(Langsam verwandelt sich die Bühne in ein kurzes Zimmer in
Rappelkopfs Hause. In der Mitte ein großer Spiegel. Tag.)
Sophie, von Malchen und August geführt, setzt sich weinend in
einen Stuhl.
Malchen.
Trösten Sie sich, teure Mutter, der Vater wird schon wieder
zurückkehren, wenn er ausgetobt hat. Wie oft verließ er nicht
das Haus und lief den Bergen zu.
Sopie.
Ach Kinder, es ist eine böse Ahnung in meinem Busen, die mir
jede Hoffnung raubt, daß wir ihn gesund und wohlbehalten
wiedersehen.
August.
Wenn Sie mir nur erlauben wollten, ihm nachzueilen, ich wollte
alle Mittel anwenden, ihn zu besänftgen.
Sopie.
O lieber August, Ihr Anblick würde ihn nur noch mehr erbittern.
Eben weil er Sie hier weiß, ist sein Unmut zur Raserei geworden.
Malchen.
Da kommt Lischen mit Habakuk, vielleicht hat man schon Nachricht
gebracht. (Lischen, eilig Habakuk hereinziehend.)
Lischen.
Da komm Er herein, Er abscheulicher Mensch, und erzähl Er der
gnädgen Frau den ganzen Vorfall! Stellen sich Euer Gnaden vor,
mit dem Habakuk hat er den letzten Auftritt gehabt. Wegen dem
Habakuk ist er fort.
Habakuk.
So red Sie nur nicht so einfältig! Was kann denn ich dafür?
August.
Der Mensch ist ja blaß wie eine Leiche.
Sopie.
Warum hat Er denn das nicht gleich gemeldet, wo war Er bis jetzt?
Lischen.
Auf den Kornboden hat er sich versteckt, aus lauter Angst vor
den gnädgen Herrn. Er hat ihn ja ermorden wollen.
Alle.
Wen?
Lischen.
Der Habakuk den gnädigen Herrn.
Alle.
Nicht möglich!
Lischen.
Nicht möglich? Er hat es ja selbst gestanden. Sehen Euer Gnaden
nur diese Mörderphysiognomie, er bringt noch das ganze Haus um.
Habakuk.
Ah, das ist ja eine schändliche Person. Euer Gnaden, ich bitt,
daß ich mich an ihr eine halbe Stund vergreifen darf. Das kann
ich ja nicht leiden.
Lischen.
Untersteh Er sich und komm Er her, Er Missetäter!
Malchen.
Du wirst dir doch keinen Scherz erlauben, Lischen?
Sopie.
Sprech Er, Habakuk! Warum zittert Er denn so?
Habakuk.
Aus lauter Zorn, ich benimm mich gegen alle présence d'esprit,
ich war zwei Jahr in Paris, und mir schnappen die Füß zusammen.
August (gibt ihm einen Stuhl).
Hier setz Er sich nieder und erklär Er sich über die Sache.
Habakuk.
Ich kann mich nicht anders erklären, als daß ich, wie Euer
Gnaden geschafft haben, einen Zichori hab ausstechen wollen,
und wie der gnädige Herr ein Messer bei mir erblickt, so hat
er behauptet, ich hätt ihn gschwind unter der Hand umbringen
wollen. Laßt mich nicht zu Wort kommen, schüttelt mich wie einen
Zwetschkenbaum und fragt mich, wer mich gedünget hat. Ich wollt
antworten: Die gnädige Frau braucht einen Zichori. Wer aber
diesen Zichori gar nicht aus mir herauslaßt, das war er. Denn
kaum hab ich das Wort: »Die gnädige Frau« gesagt, so ist er
schon mit beiden Füßen bis auf den Blavon hinauf gsprungen.
Hat immer geschrien, meine Frau will mich ermurden lassen, hat
mich einen Habällino hin, den andern her geheißen, und hat mich
mir nichts dir nichts bei der Tür hinausgeprügelt. Von wo ich
mich aus lauter Desperation auf den Kornboden versteckt hab.
Bis mich dieses intrigante Frauengeziefer heruntergestöbert hat
und jetzt die ganze Gschicht auf eine so verkehrte Weise erzählt.
Lischen.
Er hat einmal behauptet--
Habakuk.
Daß Sie eine niedrigdenkende Seele ist, die einen Mann von
meinen Meriten ins Unglück hineinstürzen will.
Sopie.
Genug jetzt, mit diesen Albernheiten. Also das ist die Ursache,
die meinen Mann in solche Wut geraten ließ? Des Mordes hält er
mich verdächtig? So ungereimt diese Zumutung auch ist, so gibt
sie doch einen Beweis, wie gemein er von meinem Charakter denkt.
Malchen.
Beruhigen Sie sich, liebe Mutter!
August.
Wer sollte glauben, daß ein gesunder Verstand so phantastisch
ausarten könne?
Lischen.
Der gnädge Herr hatte immer etwas Düstres an sich, selbst wie
er noch Buchhändler war, seine Bücher waren immer gut aufgelegt,
er aber nie.
Habakuk.
Er ist ein Hypokontrolist. Er hat zu reizende Nerven.
Lischen (lacht).
Es ist schrecklich--dieser Mensch war zwei Jahr in Paris und ist
so einfältig wie eine Auster.
Habakuk.
Diese Person fällt noch von meiner Hand.
Sopie (zu Lischen).
Und du hast ihn aus dem Hause laufen sehen?
Lischen.
Dem Walde zu. Nachdem er vorher die große Schlacht gegen alle
Möbel gewonnen hatte.
Sopie (weint).
Ach du lieber Gott, mir bangt um sein Leben, ich kann nicht
ruhig bleiben mehr, ich muß selbst hinaus--
August.
Bleiben Sie--
Malchen.
Ach August, der Alpenkönig hat uns getäuscht.
August.
Ich verwünsche diesen Kobold.
(Donnerschlag. Der Spiegel öffnet sich, man sieht auf einem
schroffen Fels den Alpenkönig sitzen. Im Hintergrunde ferne
Berge, blauer Himmel.)
Sopie.
Himmel, welche Erscheinung!
August, Malchen.
Er ist es!
Sopie.
Wer?
Habakuk.
Der Aschenmann!
August, Malchen.
Der Alpenkönig!
Lischen.
Ach, daß der Himmel erbarm! (Sie schließt die Augen.)
Astragalus.
Warum verfluchst du mich?
August (kniet).
Du Wunderwesen, dessen Macht wir nicht erklären können und die
doch unleugbar, weil sie dem Auge und dem Herzen sich zugleich
verkündet, du hast uns deinen Schutz gelobt. Und doch ward diesem
Haus so tiefes Leid, daß ich beinahe fürchten muß, du könntest
meiner Liebe Glück durch ihres Vaters Unglück nur bezwecken.
Malchen (kniet).
Wenn du die Stelle kennst, auf der sein Fuß jetzt irrt, so rett
ihn, hoher Klippenfürst.
Sopie (kniet).
Ich verstehe meiner Kinder Worte nicht, doch wenn meines Mannes
Herz in deinen Zauberbanden liegt und darum sich von uns gewendet
hat, so gib es frei, wir werden dich dafür stets als ein gutes
Wesen ehren.
Lischen (kniet).
Hoher Alpenkönig! Ich traue mich zwar nicht, mein Auge zu dir zu
erheben, warum? das weiß ich schon. Aber wenn du ein galanter
Herr bist, so wird auch die Bitte einer hübschen Kammerjungfer
etwas bei dir gelten.
Habakuk (kniet).
Ich bitt auch ganz erschrecklich, Euer gesteinigte Hochheit!
Astragalus (steht auf).
Ich dacht es wohl, es wandle euch Besorgnis an,
Weil mein Geschäft so üblen Anfang nimmt.
Doch sorgt euch nicht, ich bin ein kluger Handwerksmann,
Der seinen Vorteil schon voraus bestimmt.
Denn wenn man sprödes Erz geschmeidig sucht zu biegen,
So lasse man es in des Ofens Bauch erglühn.
Und so muß sein Gemüt in Hassesflammen liegen,
In wilder Leidenschaft die Seele Funken sprühn,
Dann kann ich seinen Wahn durch Überzeugung schmieden
Und seiner Denkart ihre alte Form verleihn.
Von selbst schließt mit der Menschheit er dann neu den Frieden
Und wird sein Wirken freudig ihrem Wohle weihn.
Drum, was ihr Böses mögt in baldger Zukunft schauen,
Wenn ihr bei nächster Sonne wieder ihn erblickt,
Doch mögt ihr kühn und treulich auf mein Wort vertrauen,
Noch eh sie sinkt, hat Alpenkönig euch beglückt.
(Sinkt in seine frühere Stellung zurück. Das Spiegelglas erscheint
wieder.)
Sopie.
So unerklärbar dieses Phantom mir ist, so hat es doch Trost in
meine Seele gesendet. Begleitet mich nach dem Gemach, das uns
die Aussicht nach dem Wald hin bietet, vielleicht sehen wir
schon einige von den Boten zurückkehren, welche ich nach meinem
Manne ausgesendet habe. Dort sollt ihr mir auch Aufklärung über
den Alpenkönig geben.
(Sophie, Malchen, August ab.)