=Frau Alving= (blickt lange auf das Papier). -- Also d a s i

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Gespenster

Ein Familiendrama in drei Aufzügen

von

Henrik Ibsen

A u s  d e m  N o r w e g i s c h e n

von

M. von Borch

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Alle Rechte vorbehalten.

Den Bühnen und Vereinen gegenüber Manuskript.

Das Aufführungsrecht ist zu erwerben durch den Verlag F e l i x

B l o c h  E r b e n, Berlin-Wilmersdorf, Nikolsburgerplatz 3.

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Kopenhagen, _B. Ny Christiansborg Kalvebod Brygge No. 2_.

Für H o l l a n d und K o l o n i e n: _Bureau voor Auteursrecht op

Tooneelwerken met Muziek_ (Internationales Bureau für Aufführungs-und

Urheberrecht), Jan Willem Brouwersplein 29, Amsterdam.

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38 Praterstraße.

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Stockholm, Beridarebansgatan 17.

Für U n g a r n: _Dr._ O. F. E i r i c h, Savanyukut, Ungarn.

G e s p e n s t e r.

Personen:

=Frau Helene Alving=, Witwe des Hauptmanns und Kammerherrn Alving.

=Oswald Alving=, Maler, ihr Sohn.

=Pastor Manders.=

=Tischler Engstrand.=

=Regine Engstrand=, im Hause bei Frau Alving.

Ort der Handlung auf Frau Alvings Besitzung an einem großen Fjord im

westlichen Norwegen.

E r s t e r  A u f z u g.

E i n  g e r ä u m i g e s  G a r t e n z i m m e r

mit einer Thür auf der linken Seitenwand und zwei Thüren auf der rechten

Wand. In der Mitte des Zimmers ein runder Tisch, um diesen Stühle; auf

dem Tische liegen Bücher, Zeitschriften und Zeitungen. Im Vordergrunde

links ein Fenster, an diesem ein kleines Sopha, vor dem ein Nähtisch

steht. Den Hintergrund bildet ein offenes, schmäleres Blumenzimmer, das

nach außen durch Glaswände mit großen Scheiben abgeschlossen wird. Auf

der rechten Seitenwand des Blumenzimmers befindet sich eine Thür, die

zum Garten hinunter führt. Durch die Glaswände unterscheidet man eine

düstere Fjordlandschaft, welche durch einen gleichmäßigen Regen

verschleiert wird.

=Tischler Engstrand= steht oben an der Gartenthür. Sein linkes Bein ist

etwas krumm; unter der Stiefelsohle hat er einen Holzklotz. =Regine= mit

einer leeren Blumenspritze in der Hand hindert ihn am Näherkommen.

=Regine= (mit gedämpfter Stimme). Was willst du? Rühr' dich nicht von

der Stelle. Du triefst ja von Regen.

=Engstrand.= Das ist ja der Regen unseres H e r r g o t t s, mein Kind.

=Regine.= Des Teufels Regen ist es.

=Engstrand.= Wie du doch sprichst, Regine. (Hinkt ein paar Schritte

weiter ins Zimmer hinein.) Ja, d a s war es, was ich sagen wollte -- --

=Regine.= Stoß nicht so mit dem Fuße auf, Mensch! Der junge Herr liegt

oben und schläft.

=Engstrand.= Jetzt liegt er und schläft? Am helllichten Tage?

=Regine.= Das kümmert dich nicht.

=Engstrand.= Ich war gestern Abend auf einem Gelage --

=Regine.= Das glaube ich gern.

=Engstrand.= Ja, denn wir Menschen sind schwach, mein Kind --

=Regine=. Ja, das sind wir wirklich.

=Engstrand.= -- -- und der Versuchungen sind gar viele auf dieser Welt,

siehst du --; und doch stand ich -- Gott weiß es -- heute Morgen schon

um halb sechs Uhr bei meiner Arbeit.

=Regine.= Schon gut, schon gut, mach' jetzt nur, daß du fort kommst. Ich

mag hier nicht stehen und Rendezvous mit dir haben.

=Engstrand.= W a s magst du nicht haben?

=Regine.= Ich mag nicht, daß irgend jemand dich hier trifft. Also, geh'

deiner Wege.

=Engstrand= (kommt ein paar Schritte näher). Bei Gott, ich gehe nicht,

bevor ich nicht mit dir gesprochen habe. -- Heute Nachmittag werde ich

mit meiner Arbeit da unten im Schulhause fertig, und dann fahre ich noch

diese Nacht mit dem Dampfschiff in die Stadt und nach Hause.

=Regine= (murmelt). Glückliche Reise!

=Engstrand.= Dank dir, mein Kind. -- Morgen soll ja das Asyl eingeweiht

werden, und da wird es wahrscheinlich berauschende Getränke in Hülle und

Fülle geben, siehst du. Und niemand soll Jacob Engstrand nachsagen, daß

er nicht widerstehen kann, wenn die Versuchung kommt.

=Regine.= O ho!

=Engstrand.= Ja, denn morgen kommen hier eine Menge feiner Leute

zusammen. Pastor Manders wird ja auch aus der Stadt erwartet.

=Regine.= Er kommt schon heute.

=Engstrand.= Da siehst du's also. Und nun wirst du auch wohl begreifen,

daß ich ihm keine Ursache geben will, mir etwas nachzureden.

=Regine.= S o liegen die Dinge also!

=Engstrand.= W a s liegt?

=Regine= (sieht ihn fest an). Wozu willst du Pastor Manders jetzt schon

wieder verleiten?

=Engstrand.= Stille! Stille! Bist du verrückt? Wozu i c h Pastor Manders

verleiten will? O nein, d a z u ist Pastor Manders viel zu gütig gegen

mich gewesen. -- Aber siehst du, ich wollte mit dir darüber sprechen,

daß ich nun diese Nacht wieder nach Hause reise.

=Regine.= Meinetwegen. Je früher, je besser.

=Engstrand.= Ja, aber ich will dich mit haben, Regine.

=Regine= (mit offenem Munde). Mich mit haben -- --? W a s sagst du?

=Engstrand.= Ich sage, daß ich dich mit nach Hause haben will.

=Regine= (höhnisch). Nie und nimmer bekommst du mich nach Hause!

=Engstrand.= O, das werden wir doch sehen!

=Regine.= Ja; du kannst sicher sein, daß wir das sehen werden. I c h,

die ich bei der Kammerherrin Alving aufgewachsen bin? -- Ich, die ich

hier beinahe wie das Kind vom Hause gehalten worden bin? I c h sollte

mit d i r nach Hause gehen? In ein s o l c h e s Heim? Pfui!

=Engstrand.= Was zum Teufel ist d a s? Widersetzest du dich deinem

Vater, Mädchen?

=Regine= (murmelt, ohne ihn anzublicken). Du hast oft genug gesagt, daß

ich dich nichts angehe.

=Engstrand.= Bah; was kümmert dich d a s?

=Regine.= Hast du mich nicht gar manches liebe Mal beschimpft und

gesagt, ich sei ein --? Pfui!

=Engstrand.= Nein, nein, solch häßliches Wort habe ich niemals

gebraucht.

=Regine.= O, ich weiß noch, welches Wort du gebraucht hast.

=Engstrand.= Ja, hm! Das war aber nur, wenn ich berauscht war. Und es

giebt so viele Versuchungen auf dieser Welt, Regine.

=Regine.= Mir graut.

=Engstrand.= Und dann geschah es auch immer nur, wenn deine Mutter

mürrisch war. Irgend etwas mußte ich doch auch haben, um sie zu ärgern,

mein Kind. Sie wollte immer so fein thun. (Nachahmend.) »Laß mich,

Engstrand! Laß mich in Frieden! Ich habe drei Jahre bei Kammerherr

Alvings auf Rosenvold gedient, ich!« (Lacht.) Gott bewahre! Sie konnte

niemals vergessen, daß der Hauptmann Kammerherr wurde während sie hier

diente.

=Regine.= Arme Mutter! -- S i e hast du früh genug zu Tode gepeinigt.

=Engstrand= (sich aufrichtend). Ja, das versteht sich! Ich bin ja immer

an a l l e m Schuld.

=Regine= (wendet sich ab, halblaut). Ah! -- Und dann das Bein!

=Engstrand.= Was sagst du, mein Kind?

=Regine.= _Pied de mouton._

=Engstrand.= Ist das englisch?

=Regine.= Ja.

=Engstrand=. Ja, ja; Unterricht hast du hier draußen genossen, und das

kann uns jetzt gut zu Statten kommen, Regine.

=Regine= (nach kurzem Schweigen). Und was hast du denn für Absichten mit

mir in der Stadt?

=Engstrand.= Kannst du noch fragen, was ein Vater mit seinem einzigen

Kinde will? Bin ich nicht ein einsamer und verlassener Witwer?

=Regine.= O, mir komm' nur nicht mit solchem Gewäsch. W e s h a l b

willst du mich durchaus hinein haben?

=Engstrand.= Ja; du mußt nämlich wissen, daß ich es mit etwas Neuem

versuchen will.

=Regine.= Das hast du schon oft genug versucht; aber es ging immer

schief.

=Engstrand.= Nun ja; aber dies Mal sollst du staunen, Regine! -- Der

Teufel soll mich holen -- --

=Regine= (stampft mit dem Fuße). Laß das Fluchen!

=Engstrand.= Still, still! Darin hast du Recht, mein Kind! -- Ich wollte

dir also erzählen, daß ich bei der Arbeit an diesem neuen Asyl etwas

Geld auf die Seite gelegt habe.

=Regine.= Wirklich? Nun, das ist ja ein Glück für dich.

=Engstrand.= Wofür kann man denn auch hier auf dem Lande sein Geld

ausgeben?

=Regine.= Nun, und weiter?

=Engstrand.= Ja, siehst du, da habe ich mir nun so gedacht, das Geld in

etwas Lohnendem anzulegen. So eine Art Wirthshaus für Seeleute -- --

=Regine.= Ach, pfui!

=Engstrand.= Ein f e i n e s Wirthshaus, verstehst du; nicht solch eine

Spelunke für Matrosen. Nein, Tod und Teufel, -- das soll für

Schiffskapitäne und Steuermänner und -- -- und andere feine Leute sein;

begreifst du?

=Regine.= Und was sollte ich dabei -- -- -- --?

=Engstrand.= Du solltest dabei helfen, ja. Nur so zum Schein, wie du

wohl denken kannst. Du solltest es beim Teufel nicht schwer haben, mein

Kind. Du solltest nur thun, was dir gefällt.

=Regine.= Ja wohl, ja!

=Engstrand.= Aber Frauenzimmer müssen wir im Hause haben, das ist doch

klar wie der Tag. Denn des Abends soll es lustig hergehen mit Gesang und

Tanz und dergleichen. Du mußt verstehen, es sind ja reisende Seeleute

auf dem Weltenmeer. (Tritt näher.) Sei nun nicht dumm, Regine, und steh'

deinem Glück nicht selbst im Wege. Was kann denn hier draußen aus dir

werden? Kann es dir irgend etwas nützen, daß Frau Alving dich so viel

hat lernen lassen? Ich höre, daß du auf die Kinder im neuen Asyl passen

sollst. Ist das vielleicht etwas für dich? Hast du denn so große Lust,

dich um der schmutzigen Rangen willen müde und krank zu arbeiten?

=Regine.= Nein; wenn es ginge, wie i c h möchte, so -- -- --. Nun, das

kann noch kommen! Das kann noch kommen!

=Engstrand.= W a s kann kommen?

=Regine.= Das kümmert dich nicht. -- Hast du dir hier draußen viel Geld

erspart?

=Engstrand.= Alles in allem können es so gegen 7 bis 800 Kronen sein.

=Regine.= Das ist nicht übel.

=Engstrand.= Es ist genug, um etwas damit anzufangen, mein Kind.

=Regine.= Und denkst du gar nicht daran, mir etwas von dem Gelde zu

geben?

=Engstrand.= Nein, Gott weiß, daß ich nicht daran denke, nein.

=Regine.= Nicht einmal so viel wie ein armseliges Kleid wirst du mir

schicken?

=Engstrand.= Komm nur mit mir in die Stadt, und du kannst so viele

Kleider haben wie du willst.

=Regine.= Bah! Wenn ich d a z u Lust hätte, so könnte ich es auch auf

eigene Hand thun.

=Engstrand.= Nein, an der führenden Hand eines Vaters geht das besser,

Regine. Ich kann jetzt in der Kleinen Hafengasse ein hübsches Haus

bekommen. Dazu gehört nicht viel baares Geld; und d a s könnte so eine

Art von Seemannsheim werden; siehst du?

=Regine.= Aber ich w i l l nicht zu d i r gehen! Ich habe nichts mit dir

zu schaffen. Geh' doch!

=Engstrand.= Zum Teufel! Du würdest auch nicht lange bei mir bleiben,

mein Kind. S o gut würde es nicht kommen! Wenn du nur verständest dich

zu benehmen. So hübsch wie du in dem letzten Jahr geworden bist -- --

=Regine.= Nun? -- -- --

=Engstrand.= Da käme dann bald ein Steuermann -- -- ja, vielleicht gar

ein Kapitän -- --

=Regine.= So einen heirathe ich nicht. Die Seeleute haben kein _Savoir

vivre_.

=Engstrand.= W a s haben sie nicht?

=Regine.= Ich sage, daß ich die Seeleute kenne. Das sind keine Menschen

zum heirathen.

=Engstrand.= So laß das Heirathen. Es kann sich auch anderweitig lohnen.

(Vertraulicher.) Er -- -- der Engländer -- mit der Vergnügungsyacht --

er gab 300 Speziesthaler; und s i e war nicht hübscher als du.

=Regine= (ihm entgegen). Hinaus mit dir!

=Engstrand= (weicht zurück). Nun, nun; du willst doch nicht schlagen?

=Regine.= Ja! Wenn du über die Mutter sprichst, so schlage ich zu!

Hinaus mit dir, sage ich! (Treibt ihn hinauf zur Gartenthür.) Und wirf

die Thür nicht ins Schloß; der junge Herr Alving -- -- --

=Engstrand.= Schläft, ja, das weiß ich. Es ist doch sonderbar, wie du

dich um den jungen Herrn Alving kümmerst! -- -- (Leise.) Hoho; es ist

doch am Ende nicht gar e r, der -- -- -- --?

=Regine.= Hinaus! und das schnell! Du mußt verrückt sein, Mensch! Nein,

nicht d e n Weg. Da kommt Pastor Manders. Ueber die Küchentreppe mit

dir.

=Engstrand= (nach rechts). Ja, ja, ich gehe schon. Aber sprich du mit

d e m, der da kommt. E r ist der Mann um dir zu sagen, was ein Kind

seinem Vater schuldig ist. Denn ich bin nun doch einmal dein Vater,

siehst du. Das kann ich aus dem Kirchenbuch beweisen. (Er geht durch die

zweite Thür ab, die Regine geöffnet hat und wieder hinter ihm schließt.)

=Regine= (sieht hastig in den Spiegel, fächelt sich mit dem Taschentuch

und zupft an der Cravatte, dann beschäftigt sie sich wieder mit den

Blumen).

=Pastor Manders= (im Ueberrock mit Regenschirm, eine kleine Reisetasche

an einem Riemen über die Schulter gehängt, tritt durch die Gartenthür

ins Blumenzimmer). Guten Tag, Jungfer Engstrand.

=Regine= (wendet sich freudig überrascht um). Nein, seht doch! Guten

Tag, Herr Pastor! Ist das Dampfschiff denn schon angekommen?

=Pastor Manders.= Es ist gerade angekommen. (Geht ins Gartenzimmer.)

Dies unaufhörliche Regenwetter ist doch recht ärgerlich.

=Regine= (geht ihm nach). Es ist aber ein gesegnetes Wetter für den

Landmann, Herr Pastor.

=Pastor Manders.= Ja, darin haben Sie gewiß Recht. Wir Leute aus der

Stadt denken so wenig daran. (Fängt an den Ueberrock abzulegen.)

=Regine.= Kann ich nicht helfen? -- -- So! -- Nein, wie naß er ist! Ich

will ihn nur im Vorzimmer aufhängen. Und dann der Regenschirm --; den

werde ich zum trocknen aufspannen. (Geht mit den Sachen durch die zweite

Thür rechts ab. Pastor Manders nimmt die Reisetasche ab und legt diese

sammt seinem Hute auf einen Stuhl. Inzwischen kommt Regine wieder

herein.)

=Pastor Manders.= Ah, es thut wohl, unter Dach und Fach zu kommen. Nun?

Hier auf dem Hofe steht doch alles gut?

=Regine.= Ja, ich danke.

=Pastor Manders.= Aber viel zu thun für den morgenden Tag; wie?

=Regine.= O ja, wir haben viel Arbeit.

=Pastor Manders.= Und Frau Alving ist hoffentlich zu Hause?

=Regine.= Gewiß, gewiß; sie ist augenblicklich oben und bringt dem

jungen Herrn die Chocolade.

=Pastor Manders.= Ja, sagen Sie mir -- ich hörte unten an der

Landungsbrücke, daß Oswald nach Hause gekommen sei.

=Regine.= Ja, er kam schon vorgestern. Wir erwarteten ihn erst heute.

=Pastor Manders.= Und hoffentlich frisch und gesund?

=Regine.= Gewiß; ich danke für die Nachfrage. Er ist nur sehr ermüdet

von der Reise, denn er ist ohne Aufenthalt von Paris hierher gefahren

--; ich glaube beinahe, er hat den Zug auf der ganzen Fahrt nicht einmal

gewechselt. Jetzt schläft er wohl ein wenig, deshalb müssen wir leise

sprechen.

=Pastor Manders.= Also leise, leise.

=Regine= (indem sie einen Lehnstuhl an den Tisch schiebt). Herr Pastor,

wollen Sie sich nicht setzen und sich's bequem machen? (Er setzt sich,

sie schiebt einen Schemel unter seine Füße.) So! Ist es so recht, Herr

Pastor?

=Pastor Manders.= Danke! Danke; ich sitze hier vortrefflich. (Betrachtet

sie.) Wissen Sie, Jungfer Engstrand, ich glaube fast, Sie sind

gewachsen, seitdem ich Sie zuletzt gesehen habe.

=Regine.= Glauben Sie, Herr Pastor? Die gnädige Frau sagt, daß ich auch

stärker geworden bin.

=Pastor Manders.= Stärker geworden? Nun ja, vielleicht ein wenig; --

grade hinlänglich. (Kurze Pause.)

=Regine.= Soll ich Frau Alving vielleicht rufen?

=Pastor Manders.= Danke, danke, es eilt nicht, mein liebes Kind. -- Nun,

und sagen Sie mir jetzt, meine gute Regine, wie es Ihrem Vater hier

draußen geht.

=Regine.= Besten Dank, Herr Pastor, es geht ihm ziemlich gut.

=Pastor Manders.= Als er das letzte Mal in der Stadt war, hat er mich

besucht.

=Regine.= Wirklich? Er ist immer so froh, wenn er mit dem Herrn Pastor

reden darf.

=Pastor Manders.= Und Sie gehen jetzt wohl fleißig zu ihm hinüber?

=Regine.= Ich? -- Ja, gewiß, wenn ich Zeit dazu habe --

=Pastor Manders.= Ihr Vater ist kein starker Mensch, Jungfer Engstrand.

Er braucht eine leitende Hand so nothwendig.

=Regine.= O ja, das muß ich zugeben!

=Pastor Manders.= Er braucht jemanden um sich, den er lieb hat, auf

dessen Urtheil er Gewicht legen kann. Er selbst gestand das so

treuherzig zu, als er das letzte Mal bei mir war.

=Regine.= Ja, mir hat er dergleichen auch vorgeredet. Aber ich weiß

nicht, ob Frau Alving mich entbehren kann, besonders jetzt, wo wir all

die Arbeit mit dem neuen Asyl haben werden. Und dann wird es mir auch so

schwer, Frau Alving zu verlassen, denn sie war immer so gütig gegen

mich.

=Pastor Manders.= Aber die Kindespflicht, mein gutes Mädchen --.

Natürlich müßten wir zuerst die Einwilligung Ihrer Gebieterin haben.

=Regine.= Ich weiß nicht, ob es sich für mich paßt, -- in meinem Alter

-- den Haushalt eines einzelnen Mannes zu führen.

=Pastor Manders.= Aber liebe Jungfer Engstrand, es ist ja Ihr eigener

Vater, von dem hier die Rede ist!

=Regine.= Ja, das mag sein, -- aber trotzdem! -- Ja, wenn ich in ein

g u t e s Haus und zu einem wirklich anständigen Herrn kommen könnte --

-- --

=Pastor Manders.= Aber, meine liebe Regine -- --

=Regine.= -- -- zu einem, für den ich Hingebung hegen und wie zu einem

Vater aufblicken könnte -- --

=Pastor Manders.= Ja -- aber mein liebes, gutes Kind -- --

=Regine.= Denn ich möchte wohl gern hinein in die Stadt. Hier draußen

ist es ja so schrecklich einsam, -- und Herr Pastor, Sie wissen doch

selbst, was es heißt, einsam in der Welt dazustehen. Ich darf wohl

sagen, daß ich flink und fleißig bin und den besten Willen habe. Wissen

S i e nicht eine solche Stelle für mich, Herr Pastor?

=Pastor Manders.= Ich?? Nein wahrhaftig nicht.

=Regine.= Aber lieber, lieber Herr Pastor, -- denken Sie auf alle Fälle

an mich, wenn, wenn -- -- --

=Pastor Manders= (erhebt sich). Gewiß, das werde ich thun, Jungfer

Engstrand.

=Regine.= Ja, denn wenn ich -- -- --

=Pastor Manders.= Wollen Sie jetzt nicht Frau Alving holen?

=Regine.= Sie wird gleich kommen, Herr Pastor. (Nach links ab.)

=Pastor Manders= (geht ein paar Mal im Zimmer auf und ab; steht dann

einige Augenblicke mit den Händen auf dem Rücken im Hintergrunde und

sieht in den Garten hinaus. Darauf kommt er wieder an den Tisch, nimmt

ein Buch und sieht das Titelblatt an, stutzt, sieht dann noch mehre an).

Hm, -- ja, ja!

(=Frau Alving= tritt durch die Thür links ein. Ihr folgt =Regine=,

welche sofort wieder durch die vordere Thür rechts abgeht.)

=Frau Alving= (streckt ihm die Hand entgegen). Willkommen, Herr Pastor.

=Pastor Manders.= Guten Tag, Frau Alving. Hier bin ich, wie ich es

versprochen habe.

=Frau Alving.= Stets mit dem Glockenschlag!

=Pastor Manders.= Aber Sie können mir glauben, daß es mir schwer

geworden ist, fort zu kommen. All diese gesegneten Commissionen und

Aemter, in denen ich sitze -- --

=Frau Alving.= Desto liebenswürdiger ist es von Ihnen, daß Sie so früh

gekommen sind. Jetzt können wir unsere Geschäfte noch vor dem

Mittagessen erledigen. Aber wo ist Ihr Koffer?

=Pastor Manders= (schnell). Mein Gepäck ist unten beim Landkrämer. Ich

werde bei ihm übernachten.

=Frau Alving= (unterdrückt ein Lächeln). Sind Sie wirklich auch dieses

Mal nicht zu bewegen, in meinem Hause zu übernachten?

=Pastor Manders.= Nein, nein, Frau Alving; ich danke Ihnen bestens; ich

bleibe wie gewöhnlich da unten. Es ist so bequem für mich, wenn ich

wieder an Bord gehe.

=Frau Alving.= Nun, Sie sollen Ihren Willen haben. Aber mich sollte doch

dünken, daß wir beiden alten Leute -- --

=Pastor Manders.= Gott bewahre mich, wie Sie nur scherzen! Ja, Sie sind

heute natürlich so unendlich froh. Einerseits der morgende Festtag --

und dann ist ja auch Oswald heimgekehrt.

=Frau Alving.= Ja, denken Sie nur, wie glücklich ich bin! Vor zwei

Jahren war er zum letzten Mal zu Hause. Und jetzt hat er versprochen,

den ganzen Winter bei mir zu bleiben.

=Pastor Manders.= In der That? Das ist schön und kindlich von ihm. Denn

das Leben in Rom und Paris muß doch eigentlich mehr Anziehungskraft für

ihn haben, als dies ruhige Dasein hier zu Hause.

=Frau Alving.= Ja, aber sehen Sie, hier zu Hause hat er seine

M u t t e r! O mein lieber, gesegneter Junge, -- er hat noch ein Herz

für seine Mutter!

=Pastor Manders.= Nun, es wäre aber auch zu traurig, wenn die Trennung

und die Beschäftigung mit der Kunst im Stande wären, die natürlichsten

Gefühle zu ertödten.

=Frau Alving.= Ja, da haben Sie Recht. Aber Gott sei Dank, mit ihm hat

es keine Noth. Jetzt bin ich aber begierig, ob Sie ihn wieder erkennen

werden. Er muß gleich kommen; er liegt nur noch ein wenig auf dem Sopha,

um auszuruhen. -- Aber setzen Sie sich, mein lieber Herr Pastor.

=Pastor Manders.= Danke. Es kommt Ihnen also gelegen -- --?

=Frau Alving.= Ja, gewiß! (Setzt sich an den Tisch.)

=Pastor Manders.= Gut; jetzt sollen Sie also sehen -- (Geht an den

Stuhl, auf welchem die Reisetasche liegt, nimmt ein Paquet Papiere aus

derselben, setzt sich an das entgegengesetzte Ende des Tisches und sucht

einen leeren Platz für seine Papiere.) Hier haben wir also erstens -- --

(Unterbricht sich.) Sagen Sie mir, Frau Alving, wie kommen d i e s e

Bücher h i e r her?

=Frau Alving.= Diese Bücher? Das sind Bücher, welche ich lese.

=Pastor Manders.= Lesen Sie s o l c h e Schriften?

=Frau Alving.= Ja, gewiß thue ich das.

=Pastor Manders.= Und fühlen Sie, daß Sie durch diese Lectüre besser

oder glücklicher werden?

=Frau Alving.= Mir ist, als würde ich ruhiger.

=Pastor Manders.= Das ist merkwürdig. Wie das?

=Frau Alving.= Ja, denn ich erhalte dort gleichsam Erklärung und

Bekräftigung dessen, was ich oft selbst gedacht habe. Denn das ist das

seltsame, Pastor Manders, -- es steht eigentlich durchaus nichts neues

in diesen Büchern; es steht nichts anderes darin als das, was die

meisten Menschen selbst gedacht und geglaubt haben. Es ist nur, daß die

meisten Menschen sich nicht klar darüber werden oder nichts davon wissen

wollen.

=Pastor Manders.= O du mein Gott! Glauben Sie in allem Ernst, daß die

meisten Menschen -- --?

=Frau Alving.= Ja, gewiß glaube ich das.

=Pastor Manders.= Aber doch nicht hier bei uns zu Lande? Nicht hier bei

uns?

=Frau Alving.= O gewiß, auch hier bei uns!

=Pastor Manders.= Nun, da muß ich aber sagen --!

=Frau Alving.= Aber was haben Sie denn eigentlich gegen diese Bücher

einzuwenden?

=Pastor Manders.= Einzuwenden? Sie glauben doch wohl nicht, daß ich mich

damit beschäftige, solche Erzeugnisse durch zu studiren.

=Frau Alving.= Das heißt also, Sie k e n n e n nicht einmal, was Sie

verdammen?

=Pastor Manders.= Ich habe hinlänglich ü b e r diese Schriften gelesen,

um sie zu mißbilligen.

=Frau Alving.= Ja, aber Ihre eigene Meinung -- --

=Pastor Manders.= Beste Frau, es giebt gar manche Fälle im Leben, wo man

sich auf Andere verlassen muß. Es ist nun einmal so auf dieser Welt; und

es ist gut, daß es so ist. Wie sollte es sonst mit der menschlichen

Gesellschaft werden?

=Frau Alving.= Ja, ja, darin mögen Sie Recht haben.

=Pastor Manders.= Uebrigens läugne ich gar nicht, daß dergleichen

Schriften manches Anziehende enthalten können. Und ich verdenke es Ihnen

auch gar nicht, wenn Sie sich mit den geistigen Strömungen bekannt zu

machen wünschen, welche draußen in der großen Welt vor sich gehen, wie

ich höre, -- und wo Sie Ihren Sohn so lange umher ziehen ließen. Aber --

--

=Frau Alving.= Aber --?

=Pastor Manders= (spricht leiser). Aber man spricht nicht darüber, Frau

Alving. Man braucht doch wahrhaftig nicht Allen und Jedem Rechenschaft

über das abzulegen, was man innerhalb seiner vier Wände liest oder

denkt.

=Frau Alving.= Nein, gewiß nicht; dieser Ansicht bin ich auch.

=Pastor Manders.= Bedenken Sie doch nur, welche Rücksichten Sie diesem

Asyl schulden, das Sie zu errichten beschlossen zu einer Zeit, als Ihre

Ansichten über geistige Dinge so grundverschieden waren von Ihren

jetzigen; -- so weit i c h es zu beurtheilen vermag.

=Frau Alving.= Ja, ja, das räume ich vollkommen ein. Aber wir wollten ja

vom Asyl -- -- --

=Pastor Manders.= Wir wollten vom Asyl reden, ja. Also -- Vorsicht,

beste Frau! Und nun gehen wir zu den Geschäften über. (Oeffnet den

Umschlag und nimmt eine Anzahl Papiere heraus.) Sehen Sie diese hier?

=Frau Alving.= Sind das die Documente?

=Pastor Manders.= Ja, und in vollkommenster Ordnung. Sie können glauben,

es hat schwer gehalten, sie zu rechter Zeit zu bekommen. Ich habe

förmlich eine Pression üben müssen. Die Behörden sind beinahe peinlich

gewissenhaft, wo es sich um Entscheidungen handelt. (Sucht in dem

Papierbündel.) Sehen Sie, hier ist die gerichtlich bestätigte

Uebergabsurkunde des Gehöftes Solvik, Vorwerk des Ritterguts Rosenvold,

mit den darauf befindlichen Neubauten an Häusern, Schullokalen,

Lehrerwohnung und Kapelle. Und hier ist die Anerkennung der Legate und

Stiftungsurkunde. Wollen Sie gefälligst sehen -- (Liest.) Die Statuten

des Kinderasyls »Zu Hauptmann Alvings ewigem Gedächtnis« --

=Frau Alving= (blickt lange auf das Papier). -- Also d a s ist es.

=Pastor Manders.= Ich habe die Bezeichnung H a u p t m a n n und nicht

Kammerherr gewählt. Hauptmann klingt prunkloser.

=Frau Alving.= Ja, ja; ganz wie Sie meinen.

=Pastor Manders.= Und hier ist das Sparkassebuch über das rententragende

Kapital, welches ausgesetzt ist, um die Betriebskosten des Asyls zu

decken.

=Frau Alving.= Besten Dank; aber haben Sie die Güte, es der

Bequemlichkeit wegen zu behalten.

=Pastor Manders.= Sehr gern. Ich halte es für das Beste, wenn wir das

Geld vorläufig in der Sparkasse liegen lassen. Der Zinsfuß ist zwar

nicht sehr verlockend, vier Procent bei sechsmonatlicher Kündigung. Wenn

man dann später zu einer guten Pfandobligation kommen könnte, -- es müßte

natürlich erste Priorität und ein Papier von unzweifelhafter Sicherheit

sein, -- so könnten wir weiter darüber reden.

=Frau Alving.= Ja, ja, lieber Pastor Manders, alles das verstehn Sie am

besten.

=Pastor Manders.= Auf alle Fälle werde ich die Augen offen halten. --

Und nun noch etwas, über das ich schon mehre Mal mit Ihnen sprechen

wollte.

=Frau Alving.= Und das wäre?

=Pastor Manders.= Soll das Asylgebäude versichert werden oder nicht?

=Frau Alving.= Gewiß muß es versichert werden.

=Pastor Manders.= Sachte, sachte, beste Frau. Betrachten wir die Sache

ein wenig näher.

=Frau Alving.= Ich habe stets alles versichert, sowohl die Gebäude und

den Hausrath wie auch die Scheunenvorräthe und die Ackergeräthschaften.

=Pastor Manders.= Selbstverständlich. Auf Ihrer eigenen Besitzung. Das

thue auch ich natürlicherweise. Aber sehen Sie, hier ist es eine ganz

andere Sache. Das Asyl soll doch gleichsam einer höheren Lebensaufgabe

geweiht sein.

=Frau Alving.= Ja, aber deshalb -- --

=Pastor Manders.= Für meine eigene Person würde ich natürlich nicht das

Geringste darin finden, wenn wir uns gegen alle Möglichkeiten sichern --

=Frau Alving.= Nun, das sollte ich auch denken.

=Pastor Manders.= -- aber wie verhält es sich mit der Stimmung des

Volkes hier in der Gegend? Diese müssen Sie ja besser kennen als ich.

=Frau Alving.= Hm -- die Stimmung --

=Pastor Manders.= Giebt es hier eine beträchtliche Anzahl von

Meinungsberechtigten -- von w i r k l i c h Meinungsberechtigten, die

Anstoß daran nehmen könnten?

=Frau Alving.= Ja, was verstehen Sie denn eigentlich unter wirklich

Meinungsberechtigten?

=Pastor Manders.= Nun, ich denke in erster Reihe an Männer, die so weit

in unabhängiger und einflußreicher Stellung sind, daß man nicht gut

unterlassen kann, ihrer Meinung ein gewisses Gewicht beizulegen.

=Frau Alving.= Deren giebt es hier Mehrere, die sich vielleicht daran

stoßen könnten, wenn -- --

=Pastor Manders.= Nun, sehen Sie nur! In der Stadt haben wir eine ganze

Menge von dieser Sorte. Denken Sie nur an all die Anhänger meines

Amtsbruders! Man könnte wirklich leicht dahin kommen es so aufzufassen,

als wenn weder Sie, verehrte Frau, noch ich das rechte Vertrauen auf

eine Vorsehung hätten.

=Frau Alving.= Aber was Sie anbetrifft, lieber Herr Pastor, so wissen

Sie doch für alle Fälle selbst, daß -- --

=Pastor Manders.= Ja, ich weiß, ich weiß; -- ich habe meine gute

Ueberzeugung, das ist wahr. Aber trotzdem würden wir eine falsche und

unvortheilhafte Auslegung nicht hindern können. Und diese könnte wieder

sehr leicht einen hemmenden Einfluß auf die Thätigkeit des Asyls üben.

=Frau Alving.= Nun, wenn d a s der Fall wäre, so -- --

=Pastor Manders.= Und ich kann mich auch nicht gänzlich der

unangenehmen, -- ja, ich kann sogar sagen peinlichen Stellung

verschließen, in welche ich möglicherweise kommen könnte. In den

leitenden Kreisen der Stadt beschäftigt man sich viel mit dieser

Asyl-Angelegenheit. Das Asyl ist ja auch theilweise zum Nutzen der Stadt

errichtet, und hoffentlich wird es in nicht unbeträchtlichem Maße dazu

dienen, unsere kommunalen Armen-Lasten zu erleichtern. Da ich nun aber

Ihr Rathgeber gewesen bin und den geschäftlichen Theil der Sache geführt

habe, so muß ich befürchten, daß die Eifersüchtigen und Neider sich

zuerst gegen mich wenden würden.

=Frau Alving.= Ja, d e m sollen Sie sich nicht aussetzen.

=Pastor Manders.= Gar nicht zu reden von den Angriffen, welche gewisse

Blätter und Zeitschriften unzweifelhaft gegen mich richten würden --

=Frau Alving.= Genug, lieber Pastor Manders; diese Rücksichten sind

entscheidend.

=Pastor Manders.= Sie wollen also nicht, daß wir versichern?

=Frau Alving.= Nein, lassen wir es.

=Pastor Manders= (lehnt sich im Stuhl zurück). Aber w e n n nun doch

einmal das Unglück hereinbräche? Man kann ja niemals wissen -- --.

Würden Sie dann den Schaden wieder gut machen können?

=Frau Alving.= Nein. Das sage ich Ihnen grade heraus. Das könnte ich

nicht.

=Pastor Manders.= Ja, aber wissen Sie, Frau Alving, -- dann ist es

eigentlich eine bedenkliche Verantwortung, die wir auf uns laden.

=Frau Alving.= Aber meinen Sie denn, daß wir anders k ö n n e n?

=Pastor Manders.= Nein, das ist grade die Sache; wir k ö n n e n

eigentlich nicht anders. Wir dürfen uns doch nicht einer schiefen

Beurtheilung aussetzen; und wir dürfen auch durchaus in der Gemeinde

kein Aergernis geben.

=Frau Alving.= Sie, als Priester, gewiß nicht.

=Pastor Manders.= Und mich dünkt doch auch wirklich, wir dürfen darauf

bauen, daß das Glück einer solchen Anstalt hold ist, -- ja, daß sie

unter einem besondern Schutz und Schirm steht.

=Frau Alving.= Hoffen wir es, Pastor Manders.

=Pastor Manders.= Wollen wir die Sache also auf sich beruhen lassen?

=Frau Alving.= Ja, gewiß.

=Pastor Manders.= Gut. Wie Sie wollen. (Notirt.) Also -- n i c h t

versichern.

=Frau Alving.= Es ist übrigens seltsam, daß Sie grade heute über diese

Angelegenheit sprachen -- --

=Pastor Manders.= Ich beabsichtigte schon oft, Sie darüber zu befragen

--

=Frau Alving.= -- denn gestern hätten wir drüben beinahe eine

Feuersbrunst gehabt.

=Pastor Manders.= Ist das möglich!

=Frau Alving.= Es hatte übrigens nichts auf sich. Einige Hobelspäne in

der Tischlerwerkstätte waren in Brand gerathen.

=Pastor Manders.= Dort, wo Engstrand arbeitet?

=Frau Alving.= Ja. Die Leute sagen, daß er oft so unvorsichtig mit den

Zündhölzern umgeht.

=Pastor Manders.= Der Mann hat so viele Dinge in seinem Kopf, -- -- so

viele Anfechtungen. Gott sei Dank, wie ich höre, befleißigt er sich

jetzt indessen, ein tadelloses Leben zu führen.

=Frau Alving.= So? Wer sagt das?

=Pastor Manders.= Er selbst hat mich das versichert. Und ein geschickter

Arbeiter ist er ja auch.

=Frau Alving.= O ja, so lange er nüchtern ist --

=Pastor Manders.= Ja, diese unglückselige Schwäche! Aber er sagt, daß er

zuweilen seines kranken Beines wegen trinken m u ß. Als er das letzte

Mal bei mir in der Stadt war, hat er mich wirklich tief gerührt. Er kam

zu mir, um mir für die Arbeit zu danken, die ich ihm hier verschafft

hatte, weil es ihm nun doch möglich gemacht war, mit Regine zusammen zu

sein.

=Frau Alving.= Er sieht sie aber doch nur sehr selten.

=Pastor Manders.= Nein, er sieht sie täglich; er hat es mir ja selbst

gesagt.

=Frau Alving.= Nun, nun, es kann ja sein!

=Pastor Manders.= Er fühlt sehr wohl, daß er jemanden braucht, der ihn

zurückhält, wenn die Versuchung an ihn herantritt. D a s ist das

Liebenswürdige an Jacob Engstrand, daß er selbst so hilflos daher kommt

und sich anklagt und seine Schwäche bekennt. Als er das letzte Mal bei

mir war und mir erzählte -- -- -- Hören Sie, Frau Alving, wenn es für

ihn eine Herzensbefriedigung wäre, Regine wieder bei sich zu Hause zu

haben --

=Frau Alving= (erhebt sich hastig). Regine?!

=Pastor Manders.= -- so müßten Sie sich dem nicht widersetzen.

=Frau Alving.= O, dem widersetze ich mich ganz entschieden. Und

überdies, -- Regine bekommt eine Beschäftigung im Asyl.

=Pastor Manders.= Aber bedenken Sie, er ist doch ihr Vater --

=Frau Alving.= Ja, i c h weiß am besten, was für ein Vater er ihr

gewesen ist. Nein, mit m e i n e r Zustimmung wird sie niemals zu ihm

zurückkehren.

=Pastor Manders= (erhebt sich). Aber beste Frau, ereifern Sie sich nicht

so. Es ist traurig, wie sehr Sie den Tischler Engstrand verkennen. Sie

waren ja förmlich erschrocken --

=Frau Alving= (ruhiger). Es ist einerlei. Ich habe Regine zu mir

genommen, und bei mir bleibt sie. (Horcht.) Still, lieber Pastor,

sprechen wir nicht mehr über diesen Gegenstand! (Ein Freudenstrahl

erhellt ihr Gesicht.) Hören Sie! Oswald ist schon auf der Treppe. Jetzt

wollen wir nur an i h n denken.

(=Oswald Alving=, in leichtem Rock, den Hut in der Hand, aus einer

großen Meerschaumpfeife rauchend, tritt durch die Thür links ein.)

=Oswald= (bleibt an der Thür stehen). Ich bitte um Verzeihung -- ich

glaubte die Herrschaften seien im Schreibzimmer. (Tritt näher.) Guten

Tag, Herr Pastor.

=Pastor Manders= (ihn anstarrend). Ah! -- Das ist aber sonderbar --

=Frau Alving.= Ja, was sagen Sie zu d e m da, Pastor Manders!

=Pastor Manders.= Ich sage, -- ich sage --. Nein, aber ist denn das

wirklich --?

=Oswald.= Ja, Herr Pastor, es ist wirklich der verlorene Sohn.

=Pastor Manders.= Aber mein lieber, junger Freund --

=Oswald.= Nun also, der h e i m g e k e h r t e Sohn.

=Frau Alving.= Oswald denkt an die Zeit, als Sie so sehr dagegen waren,

daß er Maler wurde.

=Pastor Manders.= Menschlichen Augen mag ja mancher Schritt bedenklich

scheinen, der später trotzdem -- (Schüttelt Oswalds Hand.) Nun,

willkommen! willkommen! Nein, mein lieber Oswald -- Ich darf Sie doch

noch bei Ihrem Vornamen nennen?

=Oswald.= Aber wie wollten Sie mich denn sonst nennen?

=Pastor Manders.= Gut. Es war also d a s, was ich Ihnen sagen wollte, --

Sie dürfen nicht glauben, daß ich den Künstlerstand unbedingt verdamme.

Nein, ich nehme an, daß es auch in diesem Stand Viele giebt, die ihren

innern Menschen unverderbt bewahren.

=Oswald.= Das wollen wir hoffen.

=Frau Alving= (strahlend glücklich). Ich kenne Einen, der sowohl seinen

innern wie seinen äußern Menschen unverderbt bewahrt hat, sehen Sie ihn

nur an, Pastor Manders.

=Oswald= (geht auf und ab). Ja, ja, liebste Mutter. Aber lassen wir das.

=Pastor Manders.= Nun, wahrhaftig, -- -- das läßt sich nicht läugnen.

Und jetzt haben Sie auch schon angefangen, sich einen Namen zu machen.

Die Zeitungen haben oft unendlich günstig von Ihnen gesprochen. Ja,

übrigens, in letzter Zeit war nicht mehr viel von Ihnen die Rede, wie

mich dünkt.

=Oswald= (der hinten bei den Blumen steht). Ich habe nicht mehr so viel

malen dürfen.

=Frau Alving.= Ein Maler muß sich doch auch zuweilen ausruhen.

=Pastor Manders.= Das kann ich mir denken. Dann bereitet man sich vor

und sammelt neue Kräfte zu einem großen Werke.

=Oswald.= Ja. -- Mutter, speisen wir bald?

=Frau Alving.= In einer kleinen halben Stunde. Appetit hat er doch, Gott

sei Dank.

=Pastor Manders.= Und Rauchlust auch.

=Oswald.= Ich fand Vaters Pfeife da oben auf dem Zimmer und da --

=Pastor Manders.= Aha! Da haben wir es also?

=Frau Alving.= Was?

=Pastor Manders.= Als Oswald ins Zimmer trat mit der Pfeife im Munde,

war mir's, als stände sein Vater lebendig vor mir.

=Oswald.= Nein, wirklich?

=Frau Alving.= O, wie können Sie das nur sagen! Oswald geräth doch ganz

mir nach.

=Pastor Manders.= Ja, aber jener Zug um die Mundwinkel, um die Lippen,

erinnert so deutlich an Alving -- -- besonders jetzt, wo er raucht.

=Frau Alving.= Durchaus gar nicht. Mich dünkt, Oswald hat eher einen

priesterlichen Zug um den Mund.

=Pastor Manders.= O ja, o ja; mehre meiner Amtsbrüder haben einen

ähnlichen Zug.

=Frau Alving.= Aber stell' die Pfeife jetzt fort, mein lieber Junge; ich

mag hier keinen Tabakrauch haben.

=Oswald= (thut es). Gern. Ich wollte sie nur probiren, denn einmal als

Kind habe ich daraus geraucht.

=Frau Alving.= Du?

=Oswald.= Ja. Ich war damals noch ganz klein. Aber ich erinnere, wie ich

eines Abends zu Vater ins Zimmer kam, und er so lustig und vergnügt

war.

=Frau Alving.= Bah, du erinnerst dich an gar nichts aus jenen Jahren.

=Oswald.= Doch; ich erinnere mich ganz deutlich, wie er mich auf sein

Knie setzte und mich aus der Pfeife rauchen ließ. »Rauche, Junge,« sagte

er, »rauch tüchtig!« Und ich rauchte aus aller Kraft, bis ich fühlte,

wie ich bleich wurde und der Schweiß mir in großen Tropfen auf der Stirn

stand. Da lachte er so herzlich --

=Pastor Manders.= Das war aber doch seltsam.

=Frau Alving.= Mein Bester, das hat Oswald nur geträumt.

=Oswald.= Nein Mutter, das hat mir durchaus nicht geträumt. Denn --

erinnerst du d a s nicht noch -- da kamst du und trugst mich hinüber in

die Kinderstube. Dort wurde mir übel und ich sah, daß du weintest. -- --

Hat Vater oft solche Possen getrieben?

=Pastor Manders.= In seiner Jugend war er ein unendlich lebenslustiger

Mensch --

=Oswald.= Und hat doch so viel auf dieser Welt zu Stande gebracht. So

vieles, das gut und nützlich; -- und er ist doch nicht alt geworden!

=Pastor Manders.= Ja, mein lieber Oswald Alving, Sie haben in der That

den Namen eines thätigen und würdigen Mannes geerbt. Nun, das wird Ihnen

hoffentlich ein Sporn sein -- --

=Oswald.= Es s o l l t e so sein, ja.

=Pastor Manders.= Auf jeden Fall war es schön von Ihnen, daß Sie zu

seinem Ehrentage nach Hause kamen.

=Oswald.= Weniger konnte ich für meinen Vater doch nicht thun.

=Frau Alving.= Und daß ich ihn jetzt so lange hier behalten kann, -- das

ist doch das Schönste von ihm.

=Pastor Manders.= Ja, wie ich höre, werden Sie den ganzen Winter

hindurch daheim bleiben.

=Oswald.= Ich bleibe für unbestimmte Zeit hier, Herr Pastor! -- Ach! es

ist doch gut, wieder zu Hause zu sein!

=Frau Alving= (strahlend). Ja, nicht wahr, du?

=Pastor Manders= (sieht ihn theilnehmend an). Sie sind früh in die Welt

hinaus gekommen, mein lieber Oswald.

=Oswald.= Das ist wahr. Zuweilen denke ich, daß es z u früh war.

=Frau Alving.= O, durchaus nicht. Das thut einem gesunden Burschen nur

gut. Und besonders Einem, der einziges Kind ist. Ein solcher soll nicht

zu Hause bei Vater und Mutter sitzen und verhätschelt werden.

=Pastor Manders.= Das ist eine durchaus bestreitbare Frage, Frau Alving.

Das Vaterhaus ist und bleibt doch die rechte Zufluchtsstätte, der beste

Aufenthalt für ein Kind.

=Oswald.= Darin muß ich dem Pastor ganz Recht geben.

=Pastor Manders.= Sehen Sie nur Ihren eigenen Sohn an. Ja, wir können ja

sehr wohl in seiner Gegenwart darüber sprechen. Welches sind die Folgen

davon für ihn gewesen? Er ist sechs- bis siebenundzwanzig Jahre alt

geworden und hat noch niemals Gelegenheit gehabt, ein ordentliches Heim

kennen zu lernen.

=Oswald.= Um Verzeihung, Herr Pastor, -- aber da irren Sie doch.

=Pastor Manders.= So? -- Ich glaubte, Sie hätten ausschließlich nur in

Künstlerkreisen verkehrt.

=Oswald.= Das ist auch der Fall gewesen.

=Pastor Manders.= Und meistens doch mit den jüngern Künstlern.

=Oswald.= Ja, gewiß.

=Pastor Manders.= Aber ich glaubte, daß die Mehrzahl dieser Leute nicht

die Mittel besäßen, eine Familie zu gründen und ein Heim zu haben.

=Oswald.= Zweifelsohne giebt es viele unter ihnen, die nicht Geld genug

haben, um sich zu verheirathen.

=Pastor Manders.= Nun, das ist es ja, was ich sage.

=Oswald.= Aber deshalb können sie doch ein Heim haben. Und einer oder

der andere hat es sogar; und ein sehr ordentliches und behagliches Heim

obendrein.

=Frau Alving= (horcht gespannt, nickt zuweilen, sagt aber nichts).

=Pastor Manders.= Aber ich spreche ja nicht von

Junggesellenwirthschaften. Unter einem Heim verstehe ich ein

Familienheim, in welchem ein Mann mit seinem Weibe und seinen Kindern

lebt.

=Oswald.= Ja. Oder mit seinen Kindern und der Mutter seiner Kinder.

=Pastor Manders= (stutzt; schlägt dann die Hände zusammen). Aber du

barmherziger Gott -- --!

=Oswald.= Nun?

=Pastor Manders.= Zusammen leben mit -- -- der Mutter seiner Kinder!

=Oswald.= Ja! Oder wäre es besser, wenn er die Mutter seiner Kinder

verstieße?

=Pastor Manders.= Sie reden also von ungesetzlichen Verhältnissen! Von

diesen sogenannten wilden Ehen?!

=Oswald.= Mir ist niemals etwas besonders Wildes in dem Zusammenleben

dieser Leute aufgefallen.

=Pastor Manders.= Aber wie ist es nur möglich, daß ein -- ein

einigermaßen wohlerzogener Mann oder ein junges Weib sich dazu verstehen

kann in dieser Weise zu leben -- so vor den Augen aller Welt!

=Oswald.= Aber was sollen sie thun? Ein armer, junger Künstler, -- ein

armes, junges Mädchen --. Es kostet viel Geld, wenn man sich

verheirathen will. Was sollen sie denn thun?

=Pastor Manders.= Was sie thun sollen? Ja, Herr Alving, ich werde Ihnen

sagen, was sie thun sollen. Sie sollten sich von Anfang an fern

geblieben sein, -- d a s sollten sie.

=Oswald.= Mit solchen Reden werden Sie bei jungen, heißblütigen,

verliebten Menschen nicht weit kommen.

=Frau Alving.= Nein, damit kommen Sie nicht weit!

=Pastor Manders.= Und daß die Behörden dergleichen dulden! Daß

dergleichen ganz offenkundig geschehen darf! (Stellt sich vor Frau

Alving.) Nun, hatte ich nicht Ursache, um Ihren Sohn besorgt zu sein? In

Kreisen, wo die unverhüllte Unsittlichkeit geduldet wird und sich

gleichsam ein Recht erworben hat -- --

=Oswald.= Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Pastor. Ich bin ein steter

Sonntagsgast an einem paar solcher unregelmäßiger Familienherde gewesen

-- --

=Pastor Manders.= Und das noch dazu am Sonntag!

=Oswald.= Ja gewiß, das ist ja der Tag an dem man sich amüsiren soll.

Aber niemals habe ich dort ein anstößiges Wort gehört, und noch weniger

war ich Zeuge von irgend etwas, das man unsittlich nennen könnte. Nein;

wissen Sie, wann und wo ich die Unsittlichkeit in Künstlerkreisen

getroffen habe?

=Pastor Manders.= Nein, Gott Lob, das weiß ich nicht!

=Oswald.= Nun, so werde ich mir erlauben, es Ihnen zu sagen. Ich habe

sie getroffen, wenn einer oder der andere unserer mustergiltigen

Ehemänner und Familienväter hinunter gekommen ist, um sich dort so ein

wenig auf eigene Hand umzusehen -- und dann den Künstlern die Ehre

anthat, sie in ihren bescheidenen Kneipen aufzusuchen. Da konnten wir

etwas lernen! Die Herren wußten uns über Dinge und Oertlichkeiten zu

erzählen, von denen wir uns niemals hatten träumen lassen.

=Pastor Manders.= Was? Wollen Sie wirklich behaupten, daß Ehrenmänner

von hier zu Hause da draußen -- --?

=Oswald.= Haben Sie denn niemals gehört, wie diese E h r e n m ä n n e r

bei ihrer Heimkehr sich über die zunehmende Unsittlichkeit im Auslande

ausgesprochen haben?

=Pastor Manders.= Ja, natürlich --

=Frau Alving.= Das habe auch ich gehört.

=Oswald.= Ja, man kann ihnen getrost aufs Wort glauben. Sie sind

zuweilen sachkundige Leute! (Greift sich an den Kopf.) O -- daß das

schöne, das herrliche Freiheitsleben da draußen, -- daß es s o besudelt

werden muß!

=Frau Alving.= Du darfst dich nicht ereifern, Oswald; es schadet dir.

=Oswald.= Du hast Recht, Mutter. Es schadet mir. Siehst du, es ist diese

verdammte Müdigkeit. Ich will noch einen kleinen Spaziergang vor dem

Mittagsessen machen. Verzeihen Sie, Herr Pastor; Sie können sich nicht

hinein denken; aber es überwältigte mich wieder einmal. (Ab durch die

zweite Thür rechts.)

=Frau Alving.= Mein armer Junge --!

=Pastor Manders.= Ja, Sie haben Ursache, das zu sagen! So weit ist es

also mit ihm gekommen!

=Frau Alving= (sieht ihn an und schweigt).

=Pastor Manders= (auf und abgehend). Er nannte sich den verlorenen Sohn.

Ja, leider, -- leider!

=Frau Alving= (sieht ihn immer noch an).

=Pastor Manders.= Und was sagen S i e zu all dem?

=Frau Alving.= Ich sage, daß Oswald mit jedem Worte Recht hatte.

=Pastor Manders= (hält inne). Recht? Recht! Mit solchen Grundsätzen!

=Frau Alving.= Hier in meiner Einsamkeit bin ich dahin gekommen eben so

zu denken, Herr Pastor. Aber ich habe mich niemals erkühnt, daran zu

rühren. Nun wohl; mein Sohn soll für mich sprechen.

=Pastor Manders.= Sie sind ein beklagenswerthes Weib, Frau Alving. Aber

jetzt muß ich ein ernstes Wort mit Ihnen reden. Jetzt ist es nicht mehr

Ihr Geschäftsführer und Rathgeber, Ihr und Ihres verstorbenen Mannes

Jugendfreund, der vor Ihnen steht. Es ist der Priester! So wie er in dem

schwersten Augenblick Ihres Lebens vor Ihnen stand.

=Frau Alving.= Und was ist es, das der Priester mir zu sagen hat?

=Pastor Manders.= Ich muß zuerst an Ihrer Erinnerung rütteln, Frau

Alving. Der Augenblick ist gut gewählt. Morgen ist der zehnte Todestag

Ihres Gatten; morgen soll das Ehrendenkmal des Verstorbenen enthüllt

werden; morgen soll ich zu der ganzen Schaar der Versammelten reden; --

aber heute will ich mit Ihnen allein sprechen.

=Frau Alving.= Gut, Herr Pastor; sprechen Sie!

=Pastor Manders.= Erinnern Sie sich, daß Sie nach kaum einjähriger Ehe

am äußersten Rande des Abgrunds standen? Daß Sie Ihr Haus und Ihr Heim

verließen -- daß Sie Ihrem Manne entflohen; -- ja, Frau Alving, flohen,

flohen, und sich weigerten, zu ihm zurückzukehren, wie sehr er auch bat

und flehte?

=Frau Alving.= Haben Sie vergessen, wie grenzenlos unglücklich ich

während dieses ersten Jahres war?

=Pastor Manders.= Das ist grade der rechte Geist des Aufruhrs, der immer

das Glück hier im Leben erstrebt. Welches Recht haben wir Menschen denn

ans Glück? Nein, wir sollen unsere P f l i c h t thun, Frau Alving! Und

I h r e Pflicht war es, fest zu dem Manne zu halten, den Sie einmal

gewählt hatten und an den Sie durch ein heiliges Band geknüpft waren.

=Frau Alving.= Sie wissen sehr wohl, welches Leben Alving in jener Zeit

führte, welcher Ausschweifungen er sich schuldig machte.

=Pastor Manders.= Ich weiß leider, welche Gerüchte über ihn gingen; und

ich bin der letzte, der seinen Lebenswandel während der Jugendjahre

billigt. Aber die Gattin ist nicht zum Richter über ihren Gatten

gesetzt. Es wäre Ihre Schuldigkeit gewesen, mit demüthigem Sinn das

Kreuz zu tragen, welches ein höherer Wille Ihnen auferlegt hatte. Aber

statt dessen werfen Sie in Empörung dieses Kreuz von sich, verlassen den

Strauchelnden, den Sie hätten stützen sollen, gehen hin und setzen Ihren

guten Namen und Ihren Ruf aufs Spiel, und -- -- sind nahe daran, den Ruf

anderer obendrein zu verscherzen.

=Frau Alving.= Anderer? Sie meinen doch nur e i n e s anderen.

=Pastor Manders.= Es war äußerst rücksichtslos von Ihnen, bei m i r

Zuflucht zu suchen.

=Frau Alving.= Bei unserem Priester? -- Bei unserem Hausfreund?

=Pastor Manders.= Grade deshalb. -- Ja, danken Sie Ihrem Herrn und Gott,

daß ich die nöthige Festigkeit besaß, -- daß ich Sie von Ihrem

überspannten Vorhaben abbrachte und daß es mir vergönnt war, Sie auf den

Weg der Pflicht zurückzuführen, in Ihr Heim -- zu Ihrem rechtmäßigen

Gatten.

=Frau Alving.= Ja, Pastor Manders, d a s war allerdings I h r Werk!

=Pastor Manders.= Ich war nur ein bescheidenes Werkzeug in der Hand des

Höchsten. Und ist es nicht zum größten Segen für all Ihre übrigen

Lebenstage geworden, daß es mir gelang, Sie unter das Joch der Pflicht

und des Gehorsams zu beugen? Ist es nicht gekommen, wie ich Ihnen vorher

sagte? Ließ Alving nicht von seinen Verirrungen ab, so wie es einem

Manne gebührt? Verlebte er nicht seit jener Zeit all seine Tage in

Liebe und ohne Vorwurf mit Ihnen? Wurde er nicht zum Wohlthäter der

ganzen Gegend, und hob er Sie nicht dergestalt zu sich empor, daß Sie

ein Mitarbeiter an all seinen Unternehmungen wurden? Und dazu ein

t ü c h t i g e r Mitarbeiter; -- o, ich weiß das, Frau Alving; d e n

Ruhm werde ich Ihnen lassen. -- Aber jetzt komme ich zu dem zweiten

großen Fehltritt in Ihrem Leben.

=Frau Alving.= Was wollen Sie damit sagen?

=Pastor Manders.= Und so wie Sie dereinst die Pflichten der Gattin

verläugnet haben, so verläugneten Sie seitdem die Pflichten der Mutter.

=Frau Alving.= Ah --!

=Pastor Manders.= Ein unheilschwangerer Geist des Eigenwillens hat Sie

während Ihres ganzen Lebens geleitet. Ihr ganzes Sinnen und Trachten ist

dem Zwanglosen, dem Ungesetzlichen zugewendet gewesen. Niemals haben Sie

irgend einen Zwang ertragen können. Alles, was Sie im Leben beengt und

bedrückt hat, haben Sie gewissenlos und rücksichtslos wie eine Bürde

abgeworfen, über die Sie selbst Gewalt hatten. Es behagte Ihnen nicht

länger, Gattin zu sein -- und Sie verließen Ihren Gatten. Es war Ihnen

beschwerlich, Mutter zu sein, und Sie schickten Ihr Kind hinaus in die

Fremde.

=Frau Alving.= Ja, das ist wahr; das habe ich gethan.

=Pastor Manders.= Aber deshalb sind Sie auch eine Fremde für ihn

geworden.

Gespenster: Ein Familiendrama in drei Aufzügen · 第 1 / 5 段