Dieses letzte Blatt schreibe ich nicht mehr in Baden. Ich bin nicht mehr
dort, ich bin – den Kopf schon voll neuer Versuche und Pläne – wieder in
meiner Steppe draußen, wieder in meiner Einsamkeit und Klause. Der
Kurgast Hesse ist Gott sei Dank gestorben und geht uns nichts mehr an.
Statt seiner ist nun wieder ein ganz anderer Hesse da, zwar ebenfalls
ein Mann mit Ischias, aber er hat sie, nicht sie ihn.
Als ich Baden verließ, fiel mir in der Tat der Abschied etwas schwer.
Ich hatte zu allerlei Dingen und Menschen eine Liebe gefaßt, die ich
jetzt losreißen mußte, zu meinem Zimmer, zu meinem Wirt, zu den Bäumen
am Flußufer, zum Arzt, der sich in der Abschiedsaudienz nochmals auf das
schönste bewährte, zu den Mardern, zu den freundlichen hübschen
Saaltöchtern Rösli, Trudi und den andern, zum Spielsaal, zu den
Gesichtern und Figuren mancher Leidensbrüder. Leb’ wohl, freundliche,
stets gutgelaunte, stets bereitwillige Helferin am Diathermie-Apparat!
Lebe wohl, Riesin aus Holland, und auch du, blondlockiger Held
Kesselring!
Sehr hübsch war der Abschied vom Wirt des Heiligenhofes. Lächelnd hörte
er meinen Dank, meine Lobsprüche auf sein Haus an, dann fragte er, wie
der Doktor mit mir und meiner Kur zufrieden sei, und als ich ihm
erzählte, der Arzt habe mich sehr gelobt und ich habe Aussicht auf
vollkommene Heilung, so daß ich also Baden jetzt ruhig verlassen könne,
da steigerte sich das Lächeln meines Gastfreundes zu behaglicher
Schelmerei, freundlich legte er mir eine Hand auf die Schulter und
sagte: „Ja, reisen Sie recht vergnügt! Ich gratuliere. Aber schauen Sie,
ich weiß etwas, was Sie vielleicht nicht wissen: Sie werden
wiederkommen!“
„Ich werde wiederkommen? Nach Baden?“ fragte ich.
Er lachte hell.
„Jawohl. Alle kommen sie wieder, geheilt oder ungeheilt, noch jeder ist
wiedergekommen. Das nächstemal sind Sie dann schon Stammgast.“
Ich habe dies Abschiedswort nicht vergessen. Vermutlich hat er recht.
Vermutlich werde ich wiederkommen, einmal, vielleicht viele Male. Aber
ich werde nie derselbe sein, der ich diesmal war. Ich werde wieder
baden, werde wieder elektrisiert, wieder gut gefüttert werden,
vielleicht auch wieder Depressionen haben und mißmutig werden und
trinken oder spielen, aber doch wird alles ganz anders sein, ebenso wie
meine Heimkehr in die Wildnis diesmal wieder eine andre war als jede
frühere. Im einzelnen wird alles das gleiche sein, alles sehr ähnlich,
im ganzen aber wird es neu und anders sein, andre Sterne werden drüber
stehen. Denn das Leben ist keine Rechnung und keine mathematische Figur,
sondern ein Wunder. So war es mein ganzes Leben lang: alles kam wieder,
die gleichen Nöte, die gleichen Gelüste und Freuden, die gleichen
Verlockungen, immer wieder stieß ich mir den Kopf an dieselben Kanten,
kämpfte mit den gleichen Drachen, jagte den gleichen Faltern nach,
wiederholte stets dieselben Konstellationen und Zustände, und doch war
es ein ewig neues Spiel, immer wieder schön, immer wieder gefährlich,
immer wieder erregend. Tausendmal bin ich übermütig gewesen, tausendmal
todmüde, tausendmal kindisch, tausendmal alt und kühl, und nichts hat
lange gedauert, alles kehrte stets wieder und war doch nie das gleiche.
Die Einheit, die ich hinter der Vielheit verehre, ist keine langweilige,
keine graue, gedankliche, theoretische Einheit. Sie ist ja das Leben
selbst, voll Spiel, voll Schmerz, voll Gelächter. Sie ist dargestellt
worden im Tanz des Gottes Shiwa, der die Welt in Scherben tanzt, und in
vielen anderen Bildern, sie weigert sich keiner Darstellung, keinem
Gleichnis. Du kannst jederzeit in sie eintreten, sie gehört dir in jedem
Augenblick, wo du keine Zeit, keinen Raum, kein Wissen, kein Nichtwissen
kennst, wo du aus der Konvention austrittst, wo du in Liebe und Hingabe
allen Göttern, allen Menschen, allen Welten, allen Zeitaltern angehörst.
In diesen Augenblicken erlebst du Einheit und Vielfalt zugleich, siehst
Buddha und Jesus an dir vorübergehen, sprichst mit Moses, spürst
Ceylon-Sonne auf deiner Haut und siehst die Pole im Eis starren. Zehnmal
bin ich dort drüben gewesen, in dieser kurzen Zeit seit meiner Rückkehr
von Baden.
Ich bin also nicht „gesund“ geworden. Es geht mir besser, der Arzt ist
zufrieden, aber geheilt bin ich nicht, es kann jederzeit wiederkommen.
Außer der tatsächlichen Besserung habe ich auch das aus Baden
mitgebracht, daß ich jetzt aufgehört habe, meine Ischias allzu grimmig
zu verfolgen. Ich sehe ein, daß sie zu mir gehört, daß sie wohlerworben
ist wie das beginnende Grau in meinem Haar und daß es unklug ist, sie
einfach ausradieren oder wegzaubern zu wollen. Seien wir verträglich mit
ihr, gewinnen wir sie durch Versöhnlichkeit!
Und wenn ich wieder einmal nach Baden komme, werde ich anders in das
warme Wasser steigen, andres mit meinen Nachbarn erleben, andre Sorgen
und Spiele haben, andres auf meine Papiere schreiben. Ich werde auf neue
Arten mich versündigen, auf neuen Wegen wieder zu Gott finden. Und immer
werde ich glauben, der Handelnde, der Denkende, der Lebende zu sein, und
weiß doch, daß Er es ist.
Wenn ich jetzt auf die paar Kurwochen zurückblicke, so entsteht in mir,
wie bei jeder Rückschau, jene angenehme Illusion der Überlegenheit, des
Verstehens und Durchschauens, die man in der Jugend bei jeder neuen
Lebensstufe so innig genießt. Ich sehe die Leiden meines
jüngstvergangenen Ich, die leiblichen Schmerzen und die seelischen Nöte
hinter mir liegen, die fatale Situation ist überstanden, und jener
Hesse, der vor kurzem in Baden sich so komisch benahm, scheint mir weit
unter dem klugen heutigen Hesse zu stehen, der auf ihn zurücksieht. Ich
sehe, wie übertrieben dieser Kurgast Hesse auf lächerliche Kleinigkeiten
reagiert, erkenne das drollige Spiel seiner Gebundenheiten und Komplexe
und vergesse, daß jene Kleinigkeiten mir klein und lächerlich nur darum
erscheinen, weil sie nicht mehr aktuell sind.
Aber was ist groß oder klein, wichtig oder unwichtig? Die Psychiater
erklären einen Menschen für gemütskrank, der auf kleine Störungen,
kleine Reizungen, kleine Beleidigungen seines Selbstgefühls empfindlich
und heftig reagiert, während derselbe Mensch vielleicht Leiden und
Erschütterungen gefaßt erträgt, welche der Majorität sehr schlimm
erscheinen. Und ein Mensch gilt für gesund und normal, dem man lange auf
die Zehen treten kann, ohne daß er es merkt, der die elendeste Musik,
die kläglichste Architektur, die verdorbenste Luft klaglos und
beschwerdelos erträgt, der aber auf den Tisch haut und den Teufel
anruft, sobald er beim Kartenspiel ein bißchen verliert. Ich habe in
Wirtshäusern schon sehr häufig Menschen von gutem Ruf, die für durchaus
normal und ehrenwert gelten, wegen eines verlornen Spiels, namentlich
wenn sie einem Mitspieler meinten die Schuld am Verlust aufbürden zu
müssen, so fanatisch, so grob, so säuisch fluchen und toben sehen und
hören, daß ich sehr das Bedürfnis fühlte, beim nächsten Arzt die
Internierung dieser Unglücklichen zu beantragen. Es gibt eben vielerlei
Maßstäbe, die man alle gelten lassen kann; aber irgendeinen von ihnen,
sei es auch der der Wissenschaft oder der der augenblicklichen
öffentlichen Moral, für heilig zu halten will mir nicht gelingen.
Und der gleiche Mensch, der über die Selbstschilderung des Kurgastes
Hesse lachen kann und diesen Kerl ziemlich komisch findet (worin er
recht hat), würde sehr erstaunen, wenn er einen einzigen seiner eigenen
Gedankengänge, wenn er irgendeine seiner alltäglichen Reaktionen auf die
Umwelt genau und im Detail beschrieben und analysiert fände. Ebenso wie
unterm Mikroskop etwas sonst Unsichtbares oder Häßliches, ein Flöckchen
Dreck, zum wunderbaren Sternhimmel werden kann, ebenso würde unterm
Mikroskop einer wahrhaften Psychologie (welche noch nicht existiert)
jede kleinste Regung einer Seele, sei sie sonst noch so schlecht oder
dumm oder verrückt, zum heiligen, andächtigen Schauspiel werden, weil
man nichts in ihr sähe als ein Beispiel, ein gleichnishaftes Abbild des
Heiligsten, das wir kennen, des Lebens.
Es wäre anmaßend, wenn ich sagen wollte, alle meine literarischen
Versuche seit manchen Jahren seien nichts als ein Versuch, ein tastender
Versuch nach jenem fernen Ziele hin, eine dünne schwache Vorahnung jener
wahren Psychologie mit dem Weltauge, unter deren Blick nichts mehr klein
oder dumm oder häßlich oder böse ist, sondern alles heilig und
ehrwürdig. Und doch ist es irgendwie so.
Und wenn ich jetzt, Abschied nehmend von diesen Blättern, das Ganze
meiner Badener Epoche mit einem letzten Blick übersehe, so bleibt eine
Unzufriedenheit, ein Stachel, eine Trauer zurück. Diese Trauer gilt
nicht meinen Dummheiten, meinem Mangel an Geduld, meiner Nervosität,
meinen raschen harten Urteilen, kurz all meinen menschlichen
Unzulänglichkeiten und Fehlern, von welchen ich weiß, daß sie tief
bedingt und notwendig sind. Nein, meine Trauer, mein Leeregefühl und
Schmerz gilt diesen Aufzeichnungen, diesen Versuchen, ein winziges Stück
Leben möglichst wahr und aufrichtig aufzuzeigen. Ich bin betrübt und
beschämt, so muß ich gestehen, nicht über meine Sünden und Laster,
sondern lediglich über das Versagen meines sprachlichen Experimentes,
über den sehr geringen Ertrag meiner literarischen Anstrengung.
Und zwar ist es ein ganz bestimmter Punkt, in dem meine Enttäuschung
wurzelt. Vielleicht glückt es mir, dies durch ein Gleichnis klar zu
machen:
Wäre ich Musiker, so könnte ich ohne Schwierigkeit eine zweistimmige
Melodie schreiben, eine Melodie, welche aus zwei Linien besteht, aus
zwei Ton- und Notenreihen, die einander entsprechen, einander ergänzen,
einander bekämpfen, einander bedingen, jedenfalls aber in jedem
Augenblick, auf jedem Punkt der Reihe in der innigsten, lebendigsten
Wechselwirkung und gegenseitigen Beziehung stehen. Und jeder, der Noten
zu lesen versteht, könnte meine Doppelmelodie ablesen, sähe und hörte zu
jedem Ton stets den Gegenton, den Bruder, den Feind, den Antipoden. Nun,
und eben dies, diese Zweistimmigkeit und ewig schreitende Antithese,
diese Doppellinie möchte ich mit meinem Material, mit Worten, zum
Ausdruck bringen und arbeite mich wund daran, und es geht nicht. Ich
versuche es stets von neuem, und wenn irgend etwas meinem Arbeiten
Spannung und Druck verleiht, so ist es einzig dies intensive Bemühen um
etwas Unmögliches, dieses wilde Kämpfen um etwas nicht Erreichbares. Ich
möchte einen Ausdruck finden für die Zweiheit, ich möchte Kapitel und
Sätze schreiben, wo beständig Melodie und Gegenmelodie gleichzeitig
sichtbar wären, wo jeder Buntheit die Einheit, jedem Scherz der Ernst
beständig zur Seite steht. Denn einzig darin besteht für mich das Leben,
im Fluktuieren zwischen zwei Polen, im Hin und Her zwischen den beiden
Grundpfeilern der Welt. Beständig möchte ich mit Entzücken auf die
selige Buntheit der Welt hinweisen und ebenso beständig daran erinnern,
daß dieser Buntheit eine Einheit zugrunde liegt; beständig möchte ich
zeigen, daß Schön und Häßlich, Hell und Dunkel, Sünde und Heiligkeit
immer nur für einen Moment Gegensätze sind, daß sie immerzu ineinander
übergehen. Für mich sind die höchsten Worte der Menschheit jene paar, in
denen diese Doppeltheit in magischen Zeichen ausgesprochen ward, jene
wenigen geheimnisvollen Sprüche und Gleichnisse, in welchen die großen
Weltgegensätze zugleich als Notwendigkeit und als Illusion erkannt
werden. Der Chinese Lao Tse hat mehrere solche Sprüche geformt, in denen
beide Pole des Lebens für den Blitz eines Augenblicks einander zu
berühren scheinen. Noch edler und einfacher, noch herzlicher ist
dasselbe Wunder getan in vielen Worten Jesu. Ich weiß nichts so
Erschütterndes in der Welt wie dies, daß eine Religion, eine Lehre, eine
Seelenschule durch Jahrtausende die die Lehre von Gut und Böse, von
Recht und Unrecht immer feiner und straffer ausbildet, immer höhere
Ansprüche an Gerechtigkeit und Gehorsam stellt, um schließlich auf ihrem
Gipfel mit der magischen Erkenntnis zu enden, daß neunundneunzig
Gerechte vor Gott weniger sind als ein Sünder im Augenblick der Umkehr!
Aber vielleicht ist es ein großer Irrtum, ja, eine Sünde von mir, wenn
ich der Verkündigung dieser höchsten Ahnungen glaube dienen zu müssen.
Vielleicht besteht das Unglück unsrer jetzigen Welt gerade darin, daß
diese höchste Weisheit auf allen Gassen feilgeboten wird, daß in jeder
Staatskirche, neben dem Glauben an Obrigkeit, Geldsack und
Nationaleitelkeit, der Glaube an das Wunder Jesu gepredigt wird, daß das
Neue Testament, ein Behälter der kostbarsten und der gefährlichsten
Weisheiten, in jedem Laden käuflich ist und von Missionaren gar umsonst
verteilt wird. Vielleicht sollten solche unerhörte, kühne, ja
erschreckende Einsichten und Ahnungen, wie sie in manchen Reden Jesu
stehen, sorgfältig verborgen gehalten und mit Schutzwällen umbaut
werden. Vielleicht wäre es gut und zu wünschen, daß ein Mensch, um eines
jener mächtigen Worte zu erfahren, Jahre opfern und sein Leben wagen
müßte, so wie er es für andere hohe Werte im Leben auch tun muß. Wenn
dem so ist (und ich glaube an manchen Tagen, daß es so ist), dann tut
der letzte Unterhaltungsschriftsteller Besseres und Richtigeres als der,
der sich um den Ausdruck für das Ewige bemüht.
Dies ist mein Dilemma und Problem. Es läßt sich viel darüber sagen,
lösen aber läßt es sich nicht. Die beiden Pole des Lebens zueinander zu
biegen, die Zweistimmigkeit der Lebensmelodie niederzuschreiben, wird
mir nie gelingen. Dennoch werde ich dem dunklen Befehl in meinem Innern
folgen und werde wieder und wieder den Versuch unternehmen müssen. Dies
ist die Feder, die mein Ührlein treibt.