige Zauberkraft.« Das Mädchen sagte,

daß er ihr nun aus dem Hause folgen solle, was er auch tat. Sie kamen

bald darauf nach einem Buschwald. Darin blieb sie stehen und riß ein

paar Büsche aus. Da stießen sie auf einen flachen Stein. Das Mädchen

hob den Stein auf, und darunter zeigte sich eine Erdhöhle. Sie stiegen

in die Erdhöhle hinab, in der es finster und unheimlich war. Da war

ein schwacher Docht in einem Schädel, der in Menschenfett brannte.

Auf einem elenden Lager in der Nähe des Lichtes lag ein Vagabund, der

furchtbar anzusehen war. Seine Augen waren wie Blut, und sein Aussehen

war so greulich, daß der Inselmann schon genug hatte. Der Alte sagte:

»Es ist wohl etwas Neues geschehen, daß du herkommst, Pflegetochter.

Es ist lange her, daß ich dich gesehen habe, und was kann ich nun

für dich tun?« Das Mädchen erzählte ihm dann, weshalb sie gekommen

sei, von dem Manne, und von dem ersten Sending. Der Alte bat sie, den

Röhrenknochen sehen zu dürfen. Sie zeigte ihn ihm, aber als der Alte

den Knochen in der Hand hatte, wurde er ein ganz anderer. Er drehte

ihn nach allen Richtungen und betastete ihn überall von außen. Dann

sagte das Mädchen: »Hilf nun schnell, Pflegevater, denn jetzt beginnt

er schläfrig zu werden, und das ist ein Zeichen, daß der Sending bald

hier ist.« Da nahm der Alte den Pfropfen aus dem Röhrenknochen, und

sofort kam die Fliege aus ihm heraus. Der Alte streichelte die Fliege

und sagte: »Geh nun hinaus und nimm alle Sendinge von den Inseln in

Empfang und verschlinge sie.« Da ertönte ein starker Donnerschlag, die

Fliege fuhr heraus und wurde so groß, daß der obere Teil des Mauls bis

zum Himmel reichte, während der untere Teil auf der Erde lag. Sie nahm

alle Sendinge von den Inseln in Empfang, und der Mann war gerettet.

Sie gingen dann wieder von der Erdhöhle fort und nach Hause, das

Mädchen und der Inselmann, und gründeten eine Wirtschaft auf ihrem Hof.

Später wurden sie Mann und Weib, waren fruchtbar, vermehrten sich und

bevölkerten die Erde.

Und so weiß ich nichts mehr von der Sage.

Fußnoten:

[7] Isl. »Sending« heißt der Spukgeist oder das Gespenst, das

abgesandt wird, um jemanden zu töten.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 92 / 145 题