Ihr ergebener K. Marx.“

Die geschaffene Organisation paßte aber Schweitzer nicht

lange. Wie vorauszusehen war, machten sich bald gewisse

Selbständigkeitsbestrebungen in den Arbeiterfragen bemerkbar. Diesen

trat Schweitzer im „Sozialdemokrat“ vom 15. September 1869 entschieden

entgegen: man strebe den Arbeiterschaftsverband vom Allgemeinen

Deutschen Arbeiterverein zu trennen und unter eine selbständige Leitung

zu stellen; davor warne er. Drei Monate später ging er weiter. In Nr.

152 des „Sozialdemokrat“ kündigte er unter dem 29. Dezember an, daß von

den verschiedensten Seiten Wünsche laut geworden seien, die

verschiedenen Gewerkschaften in eine einzige allgemeine Gewerkschaft zu

verschmelzen. Er habe dementsprechend einen Entwurf ausgearbeitet, den

er in derselben Nummer veröffentlichte. Vorher schon hatte

Fritzsche sich vom Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein und vom

Arbeiterschaftsverband losgesagt und sein Amt als erster Vizepräsident

niedergelegt. Ebenso hatten sich von Schweitzer losgesagt Louis

Schumann, Präsident des Allgemeinen Deutschen Schuhmachervereins, Bork,

Präsident des Allgemeinen Deutschen Holzarbeitervereins, und Schob,

Präsident des Allgemeinen Deutschen Schneidervereins.

Die Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, die

Anfang Januar 1870 in Berlin tagte, kam Schweitzers Wunsch entgegen und

beschloß, daß die Gewerkschaften bis zum 1. Juli zu verschmelzen seien

und ein neuer Verein gegründet werden solle unter dem Namen Allgemeiner

Deutscher Gewerkverein. Unmittelbar hinter der Generalversammlung des

Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins fand die des Allgemeinen Deutschen

Arbeiterschaftsverbandes statt. Die Mehrzahl der Delegierten erklärte

sich ebenfalls für Schweitzers Vorschlag. Lübkert, Präsident des

Allgemeinen Deutschen Zimmerervereins, meinte, die Gewerkschaften seien

doch im Grunde nichts weiter als eine Vorschule für die politische

Heranziehung der Arbeiter. Zilowsky war ebenfalls für die Verschmelzung,

damit werde der Präsidentenkitzel aus der Welt geschafft, der zumeist an

der Zersplitterung in viele Gewerkschaften schuld sei. Hartmann,

Schallmeyer und Vater aus Hamburg sprachen ebenfalls für die

Verschmelzung, aus ähnlichen Gründen wie die der vorhergehenden Redner.

Für die Verschmelzung stimmten Delegierte, die 12500 Stimmen, gegen

solche, die 9000 Stimmen hinter sich hatten. Obgleich damit die

statutenmäßige Zweidrittelmehrheit für die Auflösung des Verbandes nicht

vorhanden war, wurde dennoch beschlossen, einen neuen Verein, der den

Namen Allgemeiner Deutscher Arbeiterunterstützungsverband erhalten

sollte, am 1. Juli an Stelle der Arbeiterschaften ins Leben treten zu

lassen.

Diesem Beschluß wurde von einer Anzahl Arbeiterschaften keine Folge

geleistet. Immerhin blieb die Gegnerschaft gegen die gewerkschaftlichen

Organisationen unter einem Teil der einflußreichsten Mitglieder des

Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehen, so daß sogar noch 1872

auf dessen Generalversammlung Tölcke den Antrag stellte: Die Versammlung

solle beschließen, alle innerhalb der Partei neben dem Allgemeinen

Deutschen Arbeiterverein bestehenden Verbindungen, namentlich der

Allgemeine Deutsche Arbeiterunterstützungsverband, der Berliner

Arbeiterbund, der Allgemeine Deutsche Maurerverein, der Allgemeine

Deutsche Zimmererverein und sämtliche zu denselben gehörende

Mitgliedschaften seien aufzulösen, ihre Bestände dem Allgemeinen

Deutschen Arbeiterverein einzuverleiben und sollten deren Mitglieder dem

Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein beitreten. Sein Antrag konnte aber

nicht angenommen werden, weil die Generalversammlung keine Macht hatte,

außerhalb des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins bestehende

Organisationen aufzulösen.

Wie aber auch noch andere Führer als Tölcke dachten, zeigen zum Beispiel

die Aeußerungen von Hasenclever: „Wenn der Bund (Berliner Arbeiterbund)

seinen Zweck erfüllt hat, dann werden wir schon von selbst dafür sorgen,

daß er wieder verschwindet.“ Hasselmann äußerte: „Wir haben nur deshalb

den Bund gegründet, um diese Gewerke zu uns herüberzuziehen, was uns

auch ganz gut gelungen ist. Wir haben also mit dem Bunde nichts

Besonderes schaffen wollen, er war nur ein Mittel zum Zweck.“ Aehnlich

sprachen Grottkau und andere. Schließlich wurde noch folgender Antrag

angenommen: „Die Generalversammlung möge den Wunsch aussprechen, daß

sobald wie möglich die innerhalb unserer Partei bestehenden

gewerkschaftlichen Verbindungen aufgelöst und die Mitglieder dem

Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugeführt werden. Es ist Pflicht

der Mitglieder des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, in diesem

Sinne zu wirken.“

Kann man Mende trauen — und seine Angabe ist meines Wissens

unwidersprochen geblieben —, so hatte auch Schweitzer gegenüber Mende

und der Gräfin Hatzfeldt bei ihrem im Frühjahr 1869 abgeschlossenen Pakt

— ich komme später darauf — versprochen, die Gewerkschaftsorganisation

als im Widerspruch mit Lassalles Ansichten stehend mehr und mehr in den

Hintergrund treten zu lassen. Später änderten sich die Ansichten im

Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein zugunsten der Gewerkschaften.

* * * * *

Der dem Vorort Leipzig vom Nürnberger Vereinstag zugeteilten

Aufgabe kamen wir nach und entwarfen ein Normalstatut für

Gewerksgenossenschaften, dessen Verfasserschaft mir zufiel.

Sobald dasselbe fertiggestellt war, ging es in Massen an die

Organisationen mit der Aufforderung, für die Gründung internationaler

Gewerksgenossenschaften — welchen Titel wir gewählt hatten — tätig zu

sein. Ich selbst legte Hand mit an. Der Titel ging eigentlich etwas

weit, denn wir konnten doch nur darauf rechnen, die Deutsch sprechenden

Länder in die Organisation zu ziehen. In der Hauptsache sollte mit dem

Namen die Tendenz ausgedrückt werden. Es kamen denn auch eine

Anzahl solcher Organisationen zustande, so die Internationale

Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, der

Maurer und Zimmerer, der Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der

Schneider, Kürschner und Kappenmacher, der Schuhmacher, der Buchbinder,

der Berg- und Hüttenarbeiter.

Es war klar, daß, wenn schon die politische Bewegung unter der Spaltung

litt, die Gewerkschaftsbewegung in noch viel höherem Maße darunter

leiden mußte. Das bekam Fritzsche im folgenden Jahre am eigenen Leibe

zu spüren, in dem infolge der heftigen Parteikämpfe die Mitgliedschaft

seines Verbandes von ungefähr 9000 Mitgliedern auf etwas über 2000 sank.

Allerdings war an diesem Sturze teilweise der Bankrott der Berliner und

der Leipziger Produktivgenossenschaften der Tabakarbeiter schuld, die

nach einem verlorenen Streik gegründet worden waren.

Wir in Leipzig suchten den Zerwürfnissen in der Gewerkschaftsbewegung

möglichst vorzubeugen. Wir beriefen Ende Oktober 1868 im Verein mit

Mitgliedern des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins eine stark

besuchte Arbeiterversammlung mit der Tagesordnung ein: Die

Gewerksgenossenschaften, in der Liebknecht referierte und folgende

Resolution empfahl:

„In Erwägung, daß die Gründung von Gewerksgenossenschaften nach dem

Muster der englischen Trades Unions behufs Organisierung der

Arbeiterklasse zur Wahrung und Förderung ihrer Interessen und zur

Stärkung ihres Klassenbewußtseins notwendig ist;

in Erwägung ferner, daß durch die Beschlüsse der verschiedenen

Arbeiterkongresse bereits die Anregung gegeben und der Anfang zur

Gründung von Gewerksgenossenschaften gemacht worden ist, beschließt die

heutige Arbeiterversammlung, energisch vorzugehen zur Bildung solcher

Genossenschaften, und beauftragt ein zu diesem Zwecke zu wählendes

Komitee, die dazu nötigen Schritte zu tun und namentlich mit den

Verwaltungen der Arbeiterkassen usw. in Verbindung zu treten.“

Es wurde alsdann ein Komitee gewählt, in dem vom Allgemeinen Deutschen

Arbeiterverein unter anderen Seyferth und Taute neben Liebknecht und mir

saßen. Das Komitee lud Angehörige aller Gewerke ein, um mit diesen die

Organisation von Gewerkschaften zu besprechen. Diese Zusammenkunft fand

unter meinem Vorsitz statt und wurde folgende von Liebknecht und mir

verfaßte Resolution einstimmig angenommen:

„Die Versammlung beschließt: Die von der Mehrheit des Nürnberger

Arbeitervereinstags und der Mehrheit des Berliner Arbeiterkongresses

gegründeten respektive zu gründenden Gewerksgenossenschaften haben

darauf hinzuwirken:

1. daß von beiden Seiten nach gegenseitiger Verabredung eine

gemeinschaftliche Generalversammlung zum Behuf der Einigung und

Verschmelzung berufen werde;

2. daß, bis eine Einigung und Verschmelzung zustande kommt, die

beiderseitigen Gewerksgenossenschaften in ein Vertragsverhältnis

zueinander treten, sich namentlich mit ihren Kassen gegenseitig

unterstützen und womöglich einen gemeinsamen provisorischen Ausschuß

wählen;

3. daß beide Teile unter allen Umständen jede Gemeinschaft mit den

Hirsch-Dunckerschen Gewerksgenossenschaften zurückweisen, die, von

Feinden der Arbeiter gestiftet, keinen anderen Zweck haben, als die

Organisation der Arbeiter zu hintertreiben und die Arbeiter zu

Werkzeugen der Bourgeoisie herabzuwürdigen.“

Dieses Verlangen fand auf der anderen Seite kein Entgegenkommen. In Nr.

141 des „Sozialdemokrat“ vom 2. Dezember 1868 veröffentlichte Schweitzer

eine Resolution, wonach das Präsidium und der Zentralausschuß des

Allgemeinen Deutschen Arbeiterschaftsverbandes unsere Anträge

zurückgewiesen hatten und aufforderten, „jedem Versuch, die Bewegung

zugunsten der persönlichen Zwecke einzelner zu zersplittern, mit allem

Nachdruck entgegenzuarbeiten“.

Damit war der Versuch, zu einer Verständigung zu gelangen, bis auf

weiteres hinfällig geworden.

Die Gewerkschaftsfrage kam unsererseits wieder auf dem Eisenacher

Kongreß im August 1869 zur Erörterung. Man mißbilligte namentlich, daß

die Aufnahme von Mitgliedern von einem politischen Glaubensbekenntnis

abhängig gemacht würde, wie das von Schweitzer verlangt wurde. Greulich

sprach sich für eine internationale Organisation aus, es gelte die

Massen in die Gewerkschaften zu bringen. Vor diesen habe der Kapitalist

Angst, nicht vor unseren paar elenden Pfennigen. Zuletzt wurde auf

Antrag Yorks eine Resolution zugunsten der Einigung der Gewerkschaften

angenommen. Ein Antrag Mottelers, der verlangte, daß die Gewerkschaften

den Abschluß von Rückversicherungen (Kartellen) betreiben sollen, fand

ebenfalls Zustimmung. Auf dem Parteikongreß zu Stuttgart — Juni 1870 —

stand abermals die Gewerkschaftsfrage auf der Tagesordnung. Die

Verhandlungen bewegten sich im alten Geleise. Die Frage der Einigung

spielte wieder die Hauptrolle. Von 1871 ab begannen die Gewerkschaften

unter der Gunst der Prosperitätsepoche sich besser zu entwickeln und

traten selbständiger auf. Die Prosperitätsepoche, die bis zu Beginn des

Jahres 1874 währte, hatte eine ungezählte Zahl Arbeitseinstellungen in

allen Branchen im Gefolge. Diese Erscheinung veranlaßte schon Ende Mai

1871 den sozialdemokratischen Arbeiterverein in Leipzig nach längerer

Diskussion, folgende Resolutionen zu beschließen und zu veröffentlichen:

„1. Daß Arbeitseinstellungen nur eines der Palliativmittel sind, die für

die _Dauer_ nicht helfen; 2. daß das Ziel der Sozialdemokratie nicht

bloß dahin geht, innerhalb der heutigen Produktionsweise höhere Löhne zu

erstreben, sondern die kapitalistische Produktionsweise überhaupt

abzuschaffen; 3. daß bei der heutigen bürgerlichen Produktionsweise die

Höhe der Löhne sich nach Angebot und Nachfrage richtet und auch durch

die erfolgreichsten Streiks über diese Höhe nicht dauernd emporgehoben

werden können; 4. daß in letzter Zeit mehrere Streiks nachweisbar von

den Fabrikanten veranstaltet worden sind, um einen plausiblen Grund für

die Erhöhung der Warenpreise während der Messe zu haben, und daß solche

Streiks nicht den Arbeitern, sondern nur den Fabrikanten zugute kommen,

die den Preis der Waren ungleich mehr erhöhen als den Arbeitslohn; 5.

daß verunglückte Streiks die Fabrikanten ermutigen und die Arbeiter

entmutigen — also unserer Partei doppelten Schaden verursachen; 6. daß

die großen Fabrikanten sogar bisweilen einen Extravorteil von den

Streiks haben, indem sie, während die kleinen Fabrikanten nicht arbeiten

lasen, ihre Vorräte mit erhöhtem Gewinn absetzen; 7. daß unsere Partei

augenblicklich nicht imstande ist, so viele Streiks materiell zu

unterstützen.

Aus allen diesen Gründen wird den Parteigenossen dringend empfohlen,

einen Streik nur dann zu beginnen, wenn eine gebieterische Notwendigkeit

vorliegt und man über die dazu erforderlichen Mittel verfügen kann;

ferner: nicht so planlos zu verfahren wie bisher, sondern nach einem

ganz Deutschland umfassenden Organisationsplan. Als bester Weg,

Geldmittel und Organisation zu beschaffen, wird die Gründung und Pflege

der Gewerksgenossenschaften empfohlen.“

In Wien erging sich das Zentralorgan der österreichischen

Parteigenossen, der „Volkswille“, in ähnlichen Betrachtungen und

Ratschlägen, da auch dort das Streikfieber immer mehr um sich griff. Die

Ratschläge waren gut, aber befolgt wurden sie in den seltensten Fällen.

Immerhin nahmen in jenen Jahren die Gewerkschaften eine erfreuliche

Entwicklung.

Mitte Juni 1872 trat in Erfurt ein Gewerkschaftskongreß zusammen, auf

dem namentlich die Frage nach einer zentralen Leitung für die

Gewerkschaften (Union) und die Gründung eines besonderen

Gewerkschaftsorgans erörtert wurde. In einem Artikel, den ich am 8. Juni

im „Volksstaat“ veröffentlichte, entwickelte ich mein Programm für den

Kongreß und verbreitete mich über die nach meiner Ansicht beste Art

einer Verbindung der Gewerkschaften unter sich. Ich führte unter anderem

aus: Es ließe sich nicht leugnen, daß die Gewerkschaftsbewegung in

Deutschland noch ziemlich im argen liege. Schuld sei die Spaltung der

Arbeiter in verschiedene Fraktionen, die sich aufs bitterste bekämpften.

Sei es schon schlimm, wenn sich die Arbeiter in verschiedenen

sozialpolitischen Organisationen gegenüberstünden, so sei es erst recht

schlimm, wenn die Arbeiter der einzelnen Gewerke in jeder Fabrik, ja in

jeder Werkstätte sich gespalten gegenüberstünden. Und zwar nicht wegen

des Prinzips, sondern wegen der Organisationsform, die doch veränderlich

sei und sich den Verhältnissen anpassen müsse. Das sei der Fluch, unter

dem die Bewegung leide. Traurig sei auch, daß die Massen sich von

gewissenlosen Menschen fanatisieren ließen, was beweise, daß ein Teil

der Arbeiter an Beschränktheit leide. Man spöttele über die

Verknöcherung des Christentums, das aber doch immerhin achtzehn

Jahrhunderte hinter sich habe, also ein Alter, das zum Verknöchern

angetan sei. Aber die neuere soziale Bewegung sei erst zehn Jahre alt,

und schon zeigten sich in ihr Verknöcherungssymptome. Diese würden zwar

überwunden, aber vorläufig hinderten sie die Entwicklung.... _In der

Gewerksgenossenschaft beruhe die Zukunft der Arbeiterklasse; sie sei es,

in der die Massen zum Klassenbewußtsein kämen, den Kampf mit der

Kapitalmacht führen lernten und so, naturgemäß, die Arbeiter zu

Sozialisten machten_. Dann setzte ich ausführlich meine

Organisationsvorschläge auseinander.

Auf dem Erfurter Gewerkschaftskongreß, auf dem sechs

Gewerkschaftsorganisationen, die der Manufaktur- und Fabrikarbeiter, der

Metallarbeiter, der Holzarbeiter, der Schneider, der Schuhmacher, der

Maurer und verschiedene Fachvereine vertreten waren, wurde eine

Gewerkschaftsunion und die Herausgabe eines Gewerkschaftsorgans, „Die

Union“, beschlossen. Auf Antrag Yorks wurde folgende Resolution

einstimmig angenommen:

„In Erwägung, daß die Kapitalmacht alle Arbeiter, gleichviel, ob sie

konservativ, fortschrittlich, liberal oder Sozialdemokraten sind, gleich

sehr bedrückt und ausbeutet, erklärt der Kongreß es für die heiligste

Pflicht der Arbeiter, allen Parteihader beiseite zu setzen, _um auf dem

neutralen Boden einer einheitlichen Gewerkschaftsorganisation_ die

Vorbedingung eines erfolgreichen kräftigen Widerstandes zu schaffen,

die bedrohte Existenz sicherzustellen und eine Verbesserung

ihrer Klassenlage zu erkämpfen. Insbesondere aber haben die

verschiedenen Fraktionen der sozialdemokratischen Arbeiterpartei die

Gewerkschaftsbewegung nach Kräften zu fördern, und spricht der Kongreß

sein Bedauern darüber aus, daß die Generalversammlung des Allgemeinen

Deutschen Arbeitervereins (in Berlin) einen gegenteiligen Beschluß

gefaßt hat.“

Als ich nach langer Festungs- und Gefängnishaft im Frühjahr 1875 wieder

frei war, machte mir August Geib den Vorschlag, an Stelle des braven

York, der leider in der Neujahrsnacht auf 1875 gestorben war, die

Redaktion des Zentral-Gewerkschaftsblattes „Die Union“ zu übernehmen. Er

stellte 50 Taler monatliches Gehalt in Aussicht. Partei und

Gewerkschaften waren mittlerweile finanziell stärker geworden. Geib

meinte, ich könne die Redaktion ganz gut neben meinem Geschäft

übernehmen. Ich lehnte ab. Ich konnte unmöglich neben meinem Geschäft

und meiner Tätigkeit für die Partei auch noch dauernd gewerkschaftlich

tätig sein.

Mittlerweile hatte die preußische Regierung sowohl gegen die

sozialdemokratischen Parteien wie gegen die Gewerkschaften die

Verfolgungen aufgenommen. Der Staatsanwalt Tessendorf, der sich auf

diesem Gebiet schon in Magdeburg die Sporen verdient hatte, war 1874

nach Berlin berufen worden, um hier auf größerer Stufenleiter die

Verfolgung fortzusetzen. Tessendorf entsprach den in ihn gesetzten

Erwartungen. Er erreichte durch seine Anklagen nicht nur die

Unterdrückung der Parteiorganisationen, auch verschiedene Gewerkschaften

fielen diesen zum Opfer. Dann kam das Attentatsjahr 1878 mit dem

Sozialistengesetz, und nun wurde mit einem Schlage zerstört, was in mehr

als zehnjähriger Arbeit unter unendlichen Opfern an Zeit, Geld, Kraft

und Gesundheit geschaffen worden war.

Aus meinem Leben — Erster Teil · 第 21 / 24 题