=Regine.= Sofort. Sie ist schon angezündet. (Ab.)
=Frau Alving= (geht zu Oswald). Oswald, verheimliche mir nichts.
=Oswald.= Das thue ich ja nicht, Mutter. (Geht an den Tisch.) Ich denke,
ich habe dir schon genug gesagt.
=Regine= (bringt die Lampe und stellt sie auf den Tisch).
=Frau Alving.= Hör', Regine, du könntest uns eine halbe Flasche
Champagner bringen.
=Regine.= Sehr wohl, gnädige Frau. (Geht wieder hinaus.)
=Oswald= (nimmt Frau Alvings Kopf in beide Hände). So ist's recht. Ich
wußte wohl, daß Mutter ihren Jungen nicht verdursten lassen würde.
=Frau Alving.= Du mein armer, lieber Oswald; wie sollte ich dir noch
irgend etwas verweigern können?
=Oswald= (lebhaft). Ist das wahr, Mutter? Meinst du das wirklich?
=Frau Alving.= Wie? Was?
=Oswald.= Daß du mir nichts verweigern kannst?
=Frau Alving.= Aber lieber Oswald -- --
=Oswald.= Stille! --
=Regine= (bringt auf einer Platte eine halbe Flasche Champagner und zwei
Gläser, die sie auf den Tisch stellt). Soll ich aufmachen --?
=Oswald.= Nein danke, das thue ich selbst. (Regine geht wieder hinaus.)
=Frau Alving= (setzt sich an den Tisch). Was war es, -- das ich dir
nicht verweigern sollte?
=Oswald= (mit dem Oeffnen der Flasche beschäftigt). Zuerst ein Glas --
oder zwei. (Der Pfropfen springt, schenkt in das eine Glas und will auch
in das zweite schenken.)
=Frau Alving= (hält die Hand drüber). Danke -- für mich nicht.
=Oswald.= Nun, dann für mich! (Er leert das Glas, füllt es aufs neue und
leert es wieder; dann setzt er sich an den Tisch.)
=Frau Alving= (erwartungsvoll). Nun?
=Oswald= (ohne sie anzublicken). Hör' mich an. Mir war's, als seien du
und Pastor Manders so -- hm, so schweigsam während des Mittagessens
gewesen.
=Frau Alving.= Hast du das bemerkt?
=Oswald.= Ja. Hm -- (Nach einer kurzen Pause.) -- Sag' mir, -- was
denkst du von Regine?
=Frau Alving.= Was ich denke?
=Oswald.= Ja. Ist sie nicht herrlich?
=Frau Alving.= Lieber Oswald, du kennst sie nicht so genau wie ich.
=Oswald.= Nun?
=Frau Alving.= Regine ist leider zu lange bei ihrem Vater daheim
geblieben. Ich hätte sie früher zu mir nehmen sollen.
=Oswald.= Ja, aber ist sie nicht herrlich anzusehen, Mutter? (Füllt sein
Glas.)
=Frau Alving.= Regine hat viele und große Fehler --
=Oswald.= Nun ja; was thut das? (Trinkt wieder.)
=Frau Alving.= Aber ich halte trotzdem viel von ihr; und ich habe die
Verantwortlichkeit für sie übernommen. Um keinen Preis der Welt möchte
ich, daß ihr etwas geschähe.
=Oswald= (springt auf). Mutter! Regine ist meine einzige Rettung!
=Frau Alving= (erhebt sich). Was meinst du damit?
=Oswald.= Ich kann all diese Seelenqual nicht länger allein tragen.
=Frau Alving.= Hast du nicht deine Mutter, die sie dir mit trägt?
=Oswald.= Ja, das hoffte ich; und deshalb kehrte ich heim zu dir. Aber
es geht nicht auf diese Weise. Ich sehe es ein, es geht nicht. Ich kann
das Leben hier nicht ertragen!
=Frau Alving.= Oswald!
=Oswald.= Ich muß ein anderes Leben führen, Mutter. Und deshalb muß ich
fort von dir. Ich will nicht, daß du es mit ansiehst.
=Frau Alving.= Mein unglücklicher Sohn! Aber Oswald, so lange du so
krank bist wie jetzt --
=Oswald.= Wenn es nur die Krankheit allein wäre, so würde ich bei dir
bleiben, Mutter. Denn du bist die treuste Freundin.
=Frau Alving.= Ja, nicht wahr, Oswald? Bin ich das nicht?
=Oswald= (geht unruhig umher). Aber es sind diese Qualen, -- die Reue,
-- -- und dann die furchtbare, tödtliche Angst. O -- diese entsetzliche
Angst!
=Frau Alving= (geht ihm nach). Angst? -- Welche Angst? Was meinst du?
=Oswald.= Ach, frag' mich nicht weiter. Ich weiß es nicht. Ich kann es
dir nicht beschreiben.
=Frau Alving= (nach rechts, zieht den Glockenzug).
=Oswald.= Was willst du thun?
=Frau Alving.= Ich will, daß mein Junge lustig sein soll; das will ich.
Er soll hier nicht umher gehen und grübeln. (Zu Regine, die in die Thür
tritt.) Mehr Champagner! Eine ganze Flasche. (Regine geht.)
=Oswald.= Mutter!
=Frau Alving.= Glaubst du vielleicht, daß wir hier draußen auf dem Lande
nicht auch zu leben verstehen?
=Oswald.= Ist sie nicht prächtig anzusehen? Wie sie gewachsen ist! Und
so kerngesund!
=Frau Alving= (setzt sich an den Tisch). Setz dich, Oswald, und laß uns
ruhig sprechen.
=Oswald= (setzt sich). Du weißt wohl nicht, Mutter, daß ich an Regine
ein Unrecht wieder gut zu machen habe.
=Frau Alving.= Du!
=Oswald.= Oder eine kleine Unbedachtsamkeit -- wie du es nun nennen
willst. Uebrigens sehr unschuldig. Als ich das letzte Mal zu Hause war
--
=Frau Alving.= Nun?
=Oswald.= -- da fragte sie mich so oft nach Paris, und ich erzählte ihr
dies und jenes von dort. So erinnere ich mich, daß ich sie eines Tages
fragte, ob sie nicht auch Lust habe, hin zu kommen. --
=Frau Alving.= Und weiter?
=Oswald.= Ich sah, daß sie feuerroth wurde, und dann sagte sie: ja, dazu
hätte ich wahrhaftig Lust. -- Ja, ja, antwortete ich, dazu kann wohl
Rath werden, -- oder etwas Aehnliches.
=Frau Alving.= Was dann?
=Oswald.= Ich hatte das Ganze natürlich vergessen; als ich sie aber
vorgestern fragte, ob sie froh sei, daß ich jetzt so lange zu Hause
bleiben würde --
=Frau Alving.= Da?
=Oswald.= -- da sah sie mich so seltsam an und fragte dann: was wird
jetzt aber aus meiner Reise nach Paris?
=Frau Alving.= Ihre Reise!
=Oswald.= Und so erfuhr ich denn, daß sie die Sache ernst genommen
hatte, daß sie während der ganzen Zeit an mich gedacht und angefangen
hatte, französisch zu lernen.
=Frau Alving.= Deshalb also --
=Oswald.= Mutter, -- als ich in jenem Augenblick das prächtige,
schmucke, kernfrische Mädchen vor mir stehen sah -- früher hatte ich sie
ja gar nicht beachtet -- wie sie so vor mir stand, gleichsam mit offenen
Armen um mich zu umfangen --
=Frau Alving.= Oswald!
=Oswald.= -- da ward es mir klar, daß in ihr meine Rettung sei; -- denn
in ihr ist Lebensfreudigkeit!
=Frau Alving= (erstaunt). Lebensfreudigkeit? -- Kann d i e Rettung
bringen?
=Regine= (mit einer Champagnerflasche aus dem Speisezimmer). Verzeihen
Sie, daß ich so lange blieb, aber ich mußte in den Keller hinunter --
(Stellt die Flasche auf den Tisch.)
=Oswald.= Bring' noch ein Glas.
=Regine= (sieht ihn verwundert an). Das Glas der gnädigen Frau steht da,
Herr Alving.
=Oswald.= Ja; aber hol' noch eins für dich selbst, Regine.
=Regine= (zuckt zusammen und wirft einen hastigen, scheuen Seitenblick
auf Frau Alving).
=Oswald.= Nun?
=Regine= (leise und zögernd). Geschieht es mit dem Willen der gnädigen
Frau?
=Frau Alving.= Hol' das Glas, Regine. (Regine geht ins Speisezimmer.)
=Oswald= (blickt ihr nach). Hast du bemerkt, wie sie geht? So fest und
muthig!
=Frau Alving.= Das wird n i c h t geschehen, Oswald.
=Oswald.= Die Sache ist abgemacht. Das siehst du ja. Es nützt nichts
mehr, dagegen zu reden.
=Regine= (kommt mit einem leeren Glas, das sie in der Hand behält).
=Oswald.= Setz dich, Regine.
=Regine= (sieht fragend auf Frau Alving).
=Frau Alving.= Setz dich nur.
=Regine= (setzt sich auf einen Stuhl neben der Thür des Speisezimmers
und hat noch immer das leere Glas in der Hand).
=Frau Alving.= Oswald, -- was war doch das, was du von der
Lebensfreudigkeit sagtest?
=Oswald.= Ja, die Lebensfreudigkeit, Mutter, -- die kennt ihr hier zu
Hause wenig. Ich verspüre sie hier niemals.
=Frau Alving.= Auch nicht, wenn du bei mir bist?
=Oswald.= Niemals, wenn ich zu Hause bin. -- Doch das verstehst du
nicht.
=Frau Alving.= Doch, doch, ich glaube beinahe, daß ich es verstehe --
jetzt!
=Oswald.= Diese -- und dann die Arbeitsfreudigkeit. Ja, das ist im
Grunde beinahe dasselbe. Aber auch von d e r wisset ihr hier nichts.
=Frau Alving.= Darin magst du Recht haben. Oswald, laß mich mehr davon
hören.
=Oswald.= Ja, ich meine nur, daß euch hier gelehrt wird zu glauben, daß
die Arbeit ein Fluch und eine Sündenstrafe sei -- und daß das Leben ein
jämmerliches Etwas, mit dem man je früher, desto besser zu Ende kommt.
=Frau Alving.= Ein Jammerthal, ja. Und dazu machen wir es auch ehrlich
und redlich.
=Oswald.= Aber von solchen Dingen wollen die Menschen da draußen nichts
wissen. Da giebt es niemanden mehr, der noch an solche Lehren glaubt. Da
draußen empfindet man das bloße Dasein als etwas so jubelnd
Glückseliges. Mutter, hast du nicht bemerkt, daß a l l e s was ich
gemalt habe, sich um die Lebensfreudigkeit dreht? Immer und beständig um
die Lebensfreudigkeit. Da draußen sind Licht und Sonnenschein und
Sonntagsluft -- und strahlende, glückliche Menschengesichter. -- Deshalb
fürchte ich mich, hier bei dir in der Heimat zu bleiben.
=Frau Alving.= Du fürchtest dich? W a s fürchtest du hier bei mir?
=Oswald.= Ich fürchte, daß alles, was in mir tobt, h i e r in
Unsittlichkeit ausarten könnte.
=Frau Alving= (blickt ihn fest an). Glaubst du, daß d a s geschehen
würde?
=Oswald.= Das weiß ich gewiß. Wenn man auch hier zu Hause dasselbe Leben
lebt, wie da draußen, -- es ist ja d o c h nicht dasselbe Leben.
=Frau Alving= (die gespannt gelauscht hat, erhebt sich mit großen,
gedankenvollen Augen und sagt): Jetzt sehe ich den Zusammenhang.
=Oswald.= W a s siehst du?
=Frau Alving.= Jetzt sehe ich ihn zum ersten Mal. Und jetzt darf ich
reden.
=Oswald= (erhebt sich). Mutter, ich verstehe dich nicht.
=Regine= (die sich ebenfalls erhoben hat). Soll ich vielleicht gehen?
=Frau Alving.= Nein, bleib. Jetzt kann ich reden. Jetzt, mein Sohn,
sollst du alles wissen. Und dann kannst du wählen. Oswald! Regine!
=Oswald.= Sei still. Der Pastor --
=Pastor Manders= (tritt durch die Vorzimmerthür ein). So, so! Jetzt
haben wir da unten eine herzerweckende Stunde gehabt.
=Oswald.= Wir auch.
=Pastor Manders.= Engstrand muß mit seinem Seemannsheim geholfen werden.
Regine muß mit ihm ziehen und ihm behilflich sein --
=Regine.= Nein, danke Herr Pastor.
=Pastor Manders= (bemerkt sie jetzt erst). Was? -- Hier --? und mit
einem Glase in der Hand?
=Regine= (stellt das Glas schnell fort). Pardon --!
=Oswald.= Regine geht mit mir, Herr Pastor.
=Pastor Manders.= Geht mit Ihnen!
=Oswald.= Ja. Als mein Weib, -- wenn sie es verlangt.
=Pastor Manders.= Aber du barmherziger --!
=Regine.= Es ist nicht meine Schuld, Herr Pastor.
=Oswald.= Oder sie bleibt hier -- wenn ich bleibe.
=Regine= (unwillkürlich). Hier --?!
=Pastor Manders.= Frau Alving -- Sie versteinern mich!
=Frau Alving.= Keins von beiden wird geschehen, denn jetzt kann ich
offen reden.
=Pastor Manders.= Aber das werden Sie doch nicht thun! Nein, nein, nein!
=Frau Alving.= Doch, ich k a n n und ich w i l l. Und trotzdem werden
keine Ideale fallen.
=Oswald.= Mutter, was ist es, das mir verheimlicht wird!
=Regine= (horchend). Gnädige Frau! Hören Sie! Draußen schreien die
Leute. (Sie geht ins Blumenzimmer und sieht hinaus.)
=Oswald= (am Fenster links). Was ist los? Woher kommt der Lichtschein?
=Regine= (schreit). Es brennt im Asyl!
=Frau Alving= (stürzt ans Fenster). Es brennt!
=Pastor Manders.= Es brennt? Unmöglich. Ich war ja soeben noch dort
unten.
=Oswald.= Wo ist mein Hut? Nein, ich brauche ihn nicht --. Das Asyl des
Vaters --! (Läuft durch die Gartenthür hinaus.)
=Frau Alving.= Mein Tuch, Regine! Es brennt lichterloh!
=Pastor Manders.= Entsetzlich! -- Frau Alving, das ist das Strafgericht,
das über dieses Haus der Verirrung leuchtet!
=Frau Alving.= Ja, ja, gewiß. Komm, Regine. (Sie und Regine eilen durch
das Vorzimmer hinaus.)
=Pastor Manders= (schlägt die Hände zusammen). Und nichts assecurirt!
(Den Vorigen nach.)
D r i t t e r A u f z u g.
D a s s e l b e Z i m m e r.
Alle Thüren geöffnet. Die Lampe steht noch brennend auf dem Tische.
Draußen Dunkelheit; nur links im Hintergrund ein schwacher
Lichtschimmer.
(=Frau Alving= mit einem großen Tuche über dem Kopf, steht oben im
Blumenzimmer und blickt hinaus. =Regine=, die ebenfalls in ein Tuch
gehüllt ist, steht hinter ihr.)
=Frau Alving.= Alles abgebrannt! Bis auf den Grund!
=Regine.= Es brennt noch in den Kellern.
=Frau Alving.= Daß Oswald nicht herauf kommt! Es giebt ja nichts mehr zu
retten.
=Regine.= Soll ich ihm nicht seinen Hut hinunter tragen?
=Frau Alving.= Hat er nicht einmal seinen Hut aufgesetzt?
=Regine= (zeigt ins Vorzimmer hinaus). Nein, dort hängt er.
=Frau Alving.= So laß ihn hängen. Jetzt muß er doch herauf kommen. Ich
will selbst nachsehen. (Ab durch die Gartenthür.)
=Pastor Manders= (kommt durch das Vorzimmer). Ist Frau Alving nicht
hier?
=Regine.= Sie ist soeben in den Garten hinunter gegangen.
=Pastor Manders.= Dies ist die schrecklichste Nacht meines Lebens!
=Regine.= Ja, ist es nicht ein grausames Unglück, Herr Pastor?
=Pastor Manders.= Ach, sprechen Sie nicht davon! Ich darf gar nicht
darüber nachdenken.
=Regine.= Aber wie kann es nur zugegangen sein --?
=Pastor Manders.= Fragen Sie mich nicht, Jungfer Engstrand! Wie kann
i c h das wissen? Wollen S i e vielleicht auch --? Ist es nicht genug,
daß Ihr Vater --?
=Regine.= Was ist mit ihm?
=Pastor Manders.= Ach, er hat mich ganz verwirrt im Kopf gemacht.
=Engstrand= (tritt durch das Vorzimmer ein). Herr Pastor --!
=Pastor Manders= (wendet sich erschreckt um). Kommen Sie mir auch
hierher nach?!
=Engstrand.= Ja, Gott soll mich strafen --! O, du guter Heiland! Aber
dies ist eine garstige Geschichte, Herr Pastor!
=Pastor Manders= (geht auf und ab). Leider! Leider!
=Regine.= Was giebt es denn?
=Engstrand.= Ja, siehst du, das kam von dieser Andacht. (Leise.) Jetzt
haben wir den Vogel endlich, mein Kind! (Laut.) Und daß ich Schuld daran
sein muß, daß Pastor Manders s o etwas verschuldet!
=Pastor Manders.= Aber ich versichere Sie, Engstrand --
=Engstrand.= Niemand anders als Sie, Herr Pastor, hat da unten mit dem
Licht hantirt.
=Pastor Manders= (steht still). Ja, das behaupten S i e. Aber ich kann
mich durchaus nicht erinnern, ein Licht in der Hand gehabt zu haben.
=Engstrand.= Und ich habe so deutlich g e s e h e n, Herr Pastor, daß
Sie das Licht nahmen und es mit den Fingern putzten, und darauf die
Schnuppe zwischen die Hobelspäne warfen.
=Pastor Manders.= Das haben Sie g e s e h e n?
=Engstrand.= Ja, das habe ich d e u t l i c h gesehen.
=Pastor Manders.= Das kann ich unmöglich glauben. Es ist doch sonst
nicht meine Gewohnheit, das Licht mit den Fingern zu putzen.
=Engstrand.= Ja, es sah auch sehr ungeschickt aus; wirklich. Aber kann
es denn gefährlich werden, Herr Pastor?
=Pastor Manders= (geht unruhig auf und ab). Ach! Fragen Sie mich nicht!
=Engstrand= (geht neben ihm). Herr Pastor, assecurirt haben Sie es auch
nicht?
=Pastor Manders= (immer gehend). Nein, nein, nein; das hören Sie ja.
=Engstrand= (immer neben ihm). Nicht assecurirt! Und dann hinzugehen und
das Ganze anzuzünden! Jesus, Jesus, was für ein Unglück!!
=Pastor Manders= (trocknet sich den Schweiß von der Stirn). Ja, das
können Sie wohl sagen, Engstrand.
=Engstrand.= Und daß dies noch obendrein mit einer
Wohlthätigkeitsanstalt geschehen mußte, die für Stadt und Land vom
Nutzen sein sollte, wie die Leute sagen. Die Zeitungen werden nicht
sauber mit dem Herrn Pastor umgehen; das kann ich mir vorstellen.
=Pastor Manders.= Das ist's ja grade, worüber ich nachdenke. Das ist das
Schlimmste bei der ganzen Sache. All diese gehässigen Angriffe und
Beschuldigungen --! Ach, es ist fürchterlich, nur daran zu denken!
=Frau Alving= (kommt aus dem Garten). Er ist nicht zu bewegen, von den
Löscharbeiten fort zu gehen.
=Pastor Manders.= Ach, sind Sie da, Frau Alving!
=Frau Alving.= Nun sind Sie Ihrer Festrede doch überhoben worden, Pastor
Manders!
=Pastor Manders.= Ach, ich würde ja mit Freuden --
=Frau Alving= (gedämpft). Es war am besten, daß es kam, wie es kam!
Dieses Asyl wäre niemand zum Segen geworden.
=Pastor Manders.= Glauben Sie das wirklich?
=Frau Alving.= Glauben S i e das nicht?
=Pastor Manders.= Es war aber trotzdem ein furchtbares Unglück.
=Frau Alving.= Wir wollen kurz und bündig darüber sprechen, wie über
eine Geschäftssache. -- Engstrand, warten Sie auf den Pastor?
=Engstrand= (an der Vorzimmerthür). Ja, das thue ich.
=Frau Alving.= Dann setzen Sie sich so lange.
=Engstrand.= Danke; ich kann auch stehen.
=Frau Alving= (zu Pastor Manders). Jetzt reisen Sie vermuthlich mit dem
nächsten Dampfschiff?
=Pastor Manders.= Ja. In einer Stunde geht es ab.
=Frau Alving.= Sein Sie so gut, alle Papiere wieder mit zu nehmen. Ich
will von der ganzen Sache kein einziges Wort mehr hören. Jetzt habe ich
an andere Dinge zu denken -- --
=Pastor Manders.= Frau Alving --
=Frau Alving.= Später werde ich Ihnen Vollmacht senden, alles nach Ihrem
Gutdünken zu ordnen.
=Pastor Manders.= Das werde ich herzlich gern übernehmen. Die
ursprüngliche Bestimmung des Legats muß jetzt leider gänzlich verändert
werden.
=Frau Alving.= Das versteht sich.
=Pastor Manders.= Dann denke ich es vorläufig so zu ordnen, daß das
Vorwerk Solvik der Landgemeinde zufällt. Die Felder und Wiesen sind ja
durchaus nicht werthlos. Sie werden immer zu irgend einem Zweck
ausgenutzt werden können. Und die Zinsen des contanten Rückstandes, der
in der Sparkasse liegt, könnte ich vielleicht verwenden um ein oder das
andere Unternehmen zu stützen, welches der Stadt von Nutzen ist.
=Frau Alving.= Wie Sie wollen! Das Ganze ist mir jetzt durchaus
gleichgiltig.
=Engstrand.= Denken Sie an mein Seemanns-Heim, Herr Pastor!
=Pastor Manders.= Ja, zuverlässig, sobald es dazu kommt. Nun, das muß
noch genau überlegt werden.
=Engstrand.= Zum Teufel mit dem Ueberlegen! Nein!
=Pastor Manders= (seufzend). Und ich weiß ja leider auch gar nicht, wie
lange ich noch etwas mit diesen Dingen zu thun haben werde; ob die
öffentliche Meinung mich nicht zwingen wird, abzutreten. Das hängt ja
alles von dem Resultat der Branduntersuchung ab.
=Frau Alving.= Was sagen Sie?
=Pastor Manders.= Und das Resultat läßt sich im voraus gar nicht
berechnen.
=Engstrand= (näher tretend). O gewiß läßt es sich berechnen. Denn hier
stehen Jacob Engstrand und ich!
=Pastor Manders.= Ja, ja, aber --?
=Engstrand= (leiser). Und Jacob Engstrand ist nicht der Mann, der einen
würdigen Wohlthäter in der Stunde der Noth verläßt, wie man so sagt.
=Pastor Manders.= Ja, mein Bester -- aber wie?
=Engstrand.= Jacob Engstrand ist wie ein rettender Engel, Herr Pastor!
=Pastor Manders.= Nein, nein, das kann ich wahrlich nicht annehmen.
=Engstrand.= O, es wird aber trotzdem geschehen. Ich kenne einen, der
schon einmal die Schuld anderer auf sich genommen hat.
=Pastor Manders.= Jacob! (Drückt seine Hand.) Sie sind ein seltener
Mensch. Nun, Ihnen soll auch zu Ihrem Seemanns-Asyl verholfen werden;
darauf können Sie sich verlassen.
=Engstrand= (vermag vor Rührung nicht zu danken).
=Pastor Manders= (hängt sich die Reisetasche um). Und jetzt von dannen.
Wir beide reisen zusammen.
=Engstrand= (an der Speisezimmerthür leise zu Regine). Geh' mit mir,
Mädchen! Du sollst wie eine Prinzessin leben.
=Regine= (wirft den Kopf zurück). _Merci!_ (Geht in das Vorzimmer und
holt die Reisekleider des Pastors.)
=Pastor Manders.= Leben Sie wohl, Frau Alving. Gott gebe, daß der Geist
der Ordnung und der Gesetzlichkeit recht bald seinen Einzug in dieses
Haus halte.
=Frau Alving.= Leben Sie wohl, Manders! (Sie geht ins Blumenzimmer, da
sie Oswald durch die Gartenthür eintreten sieht.)
=Engstrand= (indem er und Regine dem Pastor mit dem Anziehen des
Ueberrocks behilflich sind). Lebe wohl, mein Kind. Und wenn dir etwas
zustoßen sollte, so weißt du, wo Jacob Engstrand zu finden ist. (Leise.)
Kleine Hafengasse, hm --! (Zu Frau Alving und Oswald.) Und das Haus für
die fahrenden Seeleute soll heißen »Kammerherr Alvings Asyl«. Und wenn
ich das Haus nach meinem Kopf leiten darf, so kann ich versprechen, daß
es des verstorbenen Kammerherrn würdig sein wird!
=Pastor Manders= (in der Thür). Hm -- hm! Kommen Sie nur, mein lieber
Engstrand. -- Leben Sie wohl; leben Sie wohl! (Er und Engstrand durch
das Vorzimmer ab.)
=Oswald.= Was war das für ein Haus, von dem er sprach?
=Frau Alving.= Es ist eine Art Asyl, das er und Pastor Manders gründen
wollen.
=Oswald.= Es wird auch abbrennen, wie das Ganze hier.
=Frau Alving.= Wie kommst du auf den Gedanken?
=Oswald.= Alles wird verbrennen. Nichts bleibt übrig, das an Vater
erinnert. Ich gehe ja auch umher und verbrenne.
=Regine= (sieht ihn erschreckt an).
=Frau Alving.= Oswald! Du hättest nicht so lange da unten bleiben
sollen, mein armer Junge.
=Oswald= (setzt sich an den Tisch). Ich glaube beinahe, du hast Recht.
=Frau Alving.= Laß mich dein Gesicht abtrocknen, Oswald. Du bist ganz
naß. (Trocknet ihn mit ihrem Taschentuch ab.)
=Oswald= (starrt gleichgiltig vor sich hin). Danke, Mutter.
=Frau Alving.= Bist du nicht müde, Oswald? Willst du schlafen?
=Oswald= (angstvoll). Nein, nein, -- nicht schlafen! -- Ich schlafe
niemals! Ich stelle mich nur zuweilen schlafend. (Schleppend.) Es wird
bald genug kommen.
=Frau Alving= (sieht ihn kummervoll an). Ja, du bist aber trotzdem
krank, mein geliebter Junge.
=Regine= (gespannt). Ist Herr Alving krank?
=Oswald= (ungeduldig). Und dann schließt alle Thüren! O! diese tödtliche
Angst --
=Frau Alving.= Schließ die Thüren, Regine.
(=Regine= thut es und bleibt an der Thür des Vorzimmers stehen. =Frau
Alving= legt ihr Tuch ab, =Regine= ebenfalls.)
=Frau Alving= (rückt einen Stuhl an Oswalds Seite und setzt sich zu
ihm). So, jetzt setze ich mich zu dir. --
=Oswald.= Ja, thu das. Und Regine soll auch hier bleiben. Regine muß
immer um mich sein. Du wirst mir hilfreiche Hand leisten, nicht wahr,
Regine?
=Regine.= Ich verstehe nicht --
=Frau Alving.= Hilfreiche Hand leisten?
=Oswald.= Ja -- wenn es nöthig sein wird.
=Frau Alving.= Oswald, hast du nicht deine Mutter, die dir jeden
Liebesdienst leistet?
=Oswald.= Du? -- (Lächelt.) Nein Mutter, d e n Liebesdienst wirst du mir
n i c h t erweisen. (Lächelt schwermüthig.) Du! Ha -- ha! (Blickt sie
ernst an.) Uebrigens wärst du ja die nächste dazu! (Heftig.) Weshalb
nennst du mich nicht »Du«, Regine? Weshalb nennst du mich nicht Oswald?
=Regine= (leise). Ich glaube nicht, daß es der gnädigen Frau Recht wäre.
=Frau Alving.= Binnen kurzem gebe ich dir die Erlaubnis dazu. -- Und
jetzt setz dich her zu uns.
=Regine= (setzt sich langsam und leise an die andere Seite des Tisches).
=Frau Alving.= Und nun werde ich die schwere Bürde von deiner Seele
nehmen, mein armer, gequälter Junge --
=Oswald.= Du, Mutter?
=Frau Alving.= -- alles das, was du Gewissensbisse und Reue und Vorwürfe
nennst --
=Oswald.= Glaubst du, daß du das kannst?
=Frau Alving.= Ja, j e t z t kann ich es, Oswald. Du sprachst vorhin von
der Lebensfreudigkeit; und da sah ich plötzlich mein ganzes Leben in
einem neuen Licht.
=Oswald= (schüttelt den Kopf). Davon verstehe ich nichts.
=Frau Alving.= Du hättest deinen Vater kennen sollen, als er noch junger
Lieutenant war. In i h m war Lebensfreudigkeit, -- das kannst du
glauben!
=Oswald.= Ja, das weiß ich.
=Frau Alving.= Es war wie Frühlingswetter, wenn man ihn nur ansah. Und
dann diese unbändige Kraft, diese Lebhaftigkeit in ihm!
=Oswald.= Nun und --?
=Frau Alving.= Und nun mußte dies lebensfrohe Kind -- denn damals w a r
er nichts anderes als ein Kind -- mußte es hier in einer halbgroßen Stadt
umher gehen, die keine erhebende F r e u d e, sondern nur
V e r g n ü g u n g e n zu bieten vermag. Hier mußte er bleiben, ohne
einen L e b e n s z w e c k zu haben; -- er hatte nur ein A m t. Er sah
nirgend eine A r b e i t, der er sich mit all seinen Kräften hätte
widmen können; -- er hatte nur eine B e s c h ä f t i g u n g. Er besaß
keinen K a m e r a d e n, der im Stande gewesen wäre, mit ihm zu
empfinden, was Lebensfreudigkeit ist; -- er hatte nur Z e c h b r ü d e r,
er kannte nur M ü ß i g g ä n g e r --
=Oswald.= Mutter!
=Frau Alving.= So kam es dann, wie es kommen m u ß t e.
=Oswald.= Und wie m u ß t e es kommen?
=Frau Alving.= Du selbst hast heute Abend schon gesagt, was aus dir
werden würde, wenn du hier zu Hause bliebest.
=Oswald.= Willst du damit sagen, daß Vater --?
=Frau Alving.= Dein armer Vater hat niemals eine Ableitung für seine
übergroße Lebensfreudigkeit gefunden. Auch ich brachte den Frühling
nicht in sein Heim.
=Oswald.= Auch du nicht?