Der Troll im Felsen

Auf Holme im Reydarfjord verschwand einmal die Tochter des Pfarrers;

man suchte sie lange überall, aber nirgends war sie zu finden. Aus dem

Fjord erhebt sich ein spitziger Felsen, der Skrudur genannt wird. Die

Leute der bewohnten Gegend pflegen jeden Herbst ihr Vieh dort auf der

Weide zu haben und es nach Weihnachten wieder abzuholen; jedes Jahr

blieb das beste Schaf aus der Herde weg, anderes aber wurde nie vermißt.

Ein paar Fischerboote konnten einmal eines Winters ihren üblichen

Landungsplatz nicht erreichen; eins von ihnen steuerte unter einen

Felsen in den Skrudur hinein. Dort zogen die Fischer das Boot ans Land,

setzten sich, naß und erfroren, wie sie waren, auf einen Felsenabsatz

und begannen, das Marienlied zu singen. Da öffnete sich der Felsen, und

eine ungewöhnlich große Männerhand mit einem Ring auf jedem Finger und

einem scharlachfarbenen Ärmel über dem Handgelenk kam zum Vorschein

und reichte ihnen eine große Schüssel voll Grütze, mit so vielen

Löffeln drin, als es Leute waren, heraus, während von innen gesagt

wurde: »Jetzt macht es meiner Frau Vergnügen, jetzt macht es mir kein

Vergnügen.« Als die Fischer durch die warme Grütze satt und neubelebt

waren, verschwand die Schüssel wieder in den Felsen hinein. Am nächsten

Tag kamen sie ans Land.

Im nächsten Jahr um dieselbe Zeit geschah dasselbe mit einem anderen

Fischerboot. Die Fischer saßen auf dem Felsenabsatz und sangen das

Andrelied ganz leise bis zu Ende. Da kam dieselbe Hand aus dem Felsen

heraus, mit einer Schüssel voll fetten Rauchfleisches, und sie hörten,

daß gesagt wurde: »Jetzt macht es mir Vergnügen, jetzt macht es nicht

meiner Frau Vergnügen.«[3] Satt kehrten sie zurück ans Land, als das

Wetter sich beruhigt hatte.

Nun vergingen ein paar Jahre, bis Bischof Gudmund auf dem Ostland

umherzog und Seen und Brunnen weihte, und die Schlange im Wasserfall

unter dem Lagerfluß fesselte. Er war Gast auf Holme. Da bat ihn der

Pfarrer, auch den Skrudur zu weihen: »Denn ich habe viel Gut, und es

wird mir schwer, es mitzunehmen, und das will ich dir sagen, daß du

weitere Reisen nicht machen wirst, wenn du in mein Gebiet ziehst, um

mir Schaden zuzufügen.«

Der Bischof aber unterließ es hinzuziehen und den Felsen zu weihen.

Fußnoten:

[3] Die Frau des Trolls war nämlich Christin, und darum fand

sie Vergnügen an dem Lied der Jungfrau Maria, während er

sich freute, das Lied vom Andre zu hören, der ein Troll

war, wie er selbst.

Isländische Märchen und Volkssagen · 第 74 / 145 题