Raoul Perten verließ das Haus.
Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des
mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine
Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein
wenig.
Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters
aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den
gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die
wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich
schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges
Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.
»Das ist alles so einerlei wie ungerecht,« sagte Raoul. »Wenn ich dies so
durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines
maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch,
daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz
mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten
Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem
Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an
. . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den
Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz
erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen
leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.
Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!)
varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen -- -- -- es
wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr
erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die
Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht
graziös aufarbeiten -- -- -- ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels
bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken,
monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . -- Doch dieses
Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die
Geste ist verwundert -- alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt?
Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte
Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit
dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt -- -- -- weiß ich, daß
dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein
hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse
zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad
zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch
des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich
nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit
dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat -- -- -- vielmehr
irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im
Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus
gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das
weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine
Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in
eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche
Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.
Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel
zurückschmeiße und -- der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien
doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als
ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz
beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden
Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt,
sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. --«
Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den
Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs
angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer
Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die
Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber.
Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen
Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze
Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele
parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem
Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif,
fast gespitzt und ganz hell.
»Mein Junge,« sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die
Hand.
In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in
unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn
Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall,
einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in
dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen
Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die
gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben.
Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht
drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde
daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: »Ich werde ein paar Tage
verreisen, Onkel« und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie
er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei
gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch
jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch
mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer
großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen
Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen
Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen -- denn er begriff plötzlich, daß
diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem
Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und
seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.
Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen (»Ja! wie
Stanniol« lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des
Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar
blieb.
Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen
hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte
er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis
unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte
sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und
setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit
der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne
darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich
niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände
klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock
lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.
Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere
und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging
ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine
stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch
nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so
vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine
fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer
Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über
eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die
Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen
hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule
strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen
Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es
über sie.
Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm
keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und
das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es
war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz
hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe
und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm
seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn
dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals »Sehr geneigt« sagte.
(Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht
ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte
er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.
An ihr entschied sich sein Schicksal.
Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine
Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander
und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und
ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen
einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch
überschwamm.
Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des
Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer
neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm
schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er
dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.
Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen
Horizont zu. -- -- --
Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen
im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes
Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war
ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in
irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von
einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu
schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu
durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an
sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie
die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte
Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem
schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu
etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen
spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den
transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon,
daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.
Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den
Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die
Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen
Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem
Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen
sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer
verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein
bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der
Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn.
Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen
andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund
und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.
Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in
diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.
Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht,
aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt
gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere
Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die
Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.
Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah.
Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab
zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus
wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich
mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse
noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein
mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines
Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum.
Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am
folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.
Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer,
Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff,
daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien,
schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem
Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser,
Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: »Kannst du
Milchseparators machen?« Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am
nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer
einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der
anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die
Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf
Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag
hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei
zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger.
Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem
Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.
Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. »Auf!
rasch . . .« sagten sie ihm.
Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.
Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges
Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten
Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes:
Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von
Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.
Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die
zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die
Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von
damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.
Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an
ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.
Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den
Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden
oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er
fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen
sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage
erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die
faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal
etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer
ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige
Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es
zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie
rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es
war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.
Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im
geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum.
Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.
Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei
Tage lang, im Büffelwagen.
Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm
gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die
Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich
zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß
ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner
Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt
hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte
und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.
Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes
Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder-
zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt
noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres.
Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in
seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel
säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu
verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine
Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in
den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz
auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.
Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige
gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen
Einknicken der Hüften: »Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings
selten mit vollem Titel angeredet.« Die übrigen schauten dumm, weil er es
deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das
Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische
stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er
sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im
Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser
Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die
den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer
bereit und sicher war.
Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.
Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr
die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß
ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier
in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in
die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in
Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr
und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen.
Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn,
eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm.
Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul
bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er
seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte
mehr.
Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es
auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre
Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen
seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen
wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er
wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr
bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte
diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.
Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten
Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr
sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß
es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem
Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung
seiner Augen traf. Da sagte sie: »Danke.«
Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief
nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und
betrank sich hin und wieder.
Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam
freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie
nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa
sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem
Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete
ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch
leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er
den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum
die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das
Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über
ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.
Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das
zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der
Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der
Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es
einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit
einer Gerte über das Gesicht schlug.
Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen
weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur.
Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem
zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im
Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen
Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte
(und verzogenen Lippen): »Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht
mehr.«
Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen
sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt
davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen,
sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie
er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen
Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der
Gewalt seiner Hände.
In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm.
Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte
vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer
krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange
aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie
wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange
zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.
Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn
gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb
sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die
Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit
einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies
zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie
stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle.
Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde
. . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul
begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu
kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer
solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum
sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem
Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.
Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die
Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die
Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den
Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand
aber nichts.
Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den
Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem
Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu
schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die
unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei
übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der
Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort
ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn
zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar
nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht
nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu
kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am
dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu
töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an
seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch,
Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der
Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er
voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen
seinen Neffen Raoul.
Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er
hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr
aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen
Gesicht. »Wohin . . .?«
Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.
»Vielleicht -- das wollte ich sagen -- reiten Sie für diesmal mein Pferd.
Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen
. . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . .
nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit -- ?«
Raoul zögerte.