Der Vorort des Verbandes Deutscher Arbeitervereine. Aug. Bebel,
Vorsitzender.
Leipzig, den 23. Juli 1868.
[8] Viel später erklärte auch Bismarck, daß kleine Pensionen auch für
den Arbeiter das beste Mittel seien, ihn für die bestehende
Staatsordnung günstig zu stimmen, daher der Gedanke der Invaliden- und
Altersversicherung.
Die Gewerkschaftsbewegung.
Ich beschäftige mich mit der Gewerkschaftsbewegung nur insoweit, als ich
glaube, mich zu ihren Geburtshelfern zählen zu dürfen. Man könnte das
Jahr 1868 das Geburtsjahr der deutschen Gewerkschaften nennen, aber nur
mit Einschränkung. Ich habe schon oben mitgeteilt, daß das
Prosperitätsjahr 1865 eine große Anzahl Arbeitseinstellungen in den
verschiedensten Städten sah, die zu einem guten Teil versagten, weil die
Arbeiter nicht organisiert waren und keine Fonds besaßen. Daß beides
notwendig vorhanden sein müsse, darauf wurden sie jetzt sozusagen mit
der Nase gestoßen. Es wurden nunmehr eine Menge zumeist lokaler
Fachvereine gebildet, aber daß diese auch nicht genügten, erkannte man
sehr bald. Wie zu Weihnachten 1865 auf Fritzsches Anregung der
Allgemeine Deutsche Zigarrenarbeiterverein gegründet wurde, so folgten
im Jahre 1866 die Buchdrucker, die von vornherein sich den politischen
Arbeiterparteien gegenüber streng neutral verhielten, was indes Richard
Härtel im Oktober 1873 nicht abhielt, in einer Versammlung der Berliner
Buchdrucker zu erklären: In seiner Eigenschaft als Verbandspräsident
halte er es für das beste, sich formell keiner Partei anzuschließen, „im
Geiste gehören wir jedoch der sozialdemokratischen Arbeiterpartei
Eisenacher Programms an“. Streng genommen konnte er das nicht für alle
Buchdrucker erklären, viele gehörten auch dem Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein an. Weiter bestand schon vor 1868 der Goldarbeiterverband
mit einem eigenen Organ und der Allgemeine Deutsche Schneiderverein. Im
großen und ganzen war von den Führern der politischen Bewegung bis dahin
für die Organisation von Gewerkschaften sehr wenig geschehen. Es war
hauptsächlich Liebknecht, der durch seine Vorträge im Leipziger
Arbeiterbildungsverein und in Leipziger und auswärtigen
Volksversammlungen über den englischen Trades Unionismus für
gewerkschaftliche Organisation Verständnis schaffte. Im Mai 1868 hatten
wir auch bereits im Vorortsvorstand die Gründung von Gewerkschaften
erörtert, aber die Menge der laufenden Arbeiten und vor allen Dingen die
Notwendigkeit, erst einmal im Verband durch ein Programm Klarheit zu
schaffen, verhinderten, daß wir uns sofort mit der Ausführung des Planes
beschäftigten. Im Sommer 1868 war Max Hirsch nach England gereist zwecks
Studien über die dortigen Trades Unions, worüber er in der Berliner
„Volkszeitung“ berichtete. Dieses mochte Schweitzer und Fritzsche
veranlassen, Hirsch, der durch die Gründung von Gewerkvereinen die
Arbeiter an die Fortschrittspartei zu fesseln hoffte, zuvorzukommen.
Beide schritten jetzt rasch zur Tat, wie ich glaube annehmen zu sollen,
auf Anregung Fritzsches, der die Bedeutung der Gewerkschaften voll
erkannte, aber auch die Organisation der neuen Gründung wohl anders
gestaltet haben würde, hätte er Schweitzer gegenüber freie Hand gehabt.
Die Braunschweiger Mitglieder beantragten durch Fritzsche, der den
Antrag im Einverständnis mit Schweitzer angeregt hatte und auch Brackes
Zustimmung fand, auf der Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen
Arbeitervereins zu Hamburg am 25. August 1868:
Die Generalversammlung erklärt: 1. Die Streiks sind kein Mittel, die
Grundlagen der heutigen Produktion zu ändern und somit die Lage der
Arbeiterklasse durchgreifend zu verbessern; allein sie sind ein Mittel,
das Klassenbewußtsein der Arbeiter zu fördern, die Polizeibevormundung
zu durchbrechen und unter Voraussetzung richtiger Organisation einzelne
Mißstände drückender Art, wie zum Beispiel übermäßig lange Arbeitszeit,
Kinderarbeit und dergleichen, aus der heutigen Gesellschaft zu
entfernen. 2. Die Generalversammlung beauftragt den Vereinspräsidenten,
einen allgemeinen deutschen Arbeiterkongreß zur Begründung von
allgemeinen Gewerkschaften zu berufen, die in diesem Sinne wirken.
Der erste Teil der Resolution wurde angenommen, der zweite
abgelehnt. Dagegen beschloß, wie bekannt, wenige Tage nachher der
Arbeitervereinstag zu Nürnberg ohne große Debatte, den Vorort mit der
Gründung von Gewerkschaften zu beauftragen. Das war die gegenteilige
Auffassung von jener, die bei der Mehrheit im Allgemeinen Deutschen
Arbeiterverein herrschte. Nach jener Abstimmung in Hamburg erklärten
Schweitzer und Fritzsche, sie würden als Reichstagsabgeordnete einen
Arbeiterkongreß für Gründung von Gewerkschaften einberufen. Als aber
auch hiergegen Opposition laut wurde, drohte Schweitzer, daß, wenn man
ihm dieses verbiete, er sofort sein Amt niederlegen und aus dem Verein
ausscheiden würde. Diese Drohung hatte die gewünschte Wirkung. Der
Kongreß fand denn auch am 27. September und folgende Tage in Berlin
statt. Es waren nicht weniger als 206 Delegierte anwesend, die meist in
Arbeiterversammlungen gewählt worden waren und 140000 Arbeiter
vertraten. Bemerkenswert sind folgende Aeußerungen Schweitzers aus der
Rede, mit der er den Kongreß eröffnete:
„England ist weitaus das kapitalreichste Land der Erde, und wenn dennoch
die ausländische Industrie über die englische Herr geworden ist, so ist
das geschehen, weil die englischen Arbeiter den dortigen Kapitalisten so
viel Schwierigkeiten machten. Dasselbe kann in Deutschland geschehen,
und leichter. _Die deutschen Arbeiter können geradezu die deutsche
Industrie ruinieren, wenn sie wollen, und sie haben kein Interesse
daran, sie zu halten, solange ihnen diese den erbärmlichsten Lohn
zukommen läßt...._ Die Arbeiter können, wenn sie fest organisiert sind,
_die deutsche Industrie konkurrenzunfähig_ machen, und wenn die Herren
Kapitalisten das nicht wollen, so mögen sie höhere Arbeitslöhne zahlen.“
Geschickt war diese Begründung nicht, aber vielleicht sollte sie es
nicht sein.
Der Kongreß gründete sogenannte Arbeiterschaften, die unter einer
Zentralleitung standen, die Schweitzer, Fritzsche und Karl
Klein-Elberfeld, Präsident und zwei Vizepräsidenten, bildeten. Die
Organisationsform war nicht besonders glücklich gewählt und nur
Schweitzer zu danken, der unter keinen Umständen auch nur einem Teile
der Bewegung, auf den er Einfluß hatte, Unabhängigkeit einräumen wollte.
Schweitzer hatte, da es ihm sehr darum zu tun war, von Marx eine
günstige Antwort für sein Unternehmen zu bekommen, diesem am 13.
September einen Brief geschrieben und seinen Statutenentwurf beigefügt.
Marx, der den Brief mißverstanden hatte, gab erst auf einen zweiten
Brief Schweitzers eine Antwort, in der die auf die Schweitzersche
Organisation bezüglichen Stellen lauten:
* * * * *
„Was den Berliner Kongreß betrifft, so war d'abord (zunächst) die Zeit
nicht drängend, da das Koalitionsgesetz noch nicht votiert ist. Sie
mußten sich also mit den Führern außerhalb des Lassalleschen Kreises
verständigen, gemeinsam mit ihnen den Plan ausarbeiten und den Kongreß
berufen. Statt dessen ließen Sie nur die Alternative, sich Ihnen
anzuschließen oder Front gegen Sie zu machen. Der Kongreß erschien
selbst nur als erweiterte Auflage des Hamburger Kongresses (der
Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins). Was den
Statutenentwurf betrifft, so halte ich ihn für prinzipiell verfehlt, und
ich glaube so viel Erfahrung als irgend ein Zeitgenosse auf dem Gebiet
der Trades Unions zu haben. Ohne hier weiter auf Details einzugehen,
bemerke ich nur, daß die Organisation, so sehr sie für geheime
Gesellschaften und Sektenbewegungen taugt, dem Wesen der Trades Unions
widerspricht. Wäre sie möglich — ich erkläre sie tout bonnement
(aufrichtig gestanden) für unmöglich —, so wäre sie nicht
wünschenswert, am wenigsten in Deutschland. Hier, wo der Arbeiter von
Kindesbeinen an bureaukratisch gemaßregelt wird und an die Autorität, an
die vorgesetzte Behörde glaubt, gilt es vor allem, ihn _selbständig
gehen zu lehren_.
Ihr Plan ist auch sonst unpraktisch. Im Verband drei unabhängige Mächte
verschiedenen Ursprungs: 1. der Ausschuß, gewählt von den Gewerken; 2.
der Präsident — eine ganz überflüssige Person —, gewählt durch
allgemeines Stimmrecht;[9] 3. Kongreß, gewählt durch die Lokalitäten.
Also überall Kollisionen, und das soll rasche Aktion befördern.
Lassalle beging großen Mißgriff, als er den élu du suffrage universel
(den Gewählten des allgemeinen Stimmrechts) der französischen
Konstitution von 1852 entlehnte. Nun gar in einer Trades Unionsbewegung!
Diese dreht sich großenteils um Geldfragen, und Sie werden bald
entdecken, daß hier alles Diktatorentum aufhört.
Indes, welches immer die Fehler der Organisation, sie können vielleicht
durch rationelle Praxis mehr oder minder ausgemerzt werden. Ich bin
bereit, als Sekretär der Internationale den Vermittler zwischen Ihnen
und der Nürnberger Majorität, die sich direkt der Internationale
angeschlossen hat, zu spielen — auf rationeller Grundlage versteht sich.
Ich habe deshalb nach Leipzig geschrieben. Ich verkenne die
Schwierigkeiten Ihrer Stellung nicht und vergesse nie, daß jeder von uns
mehr von den Umständen als seinem Willen abhängt.
Ich verspreche Ihnen unter allen Umständen die Unparteilichkeit, die
meine Pflicht ist. Andererseits kann ich aber nicht versprechen, daß ich
eines Tages als Privatschriftsteller — sobald ich es für absolut durch
das Interesse der Arbeiterbewegung diktiert halte — offene Kritik an dem
Lassalleschen Aberglauben üben werde, wie ich es seinerzeit an dem
Proudhonschen getan habe.