Erster Auftritt

Thronsaal im Eispalaste des Astragalus, mit hohen Säulen

geziert, die silberartig erglänzen. Im Vordergrunde ein hoher

Thron von pittoreskem Ansehen, als wäre er aus unregelmäßigem

Eis geformt.

Auf ihm Astragalus als Alpenkönig. Eine lange lichtblaue

weißgestickte Tunika, weiten griechischen Mantel. Weißen Bart,

auf dem Haupte eine smaragdene Krone. Vor ihm knien im Kreise

ideal gekleidete Alpengeister. Weiße kurze Tunika, mit grünen

Folioblättern garniert.

Chor.

Hehr zu schauen auf dem Throne

Bist du, Fürst der Alpenflur,

Denn dich schmückt der Tugend Krone,

Du vertilgst des Lasters Spur.

Astragalus (steht auf und spricht).

Auf des Thrones eisgen Stufen

Horcht ich gern noch eurem Chor.

Doch laßt uns den Fremdling rufen,

Denn die Zeit tritt mahnend vor.

Alpanor.

Lange steht er schon bereitet

In der Halle vor dem Saal.

Auch ist er schon angekleidet,

Wie dein Wink es uns befahl.

Astragalus.

Höhnt ihn aus, wenn er erscheint.

(Rappelkopf in einem drapfarben Reiseüberrock, gleichen

Gamaschen mit silbernen Knöpfen, schwarzem Haar, etwas hoher

Stirne, wird hereingebracht.)

Ein Alpengeist.

Fürst, hier ist der Menschenfeind.

(Alle lachen.)

Rappelkopf.

Nun? Was ist da Spaßigs dran?

Alpanor.

Weißt du wohl, warum sie lachen?

Unter einem Menschenfeind

Dachten sie sich einen Drachen,

Der als grimmer Ries erscheint.

Und nun sehn sie einen Zwergen,

Wer soll 's Lachen da verbergen?

Von dem Unsinn mußt du lassen,

Freund, das ist ja ganz verkehrt.

Du willst alle andern hassen?

Und bist selber nicht viel wert.

Rappelkopf.

Versteht sich. Du wirst mir sagen, was ich zu tun hab.

(Für sich.) Verdammtes Hexenvolk!

Astragalus.

Du bist die Wette mit mir eingegangen, du wollest dein Gemüt

in edleres verkehren, wenn du die Fehler deines jetzigen

erkennst.

Rappelkopf.

Das hab ich gsagt im Angesichte von vier Zeugen: Feuer, Wasser,

Luft und Erde. Nun gib mir Überzeugung, oder laß mir Ruh in

meinem Wald.

Astragalus.

So hör mich an. Damit du kannst in solchem Seelenspiegel

schauen, so will ich deinen Geist aus deinem Leib entführn

und ihn in eines neuerschaffnen Körpers Haus verbannen.

Rappelkopf.

Das will sagen, mein Geist wird von einer Bouteille in die

andere hinübergefüllt, das ist schon nichts, da kann schon

eine Spitzbüberei geschehen, bei dieser Füllung muß ich dabei

sein. Da kann er ausrauchen, oder verwechselt werden. Ich traue

niemand mehr.

Astragalus.

Er wird es nicht. Ich schwör es bei des Chimborassos

eisgekröntem Haupte. Du wirst dein Denken, Wollen, Handeln,

Fühlen genau in eines andern Bild erblicken.

Rappelkopf.

Und was gschieht dann mit mir, geh ich so ohne Seel herum,

oder bekomm ich wo eine andere zu leihen?

Astragalus.

Du wirst als Bruder deiner Frau erscheinen.

Rappelkopf.

Diese Verwandtschaft hätt ich mir nie träumen lassen.

Astragalus.

Doch ganz die Kraft der eigenen Gesinnungen behalten.

Rappelkopf.

Das heißt, ich werde aussehn wie mein Schwager und denken,

was ich will.

Astragalus.

So ists. Dadurch kannst du dich überzeugen, wie gegen dich

dein Weib, dein Kind und der von dir gehaßte Maler denken.

Doch daß du auch an deinem Ebenbild den höchsten Anteil nimmst

und dich in ihm genau ergründest und betrachtest, so hängt

dein künftig Schicksal ganz von dem freien Handeln dieses

Doppelgängers ab. Und was zu deinem Nutzen oder Nachteil wird

durch ihn in deinem Haus geschehn, das wird, wenn er

verschwindet, unveränderlich dir bleiben.

Rappelkopf.

Also wenn er mir mein Haus verkauft, kann ich nachher auf

der Straße wohnen? Ah, das ist eine schöne Einquartierung.

Astragalus.

Auch ist dein Leben selbst an seines festgebunden, und wenn

er es verliert, solang er statt dir lebt, stirbst du mit ihm

und wirst durch ihn erkranken auch, wenn es der Zufall fügt,

daß ihm ein bös Geschick Gesundheit raubt.

Rappelkopf.

Zwei Menschen und nur ein Leben! Jetzt fangt sogar die Natur

zum ökonomisiern an. Da hats der Tod kommod, der nimmt s'

gleich Paar und Paar. Nun gut, so laß denn sehen, was deine

Taschenspielerei vermag. Der Prozeß ist eingeleitet. Ein

unendlich verwickelter Fall, der wird in hundert Jahren nicht

aus. Also was gschieht denn jetzt? Hab ich noch meinen Geist,

oder hat ihn schon ein anderer? Bin ich schon mein Schwager,

oder bin ich noch der Schwager meines Schwagers?

Astragalus.

Es wird dich jeder für den Bruder deines Weibs erkennen. Darum

hab ich in deinem Äußern dich gestaltet so wie ihn. Ihr

Alpengeister, führt ihn fort und bringt ihn an des Berges

Fuß. Dort werdet ihr ein leichtberädert Fahrwerk finden,

zwei rüstge Maultier vorgespannt, mit Staub bedeckt, als

kämen sie von weiter Reise aus dem Land der welschen Glut.

Sie bringen schnell ihn vor sein Schloß, dort werde seinem

Übermut Beschämung, Überzeugung, Strafe.

Rappelkopf.

Nun gut, so will ich dies Asyl der Falschheit noch einmal

betreten. Ich geh und übergeb dir meinen Geist, von dem ich

weiß, daß er so wenig Fehler hat, als die Donau Linienschiffe

trägt, als Eicheln auf dem Kirschbaum wachsen und blondes Haar

in deinem grauen Bart. (Ab mit den Alpengeistern, nur Alpanor

bleibt zurück.)

Astragalus.

Sein Starrsinn ists, der mich zu festen Hoffnungen berechtigt,

denn hat er sich erkannt, wird ihn mit gleicher Heftigkeit der

Trieb zur Besserung erfassen, als seine kräftge Phantasie den

Wahn des Hasses jetzt umklammert hält. Alpanor! Hast du den

Bruder seines Weibs zurückgehalten, daß er nicht heute morgens

schon von seiner Reise in des Menschenfeindes Schloß eintrifft?

Alpanor.

Es geschieht in diesem Augenblick. Der Alpengeist Linarius

leitet seiner Pferde Zügel und setzt ihn aus in einer wüsten

Felsengegend, so lang, bis, großer Alpenkönig, du die Ankunft

ihm erlaubst.

Astragalus.

Und ich will scheinbar mich in ihn verwandeln

(er verwandelt sich in Rappelkopfs Gestalt in seiner ersten

Kleidung)

Und so durch Trug zu seinem Besten handeln.

Wie auf des Schlosses Dache die metallne Spitze

Das Haus bewahret vor der Wut der Blitze,

Will ich den Haß, den er sich gen die Welt erlaubt,

Herniederleiten auf sein eignes Haupt.

Dort mag die Donnerwolke sich entleeren

Und Glut durch Glut hellflammend sich verzehren,

Bis aus der Asche wird zum neuen Leben

Die Liebe gleich dem Phönix sich erheben.

(Beide ab.)

Der Alpenkönig und der Menschenfeind · 第 31 / 45 题